Kriminelles Eure – Chauffeurs

Deckblatt der Boulevardzeitung 'Le Petit Journal' vom 15. November 1908, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Das französische Département Eure wurde im Zuge der Französischen Revolution am 4. März 1790 gegründet. Damals nutzten Räuberbanden das durch die Revolution entstandene Chaos aus. Manche der Banden rechtfertigten ihr Tun damit, dass sie Rebellen (“chouans”) seien. Plünderung von Bauernhöfen, Brandstiftung und sogar Mord waren an der Tagesordnung. Den Banden gab man sogar eine eigene Bezeichnung, “Chauffeurs”. Und damit war keineswegs gemeint, dass sie andere Leute in Kutschen herumfuhren. Das Verb “chauffer” bedeutet erwärmen/ erhitzen und die Chauffeurs wurden so genannt, weil sie dafür bekannt waren, die Füsse ihrer Opfer ins Feuer zu halten, um durch diese Folter das eventuelle Versteck von Wertsachen zu erfahren.

Die Banden bestanden aus etwa vierzig Männern. Einige Männer beobachteten die Märkte. Wenn ein Bauer Vieh verkaufte und eine schöne Summe Geldes einnahm, dann folgten sie ihm und fanden heraus wo er wohnte. Nachts darauf brach dann die ganze Bande in den Bauernhof ein. Die “Chauffeurs” stahlen die Wertsachen, folterten die Bauern, wenn die nicht sofort ihr Geld übergaben. Manchmal steckten sie den Bauernhof in Brand und manchmal töteten sie die Bewohner.

Die Chauffeurs überfallen einen Bauernhof, aus 'Les Chauffeurs' von Théodore Henry, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Eine Bande in Eure wurde von den Brüdern “Le Pelletier” geleitet. Der älteste Bruder Le Pelletier hielt sich für einen Rebellen wie Louis de Frotté (1766-1800). Seine Bande verübte diverse Überfälle, Brandstiftungen und Morde. Die Präfektur von Eure sagte den Chauffeurs den Kampf an und spionierte ihrerseits die Banden aus. Nach und nach wurden einige Mitglieder der Bande gefasst, darunter der jüngste Bruder Le Pelletier. Im Dezember 1801 erfuhr die Gendarmerie (Polizei) wo sich die Bande aufhielt. Eine Polizeibrigade, unterstützt von einer Einheit der Garde nationale (Volksarmee der Revolutionszeit), belagerte das Haus im Weiler Pilette bei Bernay. Da die Banditen sich nicht ergeben wollten zündeten die Gendarmen das Haus an. Der älteste Bruder Le Pelletier sprang mit zwei Pistolen und einem Dolch bewaffnet aus einem Fenster. Es entbrannte ein Kampf zwischen ihn und den Gendarmen und Soldaten. Dabei wurden zwei Soldaten durch Schüsse verletzt, Le Pelletier wurde ein Handgelenk abgetrennt, bevor man ihn lebend fasste. Im Haus fand man 10 bis 12 Uhren und Wertsachen im Wert von über 3000 Francs (1 Franc 1796 =4,5 Gramm Silber, das wären nach dem heutigen Silberpreis 4,61 € pro Franc). 18 Bandenmitgliedern wurden wegen neunfachem Mord und elf Überfällen angeklagt. Der älteste Bruder Le Pelletier und drei weitere Chauffeurs wurden zum Tode verurteilt und am 5. August 1802 in Évreux guillotiniert. Dieses Ereignis beendete die Zeit der Chauffeurs in Eure. Einige Bandenmitglieder waren allerdings entkommen. 1806 wurden in Évreux neun Banditen zum Tode verurteilt, von denen die meisten zu der Bande der Brüder Le Pelletier gehört hatten.

Die Leute wurden allerdings nicht bei Nacht hingerichtet, aus 'Les Chauffeurs' von Théodore Henry, S.889, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Le Pelletier wollte ein rotes Hemd (Chemise rouge) bei seiner Hinrichtung tragen. Das wurde ihm nicht gestattet. Mir ist nicht so ganz klar welche symbolische Bedeutung das hatte. “Chemise rouge” wurde ein Hemd aus Sackleinen genannt, das gedungene Mörder und Giftmörder bei ihrer Exekution tragen mussten. Es symbolisierte die Ehrlosigkeit ihres Verbrechens. Andererseits wurden 1794 54 Leute in Sackleinen hingerichtet, ohne dass ihre Schuld festgestellt worden war. Die Angelegenheit wurde “Affaire des chemises rouges” genannt. Und es erscheint möglich, dass sie nur deshalb verurteilt wurden, um dem Volk eine Bedrohung durch eine royalistische Konspiration vorzugaukeln.

Den Kopf Le Pelletiers gab man einem Apotheker, der ihn in einem Gefäss konservierte. Das Gefäss mit dem Kopf wurde bis 1939 im Museum von Évreux ausgestellt.

Chauffeurs gab es natürlich nicht nur in Eure, die französische Wikipedia hat eine schöne Liste der bekanntesten Chauffeurs. Das Thema “Chauffeurs” wurde ausserdem in einigen Schmonzettenromanen, Dramen und Boulevardzeitungen behandelt.

Quellen und weiterführende Informationen

Roger Delaporte; Jean Michel Cosson (Hrsg.): Les Grandes Affaires Criminelles de l’Eure. De Borée, 2008, ISBN 9872844946669, S. 29-31. (französisch)

André Goudeau: Les Chouans en Normandie, 13. Mai 2000 (französisch)

Théodore Henry: Les Chauffeurs, Librairie nationale (Paris), 1882 (französisch)

One thought on “Kriminelles Eure – Chauffeurs

  1. […] Berthouville. Ich spielte Chauffeuse. Also ich hab ihm nicht die Füße ins Feuer gehalten, wie Chauffeure das traditionell in Eure machten, sondern ihn im chefesquen Auto herumgefahren. So kam ich auch […]

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