Die heidnische Bretagne, die Pointe du Raz und die Stadt Ys

Als Gallien von den Römern besetzt war, nahm der keltische Geist Zuflucht in Armorica. Drei Jahrhunderte lang litt die Region unter dem Joch der römischen Legionen und Steuereintreiber. Sie hörte jedoch nie auf, dagegen zu rebellieren. Ein Teil der Bevölkerung emigrierte nach Grossbritannien, es wurde zum Asyl der Druiden und Barden. Im 4. Jahrhundert kam Conan Meriadec (gest. um 421) aus Grossbritannien nach Armorica und bekämpfte die Römer. Er wurde zum Herzog eingesetzt und unterstand als solcher der römischen Regierung, konnte aber weitgehend unabhängig über Armorica herrschen. Conan Meriadecs Herrschaftsgebiet wurde “Bretagne” genannt. Verschiedene Quellen sind sich uneins darübern, ob sich die Bretagne um 409 schon von den Römern lossagte. Die Herrschaft der Römer über ganz Gallien endete jedenfalls 486 mit der Schlacht von Soissons in der Picardie endgültig.

Die Periode der Unabhängigkeit der Bretagne, die bis zum 9. Jahrhundert reichte, wurde “la période des rois”, ‘die Zeit der Könige’ genannt. Sie war von inneren Machtkämpfen gekennzeichnet. Manchmal gelang es einem Stammesführer, die anderen Stämme zu vereinigen und Invasionen von Franken oder Normannen abzuwehren. Dieser Stammesführer nahm dann den Titel “penn-tigern” (auch “tiern”, Haupt-Stammesführer, taucht in den Namen “Vortigern” dessen Sohnes “Katigern” und dem Vornamen “Kentigern” auf), “Conan” oder “König Armoricas” an. Weitere berühmte bretonische Herrscher jener heidnischen, heroischen, barbarischen und wilden Zeit waren Gradlon, Nevenoe (auch Nominoe, † 7. März 851) und Alan II. Varvek (frz. Alain Barbetorte, deu. Alan Krummbart, 910 – 952).

Im heutigen französischen Département Morbihan befinden sich zahlreiche Zeugnisse aus prähistorischer Zeit. Das heutige Département Finistère (bret. ‘Penn-ar-Bed’) war das Zentrum der unabhängigen und heidnischen Bretagne. Einige der heidnischen Traditionen und Sagen sind erhalten geblieben. An den Küstenvorsprüngen der Finistère trifft die Einsamkeit des Meeres auf die Einsamkeit des Landes. Die Pointe du Raz (bret. Beg ar Raz, “raz” bedeutet ‘heftige Meeresströmung’) ist ein Küstenvorsprung in der Finistère, er gehört zur Gemeinde Plogoff (bret. Plougoñ). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in der Enöde hinter dem Ortsteil Lescoff nur noch eine Windmühle in der Ferne sehen oder eine Schäferin die mit ihrer Spindel an einer Stechginsterhecke sass. Auf der Pointe du Raz hört man von unten das Brausen des Meeres, stossartige Wellen erschüttern den ganzen Felsvorsprung. Wo der Fels endet liegt das Meer und nähert sich von drei Seiten. Wenn man dort steht und hinausblickt, ist es, als gäbe es nur das Meer und den Himmel. Vor der Pointe du Raz steht der “Phare de la Vieille” (‘Leuchtturm der Alten’), der 1887 eingeweiht wurde.

1950 wurde das Hôtel de L’Iroise auf der Pointe du Raz gebaut. Da der Tourismus in den folgenden Jahren seine Spuren hinterliess, es gab ausgetretene Trampelpfade und Imbissbuden an der Pointe du Raz, beschloss die Regierung den Küstenvorsprung zu renaturieren. 1996 wurde das kleine Hotel deshalb abgerissen. Die ehemalige Besitzerin Madame Le Coz starb Anfang 2008 in einem Altersheim in Cléden-Cap-Sizun.

Der Sage nach hörten die Fischer jener Gegend manchmal um Mitternacht ein Klopfen an der Tür. Wenn sie nachsahen, fanden sie leere Boote an der Küste, von denen man annahm, dass Geister darin sassen. Von einer mysteriösen Macht getrieben setzten sich die Fischer an die Ruder und die Boote sausten davon. Wenn sie die Île de Sein (bret. Enez-Sun) erreichten, hörten sie Stimmen, die ihre Namen sagten. Dann verschwanden die Stimmen und damit auch die Geister.

An der Baie de Trépassés (deu. Bucht der Verstorbenen, bret. Bae an Anaon) versammeln sich die Seelen der Ertrunkenen. An Allerseelen am 2. November laufen die Seelen der Ertrunkenen wie flüchtige, weisse Gischt über die Wellenkämme und in der ganzen Bucht erklingen Stimmen, Rufe und Geflüster.

Einer anderen Sage nach treffen sich die Seelen von Liebenden, die Selbstmord begingen, weil sie nicht heiraten durften, an Allerseelen auf dem Sandstrand der Bucht. Die Flut vereint sie und die Ebbe trennt sie wieder.

Der Enfer du Plogoff, eine Felsgalerie an der man das Stöhnen der Verstorbenen hören soll. Foto von Eschallier aus der Base Mémoire des Ministère de la Culture

Die interessanteste Sage der Gegend ist die der versunkenen Stadt Ys (bret. Kêr-Is). Sie ist ein Widerhall der heidnischen Geschichte Armoricas im 4. und 5. Jahrhundert. In dieser Sage manifestiert sich die Angst vor den heidnischen Kulten, vor der ungezügelten Sinnenlust der Frauen und vor dem Ozean. Im 5. Jahrhundert herrschte der König Gradlon über Cornouaille (bret. Kerne, lat. Cornu Galliae). Er war ein Pirat, Eroberer und wurde mehrmals zum “Conan” von Armorica ernannt, weil er das Land gegen die Germanen verteidigte. Bevor er König wurde unternahm er Raubzüge gegen die Sachsen in England und gegen die Pikten und Skoten in Schottland. Von seinem letzten Raubzug brachte er ein schwarzes Pferd und die rothaarige Frau Malgven mit.

Das Pferd hiess Morvark und liess sich nicht zähmen, es liess sich nur von der Königin Malgven und dem König Gradlon besteigen. Andere warf es ab und fixierte sie mit seinen schwarzen, fast menschlich wirkenden Augen, und schnaubte, wobei eine Flamme aus seinen Nüstern zu schiessen schien. Die rothaarige Malgven trug ein goldenes Diadem und eine dunkelblaue Brünne aus Stahl. Ihre Arme waren weiss wie Schnee und sie hatte leuchtend blaue Augen. Niemand erfuhr jemals, wie Gradlon die Frau bekommen hatte. Man sagte, sie sei eine irische oder skandinavische Zauberin, die ihren ersten Mann durch Gift getötet habe, um Gradlon zu folgen.

Gradlon auf Morvark, Statue auf der Kathedrale von Quimper. Foto von Archibald Tuttle, Lizenz: CC by/ Creative Commons Namensnennung 3.0 unported

Als Gradlon König wurde, verstarb Malgven plötzlich und hinterliess Gradlon eine kleine Tochter, die auf dem Meer geboren worden war. Die Tochter wurde Dahut genannt. König Gradlon trauerte sehr um Malgven und wurde depressiv.

Dahut wuchs auf und war ihrer Mutter sehr ähnlich. Ihre Haut war noch weisser, ihre Haare von einem dunklerem Rot und ihre Augen wechselten die Farbe wie das Meer. Sie allein konnte Gradlon aufheitern. Wenn er Dahut ansah, war ihm, als sei Malgven zurückgekehrt. Dahut fühlte sich am Meer am wohlsten und verlangte von ihrem Vater, dass er ihr eine Stadt am Meer erbauen lassen solle. Tausende von Sklaven erbauten die Stadt, die von einem riesigen Deich vor Überflutung geschützt wurde. Hinter dem Deich lag ein Becken, dass das Meerwasser bei Springfluten aufnehmen sollte. Im Deich gab es eine Schleuse, die den Zufluss in das Becken regelte. Auf einem Fels an der Küste stand der Palast von Dahut und Gradlon.

Fischer beobachteten, dass Dahut manchmal am Palast nackt im Meer schwomm und am Strand geheimnisvolle Lieder an das Meer sang in denen sie sich selbst als “Verlobte des Meeres” bezeichnete. Eines Tages warf sie einen Ring in die Fluten und daraufhin rollte eine Welle an den Strand, die sie bis zu den Hüften umschloss.

Ys wuchs und wurde die reichste Stadt von Cornouaille. Viele Boote zerschellten an der Küste, die Bewohner von Ys nahmen das Strandgut und versklavten die Überlebenden. Der einzige Gott, den die Bewohner von Ys anbeteten war der Ozean. Einmal im Monat wurde ihm zu Ehren ein Gottesdienst zelebriert. Die Zeremonie wurde am Strand vollzogen, Dahut thronte in der Menge und Barden riefen das Meer an, dann wurde die Schleuse geöffnet und Wasser floss herein. Man warf Netze in dem Becken aus und fing Fische. Dahut gab rosafarbene Muscheln als Talismane an die Menge aus.

Wenn ihr Blick auf einen Mann fiel, der ihr gefiel, dann verliebte er sich sofort in sie und sie lud ihn in ihren Palast ein. Wenn er aber in den Palast ging, wurde er nie wieder gesehen. Stattdessen sah man später bei Nacht einen Reiter auf einem schwarzen Pferd, der ein grosses Bündel von der Pointe du Raz oder genauer gesagt von der Felsgalerie “Enfer du Plogoff”, der ‘Hölle von Plogoff’, in die Baie des Trépassés warf.

Landévennec, Ruinen der Abtei Saint-Guénolé, Foto von Camille Enlart (1862-1927), Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Eines Tages ging Dahut mit einem Barden nach Landévennec (bret. Landevenneg), um das Grab des Heiligen Guénolé (bret. Gwenole, deu. Guengalaenus, nach 460 bis 532) zu besuchen. Sie ging allein in die Gruft, als sie ihre Fackel anzünden wollte, sah sie die Gestalt eines Mannes, der sie erschreckte. Er hob die Hand und befahl ihr zu gehen. Von Angst ergriffen, lief sie hinaus. Vor der Gruft wartete der Barde auf sie, sie erzählte ihm, was passiert war und sie gingen zusammen wieder hinein. Der Mann war verschwunden und der Barde prophezeite Dahut daraufhin, dass ein Mann, der so aussähe wie das Phantom, ihr eines Tages Unglück bringen würde.

Einige Zeit später bekam Dahut einen Pagen namens Sylven. Jener junge Mann sah genauso aus wie das Phantom, und Dahut verliebte sich in ihn. Ihn wollte sie nicht töten. Inzwischen wurden die Angehörigen der Verschwunden rebellisch, es gab eine Revolte. Die Menge ging mit Heugabeln bewaffnet zum Palast und forderte den Kopf von Dahut.

Dahut lag auf ihrem Bett und spielte mit den schwarzen Locken von Sylven. Dann erklärte sie Sylven, dass sie ihn liebe, sie umarmte ihn und ignorierte den Aufruhr der Leute. Sylven bat sie mit ihm zu fliehen, aber sie schickte ihn auf den höchsten Turm des Palastes, um nachzusehen, welche Farbe das Meer hat. Er sagte ihr das Meer sei dunkelgrün und der Himmel schwarz. Woraufhin sie sagte, sie hätte nichts zu befürchten. Dann schrie Sylven nun sei der Himmel bleich und das Meer fahlgelb und weiss voller Gischt und das Meer würde ansteigen. Dahut nahm das nicht ernst und machte sich über “ihren alten Ehemann” den Ozean lustig. Daraufhin wurde das Meer schwarz wie Pech und die Wellen waren so hoch wie Berge.

Die Menge drang in den Palast ein und Dahut verliess das Gebäude mit Sylven durch eine geheime Tür. Die beiden gingen auf den Deich. Dahut befahl Sylven die Schleuse zu öffnen. Denn sie war wütend und wollte die Stadt überfluten, weil die Leute sie hatten töten wollen. Sylven tat wie sie ihm befahl und wurde sofort von einer Welle erfasst und ertränkt. Als Dahut dies sah, eilte sie zu ihrem Vater und die beiden flohen auf seinem Pferd Morvark. Der Ozean schrie nach seiner Verlobten und setzte ihr nach. Der Heilige Guénolé befahl Gradlon, seine Tochter loszulassen und hinter den Fliehenden stiegen aus dem Enfer de Plogoff die Seelen der ehemaligen Liebhaber von Dahut auf. Als Dahut die Geister sah, verloren ihre eiskalten Hände den Halt und sie rutschte in die Fluten. In dem Moment als Dahut in den Wogen ertrank, beruhigte sich das Meer. Der Strand lag verlassen, die Stadt aber war zerstört.

Die Flucht des Königs Gradlon von Evariste-Vital Luminais (1822-1896). Quimper, Musée des Beaux-Arts. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Gradlon ging daraufhin nach Quimper (bret. Kemper) und wurde Christ. Als Gradlon starb, wurde sein Pferd Morvark verrückt vor Kummer und rannte davon. Noch heute kann man in manchen Nächten das Klappern seiner Hufe hören. Auf der Kathedrale von Quimper wurde zu Ehren von Gradlon und Morvark eine Statue errichtet. Die Bewohner der Region scheinen immer noch stolz auf ihren alten König Gradlon zu sein und das Pferd Morvark symbolisiert für sie vielleicht die alte und freie Bretagne.

Quellen und weiterführende Informationen:
Les grandes légendes de France : les légendes de l’Alsace, la grande Chartreuse, le Mont Saint-Michel et son histoire, les légendes de la Bretagne et le génie celtique von Édouard Schuré (1841-1929), erschienen 1908 bei Perrin in Paris. Seite 209-228; das Werk ist gemeinfrei.

deutsches Video über das ehemalige Hotel auf der Pointe du Raz; von Mark-Steffen Göwecke, Burkard Grygier und Peter Mößmer

Dahut auf dem Umschlag eines Comic-Heftes der Reihe “les Druides” von Jean-Luc Istin, Thierry Jigourel und Jacques Lamontagne.

3 thoughts on “Die heidnische Bretagne, die Pointe du Raz und die Stadt Ys

  1. […] Insel Île de Ré (Charente-Maritime), 139 km/h in Clermont-Ferrand (Puy-de-Dôme), 133 km/h am Kap Pointe du Raz (Finistère), 127 km/h in Clamecy (Nièvre), 126 km/h in Vannes (Morbihan), 115 km/h in La […]

  2. […] gibt es zahlreiche Sagen, etwa über König Gradlon und sein schwarzes Pferd Morvark, dessen Hufgeklapper in manchen Nächten heute noch zu hören sein soll. Oder die über Gradlons […]

  3. […] „Die Hölle von Plogoff“, L’enfer de Plogoff. Außerdem gibt es zahlreiche Sagen, etwa über König Gradlon und sein schwarzes Pferd Morvark, dessen Hufgeklapper in manchen Nächten heute noch zu hören sein soll. Oder die über Gradlons […]

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