Schwarzes Wasser

Dies ist eine sehr alte Geschichte von mir, die von norwegischen Punktromanen beeinflusst ist und ich möchte vorab sagen, dass sie nicht für Kinder geeignet ist und dass ich es heutzutage bevorzuge, wenn eine Geschichte “netter” ist.

Claire hatte sich in der Wirklichkeit verloren. Sie stieg aus dem roten Dienstwagen und ging durch die Zimmerstrasse. Kinder spielten, und ein kleines Mädchen mit langem blondem Haar Haar lachte Claire an, versteckte sich hinter ihrer Hand. Auch Claire versteckte sich so und als sie die Hände wegzogen lachten beide. Aber Claire ging dabei weiter, bog um die Ecke und betrat eine Bäckerei.

Sie stand am Ufer eines trüben Flusses. Ockerfarbener Schlamm drang in ihre zerschlissenen Schuhe. Sie hielt in der gesunden Hand eine geschwärzte Blechdose. Sie schöpfte öliges Wasser, ging dann einen sanften Hang hinauf, über ein pfützenbesätes Plateau zu den Resten von Häusern aus Stahl und Beton.
In einer windgeschützten Ecke brannte ihr Feuer, sie stellte die Dose hinein, setzte sich, zog die Beine an und schlang die Arme darum.

Schlurfende Schritte näherten sich. Ein Schatten, ein Mann mit breitem Gesicht und struppigem Bart. Er lächelte, redete zu Claire in irgendeiner Sprache die sie nicht verstand. Er zeigte auf sich und sagte, er hiesse Tam. Claire wollte, dass er verschwände wie der Schatten eines fallenden Vogels. Er zupfte sie am Ärmel wie in den alten Märchen, also ging sie mit.

Schatten und Dunkelheit: Der Abend vor der Sintflut (1834) , von Joseph Mallord William Turner, Public Domain

Schatten und Dunkelheit: Der Abend vor der Sintflut, von Joseph Mallord William Turner (1843), Public Domain


Selbzwölft sassen sie in einer kleinen Baracke. Es war heiss und stickig. Sie tranken Staubbeerensaft, ein Raunen schwebte im Raum.
Eine Frau gab Claire einen Plastikbecher mit ausgefranstem Rand voller Beerensaft. Die Frau starrte auf Claires säurezerfressene Rechte, zwei Finger fehlten. Claire sagte: “Ich musste sie abtrennen.” Sie zuckte mit den Schultern und setzte sich auf ein fleckiges Schaumgummipolster an der Wand, neben einen Mann in einer scharlachroten Kutte, das Zeichen seines eigenen Ordens. Er sprach Claire an, die sich vor Überraschung die Unterlippe blutig biss, sie konnte ihn verstehen.
Irritierend floss um ihn sein langes fuchsrotes Haar.

Viele Leute mutieren, wenn sie Beerensaft trinken, der Mönch bekam ein Fell.

Tam kam zu ihr, beugte sich hinab und versuchte sie zu küssen. Sie aber wich ihm durch eine Verwandlung in einen weissen Flusskiesel aus. Sie rutschte von der Matratze zwischen die anderen Steine in den feinen Staub.

Ein fahrender Sänger stand auf, stimmte seine Leier und sang ein Lied von der schillernden Fläche des Meeres im Westen. Niemand verstand seine Worte, aber alle fanden sein Gesang hätte etwas von den Schreien jener grauen Vögel mit den leckeren Eiern.

Als Tam durch die niedrige Tür der Baracke hinausging fand sich Claire in der Münsterstrasse wieder, mit einer Brötchentüte in der Hand. Wie im Traum ging sie durch die sonnige Fussgängerzone.
Claire kaufte drei Flaschen Sekt, wer früh arbeitet kann auch früh saufen.

Claire öffnete die Augen in Heles Bett, nackt, und wusste nicht warum. Es war dunkel und durch die Fenster drang der Geruch ungemähten Grases.
Als sie die Tür öffnete, dass schabende Geräusch einer Tasse Kaffe, die über die Steinfliesen geschoben wird. Durch die Glasscheiben der gegenüberliegenden Tür sah sie kurz das Gesicht Tams. Er starrte sie an.
Tam schloss seine Zimmertür, drehte die Musik lauter, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und rutschte langsam an ihr herunter, schlang dann die Arme um die Knie.

Licht und Farbe: Der Morgen nach der Sintflut: Moses schreibt das Buch der Genesis, von Joseph Mallord William Turner (1843), Public Domain

Licht und Farbe: Der Morgen nach der Sintflut: Moses schreibt das Buch der Genesis, von Joseph Mallord William Turner (1843), Public Domain


Claire trat aus der Tür und stand auf einem schwarzen Feld. Im hellen Mondlicht erkannte sie einen Steg, der etwas erhöht zwischen bizarren Erdschollen entlangführte. Über den Steg gelangte sie zu einem Abhang, bewachsen mit verkrüppelten Birken. Zwischen den Bäumen erstreckte sich ein ehemals grüner Drahtzaun. In dem Zaun war eine hohe Tür, sie fiel aus den Angeln als Claire versuchte sie zu öffnen. Claire sprang zurück, als die Tür scheppernd auf einen Kiesweg fiel. Der Kiesweg führte zu einem sumpfigen Hain in dem eine halbverfallene Imitation eines japanischen Tempels vor sich hin träumte.
In dem türkisen Tempelchen fand Claire ein altes Saiteninstrument. zwei Saiten waren noch nicht geborsten. Claire versuchte sie zu stimmen, strengte sich an bedeutungsschwer zu gucken, wie es die fahrenden Sänger tun, und sang mit heiserer Stimme.

Schwarzes Wasser
Gleich was ich sing
alles vergeht
schon verweigern unsre Körper
das Sterben.
Was bleibt,
wenn nicht das schwarze Wasser.

Tam steht in der Tür des Tempels und verjagt das spärliche Licht. Schnell ist er bei ihr, schlingt ihre Haare um seine Hand , reisst sie rückwärts zur Tür, wo er sie hochzieht und mit der Faust in ihr Gesicht schlägt, damit sie versteht. Claire hält sich an seinem Arm fest, als sein Schlag sie trifft taumelt sie über die Schwelle und Tams Bild zerfliesst.
Sie steht in ihrer eigenen Wohnung und lacht über die hilflose Wut der Inquisitoren, aber sie zieht dennoch den Stecker des Telefons heraus. Sie legte sich ins Bett und übertrat die Schwelle des Schlafes.

Sie lag vor dem Tempel, es nieselte leicht, grau wuchs der Tag. Ein Vogel hüpfte frech näher und pickte in ihr Haar, riss eine Strähne aus und flog davon. Claire erwachte von dem leichten Schmerz. Der Vogel sass auf dem Ast eines toten Baumes, als ihn ein Stein traf. Er fiel und sein Schatten verschwand.

Hele, in seiner roten Kutte, hob den Vogel auf. Er ging zum Tempel und das Blut des Vogels floss über seine Hand.
Er und Claire setzten sich im Tempel einander gegenüber. Claire beugte sich vor und berührte mit ihren säurezerfressenen Fingern Heles glänzendrote Fingerspitzen, dann berührte sie seine Lippen.

“Du irrst dich”, sagte er, “viele essen Menschenfleisch.” Seine Faust traf ihr Kinn, kräftig genug, dass sie ohnmächtig liegenblieb. Sie würde ein paar Tage reichen.

Creative Commons License
Schwarzes Wasser von stanze (Stanzilla, stanzebla) steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s