Aberglaube in der Normandie: verliebt, verlobt, verheiratet

Um einen Verlobten oder eine Verlobte zu finden war es bis ins 20. Jahrhundert hinein Sitte, zur Quelle der Heiligen Katharina von Alexandrien in Lisors (Eure, Haute-Normandie) zu gehen, dort Geldstücke oder Stecknadeln zu hinterlassen und um das Eingreifen der Heiligen zu bitten. In der Basse-Normandie ging man nach Saint-Céneri-le-Gérei (Orne), wo dem lokalen Heiligen und Abteigründer Cenericus eine Quelle geweiht ist. An seiner Statue wurden ebenfalls Nadeln ausgelegt, um die Bitte nach Hilfe in Liebesdingen zu unterstützen.

Die Quelle des Heiligen Cenericus in Saint-Céneri-le-Gérei.

Die Quelle des Heiligen Cenericus in Saint-Céneri-le-Gérei. Foto von Hubert, Lizenz:Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Wenn ein Verliebter bei der Familie seiner Angebeteten um deren Hand anhalten wollte, so brachte er eine Flasche Cidre mit. Vielleicht sollte er so beweisen, dass er guten Cidre machen kann. Wenn sein Ansinnen abgelehnt wurde (der Cidre taugte nichts?), legte man einen Besen quer in die Tür. Die Verlobungszeit dauerte mehrere Jahre, damit das Paar sich gut kennenlernte.

Äpfel waren generell bedeutsam, nicht nur als Cidre. Wenn ein Mädchen einen Apfel in einem Stück schälen konnte würde sie ein schönes Hochzeitskleid bekommen. Wenn sie die Schale über die Schulter hinter sich warf, zeigte die Schale den Anfangsbuchstaben des Namens ihres zukünftigen Gemahls. Den Namen konnte man außerdem herausfinden, indem man ein Stück Zucker in Wasser warf und das Alphabet aufsagte. Wenn sich das Stück Zucker auflöste, hatte man den Buchstaben. Wenn ein Mädchen einen Apfel in zwei Hälften schnitt und dabei einen Kern durchschnitt, dann dachte ihr Verlobter an sie.

Ein besonders exotischer Ritus des 19. Jahrhunderts stammt aus keltischer Zeit. Kleine Talismane in Form eines Penis, sogenannte Gargans (eigentlich der Name eines mythologischen Riesen) steckten sich junge Mädchen in ihre Bluse, um schneller einen Mann zu finden.

Beckwith James Carroll Normandy Girl

Normandy Girl (normannisches Mädchen), Gemälde von James Carroll Beckwith (1852–1917), das um 1883 entstanden ist. Lizenz:public domain/gemeinfrei

Um einen Mann verliebt zu machen, fügten die jungen Frauen seiner Tasse Kaffee oder seinem Glas Wein einen Tropfen ihres Blutes hinzu. Eine kompliziertere Methode, die hauptsächlich von Männern durchgeführt wurde, bestand darin, sich an einem Freitag im Frühling Blut abzunehmen, es auf dem Herd einzukochen, die Hoden eines Hases hinzuzugeben und die Leber einer Taube, das Ganze zu einem Pulver einzukochen und der Frau, die man verliebt machen wollte, in einem Glas Likör (vielleicht damit der Zucker im Likör den schlechten Geschmack überdeckt) zu verabreichen.

Als schlechte Vorzeichen, die eine Heirat verzögerten, galt es auf den Schwanz einer schwarzen Katze zu treten (dem wird die Katze zugestimmt haben), eine Mahlzeit zu verderben oder “Madame” genannt zu werden. Schenke einer Frau keine Perlen, denn sie sehen wie Tränen aus.

Hochzeit

La fiancée hésitante (1866) Auguste Toulmouche

La fiancée hésitante, die zögernde Braut Gemälde von Auguste Toulmouche (1829 -1890) aus dem Jahr 1866. Lizenz:public domain/gemeinfrei

Wenn Bräutigam und Braut nicht aus demselben Ort stammten, dann galten sie als horsain, als Fremde. In solchen Fällen musste die Braut den jungen Männern ihres Dorfes Geschenke machen, oder sie zur Hochzeit einladen, um ihren Ehemann zu integrieren.

Generell galt, dass die Frau die Aussteuer mit in die Ehe bringt, den Kleiderschrank, das Bett, den Geschirrschrank, der Mann brachte Tiere und Land mit, wenn es sich um eine ländliche Hochzeit handelte. Es kam aber auch oft vor, dass der Mann nichts mitbrachte.

Am Tag einer Beerdigung zu heiraten galt als schlechtes Vorzeichen. Im Mai zu heiraten war verpönt, weil der Mai der Jungfrau Maria geweiht war. Wenn zwei Schwestern am gleichen Tag heiraten würde eine unglücklich werden. Wenn es am Tag der Hochzeit regnet, würde die Braut weinen (im Deutschen sagt man auch “der Himmel weint”). Um dergleichen zu verhindern trägt die Braut ein Taschentuch oder einen Strumpf einer glücklich verheirateten Frau. Außerdem durfte die Braut ihr Brautkleid nicht selbst nähen, sie durfte vor der Hochzeit nichts essen und im Hochzeitszug nicht den Kopf drehen.

Hochzeitszug von drei Hochzeitspaaren in Auray in der Bretagne. Postkarte von 1908 aus der Sammlung H. Laurent. Lizenz:public domain/gemeinfreiung

Während sich das Brautpaar das Jawort gab, schossen junge Männer mit ihren Gewehren in die Luft, um böse Geister zu vertreiben. Während des Hochzeitsmahls stahl der Brautführer ein Strumpfband der Braut, schnitt es in kleine Stücke und verteilte sie an die Feiernden, die sie sich ins Knopfloch steckten. Diesen Brauch gibt es nicht mehr. Da unsere Zeit materialistischer geworden ist, wird das Strumpfband aber manchmal versteigert. Der Bräutigam servierte beim Hochzeitsmahl, dabei trug er eine weisse Schürze und eine Haube aus Baumwolle. Am Tag darauf übernahm seine Frau natürlich die Rolle der Hausfrau.

Wenn das Brautpaar zu Bett ging, war das Bettuch so gefaltet, dass es sich nicht ausstrecken konnte. Am Bett waren kleine Phallusstatuen und Schellen befestigt. In der ersten Nacht durfte das Brautpaar das Licht nicht löschen.

Klar gab es früher auch noch böse Zauberer (😉 ), die den Ehemann mit einem Fluch der Erektionsschwäche belegen konnten (aiguillette nouée). Gewirkt wurde der Fluch, indem der Zauberer in die Nähe des Hauses des Bräutigams ging, den Mann rief, und wenn er antwortete, einen frischen Wolfspenis mit einem weissen Band umwickelte. Gegen diesen Fluch aß der Bräutigam einen gebratenen Grünspecht, gesalzen mit geweihtem Salz. Wenn das nichts half, atmete er den Rauch eines Zahns von einem kürzlich verstorbenen Mann ein (igitt), pinkelte über seinen Ehering, beschmierte die Türschwelle mit Wolfsfett und machte sich einen Ring, in den das Auge eines Wiesels eingefasst war.

Von der Hand in die Pfanne, ein Grünspecht. Foto von Andrea Lupo, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Am Morgen nach der Hochzeitsnacht wurde die “Chaudée” (etwa: die Erhitzte) zubereitet, aus Weisswein mit verschiedenen Gewürzen, darunter Pfeffer und Chili. Das Gebräu galt als Aphrodisiakum.

Um besonders gut in der Liebe zu sein, aß man Turteltauben, Schwalben, Ringeltauben oder Spatzen. Das erklärt, warum sich die Adeligen alle Taubenhäuser gebaut haben (kleiner Witz). Wenn jemand wollte, dass seine Frau besonders leidenschaftlich wurde, verabreichte er ihr eine Tollkirsche. Ihre Augen glänzten dann, das Blut rauschte in ihren Ohren und sie war die ganze Nacht willig. In anderen Gegenden brachte man so Leute um.

Wie in vielen anderen Gegenden war das Charivari üblich, wenn das Brautpaar sehr unterschiedlichen Alters oder schon einmal verheiratet war. Dabei störte die Jugend des Dorfes die Hochzeit, bot Blumen an und verlangte dafür Geld, um eine Feier zu organisieren. Wenn das Brautpaar zustimmte, wurde am folgenden Sonntag eine Feier veranstaltet. Wenn das Brautpaar nicht zustimmte, machten die jungen Leute, die sich mit den jungen Leuten anderer Dörfer zusammengetan hatten, Krach, mit allem was Krach macht, Pfannen, Schilder, Glocken und so weiter, und zwar vor dem Haus der frisch Vermählten. Ab und zu hörten sie auf zu lärmen und stellten sich laut obszöne Fragen auf die sie obszöne Antworten gaben. Das Gelärme dauerte drei Tage und Nächte, während der Zeit war das Brautpaar in seinem Haus eingesperrt. Der Brauch wurde im 19. Jahrhundert von der Justiz verboten.

Frei nach:
Croyances Populaires de Normandie von Solange Lebreton, erschienen bei Éditions Bertout 2005, ISBN=2-86743-587-0

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