normannische Legenden: die Gründung des Königreichs Yvetot

Heutzutage ist Yvetot eine Stadt mit 11000 Einwohnern die sich auf einer kargen Ebene erhebt, im ansonsten fruchtbaren Pays de Caux, nordöstlich von Caudebec-en-Caux und nordwestlich von Rouen.

Im 6. Jahrhundert gehörte das Lehen Yvetot Gauthier (auch Vauthier) dem Kanzler Clotaires I. (Chlothar I., 497-561), dem Sohn von Clovis I. (Chlodwig I.) und Clotilde (Chrodechild).

Chrodechild weist ihren Söhnen das Land zu, aus den Grandes Chroniques de saint-Denis, Bibliothek Toulouse, public domain/gemeinfrei

Clotilde (Chrodechild) weist ihren Söhnen das Land zu, aus den Grandes Chroniques de saint-Denis, Bibliothek Toulouse, public domain/gemeinfrei

Gauthiers Vater war ein Frankenkrieger gewesen, der in jeder Schlacht an Clovis Seite gekämpft hatte. Gauthier selbst war mutig und ehrenhaft und deshalb sehr angesehen bei König Clotaire.

Einige andere adelige Franken wurden eifersüchtig und sannen auf Gauthiers Untergang. Als Gauthier auf einer Reise war, behaupteten sie Gauthier habe mit dem König in Paris Childebert I. ein Mordkomplott gegen Clotaire geschmiedet. Sie brachten falsche Zeugen bei, die sie bestochen hatten. Eine Hexe wurde gedungen, die Clotaire wie zufällig auf der Jagd traf. Nachdem sie Clotaire in feierlichem Ton erklärt hatte, dass Gauthier sein ärgster Feind war, drehte Clotaire durch, wurde weiss vor Zorn und zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen, dass er beim Heiligen Medardus schwöre Gauthier mit eigenen Händen zu erschlagen.

Teilung von Frankreich durch die 4 Söhne von Clovis (Chlodwig), aus den Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert, public domain/gemeinfrei

Teilung von Frankreich durch die 4 Söhne von Clovis, aus den Grandes Chroniques de France, 14. Jahrhundert, public domain/gemeinfrei

Gauthier wurde von treuen Freunden gewarnt und floh in den Norden über den Rhein, wo er gegen die Barbaren kämpfte. Nach einigen Jahren wollte er jedoch wieder gern nach hause zurück. Um das zu ermöglichen ging er nach Rom zum Papst Pelagius I., der ihm einen Geleitbrief gab, in dem seine Unschuld bezeugt wurde. So beruhigt ging Gauthier zurück nach Soissons, wo Clotaire Hof hielt.

Er erreichte Soissons während der Ostermesse. Alle waren in der Kathedrale versammelt. Ein Mann in Bussgewändern betrat die Kirche, eilte zum König und warf sich vor ihm nieder, der Mann war Gauthier. Der König erkannte ihn sofort, vergass die Heiligkeit des Ortes und des Tages, schrie auf vor Wut, schnappte sich seine Axt und hackte seinem alten Kanzler den Kopf mit einem Schlag ab. Das Blut spritzte über den Altar und die Stufen. Die Leute standen entsetzt auf und schimpften auf den König. Schnell liess der Bischof die Kirche evakuieren und ging mit Clotaire in die Sakristei.

Clotaire I. (Chlothar) und Childebert I. bringen ihre Neffen um während Clotilde daneben steht und weint, Manuskript aus dem 15. Jahrhundert, public domain/gemeinfrei,

Clotaire I. (Chlothar) bringt seine Neffen um während Clotilde (Chrodechild) daneben steht und weint, Manuskript aus dem 15. Jahrhundert, public domain/gemeinfrei,

Als sich Clotaire beruhigt hatte, las man ihm den Brief des Papstes vor. Man sagte ihm, dass er ein Verbrechen und Sakrileg begangen habe, das nur der Papst vergeben könnte. Also schickte Clotaire in aller Eile einen Boten nach Rom.

Als der Bote in Rom ankam lag Pelagius gerade im Sterben. Er sagte nur noch, dass Clotaire die “höchsten Wiedergutmachungen” leisten müsse.

Nachdem Clotaire lange nachgedacht hatte gewährte er Yvetot den Status eines Königreiches. Die Nachkommen von Gauthier trugen deshalb einen Königsstirnreif und sogar den Titel “König” bis 1551. Sie mussten dem König von Frankreich bis zur Französischen Revolution 1789 keine Steuern zahlen.

In Wirklichkeit war es ein Wikinger, der Yvetot den Sonderstatus verschaffte. Yvus Veteris, Yves der Alte, bekam am Beginn des 10. Jahrhunderts Yvetot als Allod. Ein Allod ist eine germanische Form des feudalen Besitzes. Rollo und seine Nachfolger akzeptierten den Sonderstatus von Yvetot.

Ich kann mir nur Vorstellen, dass die Vierteilung des Landes durch die Söhne Chlodwigs I. furchtbar gewesen sein muss.

Quelle:
Les Légendes Normandes, von Louis Bascan, eine Zusammenstellung von normannischen Legenden aus alten Quellen, ein Reprint von 1929 erschienen bei “les Editions du Bastion”, 1999, ISBN=2745500503, Seite 24-28, (französisch)

Seite von Yvetot:
http://www.mairie-yvetot.fr/

2 thoughts on “normannische Legenden: die Gründung des Königreichs Yvetot

  1. Yvetot ist nicht die schönste Stadt zu entdecken in der Normandie und Pays de Caux…Ich wußte aber echt nicht, daß es ein Königsreich Yvetot gab!

  2. Eigentlich war es auch nur ein Allod, innerhalb des Allods war der Besitzer unumschränkter Herrscher und der König des Landes in dem sich das Allod befand, konnte keine Steuern fordern oder in die Regierung des Allods eingreifen. Aber der Besitzer des Allods war trotzdem ein Vasall des Königs des ganzen Landes. Komplizierte Sache, hat man auch später nicht mehr so gemacht.

    Ihr habt da ein schönes Ferienhaus.🙂

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