Urlaub eines Historikers in Serquigny

Der Historiker Lenormant fuhr anno 1854 mit seiner Familie in die Ferien. Aus irgendwelchen absurden Gründen reisten die Lenormants nach Serquigny und erkundeten das angebliche Römercamp (aus dem Mittelalter) und die echten Funde aus gallo-römischer Zeit. Da fand Herr Lenormant ganz zufällig im Gras einen Stein mit einer Inschrift. “Baudulfus”. Herr Lenormant drehte daraufhin total durch und veranstaltete eine eher provisorische Grabung. Er fand ein Skelett und mehrere Steine mit Inschriften und glaubte daher fest daran, einen Merowingerfriedhof mitsamt Baptisterium gefunden zu haben.

Wehr der Charentonne in Serquigny. Eigenes Foto, ich hab bei sowas immer ein bisschen Angst, dass ich den Fotoapparat in die Fluten fallen lasse, zumal wenn Rudi, wie in Serquigny, an mir zieht. Hier fand ich dies Foto illustriert sehr schön wie die Zeit vergeht, Geschichte, die irgendwie dahinfließt und ab und zu taucht etwas Ulkiges unerwartet auf. Herumgewirbelt von einem Wehr, das vielleicht wir sind. Kleiner Anfall von Philosophie. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Es stellte sich heraus, dass das Skelett nur etwa 150 Jahre alt war und die Merowingerzeit definitiv nicht erlebt hatte. Das Baptisterium war wohl eher ein Kalkofen, von denen es ziemlich viele in dieser Gegend gab. Was die Tafeln mit den Inschriften angeht, das ist ein echter Knüller. Im 19. Jahrhundert gab es einen Pfarrer Rouillon, wahrscheinlich Renaud Rouillon, auch Abbé Rouillon genannt, der sich sehr für Geschichte interessierte. Er verfasste mehrere Manuskripte zu historischen Denkmalen, konnte griechisch und lateinisch und lebte lange Zeit in Évreux. Im Alter wurde er wunderlich und er verbrachte seinen Lebensabend in einem Heim für Geistesgestörte. Bevor man ihn dort hinbrachte, war es sein Hobby, quasiantike Namen und dergleichen in Täfelchen zu ritzen und sie zu verteilen, damit die Nachwelt sie findet und rätselt. Auf eine seiner derartig konstruierten “Fundstätten” fiel wohl Herr Lenormant herein.

Die Charentonne in Serquigny. Nee, das kann ich nicht auf Commons hochladen, denn ich habe keine Ahnung, wann die Gebäude da links und im Hintergrund gebaut worden sind. Und Frankreich hat nunmal bekloppterweise keine Panoramafreiheit. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Aus:

De Paris à Cherbourg en chemin de fer : guide-itinéraire contenant l’historique complet des travaux de la digue et du port de Cherbourg. von Henri Nicolle (18..-19..) erschienen bei A. Bouchard in Caen 1860 S.68ff

Siehe auch die Kategorie Serquigny auf Wikimedia Commons für (ein wenig) mehr Fotos.

 

Creative Commons License
serqwasser.jpg and serqcharent1.jpg by stanze is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported License.

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One thought on “Urlaub eines Historikers in Serquigny

  1. [...] aus dem Bereich „Mysterien in kleinen Ortschaften“: An der Grundschule Jean Jaurès in Serquigny steht ein dicker Miniobelisk, oder einfach dicker Pfeiler, oder halt ein Dings. Darauf steht: [...]

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