Der Marquis de Tombelaine, eine menschliche Touristenattraktion

Tombelaine

‘Tombelaine ist eine Insel in der Region Basse-Normandie in Frankreich und liegt im Ärmelkanal. Sie gehört zum Département Manche und liegt 2,5 Kilometer nördlich der Nordspitze des Mont-Saint-Michel und südwestlich der Gemeinde Genêts. Die Insel ist umrankt von Legenden, die Nichte eines englischen Königs soll dort begraben sein und ein keltischer Gott.

Die Insel ist heute unbewohnt und wird als Vogelschutzgebiet genutzt. Im Mittelalter war sie jedoch bewohnt, 1048 zogen sich zwei Mönche auf Tombelaine zurück und bauten dort die ersten bescheiden Behausungen sowie eine Kapelle. Im 13. Jahrhundert wurde eine Priorei errichtet. Im Hundertjährigen Krieg (1337-1453) errichteten die Engländer eine Burg auf Tombelaine. In den Hugenottenkriegen (1562-1598) ließen die Protestanten auf der Insel Geldstücke aus Objekten gießen, die sie aus katholischen Kirchen gestohlen hatten. Im 17. Jahrhundert wurde der Finanzminister Ludwigs XIV. (1638-1715), Nicolas Fouquet (1615-1680), Marquis de Belle Isle, einer bretonischen Insel, verdächtigt, einen Aufstand (“Fronde”) zu organisieren. Tombelaine galt als einer der Stützpunkte dieses Aufstands, deshalb ließ Ludwig XIV. sämtliche Gebäude auf der Insel zerstören.

1925 versuchte eine örtliche Vereinigung die touristische Nutzung von Tombelaine durchzusetzen, es sollten Hotels und Casinos gebaut werden. Der französische Staat beanspruchte die Insel 1933, klassifizierte sie 1936 als Monument historique (historisches Denkmal) und richtete 1985 ein Vogelschutzgebiet auf der Insel ein. Heute nisten Möwen und Brandgänse auf Tombelaine.

tombelaine

Tombelaine, im Hintergrund der Mont-Saint-Michel, man kann ganz gut das Watt sehen. Foto von Nitot, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Der Marquis de Tombelaine

Sein wirklicher Name war Joseph-Marie Gautier, er wurde am 22. April 1853 in Allineuc in der Bretagne geboren. Seine Mutter war eine Bettlerin und konnte den kleinen Joseph-Marie nicht ernähren, sie gab ihn deshalb an ein Hospiz in Saint-Brieuc. Als Joseph-Marie Gautier 20 wurde beging er kleines Delikt und wurde dafür einen Tag lang eingesperrt. An diesem Tag nahm er das Pseudonym Jean Lideluge an, das er später zu Jean le Déluge änderte. “Déluge” bedeutet “Sintflut”. Etwa ab 1880 schlief Jean le Déluge, wie einige Fischer der Gegend, im Sommer in Ligusterhecken oder in provisorischen Unterkünften auf Tombelaine.

Er wird beschrieben als ein Mann mit einem runden Gesicht, großen, blauen Augen und einer großen und langen Menge Haupt- und Barthaar. Er sei außerdem von großer Statur und sehr kräftig gewesen. Er war sehr redegewandt und erregte so die Aufmerksamkeit der Journalisten, die zum Mont-Saint-Michel kamen. Sie machten ihn in Artikeln und durch Postkarten zu einer Legende. Die Postkarten zeigten ihn, mit seiner Baskenmütze, seinem Rückentragkorb und seiner “Bichette“. Die Bichettes der Bucht des Mont-Saint-Michel sind zwei lange Stangen, zwischen denen ein Netz gespannt ist. Die Stangen werden auseinandergeklappt, so dass sich das Netz aufspannt, dann wird das ganze ins flache Wasser gehalten, um Muscheln, Krebse und kleine Fische zu fangen. Jean Déluge posierte gerne für die Fotografen und prahlte mit seinem angeblichen Glück bei Pariser Schauspielerinnen, die den Mont-Saint-Michel besuchten. Er warb auch als Marktschreier für das erste Museum das in Mont-Saint-Michel von einem Privatmann eingerichtet worden war. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit dem Fischen, als Gepäck- oder Touristenträger. Leute, die sich nicht die Füße nass machen wollten ließen sich zum Mont-Saint-Michel tragen. Es gab vor der Errichtung des Dammes viele Männer die Touristen durch das Watt trugen, sie wurden “Passeurs” genannt, Fährmänner. Der Damm wurde von 1877 bis 1879 gebaut, man kann sich also vorstellen, dass der “Marquis” die beste Zeit der “Passeurs” schon verpasst hatte.

Jean le Déluge bekam noch etwas Geld aus dem Verkauf der Andenken, Bilder und Broschüren, die der Besitzer des Museums verkaufte, sein Anteil am Verkauf war jedoch sehr gering. Die Broschüre hieß “Mémoires du Marquis de Tombelaine”, es gab sie in französischer und englischer Sprache.

marquis de tombelaine

Zeichnung des Marquis de Tombelaine in Les Enfants de Louisette von Marie Miallier erschienen 1893, laut Gallica public domain/gemeinfrei

Der Titel “Marquis” war eine Anspielung auf den oben genannten Marquis Fouquet. Jean Déluge wurde schließlich sogar von der Bevölkerung Jean de Tombelaine genannt. Er bekam ein Image, das an die Romanfigur Jean Valjean aus dem 1862 veröffentlichten Roman “Les Miserables” von Victor Hugo (1802-1885) angelehnt war. Ein ehemaliger Sträfling, der sich selbst Bildung und Wohlstand erarbeitet, ein Symbol für das Gute im Menschen und die Fähigkeit sich zu weiterzuentwickeln.

Das harte Leben, das er führte, hinterließ jedoch seine Spuren. Mit den Jahren verließ ihn seine Redseligkeit, und auch Körperkraft und Gesundheit ließen nach. Im Winter 1891/92 brach Jean de Tombelaine sich ein Bein und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Ein oder zwei Monate nach seiner Entlassung verirrte er sich im Nebel. Am 30. März 1892 fand ein Bauer ihn nackt an einem Strand bei Saint-Broladre tot auf. Er war im Alter von 39 Jahren ertrunken. Sofort entstand eine Legende, die behauptete, er sei bei dem Versuch gestorben, jemanden vom Ertrinken zu retten. Er wurde in Saint-Broladre begraben.

Da der Marquis eine beliebte Kuriosität am Mont-Saint-Michel gewesen war, wurde sein Platz von “falschen Marquis” eingenommen. Das führte dazu, dass es später umstritten war, wie der “echte” Marquis ausgesehen hat. Bis 1939 gab es sogar noch zwei Männer die sich als Nachkomme des Marquis de Tombelaine ausgaben. Der Zweite Weltkrieg beendete die Legenden und der Marquis de Tombelaine geriet in Vergessenheit.

Le Marquis de Tombelaine retomba dans les flots, perdit sa connaissance et noya. Der Marquis von Tombelaine fällt zurück in die Fluten, verliert das Bewusstsein und ertrinkt. Illustration von Ferdinand Raffin in Le tour de France en aéroplane von 1910. Lizenz laut Gallica public domaine/gemeinfrei

Quellen

Verwurstung eines Wikipediaartikels über Tombelaine, an dem ich maßgeblich beteiligt war. Wegen Doofgnu der Link zur Versionsgeschichte. Und zu den einzelnen Benutzerseiten, Ora Unu, Umweltschützen, Bötsy, Meleager, Telim tor, ich und Cholo Aleman.

Das Leben des Marquis de Tombelaine ist dem Buch: Tombelaine: l’îlot de la baie du Mont-Saint-Michel von Robert Sinsoilliez entnommen, es erschien 2000 bei Ancre de Marine Editions. ISBN=9782841411573, Seite=183-186

Zu den Quellen der Bilder kommt man, wenn man draufklickt.

Creative Commons License
Der Marquis de Tombelaine, eine menschliche Touristenattraktion von stanze, Stanzilla, stanzebla steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s