die normannische Hexenkunst

nach: DUBOSC, Georges (1854-1927) : La Sorcellerie normande (1922).
Der Autor starb vor über 70 Jahren, deshalb ist der text gemeinfrei (Public Domain).

Die Menschen in der Normandie waren sehr abergläubisch, ältere Nomannen sind es eventuell heute noch. Ich gehe davon aus, dass ich als Hexe verschrien bin, weil ich mit meinen Viechern rede und Miniputz (Katze) gern auf meinen Rücken hopst.

Die Messe des Heiligen Geistes

Auf der Straße, die sich durch die Ebene schlängelt, geht ein alter Mann langsam zum Schafstall zurück, umgeben von seiner Herde. Er geht mit kleinen Schritten, bleibt manchmal stehen um ein paar Kräuter zu pflücken, die er in seine Brotbüchse steckt. Allmählich nähert er sich dem Dorf.

Public Domain

Ausschnitt aus dem Bild: Hirte, von Claude Lorrain (1655-1660), Lizenz: Public Domain

Zwei oder drei Landleute grüßen ihn während er vorbeigeht und drehen sich zitternd um wenn er vorbeigegangen ist. Eine Klatschtante guckt ihm über eine Hecke hinterher und macht das Zeichen des Kreuzes, eine andere, die am Eingang des Dorfes auf ihrer Türschwelle steht, zeigt auf den alten Mann während sie mit ihrer Nachbarin redet. Die Türen schließen sich, die Hunde bellen. Allmählich, während er sich dem Bauernhof nähert, bilden sich Gruppen aus Kindern und sie verbreiten das Gerücht: “Der Zauberer!” Überall hört man dieses Wort, ausgesprochen mit Angst und Wut, manchmal auch mit Respekt und Furcht, selten ironisch … Und man erzählt sich die Untaten und Flüche des Zauberers.

Diese Zaubergeschichten inspirierten zwei Künstler der Normandie, den Dichter Francis Yard, den Autor von l’An de la Terre (das Jahr der Erde) und des Chanson des Cloches (Lied der Glocken), und den Maler Jean Laurier, vor allem seinen Gemäldezyklus La Messe du Saint-Esprit (Die Messe des Heiligen Geistes), mit Darstellungen ländlicher Sitten. Die Bilder haben eine geheimnisvolle Atmosphäre, originell und stark, sie lenken die Aufmerksamkeit auf das, was einst die normannische Hexerei war.

The Witch, von Salvator Rosa (1646), Public Domain

The Witch, von Salvator Rosa (1646), Public Domain

Die Zauberer des Landlebens und der Dorfbewohner waren nicht wie die großen Zauberer von denen es im siebzehnten Jahrhundert nur so wimmelte, die Terror verbreiteten, die Menschen verängstigten und deshalb so heftig verfolgt werden mussten. Heute wäre etwas wie der Prozess gegen die Sorciers de Carentan (Zauberer von Carentan 1671) oder von La Haye-du-Puits (1669), und auch der Prozess der “Petits Sorciers” (kleinen Zauberer) in Rouen, nicht mehr möglich. Die Zauberei im Dorfe ist weniger beeindruckend, aber es gibt sie noch in vielen naiven und leichtgläubigen Seelen, und manchmal findet man Menschen, die noch an die Magie glauben und an ihr Einwirken in die Belange der Menschen, als eine willkürliche und starke Macht.

Es ist schwierig einzuschätzen wie wirkungsvoll die Zauberei ist und wo ihre Grenzen liegen. Durch den Pakt mit Satan, zum Schaden seiner ewigen Seele, hat der Zauberer eine schreckliche Macht mit tausend verschiedene Möglichkeiten sie anzuwenden. Er kann die Geister der Toten rufen, um sie zu befragen, um sie zu den Lebenden zu schicken, damit sie die Lebenden quälen oder von ihnen Besitz ergreifen.

Cover des Buches Demon Lovers, Bild von Nicolai Abildgaard (Nightmare), Public Domain

Cover des Buches Demon Lovers, Bild von Nicolai Abildgaard (Nightmare), Public Domain

Er kann Menschen und Tiere durch Flüche töten, das Vieh krank machen; die Ernte verderben, Ratten-, Heuschrecken- oder Raupenplagen schicken wie im Mittelalter. Mit einem Wort, der Zauberer kann jenen Bauern, die er nicht mag, bei ihrer Arbeit im Wege stehen, ihnen Krankheit, Wahnsinn oder sogar Tod schicken. Er hat die Macht, sagt Frau Amélie Bosquet in La Normandie romanesque (die romantische Normandie), verschiedene hässliche und erschreckende Erscheinungen herbeizurufen, besonders Dämonen. Er kann sich auch unsichtbar machen, um nachts Wanderer zu erschrecken oder ihnen Streiche zu spielen, aber er tut so etwas selten selbst, sondern schickt seine Geister. Aus Hass lässt er es schneien, hageln, oder endlos regnen um die Früchte zu verderben. Zauberer, die sich am Ufer von Teichen treffen können zusammen Gewitter wirken, die schreckliche Katastrophen auslösen. Die “meneurs de nuées” (Führer der Wolken), auch “Tempestaires” (Gewittermacher) genannt gab es zur Zeit der Verfolgung der Zauberei. Sie kannten auch das Geheimnis der “corde à tourner ou à détourner le vent” (Seil mit dem man den Wind drehen oder ablenken kann). Gegen diesen Zauber, haben die Korsaren des Pays de Caux die Statue des Heiligen Antonius im Meer versenkt und gebetet (Anm.: hier könnten die Angriffe der Engländer auf Le Havre gemeint sein 17. bis 18. Jahrhundert).

Gnu freie Dokumentation

Kliff in Etretat, Pays de Caux, von Urban, Lizenz: Gnu freie Dokumentation

Um sich an den Landwirten zu rächen, machen die Zauberer, denen es nicht reicht, dass die Kühe krank sind, auch die Schafe krank oder verseuchen das Wasser in den Brunnen und Teichen. Eine noch merkwürdigere Sache ist, dass der Zauberer die Geheimnisse seines Feindes und die Urheber von Straftaten wie Diebstahl herausfinden kann, indem er ihr Bild in einem Spiegel oder Wassereimer hervorruft. In der Zeit, als die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Wehrpflichtigen durch das Los bestimmt wurden (nach 1688 im Ancien Regime), konnte die Zauberei jene von der Wehrpflicht befreien, die eine Kröte, das Tier der Zauberei, in der Tasche hatten. Durch Tränke und “Charmes” (Zauberwerk aus Pflanzen, Federn, Runen u.ä.) wird der Zauberer Herr über die Feinheiten der Liebe. Der Zauberer unterwirft sich sämtliche Naturgesetze.

Wo kommen die Befürworter der Hexerei her, diese jeteux de sorts (“Schleuderer” von Zaubersprüche und Flüchen), die “meneurs de nuées” (Führer der Wolken), die Verzauberer, die man in der Normandie auch Caras oder Carimaras nennt? Es sind vor allem Hirten, stille und nachdenkliche Menschen, die einsam ihre Herden von Ebene zu Ebene führen und von Berg zu Berg, über die Hügel, am Waldrand, am Rande der Klippen, nur assistiert durch die Klugheit ihrer Hunde. Schäfer bedeutet “Zauberer”, sagt man in der Normandie. Sie kennen und beobachten, den Sonnenuntergang, den Einbruch der Nacht, die Helligkeit der schönen Sommernächte und den Gang der glitzernden Gestirne und den Verlauf der sich ändernden Jahreszeiten. Allein in ihren Hütten haben die Hirten aus Büchern Grundkenntnisse der Medizin gelernt und an ihren Herden erprobt. Sie kennen die Wirkung von Kräutern und Pflanzen und sammeln sie. Das reicht für die Hirten als Schlüssel zur Magie aus, zur dunklen Praxis der Zauberei und der Allianz mit allen Geistern, die Überläufer aus der himmlischen Ordnung sind. Mit seinem Roman L’Ensorcelée (die Verhexte, 1854), schreibt Jules Amédée Barbey d’Aurevilly, eine ausgezeichneten Analyse der Hirten in der Region Basse-Normandie, die nachdenklich, unstet und geheimnisvoll sind.

Jules Barbey dAurevilly (1860-1865), von Nadar (1820-1910), Public Domain

Jules Barbey d'Aurevilly (1860-1865), von Nadar (1820-1910), Public Domain

“Wenn man sie hinausjagt sagen sie nicht ein Wort und drehen den Kopf weg, aber ein Finger aufgehoben, wenn man sich umgedreht hat, ist ihre einzige Art der Drohung und bedeutet fast immer ein Unglück, sterbendes Vieh, verdorrte Pflanzen oder vergiftetes Brunnenwasser. Das erklärt warum ein still gehobener Finger eine schreckliche Bedrohung sein kann. ”

Aurevilly war Katholik.

Der Zauberer beherrscht durch seine magische Kraft auch fantastische Kreaturen, die auf dem Land leben, in einsamen Gegenden, an Kreuzwegen, Friedhofsecken und Waldrändern. Er gebietet über ihre Untaten und veranlasst sie Reisende, die zitternd ihren nächtlichen Weg gehen, in die Irre zu führen. In der Normandie gibt es ein Volk von Kobolden, phosphoreszierenden Geisterwesen, bösartig und unstet, die in den Schatten herumschwirren. Diese Irrlichter, auch Fourolles genannt, sind laut normannischem Volksglauben die Seelen verstorbener Frauen oder Mädchen, die wegen Schändung oder Missbrauch für immer büssen müssen. Es ist die Fourolle, auf Englisch die Forlorn (forlorn= verloren, Irrlicht=Will-o’-the-wisp, vielleicht hat sich die Bedeutung seit 1922 verschoben), die Faulau, deren Name identisch ist mit “falot” (helle Laterne), die tanzenden Lichter, die Menschen oder Tiere in der Dämmerung oder nachts in die Irre führen.

Creative Commons by SA

Geisterlicht, von Jeroen Kransen, Lizenz: Creative Commons by SA

In einigen Orten in der Normandie sagt man, dass das Irrlicht nicht nur eine wandernde Seele ist, sondern die Seele einer Frau, die durch die Macht des Zauberers aus ihrem Körper getrieben wurde und zehn Jahre herumirren muss, als Spielball der unbegrenzten Mächte der Natur. Das Irrlicht lässt sich von Winden treiben, folgt Gewässern, springt auf denjenigen, der am 10ten Jahrestag seiner Verwandlung vorbeigeht und bekommt seine menschliche Gestalt wieder.

Der normannische Zauberer regiert noch viele andere Wesen der Nacht und des Terrors: Die Hanss, die Wiedergänger, die Tarannes (phosphoreszierende Gnome, die bei Menschen leben) und die Laitices (lait= Milch). Letztere sind die Seelen toter Kinder ohne Taufe und nehmen laut Pluquet (Essai sur Bayeux, Essay über Bayeux) die Form kleiner weißer Tiere wie Hermeline an, die erscheinen und wieder verschwinden.

Von diesen Chimären, Kreationen des imaginären Geistes unserer Vorfahren, ist der Goblin der bekannteste und am weitesten verbreitete. Er gehorcht ebenfalls den Befehlen des Zauberers. Der Goblin ist in der Normandie und in England verbreitet. Der Goblin ist eine Art Kobold, lebhaft und launisch, eher schelmenhaft als böse, klein, grotesk und grinsend, aber rachsüchtig wenn er verspottet wird. Er ist im Grunde ein kleiner Hausteufel … der sich gut benimmt und sogar bei der Hausarbeit hilft. Er kann lieben und er liebt vor allem die Kinder und Pferde. Er striegelt die Pferde, gibt ihnen zu trinken, reitet auf ihnen und spielt und lacht in den Ställen.

Hauskobold in Gestalt eines Kindes hilft einer Frau, von Gustave Doré, Public Domain

Hauskobold in Gestalt eines Kindes hilft einer Frau, von Gustave Doré, Public Domain

von kleinen Kobolden eine Bande,
tanzten eine Sarabande,
und eine Schelmenrunde sie machten,
dabei wie Goblins sie lachten.

Der Goblin konnte auch böse sein. Ein Beweis dafür, dass er normannisch ist, ist La Tour du Gobelin, ein befestigter Turm in Rouen, der sich in der Nähe der Porte Cauchoise befindet. Dort hat man die Landstreicher und Bettler eingesperrt. Es gibt auch einen Tour de Gobelin in der Bretagne

Einst war das gesamte Plateau de Caux ein riesiger Wald, auf den Lichtungen und im Dickicht lauerten die “Damen des Waldes”, die “grünen Damen”, die “weiße Dame”, die Feen des Waldes, die anmutig sind, freundlich und einladend, aber auf die Forderung des Zauberers, sich in unversöhnliche Megären verwandeln und die Wilderer und Holzfäller unbarmherzig mit ihre Rache wütend verfolgen .

O Grave, Where Is Thy Victory, von Jan Toorop (1892), Public Domain

O Grave, Where Is Thy Victory, von Jan Toorop (1892), Public Domain

Alle Dörfer der Haute- und Basse-Normandie haben ihre Feen und in ihrem Buch La Normandie romanesque et merveilleuse (die wunderbare romantische Normandie) schreibt Amélie Bosquet über die Feen im Bessin, die merkwürdigen Abenteuer der Fée d’Argouges, der Fées du château de Pirou, die sich in Wildgänse verzaubern konnten und die gemeinen Tricks der Dame d’Aprigny, in der Nähe von Bayeux, die in einem engen Tal hauste, dort auf nächtliche Reisende wartete, sie in die Schlucht führte und in einen Graben warf, der mit dichtem Dornengestrüpp gespickt war.

Weitere Wesen die dem Zauberer gehorchen sind die Milloraines (Banshees), die gern vom Folkloristen vergessen werden, denn sie kommen wahrscheinlich aus Skandinavien, wie die Walküren.(Anm. Das ist eher unwahrscheinlich, Walküren sind zwar gross, aber der Rest der Beschreibung passt doch eher auf Banshees, die der keltischen Mythologie entstammen.) Sie sind groß, stehen herum und zeigen nicht gern ihr Gesicht. Wenn man sich ihnen nähert verschwinden sie mit einem lauten Getöse in den Bäumen. Manchmal stehen sie auf den Ästen der Eichen und hopsen auf den Rücken von Reitern und Passanten, die plötzlich ein unerträgliches Gewicht auf ihren Schultern tragen. Die Milloraines de la Hague und die Demoiselle de Tonneville sind die Schwestern der russischen Rusalka. In Une Vieille maîtresse (eine alte Geliebte) weist Barbey d’Aurevilly den Milloraines die Aufgabe der nächtlichen Lavandières (Wäscherinnen) zu, die ihren Gesang murmelnd über den polierten Steinen der Waschhäuser hocken und in den Strahlen des Mondes die Leichentücher der Toten waschen. Wenn jemand quer über die Wiese geht wo das Waschhaus lag, zwangen die Milloraines ihn die Wäsche auszuwringen und wenn er vor Angst zu schlecht wrang, dann brachen sie ihm die Arme.

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Banshee von Philippe Semeria, Lizenz: Creative Commons by

Wie beauftragten die Zauberer all diese fantastischen Wesen? Wie übertrugen sie ihren Willen auf diese dämonischen Mächte? Durch Zaubersprüche wie “Abraxas” (eigentlich ein Dämon), mit dem Grimoire (Zauberbuch), einer Sammlung von magischen Rezepten, um sich schlechte Geister untertan zu machen, Tote zu erwecken und verborgene Schätze zu finden. Wie oft wurde das Grand Grimoire oder das Clavicule de Salomon (Schlüsselbein Salomons) neu aufgelegt? Genau wie die Secrets du Grand Albert (Geheimnisse des Albertus Magnus) dem angeblichen Wissenschaftler, der durch die Hirten auf dem Land zu einem Zauberexperten wurde.

Wie beherrscht der Zauberer die Masse der niedrigen Geister der Luft oder des Wassers? Durch den magischen Kreis und das Pentagramm, ein ein kabbalistisches Zeichen, den Talisman der Macht schlechthin, das alte Zeichen der Sammlung der Pythagoreer.

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Pentagramm. Farbig eingezeichnet sind 3 Streckenpaare, die im Verhältnis des Goldenen Schnittes stehen. Die markierten Punkte und die Hilfslinie CC' werden für den Beweis benötigt, dass der Goldene Schnitt vorliegt. Von Wolfgang Beyer, Lizenz: Gnu freie Dokumentation

Das Volk auf dem Land, vor allem in der Normandie, fordert oft stärkere Massnahmen als das Gebet, um den Zauber zu beenden, die Hilfe der Messe du Saint-Esprit (Messe des Heiligen Geistes ). Vor der Revolution glaubte man, dass die Messe des Heiligen Geistes, mit einer besonderen Zeremonie rezitiert, das beste Mittel gegen Zauberei wäre. Oft weigerten sich die gewöhnlichen Priester jedoch sie zu rezitieren. Als Beispiel erwähnt Amélie Bosquet ein bewegendes Ereignis in Rouen wo ein junger Bräutigam am Fuße der Côte Sainte-Catherine den Tod fand.

In allen Religionen findet man seltsame Spekulationen, primitive Überlieferungen der Menschheit aus einer Zeit, in der Unwissenheit die Ursache geheimnisvoller Mythen war. Francis Yard und Jean Laurier wecken mit ihrem Werk neues Interesse an der Hexerei in der Normandie.

(von) GEORGES DUBOSC

Ich war erst nachts um 2 fertig mit dieser Übersetzung, da stellte ich fest, dass im Schloss kein Licht brannte. Ich ging noch einmal mit den Hunden raus und die Nacht und Einsamkeit schlug über mir zusammen. Es war schon ein bisschen gruselig. Die nächsten Lichter die ich sehen konnte waren jene in einem Dorf im Norden, das etwa anderthalb Kilometer entfernt ist. Die Apfelbäume nahmen komische leuchtende Formen im Licht meiner Taschenlampe an. Die Hunde hat das jedoch glücklicherweise alles nicht angefochten.

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