Die Rache der Bettler

Der Schriftsteller Jules Lecœur (eigentlich Louis-Jules Tirard, 1818-1893) schrieb 1883 in „Esquisses du bocage normand“ (Skizzen der normannischen Bocage) über den Aberglauben bezüglich des normannischen Bettlers seiner Zeit. Bocage bezeichnet eine besondere Landschaftsform, bei der Weiden und Äcker oder andere Parzellen, von Hecken oder Baumreihen eingezäunt sind.

Die Bettler gingen von Bauernhof zu Bauernhof und fragten nach Almosen. Man glaubte, dass sie jene verfluchen, die ihnen nichts geben oder sie schlecht behandeln. Ich bin immer wieder verblüfft, wie abergläubisch die Normannen waren. Vielleicht sind sie es ja noch.

Die Bettler waren Zauberer; sie konnten Unglück oder Gewürm bringen: Ratten, Mäuse und Flöhe, für jene, die ihnen keine Almosen gaben. Manche von ihnen können es immer noch. Sie kneteten Ton und formten daraus Ratten und Mäuse, dann rezitierten sie Zaubersprüche und pusteten auf die Figuren. Die Tonfigur wurde lebendig und vervielfältigte sich. Tausende von kleinen Nagern liefen nun dahin, wo der Zauberer sie hinschickte. Scheunen und Kornspeicher wurden von den ausgehungerten Legionen geplündert, von den Garben blieb nur das Stroh über. Das war der Ruin des Bauern und die Strafe für seinen Mangel an Barmherzigkeit.

der Bettler, Gravur von Alphonse Legros (1837-1911), public domain

der Bettler, Gravur von Alphonse Legros (1837-1911), public domain

Man erzählt sich, dass ein Pfarrer aus Montsecret (Vorsicht, der Link macht Midimusik, Anm.) einem Jungen vorwarf, zu spät zum Katechismusunterricht erschien. Der Junge gab als Entschuldigung an, er habe seinem Vater helfen müssen Ratten zu formen, die er einem Nachbarn schicken wolle. „Was? Ratten? Das will ich sehn!“, rief der Pfarrer aus. „Na gut! Morgen werden Sie es sehen.“, antwortete das Kind.

Dem Pfarrer wurde sein Wunsch erfüllt. Am nächsten Tag klopfte es an der Tür des Pfarrhauses. Er öffnete und wich vor Überraschung einen Schritt zurück, als er das Kind sah, das inmitten eines Gedränges grauer, wimmelnder Ratten stand. Die Ratten liefen ins Haus. „Unglücklicher!“, schrie der Pfarrer: „ Schaff mir sofort das Ungeziefer vom Hals.“ „Unmöglich, ich kann es nur machen, aber nicht rückgängig machen. Da müssen Sie schon meinen Vater fragen.“, riet der Kleine. Der Pfarrer folgte dem Rat des Jungen und in der Nacht verschwanden alle Ratten aus seinem Haus.

Die Verweigerung des Almosens zeigt nicht nur einen Mangel an Barmherzigkeit, sondern auch Leichtsinn. Wenn jemand einen Bettler zurückgewiesen hat und von ihm verflucht wurde, muss er den Bettler bitten das wimmelnde Gezücht wieder zu entfernen, außer er schafft es eine der herbeigezauberten Ratten zu fangen, zu rösten, und ihre Überreste an den Balken des Kornspeichers zu hängen. Die anderen Ratten bekommen dann Angst, verlassen das Gebäude und kehren nicht zurück. Es gelingt jedoch selten, die listigen, frechen Schädlinge zu schnappen, die selbst am Tage überall herumlaufen.

Das kleine Almosen ist richtig (oder so), von Grandville (1803-1847), aus den 100 Sprichwörtern, public domain

Das kleine Almosen ist richtig (oder so), von Grandville (1803-1847), aus den 100 Sprichwörtern, public domain

Einer der gefürchtetsten Versender von Ungeziefer war jener, den man den Maréchal de Bréel nannte. Er gab diesen Namen und seinen Beruf (Marschall) auf, um ein “traîneur de bâton” (Bezeichnung für Bettler, etwa: Stockschwinger, in Analogie zu “traîneur de sabre”, Säbelrassler) zu werden.

Eine alte Schneiderin traf ihn eines Abends, als er von seinem Tagewerk zurückkam, auf einem einsamen Weg, den sie als Abkürzung genommen hatte. Den Hut mit der großen Krempe tief ins Gesicht gezogen, in einen ausgefransten, schmutzigen Mantel gehüllt, so ging der Bettler langsam daher, gefolgt von einer Schar Ratten. Die vordersten Ratten berührten mit ihren Nasen fast die Hacken seiner Holzschuhe. Die alte Frau stellte sich überrascht und ängstlich an den Graben des Weges. „Keine Angst“, sagte der Bettler: „die wollen nichts von Ihnen.“ Und die ganze Horde ging an der alten Frau vorüber ohne sich ihr zu nähern.

Am nächsten Tag hörte sie, dass die Ratten in der Nacht einen Bauernhof in der Nachbarschaft überfallen hatten. Sie fraßen das Korn, spielten mit dem Stroh und nagten sogar am Leder des Zaumzeugs.

Der Lumpensammler, Gemälde von Édouard Manet (1832-1883), public domain

Der Lumpensammler, Gemälde von Édouard Manet (1832-1883), public domain

Ähnliches Unglück passierte dem Müller von Cossesseville. Er hatte einem Bettler nicht nur das Almosen verweigert, sondern ihn auch noch beschimpft. Der Bettler schickte dem Müller eine Armee von Ratten und Mäusen, die fraßen alles Korn und Mehl in der Mühle und der Müller war ruiniert. Er war schon alt und wie der Bettler, den er beschimpft hatte, musste er nun “den Stock schwingen”, den Knapsack (“bissac”, Beutel mit zwei Taschen) tragen, von Tür zu Tür gehen und nach Brotrinden suchen.

Der Bettler, der seine Rattenarmee anführt, warnt zufällige Passanten, seine Ratten nicht zu verletzen. Eines Abends schlug ein kühner Kerl, der die Warnung in den Wind schlug, mit seinem Stock nach einer Ratte, die hinkend hinter dem Trupp herschlich. Die Ratte verwandelte sich in ein grauenvolles Monster, warf sich auf den Mann und würgte ihn. Der Bettler hörte den Mann schreien und lief herbei, er half dem Mann und sagte ihm er solle schnell weggehen und niemandem etwas davon erzählen. Der Mann hielt sein Versprechen auch bis der Bettler verstarb.

Außer Ratten und Mäusen konnten die Bettler auch noch Flöhe schicken. Eines Tages verlangte der Maréchal de Bréel von einer Bäuerin ein bisschen Fett für seine Suppe. Die Bäuerin verweigerte es ihm. Er ging hocherhobenen Haupts davon. Am nächsten Tag war die Bäuerin voller Flöhe, die ihr während des Schlafens “zugelaufen” waren. Ihre kleine Tochter, die im gleichen Bett geschlafen hatte, hatte jedoch keine Flöhe. Die Bäuerin versuchte die Flöhe zu töten, aber je mehr sie erwischte, desto mehr hüpften auf ihr herum.

Acht Tage später kam der Bettler zurück und fragte frech nach etwas Fett für seine Suppe. Der Bauer ließ ihn ein, schnappte sich einen Stock und drohte dem Bettler mit einer Tracht Prügel. Der Bettler bat um Gnade und versprach “rückgängig zu machen was er gemacht hatte”. Dann beeilte er sich wegzukommen. In der Nacht verschwanden alle Flöhe von der Bäuerin, es blieb nicht ein einziger.

Der verlorene Sohn, L'enfant prodigue mendiant, Gemälde von James Tissot (1836-1902), public domain, weil das Copyright verfallen ist

Der bettelnde verlorene Sohn, L'enfant prodigue mendiant, Gemälde von James Tissot (1836-1902), public domain, weil das Copyright verfallen ist

Das Leben in der Normandie im 19. Jahrhundert muss sehr kompliziert gewesen sein. Obwohl… eine einfache Lösung für alle Probleme war Gewalt. Wenn ein Gewitter kam verprügelte man den Pfarrer, wenn man Flöhe hatte, verprügelte man den Bettler. Barmherzigkeit lässt sich scheinbar nur durch Furcht erreichen. Furcht vor dem Fegefeuer oder Furcht vor Ratten und Flöhen, so groß ist der Unterschied dann ja auch nicht.

Quelle:
Archives de Normandie von Jacques Borgé und Nicolas Viasnoff, erschienen 1993 bei Éditions Michèlle Trinckvel, Seite:171f , ISBN=9782851320285 (französisch) Das Buch ist eine Sammlung von Texten über die Normandie.

Da Jules Lecœur 1893 verstorben ist, ist sein Text gemeinfrei.
Creative Commons License
This work is in the Public Domain.

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