Gewitterspalter und Feuerbeschwörer

Der Schriftsteller Jules Lecœur (eigentlich Louis-Jules Tirard, 1818-1893) schrieb 1883 in “Esquisses du bocage normand” (Skizzen der normannischen Bocage) über den normannischen Landpfarrer seiner Zeit. Bocage bezeichnet eine besondere Landschaftsform, bei der Weiden und Äcker oder andere Parzellen, von Hecken oder Baumreihen eingezäunt sind.

Dem Landpfarrer in der Normandie wurden Kräfte zugeschrieben, die nichts mit christlicher Religion zu tun haben. Er hatte die Aufgabe Gewitter zu spalten, die Dörfer und Ernten bedrohen, und Feuer zu beschwören, oder besser gesagt, zu stoppen.

Es gibt wirklich viele Gewitter in dieser Gegend, erst heute Morgen (24. August) wurde ich von Donner geweckt, dem heftiger Regen folgte. Der Regen war relativ kurz, aber der Donner hielt etwa 45 Minuten an.

Von Donner, Hagel und Ungewitter, von Erasmus Francisci 1680, aus der Deutschen Fotothek, bescheuerterweise mit CC by SA lizenziert, glaub kaum dass Erasmus das noch würdigen kann, ist eigentlich gemeinfrei

Von Donner, Hagel und Ungewitter, von Erasmus Francisci 1680, aus der Deutschen Fotothek, bescheuerterweise mit CC by SA lizenziert, glaub kaum dass Erasmus das noch würdigen kann, auch seine Erben nicht, ist eigentlich gemeinfrei

Wenn ein Gewitter eine Gegend bedroht, wendet man sich an einen Pfarrer, der es austreiben und exorzieren soll. Es kommt vor, dass der Pfarrer, sich aus Gewissensgründen – so glaubt man – weigert, seine Kräfte auszuüben, denn sie sind sündig und ihre Ausübung verlangt schwere Buße. Also wird er bedroht und manchmal sogar geschlagen, um ihn zu zwingen. Andere Pfarrer tun freiwillig, was von ihnen verlangt wird und bitten Gott darum die Plage zu beseitigen.

Ein Pfarrer in der Gegend von Harcourt hatte den Ruf eines mächtigen Gewitterbeschwörers. Wenn er von zuhause wegging, setzte er immer einen Dreispitz auf. Weil er beim Aufsetzen des Hutes immer eine Spitze nach vorn drehte, bekam er den Ruf eines Gewitterspalters.

Die Gegend um Harcourt ist bergig und reich an Gewittern. Eines Tages, als der Pfarrer seinen Kollegen in Pont-d’Ouilly besuchte, erschien am Horizont, mit furchtbarem Lärm, Schrecken verbreitend, begleitet von zwei Raben, das bedrohlichste Gewitter an das sich die Leute erinnern konnten. Bald wurde der Pfarrer umringt und mit gefalteten Händen angefleht, die Plage vom Land abzuwenden. Zuerst weigerte er sich, dann erweichten ihn das Flehen und die Tränen der braven Leute um ihn herum. Er zog sein Chorhemd an und hing sich seine Stola um, kniete vor dem Altar nieder und betete inbrünstig zu Gott. Er sprach mysteriöse Worte aus, die ihm Gewalt über das Unwetter verliehen.

Als er sich erhob, flogen die zwei Raben pfeilschnell weg. Die Wolken, voller Regen, Hagel und Blitzen, folgten den Raben wie die folgsame Herde dem Schäfer und verschwanden. Am nächsten Tag erfuhr man, dass die Blitze und der Hagel auf den Wald von Cinglais niedergegangen waren.

Benoît-Agathon Haffreingue (1785-1871), Pfarrer von Boulogne-sur-Mer in Nord-Pas-de-Calais, Foto von Giano, public domain/gemeinfrei

Benoît-Agathon Haffreingue (1785-1871), Pfarrer von Boulogne-sur-Mer in Nord-Pas-de-Calais, Foto von Giano, public domain/gemeinfrei

Eine ähnliche Geschichte erzählt man sich über einen Hilfspriester einer Pfarrei von Falaise (Calvados). Eines Tages, als ein großes Gewitter drohte auf seine Stadt niederzugehen, leitete er es um, und veranlasste es, auf die trockene Heide von Noron-l’Abbaye niederzugehen, wo es keinen Schaden verursachte.

Ein Pfarrer aus der Bocage, der zu Fuß in Caen gewesen war, wurde bei seiner Rückkehr von einem Gewitter überrascht, als er nahe bei der Gemeinde Saint-Laurent-de-Condel war. Er hatte keinen Regenschirm, aber obwohl er Regen in Sturzbächen herunterkam erreichte er das Dorf ohne einen Tropfen auf seiner Soutane. Am ersten Haus sah er eines seiner Gemeindemitglieder, das in einem Hauseingang darauf wartete, dass der Platzregen aufhörte. Der Pfarrer forderte den Mann auf ihm zu folgen. Der Mann zauderte, dann folgte er dem Pfarrer und überraschenderweise fiel auch auf ihn kein Tropfen Regen, obwohl die Straße schon überschwemmt war.

Die Gewitter zerstören nicht nur die Ernten, sondern auch die Häuser der Bauern. Es gibt aber einen Weg dies zu verhindern und der versagt nie. Wenn man den Donner hören kann , wirft der Bauer ein kleines Stück der geweihten Bûche de Noël (Weihnachsscheit) ins Feuer. Zur Wintersonnenwende ein großes geweihtes Holzstück zu verbrennen ist ein keltischer Brauch. Wenn der Bauer das geweihte Holz verbrennt, wird Gott sein Haus verschonen. Inzwischen wird dieser Brauch nur noch selten ausgeübt. Das “Tison de noël” (glimmendes Weihnachtsholzstück) wird nur noch selten in den Herd getan wenn es zur Mitternachtsmesse läutet. An vielen Orten ist man damit zufrieden, einen Holunderzweig unter die Schwelle zu legen, um die Blitze abzuhalten.

Eibe mit Altar an der Kirche Saint-Pierre-des-Ifs, eigenes Foto, public domain/gemeinfrei

Eibe mit Altar an der Kirche Saint-Pierre-des-Ifs. Mit einem geweihten Eibenzweig hätte man das geweihte Scheit wunderbar anzünden können. Heute wird die Bûche de Noël nur noch gegessen. Eigenes Foto, public domain/gemeinfrei

Der Glaube an Feuerbeschwörer ist genauso verbeitet, wie der an Gewitterspalter. Es wird besonders von Pfarrern angenommen, dass sie die Worte kennen, die das Feuer stoppen.

Um diese Meinung zu bekräftigen, werden überall die Beispiele als Beweise zitiert. Hier hat der Pfarrer das Feuer beschworen, es aufgehalten; dort hat ein anderer Priester eine Gruppe Häuser beschützt, die ohne seine mächtige Einflussnahme den vom Feuer verschlungen worden wären. Der Pfarrer kann das Feuer aufhalten indem er einen geheimen Zauberspruch ausspricht, und zum Feuer sagt: „Du wirst nicht weiter gehen“ oder andere Worte, die von speziellen Gebeten begleitet werden. Der Glaube an Feuerbeschwörer ist so alt wie der an “Tempestaires” (Gewittermacher). Im 10. und 11. Jahrhundert war es von Seiten der christlichen Kirche bei Strafe verboten, Kreuze ins Feuer zu werfen, um das Feuer zu bannen.

hauling of the yule log, from The Book of Days (1832), p. 734, by Robert Chambers, public domain

Schleppen des Yule logs (Weihnachtsscheits), aus The Book of Days (1832), Seite: 734, von Robert Chambers, public domain/gemeinfrei

Das Feuer aufzuhalten ist nicht immer ungefährlich, die folgende Geschichte ist dafür ein Beispiel. Der Pfarrer einer Gemeinde am Ufer der Orne war eines Tages zu Gast beim Pfarrer von Pont-d’Ouilly und als die beiden gerade vom Tisch aufstehen wollten, wurde ihnen gesagt, dass im Nachbardorf ein Feuer ausgebrochen sei und drohe, jenes Dorf niederzubrennen. Der Pfarrer sprang auf sein Pferd und galoppierte zu Hilfe. Er hatte den Ruf eines großen Feuerbeschwörers. Die Dorfbewohner baten ihn die Plage aufzuhalten und er konnte ihren Bitten nicht widerstehen.

Er begann die Beschwörung, betete und bekreuzigte sich. Dann sprang er aufs Pferd und galoppierte im Eiltempo davon. Man sah einen Wirbel von Funken und der Funkenflug löste sich von den brennenden Strohdächern, stieg in die Luft und folgte dem Pfarrer. Der Geistliche sah den Funkenwirbel und trieb sein Pferd an, er machte das Zeichen des Kreuzes. Der Abstand zwischen ihm und den Funken vergößerte sich. Er hielt mit einer Hand die Zügel und mit der anderen hielt er ein Taschentuch auf seinem Kopf, das ihn vor den Funken schützte, denn, wenn das Feuer ihn angreift, würde er sofort verzehrt werden und seine Seele wäre verdammt, ohne die Möglichkeit auf Vergebung.

Der Funkenwirbel holte ihn wieder ein, der Pfarrer bekreuzigte sich wieder und betete lauter. Sein Vorsprung wurde wieder größer. Schließlich erreichte er die Kirche von Pont-d’Ouilly. Er sprang vom Pferd, in die Kirche, schlug die Tür hinter sich zu und warf sich vor dem Altar nieder. Es war gerade noch rechtzeitig, denn seine Sachen rochen schon verbrannt. Die Funken verstreuten sich und verlöschten an der Kirchentür.

Fire on the hill, painting by Anchise Picchi (1911), photo by Lido Pacciardi, public domain

Feuer auf dem Hügel, Gemälde von Anchise Picchi (1911), Foto von Lido Pacciardi, public domain/gemeinfrei

Quelle:
Archives de Normandie von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, erschienen 1993 bei Éditions Michèlle Trinckvel, Seite:166-169 , ISBN=9782851320285 (französisch) Das Buch ist eine Sammlung von Texten über die Normandie.

Da Jules Lecœur 1893 verstorben ist, ist sein Text gemeinfrei.
Creative Commons License
This work is in the Public Domain.

2 thoughts on “Gewitterspalter und Feuerbeschwörer

  1. […] sehr kompliziert gewesen sein. Obwohl… eine einfache Lösung für alle Probleme war Gewalt. Wenn ein Gewitter kam verprügelte man den Pfarrer, wenn man Flöhe hatte, verprügelte man den Bettler. Barmherzigkeit lässt sich scheinbar nur […]

  2. […] Es war nicht das einzige traditionelle Mittel gegen Blitze, zum gleichen Zweck gab es noch das Bûche de Noël. Wenn das Wetter an Chandeleur gut war, glaubte man, der Winter sei vorüber. Wenn in der Nacht von […]

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