Verkuppeln à la normande

Heute war ich eingeladen in einem Kaff Richtung Lisieux. Weil ich so einen schönen Akzent habe, den man gar nicht mehr hören könne, wenn ich denn wegziehe. Man kennt mich, ich hab mir nichts Böses gedacht, aber dennoch Rudi zur Verstärkung mitgenommen. Jaja, das sei kein Problem. Ich sollte die Frau, die mich eingeladen hatte an einem Gartengeschäft in jenem Kaff treffen. Dort wartete ichfast zwanzig Minuten, bis die Frau erschien. Sie war total aufgedonnert, graue Leggings, gestreiftes Strickkleid mit angehefteter Strickblume, Pumps mit spitzen Absätzen, weggezupfte Augenbrauen, ein rosa Streifen, wo mal Haare waren, dafür überall im Gesicht verteilt Pfützen von gelblichem Make-Up. Ich versuchte nicht darauf zu starren, stieg wieder ins Auto und folgte ihr zu ihrem Haus.

Silex, Foto von Wikimedia Commons Benutzer: Luis Miguel Bugallo Sánchez, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported/ CC by-SA

Ganz normales Haus, nicht besonders groß, auch nicht klein. Sie habe es selbst entworfen. Und was für ein Glück es sei, dass sie den Kies passend zu den Dachziegeln bekommen habe. Wär mir nicht aufgefallen. Ein paar Findlinge liegen herum, farblich passend. Auf einem liegt ein Hundehaufen, von ihrem Hund. Sehr malerisch. Sie scheint nicht hineingehen zu wollen. Und quatscht mich draußen voll.

Dann öffnet sich die Tür. Ihr Sohn, ein Mittvierziger wie ich. Begrüßung. Drinnen ist alles weiß. Kein Staub kein nix. Die Schuhe am Eingang aufgereiht. Ob wir denn reingehen können, ich zeige auf den Hund. Jaja, das sei kein Problem. Drinnen wissen Rudi und ich nicht wo wir hinsollen, weder Mutter noch Sohn führen uns irgendwo hin. Also ging ich einfach in eine Richtung.

Ein ausgestopfter Dachs in Angriffspose, Foto von Wikimedia Commons Benutzer: Micke, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported/ CC by-SA

Im Arbeitszimmer ein ausgestopfter Dachs in Angriffspose. Wers mag. Gegenüber ist die Küche und ich steuere hinein. Da steht Kaffee in einer Maschine, aber niemand bietet mir welchen an. Komisch. Stattdessen werde ich über die Verdauung der Frau aufgeklärt und über ihre Gewichtsprobleme, auch über das Gewicht des Sohnes. Dann über die Hautkrankheit der Frau, die sich unablässig an den abgenutzten Fingernägeln und verschrundeten Mundwinkeln herumpult. Sie zeigt mir auch die roten Flecken auf ihrem Nacken. Welche Ärzte sie schon aufgesucht habe. Nichts helfe, es sei vielleicht ein Fluch.

Juan de Cordoba verjagt die Hautkrankheitsdämonen. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Ich nochmal nachgefragt, ob ich richtig verstanden habe. Ob ich das nicht kennen würde, Fluch. “Dochdoch”, sage ich und frage, ob sie es schon mit Exorzismus versucht hat. “Ja”, sagt sie, letzten Dienstag. Und dann beschrieb sie mir wer wann wieso gut sei als Exorzist. Wenn der Pfarrer kommt, müsse der Bischof dabei sein. Rücken an Rücken.

Ich erfinde das nicht. Es handelt sich nicht um das 19. Jahrhundert. Das ist heute so passiert. Und ich habe nicht gelacht.

Ich hab gefragt, ob das nicht schon gewirkt haben müsste, der Exorzismus. “Nein”, sagte sie: “das kann auch ein Weilchen dauern und vielleicht muss der Pfarrer das nochmal wiederholen.” Ich habe meine Zweifel, äußere sie aber nicht. Ob ich denn katholisch sei. Da hat man mir die Zweifel wohl angesehen. “Nein”, gebe ich zu: “ich bin Protestantin.” Dann füge ich noch einen Satz hinzu, den mir eine Katholikin an dieser Stelle mal gesagt hat: “es ist ja der gleiche Gott.” Ja, ich würde ja auch immerhin Exorzismus kennen, stimmt die Frau zu.

Kreuz bei der Stiftskirche in Beromünster, Foto von Roland Zumbühl, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported/ CC by-SA

Über dem Herd ist eine Art Altar mit diversen Jesussen. Auch hinter mir in einem Regal in der Wand ist ein Jesus. Später, bei der Hausführung stellte ich noch fest, dass es neben dem Marmorkamin im Wohnzimmer sogar einen goldenen Jesus am Standkreuz gibt. Er ist etwa einen Meter hoch, ich bin beeindruckt… irgendwie… oder…

Dann fragte sie ihren Sohn, wo denn seine Schwester bliebe. Die habe sich eingesperrt. Denn sie habe starke Antidepressiva genommen und sei nun müde. Er solle seine Schwester holen, sagte die Frau. Er wandte ein, dass er ja wohl schlecht Gewalt anwenden könnte. Dann versuchte ich zu gehen, während ich darüber aufgeklärt wurde, dass dieser Fluch durch Sand ausgelöst würde, der unter der Tür durchkäme. Ich saß neben der Tür nach draußen und ich und Rudi begannen sehnsüchtig hinauszusehen. Man öffnete uns die Tür, eigentlich nur, um uns zu zeigen, wo man mit Gummi etwas gegen den Sand tun könne. Rudi begann zu würgen. ich trug ihn raus. Er kotzte auf den Rasen. Wahrscheinlich verstand er jedes Wort.

Crème brûlée, Foto von Wikimedia Commons Benutzer: Arnaud 25, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Ich dachte, nun dürfe ich gehen. Kotzender Hund sollte ja wohl reichen. Weit gefehlt. “Sohn, hol den Kuchen.” Der Sohn ging also und holte einen Topf. Das sei Kuchen aus Kondensmilch und Milch und Eischnee. Es habe aber nicht funktioniert. Dazu gab es Cidre und nein, ich konnte nicht entkommen. Die Schwester wurde auch wieder angesprochen, die sagte irgendwas in ihrem Zimmer. Ja, das sei ja ihr großer Kummer, die Krankheit ihrer Tochter, und dass sie und ihr Sohn nicht verheiratet wären. Auwei. Jetzt erst dämmerte mir, dass ich gerade verkuppelt werden sollte. Deshalb auch das Lob meiner Jugendlichkeit. “Ich dachte nicht, das junge Mädchen seien Sie. Sie sehen ja aus wie in den 30ern. Nicht wahr, Sohn?”

Der Kuchen war schrecklich und da er nichts geworden war, total flüssig. Das sei doch alles nicht nötig gewesen, erklärte ich. Dann versuchte ich erneut aufzustehen, woraufhin ein Fotoalbum gezückt wurde. Haustierschau, das gefiel mir immerhin noch einigermaßen. Die Suffolkschafe, die sie früher besaßen waren niedlich, dann kamen Kühe, dann Katzen. Die eine Katze hatte die gleiche Farbe wie Farbexplosion, was ich erwähnte.

Katzenmumien im British museum, Foto von Flickr Benutzer: Mario Sánchez, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic/ CC by-SA

Daraufhin befahl die Frau ihrem Sohn, die Katze zu holen. Der ging los und holte die Katze. Er trug sie ganz komisch und als er die Küche betrat, sah ich, es war eine ausgestopfte Katze. Die Frau nahm die ausgestopfte Katze auf den Schoss und redete auf sie ein, wie man mit einer lebenden Katze redet, mit hoher Stimme und Koseworten. Ich starrte wahrscheinlich etwas verstört auf die Szene, aber sie sah es nicht, denn sie war ja mit der Katze beschäftigt. Die Katze sei auf der Straße vor dem Haus überfahren worden und schlafe nun am Fußende ihres Bettes, sagte die Frau.

Das Vorzimmer zum Badezimmer Atatürks, Foto von Wikimedia Commons Benutzer: Nérostrateur, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported/ CC by-SA

Dann kamen Fotos der Familie. Und das war irgendwie am schlimmsten für mich. Die Tochter sah einfach furchtbar aus, wie eine hässliche Version der Mutter, auch nicht jünger als die Mutter. Die Mutter ist über 70, die Tochter fast 50. Ich bin auch 46. Kein Wunder, dass die Tochter Depressionen hat. Kein Wunder, dass der Sohn nicht verheiratet ist. Eher ein Wunder, dass der Mann ganz normal ist und der Sohn nicht depressiv.

Rudi winselte nun schon. Und jetzt kam die vorhin erwähnte Hausführung. In einer Abstellkammer stand eine Chaiselongue auf der der Mann schläft.

Dann fuhren wir endlich heim. Die Frau nannte mich beim Abschied Clémence Orloff, da sie sich partout meinen Namen nicht merken konnte. Ich musste versprechen wiederzukommen. Die Rückfahrt kam mir kurz vor, vielleicht bin ich gerast. Zuhause fing ich schon im Auto hemmungslos an zu weinen. Irgendwie kam ich mir vor, als sei ich nun auch verloren, als sei ich wie die Tochter oder wie der Sohn, jedenfalls auch so. Verdammt zu furchtbaren Verkuppelungsversuchen. Ungewollt, unattraktiv, über. Ich hab sogar fast Markus vermisst. Nachdem ich meine Tiere gefüttert hatte und mich mehrfach eindringlich bei Rudi bedankt hatte, habe ich einen Wikipedianer vollgejammert. Es tat gut, dies mitzuteilen.

Nachtrag: Monate später bei einem anderen Date, von dem ich wenigstens wusste, dass es ein Date sein würde, klärte mich jemand auf, dass die Gemeinde T. voll sei von “einer Sekte von Katholiken”. Er nannte irgendein Wort, dass ich nicht verstand, ich schätze aber sie stehen der Altkatholischen Kirche (Église vieille-catholique) nahe. Sie gehen aber zur normalen Römisch-Katholischen Messe und hatten bis 2010 bzw. 2011 einen Pfarrer, der ebenfalls traditionalistischen Strömungen in der Katholischen Kirche nahestand und (deshalb?) vom Vatikan abberufen wurde. Gelesen hatte ich davon schonmal, es aber nicht verstanden. Ich bin auch jetzt, da ich es verstehe, verblüfft, was hier auf dem platten Land alles so abgeht.

8 thoughts on “Verkuppeln à la normande

  1. Hallo Stanza, dein Artikel ist wieder mal der Brüller. In welchem Jahrhundert bist du dort? Aber du schreibst es so das ich immer heimlich lachen muss, obwohl dir das nicht zum lachen war. Ich liebe eigentlich Frankreich Aber wenn man das so liest. LG Dippser

    • Huhu uwe, ich hätte es unter anderen Umständen vielleicht auch nur witzig gefunden. So hatte es dann doch beide Seiten für mich. Die Familie ist bestimmt keine Durchschnittsfamilie. Das kann einfach nicht sein. Lieben Gruß zurück, stanze

  2. Zu irgendwas müssen die Wikipedianer ja gut sein. Und einen schlauen Rudi hast du.

    • Rudi ist wirklich sehr schlau, ohne ihn wär ich echt aufgeschmissen. Der findet auch kranke oder tote Schafe, wenn ich denke, alle seien da, weil ich mich verzählt hab.

      Wikipedianer sind auch für Wikipedia gut. xD

  3. Unglaublich – ich wäre gestorben – ein echtes Geisterhaus !

    • Naja, ganz so schlimm wie bei Allende wahrscheinlich nicht, aber wer weiss… Ich werde da jedenfalls definitiv nicht einheiraten. xD

  4. Das ist ja ein skuriles Erlebnis. Wie aus einem Buch. Aber, ich kann mir vorstellen, dass das für dich in dem Moment nicht so lustig war.

    • Am Mittwoch kommt der Schafhändler wieder hierher. Mal sehen, was er so sagt. Ja, das war ziemlich skurril und nee, lustig ist das erst, wenn man weit genug weg ist.

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