Stecken

Tom fand an Selina besonders interessant, dass sie noch nie ein Cyberspiel gespielt hatte. Ihre Eltern hatten ihr eine Buchse implantieren lassen, eine besonders teure Sicherheitsbuchse sogar. Sie sagte, sie hätten das gemacht, weil sie nicht wollten, dass sie benachteiligt wäre. Sie hatte auch einen Anwendergrundkurs absolviert, mit Bürokram, Textverarbeitung und so etwas. Selina sah natürlich auch gut aus, sie hatte einen dunklen Teint, weil ihre Grosseltern Haitianer waren. Sie hatte ausserdem mandelförmige Augen und dickes, schwarzes, kurzgeschnittenes Haar. Leider hing sie fast die ganze Zeit mit ihrem Freund Mart herum. Tom nahm an, dass ihr Freund sie faszinierte weil er steckersüchtig war, sie hatte einen Helferkomplex. Mart zog den Stecker nur deshalb raus, weil er gerade noch vernünftig genug, war eine Freundin behalten zu wollen, die ihm sichere Steckplätze bezahlte. “Normale” Steckersüchtel gingen zu den öffentlichen Zellen, die noch in vielen abgelegenen Ecken der Stadt herumstanden. Sie waren zwar verboten worden, als die ersten Todesfälle bekannt geworden waren, die Konzerne erlaubten aber nicht sie abzubauen. Und es gab sogar ein Gerücht, dass sie die Steckerzellen benutzten, um neue Software auszuprobieren. Die Zellen waren nicht nur deshalb gefährlich, weil man nicht beaufsichtigt wurde, pubertierende Burschen wanderten manchmal dorthin, um Steine auf die Süchtigen zu werfen. Das war natürlich auch verboten, aber an solchen Orten kam fast nie eine Polizeipatrouille vorbei.

bouteille de sprite abandonnée sur une plage du pas-de-calais

Plastikflasche an einem Strand in Pas-de-Calais. Foto von Falken, Lizenz: CC by SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

Zu dritt waren sie durch das Einkaufs- und Vergnügungszentrum der Stadt gestreift, auf der Suche nach einem bewachten Steckplatz. Als Mart versorgt war- der blasse, dünne Bursche war wie eine Schnecke von Selinas Schulter auf einen gepolsterten Sessel geglitten und hatte sofort eingesteckt-, fragte Tom das Mädchen, ob sie schon einmal öffentliche Steckzellen gesehen habe. Sie verneinte. Und die beiden gingen zum Strand. Am Deich gab es eine öffentliche Steckerzelle, von der aus man auf das dunkelschimmernde Meer schauen konnte. Er fand das sehr romantisch, ausser natürlich irgendwelche Kids tauchten auf. Die Zelle war gut besetzt mit dünnen Gestalten in altmodischen Klamotten, die einfach nur herumstanden und manchmal vor sich hin brabbelten.

Die beiden kletterten an der Metallleiter an der Seite hoch und hangelten sich zu einer freien Zelle. Dann sahen sie übers Meer. Der Wind roch nach Salz, Algen und Öl. Das Meer war so dunkel wie die Nacht, Tom wurde ganz schwindelig, so nah neben ihr. Ihm schien als tauschten Himmel und Meer die Plätze. Dann sahen sie sich in die Augen. In dem Moment tönten vom Strand laute Stimmen hoch, eine Gruppe von Kids zerstörte die Romantik. Tom und Selina kletterten schnell von den Steckerzellen hinunter und gingen in die Innenstadt zurück.

Da bin ich aufgewacht und konnte auch keine Fortsetzung träumen, weil es schon 9 Uhr war und ich mich schnell um die Schafe kümmern musste. Ich hab wahrscheinlich früher zuviel Cyberpunk gelesen.

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