Lieurey – Ort des Königs?

Ein weiterer Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia von mir, den ich hier in der Version vom 5. Nov. 2011‎ verwurste. Zu Lieurey habe ich auch einen besonderen Bezug, unser Tierarzt hat dort seine Praxis.

Lieurey ist eine französische Gemeinde mit 1374 Einwohnern (Stand 1. Januar 2008) im Département Eure in der Region Haute-Normandie. Sie gehört zum Kanton Saint-Georges-du-Vièvre und zum Kommunalverband Vièvre-Lieuvin. Die römisch-katholische Gemeinschaft Communauté de Lieurey ist Teil der Pfarrei Montgeoly des Bistums Évreux. Damit gehört Lieurey zur gleichen Pfarrei, wie das Kaff in dem ich wohne, aber zu einer anderen katholischen Gemeinschaft.

Kirche und Mairie, eigenes Foto, Lizenz: Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported/ CC by

Geografie

Lieurey liegt im Lieuvin auf einer mittleren Höhe von 161 Metern über dem Meeresspiegel, 20 Kilometer nordöstlich von Lisieux und 80 Kilometer südwestlich von Rouen. Das Gemeindegebiet hat eine Fläche von 18,21 Quadratkilometern. Lieurey ist umgeben von den Nachbargemeinden Morainville-Jouveaux, Saint-Sylvestre-de-Cormeilles, La Noë-Poulain und Noards. Zu Lieurey gehören zahlreiche Weiler und Gehöfte, zum Beispiel La Mare Dabot, La Cauvinière, Le Bus, L’Angorie, Le Hameau-des-Champs und Le Hameau Picot. Die Quelle des Bachs La Croix Blanche (‚das weiße Kreuz‘) liegt am östlichen Rand des Gemeindegebiets am Fuß des Berges Mont Rôti. Auf der anderen Seite des Berges liegt Saint-Georges-du-Vièvre.

Lieurey ist einer Klimazone des Typs Cfb (nach Köppen und Geiger) zugeordnet: Warmgemäßigtes Regenklima (C), vollfeucht (f), wärmster Monat unter 22 °C, mindestens vier Monate über 10 °C (a). Es herrscht Seeklima mit gemäßigtem Sommer.

Die Île Bavarde, eine Häuserinsel in der Innenstadt. Bavarde bedeutet geschwâtzig und lustigerweise ist in einem der Häuser ein Friseursalon. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Geschichte

Lieurey wurde von den Kelten gegründet und in gallo-römischer Zeit (-52 bis 486) kreuzten sich dort mehrere Römerstraßen. Laut Ernest Nègre ist die Bedeutung des Ortsnamens unbekannt, er vermutet, dass er auf das lateinische Wort Ligurius, „transparenter Edelstein“, zurückgeht. Die Einwohner fänden besser, dass der Ortsname lieu du roi bedeutet, „Ort des Königs“, es ist aber nicht bekannt, welcher König damit gemeint sein sollte. Der Name wurde 1076 in einem Briefwechsel zwischen Hugues, III. Vicomte de Meulan, und dem Bischof von Avranches erstmals urkundlich erwähnt. Jedenfalls gibt es mehrere lateinische Formen des Ortsnamens, Lieurayum, Liarreyum und Liereyum.

1190 schenkte Laurent de Mortagne 40 acre d’arpent Land in Lieurey der Abtei Le Bec. Ab 1484 erlaubte die Abtei Le Bec dem damaligen Seigneur von Lieurey einen wöchentlichen Markt am Samstag und einen jährlichen Markt am Martinstag durchzuführen.

Herrenhaus an der D810, ich schätze es mal auf 19. Jahrhundert, rate aber nur. Eigenes Foto, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Während der Reformation nahmen die Seigneurs des Hameau-des-Champs die protestantische Religion an. Auf einem Nachbargrundstück des Schlosses gab es einen kleinen protestantischen Friedhof.

Im Ancien régime gab es in Lieurey einen seigneurialen Gerichtshof (haute justice), der der Bailliage Orbec unterstellt war.

1793 erhielt Lieurey im Zuge der Französischen Revolution (1789-1799) den Status einer Gemeinde und 1801 das Recht auf kommunale Selbstverwaltung. Von 1793 bis 1801 war es außerdem Kantonshauptort.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Gemeinde nur indirekt betroffen. Aber Soldaten aus Lieurey fielen und hinterließen trauernde Familien. Im Zweiten Weltkrieg wurde Lieurey im August 1944 durch das II. Canadian Corps befreit.

Wappen von Lieurey, von Wikimedia Commons Benutzer Spedona, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Wappen

Die Blasonierung des Gemeindewappens ist: „D’azur à la croix cousue de gueules cantonnée de quatre molettes d’or.“ Bei der Erstellung des Gemeindewappens wurden zwei seigneuriale Wappen verwendet, das der Familie Mortagne und das der Familie du Fay (17. Jahrhundert). Aus deren Wappen wurden die Farben rot und blau und das Kreuz übernommen. Eines der Wappen zeigte die vier Sporenrädlein. Die goldene Farbe der Sporenrädlein stammt aus den Wappen der Familien Pommereuil und Lieurey (12. bis 14. Jahrhundert). Das Gemeindewappen ist am Mittelrisalit der Mairie dargestellt.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Bauwerke

Das Lehen Coudray wurde 1320 zum ersten Mal erwähnt. Das Schloss Coudray wurde im 16. Jahrhundert erbaut und im 18. und 19. Jahrhundert umgebaut. Es befindet sich im Privatbesitz.

Das Château des Champs wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf den Fundamenten eines älteren Gebäudes erbaut. Ein Gewölbesaal des älteren Gebäudes ist erhalten geblieben. Es befindet sich ebenfalls im Privatbesitz.

Die Manufaktur Louis Aubert steht im Weiler Le Hameau Picot. Sie wurde 1827 gegründet und diente der Herstellung von Textilien. Die dort hergestellten Stoffe wurden Aubertines genannt. Die Manufaktur beherbergte 120 Jacquardwebstühle und beschäftigte in ihrer Blütezeit 200 Arbeiter. Sie wurde 1845 geschlossen.

Die Kapelle Sainte-Madeleine wurde im 18. Jahrhundert gebaut und im 19. Jahrhundert restauriert, wobei die Westfassade erneuert wurde. Sie steht auf den Fundamenten des alten Leprosoriums, das im 18. Jahrhundert aufgelöst worden war. Die Kapelle befindet sich heute im Privatbesitz.

Wasserspeier auf Saint-Martin, eiegens Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Die Pfarrkirche Saint-Martin wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Aus dieser Zeit sind jedoch nur der Chor und der Glockenturm erhalten. Der südliche Teil des Querschiffs stammt aus dem 16. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurden Teile des Kirchenschiffs und des Chors restauriert, die Westfassade und der nördliche Teil des Querschiffs wurden 1875 erneuert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche erneut restauriert, wobei versucht wurde, den Stil des 16. Jahrhunderts nachzuahmen.

Wasserspeier auf Saint-Martin, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Dings, da ich nicht katholisch bin, weiss ich auch nicht was das ist. Es stand jedenfalls auf einem Seitenaltar in der Kirche. Eigenes Foto, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

In der Kirche gibt es mehrere Objekte, die als Monument historique („historisches Denkmal“) klassifiziert sind. Eine denkmalgeschützte Statue der „Jungfrau mit dem Kinde“ aus dem 15. Jahrhundert wurde 1968 gestohlen. Das Tabernakel stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es ist mit einem Relief geschmückt und teilweise vergoldet. Eine Kasel aus dem 18. Jahrhundert ist reich bestickt und trägt eine Borte aus Goldfäden. Eine weitere Kasel ist nicht mit Gold, sondern mit Perlen bestickt.

Regelmäßige Veranstaltungen

Eine besondere Touristische Attraktion ist die fête du hareng („Heringsfest“) am 11. November, dem Martinstag. Das Fest wird seit dem Hundertjährigen Krieg (1337-1453) jährlich zelebriert. Während der Belagerung von Orléans soll damals ein Transport von Heringen aufgrund eines Schneesturms in Lieurey steckengeblieben sein. Damit die Heringe nicht verderben, wurden sie unter lautem Geschrei zu Schleuderpreisen verkauft. Das heutige Fest umfasst einen großen Heringsmarkt sowie einen Wettbewerb im Heringsessen, dessen Gewinner sein Körpergewicht in Heringen als Preis erhält.

Wasserspeier in der Abendsonne, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Sport

Das Pferderennen Prix de Lieurey wurde nach der Gemeinde benannt. Es handelt sich dabei um ein 1972 gegründetes Listenrennen für dreijährige Stutenfohlen, das allerdings im etwa 35 Kilometer entfernten Deauville stattfindet.

Wirtschaft und Infrastruktur

Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule in Lieurey. Weiterführende Schulen befinden sich in Cormeilles (Collège) und Pont-Audemer (Gymnasium).

Der Tourismus ist ein wichtiger Erwerbszweig in Lieurey. Es gibt ein Restaurant, mehrere Ferienhäuser und Fremdenzimmer die an die Initiative Gîtes de France angeschlossen sind. Die Gîtes werden einer Klassifikation unterzogen, wobei 1 bis 5 Ähren als Gütezeichen vergeben werden.

Es gibt mehrere Geschäfte in der Ortschaft und natürlich unseren Tierarzt. Am Supermarkt kann man Tanken, allerdings nur mit Kreditkarte. Es gibt eine kleine Pizzeria, die typisch normannische Pizza herstellt. Vegetarische Pizza ist unter anderem mit Kartoffeln belegt.

Front der Kirche Saint-Martin, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Quellen und weiterführende Informationen

Alte Postkarten aus Lieurey im Départementsarchiv

Lieurey en 1865 (französisch)

Paroisse Montgeoly (französisch)

Kommunalverband Vièvre-Lieuvin (französisch)

Le village de Lieurey (französisch)

Daniel Delattre, Emmanuel Delattre: L’Eure, les 675 communes. Editions Delattre, Grandvilliers 2000, S. 161. (französisch)

La Croix Blanche (französisch)

Statue und Kreuz an der Westseite von Saint-Martin, eigenes Foto, auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. Band 1, Librairie Droz, 1990, ISBN 9782600028844, S. 504. (französisch)

Auguste Le Prévost; Léopold Delisle, Louis Paulin Passy (Hrsg.): Mémoires et notes de M. Auguste Le Prevost pour servir à l’histoire du département de l’Eure. Band 2, Auguste Herissey, Évreux 1864, S. 310. (französisch)

Anatole Caresme Charpillon: Dictionnaire historique de toutes les communes du département de l’Eure: histoire, géographie, statistique. 1, Delcroix, Les Andelys 1868, S. 141. (französisch)

Lieurey (französisch)

Statue des Heiligen Rochus von Montpellier in der Kirche Saint-Martin, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Denis Joulain, Jean-Paul Fernon: L’Eure des Blasons. Armorial des communes du département de l’Eure. Les Éditions d’Héligoland, Pont-Authou 2008, ISBN 9782914874588, S. 89+139. (französisch)

Franck Beaumont, Philippe Seydoux: Gentilhommières des pays de l’Eure. Editions de la Morande, Paris 1999, ISBN 978-2902091317, S. 261.

Base Mérimée (französisch)

Base Palissy (französisch)

Piers Letcher: Eccentric France. Bradt Travel Guides, 2003, ISBN 9781841620688, S. 31. (englisch)

Prix de Lieurey (französisch)

Gîtes de France (französisch)

Statue des Martin von Tours in der Kirche Saint-Martin, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Lizenz des Wikipedia-Artikels ist: Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 (unported).

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