normannische Legenden: die Felsspalte des Teufels

Bei Soumont-Saint-Quentin, einer Gemeinde in Calvados, 9 Kilometer nördlich von Falaise, wohnte einmal der Graf von Quesnay. Er besaß ein schönes Schloss, dass noch nie eingenommen worden war, fruchtbare Ländereien, und jeder achtete ihn. Er hatte eine Tochter, die schöne und charmante Lucia. Die Schönheit von Lucia (und ihr Reichtum) zog viele Ritter an, die auf Einladungen zum Schloss von Quesnay hofften, um dort ihre strahlende Anmut zu bewundern.

Lucia liebte in Versen vorgetragene Heldenepen. Eines Tages kam ein Troubadour zum Schloss. Er war jung und gutaussehend, groß und kräftig, und etwa 25 Jahre alt. Ihm wurde ein Platz an der Tafel zugewiesen. Nachdem die Bediensteten abgeräumt hatten, bot er an, ein Liebeslied vorzutragen. Lucia aber bat ihren Vater, statt des Liebeslieds ein Heldenepos zu verlangen, denn die Normannen seien mutig und würden sich nur für große Taten interessieren.

Der Barde wartete nicht auf die Anordnung des Grafen sondern, stand auf, stimmt seine Laute und sang ein Lied über einen Krieger.

„Wer hat die braune Provence und das goldene Burgund durchreist, das kriegerische Flandern und die rauhe Bretagne, ohne auch nur einmal um Gnade zu bitten? Der tapfere schwarze Ritter, der Chevalier des Lions (der Löwen).

Wer hat in zwanzig Turnieren und manchen Begegnungen die meisten Lanzen zerstört und seine Gegner vom Pferd geworfen? Der tapfere schwarze Ritter, der Chevalier des Lions.

Wer hat nie seinen Glauben verraten, nie mit Verrat jemanden besiegt, niemals geflohen, niemals aufgegeben, nie vor seinesgleichen auf die Knie gefallen? Der tapfere schwarze Ritter, der Chevalier des Lions.

Und dennoch irrt er schwermütig und grüblerisch tagsüber durch das Land; nachts schläft er im Schatten großer, einzeln stehender Bäume und hat schmerzvolle Träume, der tapfere schwarze Ritter, der Chevalier des Lions.

Er ist traurig, traurig bis auf den Grund seines Herzens und wird es bleiben, bis er eine Seele findet die seiner Seele gleicht, der unglückliche, tapfere schwarze Ritter, der Chevalier des Lions.“

Yvain, le Chevalier au Lion, der bestimmt hier Pate stand, auf einer mittelalterlichen Illustration, public domain

Yvain, le Chevalier au Lion (Chrétien de Troyes), der bestimmt hier Pate stand, auf einer mittelalterlichen Illustration, public domain

Die Leute applaudierten und der Graf forderte den Troubadour auf ein paar Tage zu bleiben, jener antwortete jedoch er wolle am folgenden Tag weiterreisen.

Am nächsten Morgen holte ihn eine Dienerin von Lucia ab, weil jene mit ihm sprechen wollte. Er kniete vor Lucia nieder. Sie bat ihn aufzustehen und fragte, ob er die Wahrheit gesungen habe, oder ob es sich um ein Werk seiner Phantasie gehandelt habe. Der Barde antwortete, dass der Chevalier des Lions existiere und dass sie sich bald selbst ein Bild machen könne, weil er auf seiner Suche nach der Schönsten der Schönen sicher auch in Quesnay vorbeikommen würde. Lucia errötete ob des Kompliments und gab dem Barden ein Goldstück, welches er in eine Innentasche seines Wamses steckte.

Einige Zeit später wurde im ganzen Herzogtum bekannt, dass der Graf von Quesnay einen Wettkampf veranstalten würde. Der Gewinner bekäme Lucia, nach Ablauf eines Probejahres, zur Braut. Daraufhin bereiteten sich die meisten unverheirateten Ritter der Normandie auf das Turnier vor, als sei es eine besondere Art von Kreuzzug.

Das Turnier war ein Augen- und Ohrenschmaus, die Ebene um das Schloss war voller Zelte und und Wagen. Viele Besucher standen an den Palisaden. Zwei Schiedsrichter saßen zu Pferd, von Kopf bis Fuß gepanzert, an den beiden Enden des Turnierplatzes. Auf den Emporen saßen die Edelleute. Lucia saß zwischen ihren Eltern. Endlich verkündeten die Herolde die Regeln des Turniers, Trompeten erschallten. Vierzig Ritter stürmten zu Pferd in die Arena.

Schließlich saß nur noch ein Ritter im Sattel in der Arena, die voll von Blut, Rüstungsteilen und zerbrochenen Waffen war. Seine Waffen waren schwarz, auf seinem Schild waren drei goldene Löwen gemalt. Ein Gebrüll erschallte: „Ehre gebührt dem Chevalier des Lions“. Der Ritter wurde vor Lucia geführt, fiel auf die Knie und sein Knappe lüftete seinen Helm. Es war der Troubardour. Lucia gab ihm die geweihte Schärpe, als Zeichen des Eheversprechens. Der Graf verkündete den Sieg des Chevalier des Lions und versprach ihm die Hand seiner Tochter. Daraufhin sagte der Ritter er würde in einem Jahr wiederkommen, um die holde Lucia zu ehelichen.

Einige Monate später herrschte Todesstille im Schloss Quesnay. Warum? Satan hatte Lucia entführt. Er machte ihr Avancen, versprach sie neben sich auf den Thron in der Hölle zu setzen. Er versprach ihr Herrschaft über die ganze Welt, Schmuck und Diamanten, alles was man sich an Schönem und Teurem nur denken kann. Lucia aber wollte von all dem nichts wissen. Da knirschte der Teufel mit den Zähnen und drohte ihr mit tausendfältigen Torturen. Sie hoffte aber zu entkommen und ließ sich auch von Drohungen nicht beeindrucken.

La brèche au Diable, von Romain#21, beim Klicken auf das Foto sollte man zu seinem  Fotostream über La brèche au Diable gelangen, Lizenz:Creative commons Attribution 2.0/CC by

La brèche au Diable, von Romain#21, beim Klicken auf das Foto sollte man zu seinem Fotostream über La brèche au Diable gelangen, Lizenz:Creative commons Attribution 2.0/CC by

Und wirklich, nach einem Sauf- und Fressgelage war der Teufel so müde, dass er einschlief und Lucia konnte sich aus der Hölle rausschleichen. Sie konnte das Schloss Quesnay schon sehen, da brach ein heftiges Unwetter aus. Die Erde öffnete sich, aus einem Abgrund stiegen zerklüftete Berge auf und einer der Berge zerriss und daraus erschien Satan. Er erblickte Lucia, die sich ins Gras geworfen hatte und schmiss ein paar Felsen nach ihr, als hinter ihm eine Stimme ertönte: „Verfluchter Satan! Lass das Mädchen in Ruhe, ich fordere dich heraus.“ Satan drehte sich um und sah einen Ritter mit drei goldenen Löwen auf dem Schild. „Bist du bereit zu sterben?“, fragte Satan den Ritter. Lucia erkannte den Ritter und dankte Gott. Am Arm des Ritters war die geweihte Schärpe befestigt, die Lucia dem Ritter gegeben hatte. Der Teufel sah die Schärpe und wurde blass, er zog sich in die Hölle zurück.

Daraufhin heirateten Lucia und der Chevalier des Lions, und lebten glücklich und zufrieden…

Das Schloss Quesnay ist lange verschwunden, aber der Berg aus dem der Teufel erschienen ist, existiert noch immer. Auf dem Grund einer engen Schlucht, fließt ein reißender Bergbach, der Laizon. Dort befindet sich eine unauffâllige Brücke, ein rustikaler Waschplatz und eine verfallene Mühle. Dort liegen Felsen, als seien sie vom Himmel gefallen. Das ist die Felsspalte des Teufels.

Quelle:
Les Légendes Normandes, von Louis Bascan, eine Zusammenstellung von normannischen Legenden aus alten Quellen, ein Reprint von 1929 erschienen bei “les Editions du Bastion”, 1999, ISBN=2745500503, Seite 84-95, französisch

Info:
La Brèche au Diable

Fotos:
La brèche au Diable

Zum Vergleich:
Yvain ou le Chevalier au Lion auf Wikisource

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