Aberglaube in der Normandie: Krams an Kreuzen

Kinderschuhe

Im Pays de Caux in der Region um Le Havre im Département Seine-Maritime in der Haute-Normandie kann man Kinderschuhe an “Calvaires” (Skulpturen die die Kreuzigung Christi auf dem Kalvarienberg darstellen), Wegkreuzen und Kruzifixen sehen. Der Brauch scheint jedoch nicht sehr alt zu sein, denn auf Postkarten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gemacht wurden, stehen noch keine Schuhe an den Kreuzen. Der erste dokumentierte Fall fand im Jahr 1975 statt.

Im Courrier Cauchois (Caux Kurier) wurde der Brauch am 25. Juni 1988 damit erklärt, dass Kinder, die Schwierigkeiten haben, laufen zu lernen, ihre ersten Gehversuche an den Kreuzen machen. Wenn sie es schaffen zu laufen, wird ein Schuh aus Dankbarkeit dem Kreuz gespendet. Nur ein Schuh, denn die Leute glauben, wenn zwei Schuhe gespendet werden, könnten sie gestohlen werden, und dann würde ein anderes Kind mit den Schuhen die Probleme bekommen und vielleicht nicht mehr laufen können.

Das Prinzip dieses speziellen Aberglaubens ist ein altes Prinzip, das es schon in heidnischen Religionen gab. Man geht zu einen wie auch immer geartetem Heiligtum und äußert einen wie auch immer gearteten Wunsch, der einem von diesem oder jenem Gott erfüllt werden soll. Im Aberglauben des Payx de Caux galt zudem das Prinzip des Tausches schon immer als mächtig. Das Prinzip des Tausches wäre hier: einen Schuh geben für die Heilung, wenn ein anderes Kind den Schuh tragen würde, würde es die gleichen Probleme bekommen, wie das Kind, dem der Schuh gehört hatte.

Mit der Zeit scheinen an einigen Kreuzen keine Schuhe mehr “gespendet” zu werden, dafür an anderen Kreuzen mehr denn je. Im Jahre 2002 war dieser Brauch besonders in Lintot, Epreville, Épouville und Saint-Gilles-de-la-Neuville noch sehr aktiv.

Da steht zwar was, aber Schuhe scheinens nicht zu sein, Friedhofskreuz in Varengeville-sur-mer, Seine-Maritime, Foto von Philippe Alès, Lizenz:Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0

Bänder und Wäsche

Die Christianisierung versuchte die heidnischen Götter und Riten zu verbieten. Die Bevölkerung verehrt aber immer noch die gleichen heiligen Quellen, vor allem in der Bretagne, und stellte christliche Heiligenfiguren in die alten heiligen Bäume. Christliche Kirchen wurden neben den heiligen Bäumen gebaut und die Bäume sogar in den christlichen Ritus eingebaut.

Der Brauch Wäsche oder Bänder an Kreuzen anzubringen ist vor allem im Osten des Départements Seine-Maritime verbreitet, aber auch in anderen Regionen Frankreichs. Es ist unklar wie alt der Brauch ist, aber er ist älter als der Brauch mit den Kinderschuhen. Schon 1933 wurde die Kapelle des Heiligen Maurus im Wald von Brotonne Schauplatz abergläubischer Praktiken, Mütter deren Kinder Schwierigkeiten hatten, zu laufen rieben Bänder an der Statue des Maurus, teilten die Bänder und befestigten einen Teil an der Statue. In den anderen Teil machten sie einen Knoten und gingen hinter die Kapelle, um den Knoten dort zu öffnen. Sie glaubten (oder glauben), dass die Probleme der Kinder gelöst würden, wenn sich der Knoten des Bandes löst. Dem Kind wurde der zweite Teil des Bandes umgebunden, wenn der Knoten gelöst war. Nach der Heilung brachte man das Band zurück zur Kapelle und befestigte es dort.

1959 schrieb der Pfarrer Andrieu-Guirancourt über Yerville: um einen Heiligen zu einer Heilung zu veranlassen, die nicht sofort durch medizinische Mittel erwirkt werden konnte, befestigt man an seiner Statue ein Wäschestück, das der Kranke getragen hat, oder Bänder in Farben, die symbolisch der Krankheit entsprechen. Dabei reiben die Bittsteller an der Statue und hüpfen manchmal auf einem Bein, um den Heiligen zu wecken.

Eibe mit Altar an der Kirche Saint-Pierre-des-Ifs, eigenes Foto, public domain/gemeinfrei

Dementsprechend finden sich die Bänder oder Wäschestücke nur an Kreuzen, die den Namen eines Heiligen tragen. In Ouville-La-Rivière steht ein Wegkreuz aus Sandstein, das der Heiligen Apollonia geweiht ist. Es ist vielleicht sehr alt, ein Teil des Kreuzes fehlt, es ist so einfach, dass es auch aus einem alten heiligen Stein, etwa einem Menhir, geformt worden sein könnte. An dem Kreuz befinden sich vor allem rosa Bänder. 1949 schrieb M. Millière in seinem Buch über Ouville, dass die Einwohner bei bestimmten Erkrankungen weiße, rosa oder hellblaue Bänder am Kreuz rieben. Danach banden sie sich, oder dem Kranken, eine Hälfte des Bandes um, und schlangen die andere Hälfte um das Kreuz. Das Band wurde bis zur Heilung getragen. Nach der Heilung ging man zum Kreuz und befestigte auch den zweiten Teil des Bandes dort. Als Patronin der Zahnärzte wurde (wird) Apollonia zum Beispiel angerufen wenn ein Kind Probleme beim Zahnen hat, aber auch bei Zahnschmerzen oder Zahnfleischproblemen. Im Jahre 2002 war der Brauch noch sehr aktiv, an die Hundert Bänder schmückten das Kreuz.

Kreuz voller Wäsche an einer heiligen Quelle in Bussière-Galant (Limousin), Foto von Le grand Cricri, Lizenz:Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0

In Bacqueville-en-Caux steht ein Kreuz, das dem Heiligen Leonhard von Noblat, auch Leonhard von Limoges, geweiht ist. Es wurde im 19. Jahrhundert anstelle eines Kreuzes von 1765 errichtet, das selbst anstelle eines älteren Kreuzes errichtet worden war. Françoise Bréant berichtet, dass es im 19. Jahrhundert Brauch war, das Kreuz aufzusuchen mit Kindern, die Probleme hatten zu laufen. Man ging dreimal um das Kreuz herum, dann rieb man ein weisses Band am Kreuz und befestigte einen Teil des Bandes am Kreuz, den anderen band man dem kranken Kind um. Danach führte man das Kind dreimal um das Kreuz herum, während man Gebete murmelte. Schließlich spendete man dem Heiligen eine Kerze in der Kirche und tat etwas Geld in den Opferstock. Die Bänder symbolisierten Bandagen und schufen außerdem eine Verbindung zwischen dem Heiligen und dem Kranken.

Mütter besuchten das Kreuz am ersten Dienstag im Monat, damit ihre Kinder schneller wachsen. Schwangere besuchten es um eine leichte Niederkunft zu haben. Diese Bräuche waren in Bacqueville noch im Jahre 2000 aktiv.

Quelle mit Statue in Villers-sur-le-Roule (Eure), die dem Heiligen Ursin von Bourges geweiht ist. Er soll dort Tiere von Maul- und Klauenseuche und Menschen von Mundfäule und Hautkrankheiten heilen. Das Foto ist von 2007, der Brauch war damals also noch aktiv. Foto von Hélène Dumur, Lizenz:public domain/gemeinfrei

Weiterführende Information:

Gérard A. Furon: Légendes, croyances et histoires liées au croix et calvaires en Haute-Normandie, erschienen bei Bertout 2003, ISBN= 978-2867435072

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One thought on “Aberglaube in der Normandie: Krams an Kreuzen

  1. […] Radegonde hervorgeht, die wir jetzt aber nicht gesehen haben (zu Bräuchen an heiligen Quellen: Aberglaube in der Normandie: Krams an Kreuzen/. Es wurden gerade Renovierungsarbeiten durchgeführt. Also das ist nicht die Risle, hihi, die […]

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