Kann Nietzsche töten?

In der Nacht hatte ich von einem Wildschwein geträumt, das unsere Haustür einrammte. Das hat wohl am leichten Schnarchen meines Lebensgefährten gelegen. Er hatte Spätschicht, konnte also noch ausschlafen. Wir wohnen am äussersten Südrand von Dortmund, unweit des Schwerter Waldes. Es ist aber trotzdem nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Wildschwein bis zu unserem Haus läuft. Der Schwerter Wald verdient nicht mehr wirklich die Bezeichnung Wald, riesiges Hundeklo trifft es besser. Das nahm mein Dackel dann auch in Anspruch.

Ich arbeite als Rechtsanwaltsfachangestellte bei einem Rechtsanwaltsbüro im Dortmunder Süden. Zur Arbeit fahre ich mit dem Bus. Der Beruf ist nicht besonders gefährlich. Ich habe eine Kollegin, die vor drei Jahren über einen Bücherstapel stolperte und sich den Knöchel brach. Die ist aber auch besonders ungeschickt, oder hat halt Pech. In der Mittagspause ging ich immer mit Marcel, einem Bauzeichner aus dem Architekturbüro nebenan, in einen gehobenen Imbiss in einer Seitenstrasse der Fussgängerzone. Manchmal tranken wir nur einen Kaffee dort, oft assen wir irgendetwas Kleines. Marcel ist Mitte Zwanzig und kleiner und dünner als ich, vielleicht 165 Zentimeter gross. Er hält sich, im Gegensatz zu mir, gerade. Sein Gesicht hat etwas Maushaftes, er hat ausserdem mausfarbene Haare und wässrige graublaue Augen. Manchmal sind seine Augen gerötet, ich dachte immer er kifft. Immerhin kann man so etwas in seinem Alter noch machen… und Bauzeichner ist ja fast etwas Künstlerisches. Vielleicht war er aber auch nur lichtempfindlich wie Heino, jedenfalls trug er draussen oft eine Sonnenbrille und stolzierte herum wie Neo aus den Matrix Filmen.

Ich dachte immer er sei vielleicht schwul. Nein, nicht weil er nicht auf mich scharf zu sein schien, immerhin bin ich zwanzig Jahre älter als er und etwas pummelig. Eine Schönheit bin ich auch nicht gerade. Ich dachte er sei vielleicht schwul, weil er nie von sich aus die Figur oder auch nur irgendwas an einer Frau kommentierte. Ich hab ihn aber nie gefragt. Hätte ich vielleicht tun sollen.

An diesem Tag war der Imbiss wegen Trauerfall geschlossen. Mist! In den Imbiss am Bahnhof wollten wir nicht gehen, der war voll mit “Budengestalten”, man könnte auch sagen, er verfügte über viel Dortmunder Lokalkolorit. Marcel sagte daraufhin, er wohne gleich um die Ecke über dem Weinladen in der nächsten Seitenstrasse, wir könnten zu ihm gehen er macht uns einen Tee, und ein Schnittchen würde er auch noch hinkriegen. “Lass uns zu mir gehen”, klingt ja irgendwie unanständig. Marcel sagte es aber ganz nüchtern und es klang total harmlos. Wir gingen also zu ihm. Das Haus ist ein schöner Altbau, die Wohnung wirkte von innen trotzdem irgendwie klein, weil sie mit zahllosen Möbeln vollgestopft war. Es war auch nur gemässigt ordentlich. Im Wohnzimmer hatte er eine Sammlung alter Computer stehen, an denen er in seiner Freizeit herumzubasteln schien. Ich sah mir gerade in seinem Bücherregal an, was für Bücher er so liest, als ich im Augenwinkel sah, dass er die Sonnenbrille abnahm. Dann bewegte sich sein Gesicht. Die Augen wurden ganz rot. Er riss den Mund auf und ihm wuchsen Vampirzähne. Er sprang mit einem irren Satz auf mich zu. Ich griff das Buch auf dessen Einband ich gestarrt hatte, “Also sprach Zarathustra: Ein Buch für Alle und Keinen” von Friedrich Wilhelm Nietzsche, 268 Seiten, und stopfte es Marcel ins aufgerissene Maul. Die Kiefer schlossen sich um die Seiten. Die langen spitzen Zähne bohrten sich ins Papier. Ich nahm die Beine in die Hand und flitzte zur Tür, die war nicht verschlossen. Er versuchte noch so einen Vampirtrick, wie ein Schatten hinter mir hersausen, erwischte jedoch nur meinen Schal. Ich rannte die Treppe hinunter und aus dem Haus. Er folgte mir nicht. Wär auch komisch gewesen, mittags in der Nähe der Fussgängerzone von einem Vampir ausgesaugt zu werden.

Ich schien aus reinem Adrenalin zu bestehen, mein Herz raste und langsam fingen meine Knie an zu zittern. Ich beruhigte mich wieder, im Spiegelbild des Weinladens richtete ich meinen Mantel und mein zerzaustes Haar. Ich ging ins Büro zurück, niemand schien etwas zu bemerken.

Was sollte ich schon machen? Der Polizei sagen, dass über dem Weinladen ein Vampir wohnt? Die hätten das doch dem Wein zugeschrieben. Ich ging seitdem nicht mehr in die Mittagspause, im Büro ist es auch ganz schön. Ich sah Marcel aber auch nicht mehr und ein paar Wochen später wagte ich es im Architekturbüro nach ihm zu fragen. Der sei einfach nicht mehr aufgetaucht, sagte man mir, sie wüssten nicht was da los sei, hätten beim ihm angerufen, da ginge niemand ans Telefon. Vielleicht hab ich ja zuviel Fantasie, aber ich fragte mich gleich, ob Nietzsche ihn umgebracht hatte. Vielleicht bekam er das Buch ja nicht aus den Zähnen und musste verdursten. Kann Vampiren so etwas passieren? Selbst wenn ich ihn umgebracht haben sollte, mit Nietzsche, Vampire sind sowieso untot.

Mitglieder des Boston Direct Action Project stellen Angestellte der Weltbank in Washington dar. Fotografiert von Matt Osborn, Lizenz: CC-by-2.0/ Creative Commons Namensnennung 2.0

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