Die Besessenen von Louviers

Louviers ist eine französische Stadt mit 18.120 Einwohnern (Stand 1. Januar 2007) im Département Eure in der Region Haute-Normandie. Sie liegt am Ufer des Flusses Eure etwas westlich der Seineschleifen im Osten des großen Walds Forêt domaniale de Bord-Louviers, 25 Kilometer südöstlich von Rouen.

Kanal der Eure in Louviers, Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Geschichte von Louviers

Die Stadt war im 9. Jahrhundert als “Locos veteris” (alter Ort) bekannt. Am 10. Februar 856 feierte der König Ludwig der Stammler in Louviers die Verlobung seines Sohnes Ludwig mit einer Tochter Erispoës, des Herzogs der Bretonen. Locos veteris war wahrscheinlich nicht der ursprüngliche Name des Ortes. Der Name ist aber aus dem Lateinischen entstanden, eventuell aus “Luparius” (‘Wolfsjäger’) oder aus der Veränderung von “Lupariae” zu “Louvières” (‘Wolfsbau’). Beides deutet jedenfalls darauf hin, dass die Ortschaft schon in gallo-römischer Zeit (52 v. Chr. bis 486 n. Chr.) existiert hat und dass es vor Ort Wölfe gegeben haben muss.

Geschichte des Klosters Saint-Louis-Sainte-Elisabeth-Saint-François

Das Kloster Saint-Louis-Sainte-Elisabeth-Saint-François wurde 1616 gegründet, ab 1625 erbaut und die Klosterkirche wurde 1645 geweiht. Das Kloster bestand bis zur Französischen Revolution (1789-1799).

Kreuzgang des Wasserklosters des Büsserordens in Louviers aus dem 17. Jahrhundert. Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ Gemeinfrei

Die Namensgebung des Klosters war vom König selbst beschlossen worden, eigentlich sollte das Frauenkloster “Saint-Élisabeth” heissen. Der König wollte, dass der französische König Louis IX (1214-1270) geehrt würde, und dass das Kloster dem dritten Orden des Heiligen Franziskus angehörte (Tier-Ordre de Saint François). Die Gründerin war Catherine Hennequin (geborene Catherine le Bis), die Witwe von Jean Hennequin, der zum Finanzministerium des Königs gehört hatte und 1602 wegen Unterschlagung hingerichtet worden war.

Catherine Hennequin, ihre Adoptivtochter und ein paar Töchter reicher Pariser Adliger fuhren 1617 nach Louviers und 13 oder 14 Mädchen und Witwen erhielten den Ordenshabit. Es gab sofort Streitigkeiten seitens der männlichen Geistlichen aus Paris, die an der Gründung beteiligt waren. Sie stritten darum, wer das Kloster leiten sollte. Mussart war der Leiter des Ordens in Paris, er brachte zwei Nonnen aus Paris nach Louviers, die die anderen unterrichten sollten und ernannte eine zur Vorsteherin. Sie wurde von dem Pariser Priester nicht akzeptiert, der die Klostergründung in die Wege geleitet hatte. Und natürlich fühlte sich Catherine Hennequin ebenfalls übergangen, denn mit ihrem Geld war das Kloster finanziert worden. Die beiden Nonnen aus Paris wurden also wieder zurückgeschickt und Catherine Hennequin wurde als Catherine-de-Jésus Priorin. Mussart protestierte daraufhin und liess das Kloster durchsuchen. Man fand nichts ungewöhnliches. Catherine Hennequin starb 1622. Ihre Adoptivtochter Françoise Gaugain wurde als Françoise-de-la Croix die zweite Vorsteherin des Klosters, sie war damals 31 Jahre alt. 1625 erkrankte sie und fuhr nach Paris, um sich dort behandeln zu lassen. Sie blieb in Paris und wurde dort dort Leiterin eines Klosters des Augustinerordens. David blieb in Louviers und war nun unangefochtener Leiter des Frauenklosters bis er 1628 starb.

Marie Salomé, Statue, die in der Kirche Notre-Dame aus dem 13. Jahrhundert auf dem Dachboden gefunden wurde. Foto aus der Base Mémoire des Ministère de la culture.

Danach wurde das Kloster von Mathurin Picard (dem Pfarrer der Gemeinde Le Mesnil-Jourdain) und seinem Vikar Thomas Boullay geleitet. 1642 verstarb Picard. Er wurde in der Klosterkirche begraben und eine Welle der Hysterie ergriff das Kloster. Besonders die jüngeren Nonnen hatten Halluzinationen, in denen sie Pfarrer Picard sahen, der in ihrer Zelle erschien. In der Kirche sahen sie Flammen aus seinem Grab aufsteigen. In anderen Halluzinationen traten dämonische Fabelwesen auf. Es traten auch körperliche Symptome von Hysterie auf, junge Nonnen hatten Anfälle, in denen sie ihren Rücken extrem bogen, manchmal konnten sie sich nur ruckartig bewegen. “Besessene” stiessen blasphemische Beschimpfungen und Beleidigungen aus. Von 1643 bis 1647 wurden die Fälle von “Besessenheit” untersucht, die Nonnen wurden verhört und teilweise öffentlichen Teufelsaustreibungen ausgesetzt, was natürlich die Hysterie verschlimmerte. Der Bischof von Évreux, Péricard, musste aus Paris anreisen und die Fälle selbst untersuchen. Er liess eine der Nonnen, Madeleine Bavent, lebenslang ins Gefängnis werfen. Picards Gebeine wurden ausgegraben und in eine Marnière geworfen. Der Bischof dachte, damit sei die Sache erledigt und kehrte nach Paris zurück. Aber die Angehörigen von Picard protestierten und verlangten seine Gebeine zurück.

Die Grablegung, Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche Notre-Dame in Louviers, Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Daraufhin übernahm eine königliche Kommission die Angelegenheit, sie wurde vom Kapuzinermönch Esprit-de-Bosroger geleitet. Madeleine Bavent wurde bis 1647 200 Mal meist öffentlich verhört beziehungsweise exorziert. Im Mai 1647 begann der eigentlich Prozess am Parlement de Normandie in Rouen. Picard und Boullay wurden wegen Zauberei und Hexerei zum Tode verurteilt, der tote Körper Picards und der gefolterte, lebende Körper Boullays wurden zusammen am 21. August 1647 in Rouen auf dem Platz “Vieux-Marché” (‘alter Markt’) verbrannt. Auf dem gleichen Platz war 1431 Jeanne d’Arc verbrannt worden. Madeleine Bavent wurde nicht hingerichtet, man liess sie als Zeugin am Leben. Sie war inzwischen verrückt geworden und starb im Gefängnis sechs Jahre später. Die Unterlagen aus der Untersuchung wurden nach dem Prozess vernichtet.

Das Kloster stand früher am Platz Ernest Thorel. Alte Postkarte aus dem Départementsarchiv.

Das Parlement hatte angeordnet das Kloster zu schliessen. Stattdessen wurden die hysterischen Nonnen behandelt und kehrten fast alle später zurück. Das öffentliche Interesse verhalf dem Kloster sogar zu besserem Ansehen, da man Mitleid mit den armen “Besessenen” hatte. Bei seiner Gründung hatte es 14 Nonnen, zur Zeit der Hysterie 52 und bei seiner Auflösung im Jahr 1789 32 Nonnen. Die Gebäude des Klosters wurden ab 1791 umfunktioniert oder zerstört.

Norden des Place Ernest Thorel, alte Postkarte aus dem Départementsarchiv.

Quellen:

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. Band 1, Librairie Droz, 1990, ISBN 9782600028844, S. 344

Auguste Le Prévost; Léopold Delisle, Louis Paulin Passy (edit.): Mémoires et notes de M. Auguste Le Prevost pour servir à l’histoire du département de l’Eure. Band 2, Auguste Herissey, Évreux 1864, S. 335-355

Louviers in the Base Mérimée. Ministère de la culture

L’Histoire du Couvent de Saint-Louis – Sainte-Elisabeth. Société d’Etudes Diverses de Louviers et de sa région

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