Zaubern leicht gemacht im 18. Jahrhundert

Titelseite der oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa von Pierre d’Aban, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei


Aberglaube fasziniert mich total. Neulich versuchte ich den Zusammenhang zwischen Fliegen und dem Teufel herauszugoogeln und fand dabei heraus, dass ich mich irgendwie vertan hatte, die Königin der behaarten Fliegen (klingt total eklig), ‘reine des mouches velue’ sei eine von Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) beschriebene Methode der Schatzsuche. Okay.

Das machte mich wiederum neugierig auf Agrippa von Nettesheims Werk. Nun hab ich mich wieder vertan, denn “Les oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa , par Pierre d’Aban, latin et français, avec des secrets occultes”, das ich daraufhin las, wurde laut Gallica von Petrus de Abano (1257-1315?) geschrieben. Äh ja, der Autor hat also vor dem Verfasser des Buches gelebt, das er bespricht. Und deshalb ist die Schwarte 1788 erschienen. Wahrscheinlich lebt Pierre d’Aban durch die Zauberkunst ewig. Das wird wohl ein Pseudonym sein, denn über so ein Werk wollte man im 18. Jahrhundert dann vielleicht doch nicht den eigenen Namen setzen.

Schnell stellte ich fest, dass man ohne die echten Bücher gelesen zu haben, komplett aufgeschmissen ist. Ich wusste nicht einmal, dass es Stundenengel oder Jahreszeitenengel gibt. Fehlt nur noch, dass ich wissen muss, wieviele von denen auf einer Nadelspitze tanzen können. Nein, nein, nein.

S. 13 der oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa von 1788, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei. Der Stempel da unten gehört natürlich nicht dazu, wenn der kleine Zauberer den mit hinein malt … uiuiui… das kann ins Auge gehen.

Der Adept der geheimen Künste malt nach Vorschrift Kreise, dann sucht er im Engelskalender und auf der Engelsuhr nach den zuständigen Engeln, im Geisterkalender nach zuständigen Geistern und im Jahreszeitenalmanach, nach dem Namen der Jahreszeiten. Nein, die heißen nicht einfach nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dann muss er die Kreise auch noch segnen, dazu sagt er die Asperges auf. Dann muss man das Parfüm segnen. Äh, das wäre doch etwas für Douglas. Ich nehme mal an, dass es sich dabei um Räucherwerk handelt. Über alles gießt man ordentlich Weihwasser. Ohja, es handelt sich um Räucherwerk, denn jetzt soll man das Feuer, auf das man das Räucherwerk tut, exorzieren: “Benedic, domine, creaturam istam ignis”. Okay, so viel Latein schaffe ich auch gerade noch. Ahja, so wurde also auch Bier im Rituale Romanorum gesegnet. Sollte das wohl einem Kater vorbeugen? Egal.

Ohwei, besondere Berufsbekleidung hat der kleine Zauberer auch noch. Während er wie ein Wilder betet, zieht der kleine Zauberer ein Kleid aus weißem Leinen an. Dazu gehört ein zünftiges Pentacle aus der Haut eines Ziegenbocks. Das Pentacle musste natürlich zu einer besonderen Zeit gemacht werden, wenn der Merkur dies und jenes macht. Und dann wieder üppig mit Weihwasser besprenkeln. Das kann nur im Hochsommer funktionieren, der arme Zauberer in seinem weißen Leinentuch total nass von Weihwasser erkältet sich doch sonst.

Und er kann das Ding nicht allein durchziehen, es handelt sich um einen ganzen Trupp von kleinen Zauberern. Einer trägt das Gefäß mit dem Räucherwerk, einer trägt das Buch (dieses Buch?), einer trägt das Gewand und das Pentacle, ein weiterer trägt ein Schwert mit diversen Inschriften über das man vorher die heilige Messe gelesen haben muss. Welcher Priester macht denn sowas? Der Trupp von Zauberern zieht nun Litaneien singend durch die Lande. Ganz unauffällig.

Der Kreis der ersten Stunde auf Seite 40, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei

Dann zieht sich der Chefzauberer an und tritt in den Kreis. Dort kniet er sich hin und ruft alle möglichen Engel an, die Engel der Richtungen, der Planeten, der Metalle, der Farben, usw. Stunden später fängt dann die eigentliche Zeremonie des Tages an. Über die Pierre d’Aban mich später aufklären würde. Erstmal soll ich noch lernen, wie man störrische, hartnäckige Geister der Luft exorziert. Falls es zu windig ist? Es folgt seitenlanges lateinisches Gelaber, das die zahlreichen Namen Gottes beinhaltet. Den Wind beschwören (oder was das soll) scheint keine leichte Aufgabe zu sein. Wenn es nicht so windig wäre, wären die anderen kleinen Zauberer inzwischen schon eingeschlafen.

Dann folgt ein weiteres furchtbar langes lateinisches Gebet an Gott, nachdem der ganze Trupp, wahrscheinlich wegen der Langeweile und des exotischen Räucherwerks nun irgendwelche Visionen hat. Sie sehen Leute mit Pfeilen und komische Viecher, die der Chefzauberer verjagen muss, indem er sich an sein Pentacle klammert und weitere lateinische Sachen erzählt. Ob das wohl auch ginge, wenn man Lorem ipsum deklamiert?

Engelsnamen und exotische Zeichen auf S. 43, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei

Es folgen Listen von Engelsnamen und abgefahrene Symbole. Da scheint wirklich jeden Tag etwas los zu sein. So verbringt der kleine Zauberer also seine Zeit. Und wozu macht er das überhaupt? Ab Seite 47 steht es dann endlich. Sonntags und montags für den schnöden Mammon, für Gold, Perlen, Karfunkelsteine (rote Edelsteine) und Silber. Dienstags allerdings macht er es für Mord und Totschlag. Mittwochs, donnerstags und freitags ist er sehr vielseitig und kann sowohl alle Sorten von Metallen, Mord und Totschlag, Erfolg in der Wissenschaft (äh), Liebe und sonstwiewas herbeizaubern. Samstags gibt es wieder Mord und Totschlag.

So richtig wundert es da nicht, dass die Inquisition dergleichen nicht ganz so toll fand. Ordentlich mit Weihwasser um sich werfen und dann hinterher Mord und Totschlag verlangen. Das Privileg hat ja schon die römisch-katholische Kirche gehabt.

Das Lachen verging mir endgültig, als ich Pierre d’Abans okkulte Geheimnisse las. Unter Anderem, wie man die Schmerzen während der Folter äh Befragung übersteht. Das wird wohl der eine oder andere Zauberer gebraucht haben. Ich bezweifel aber, dass es viel genützt hat.

Es fing noch harmlos an. Wenn man eine Frau rumkriegen will, soll man ihr ohne über den Preis zu verhandeln ein rotes Band kaufen, beten, Knoten reinmachen, sich das Band um den Arm wickeln. Die Frau anfassen und schwupps ist sie einem verfallen. Hahaha. Pierre d’Aban verrät uns auch, wie wir diese Frau wieder loswerden. Drei schwarze und drei weiße Bohnen wirken hier angeblich wahre Wunder.

Die Erstellung eines Hausgeists in einem Silberarmband nach dem Tod eines Angehörigen fand ich aber gar nicht mehr so lustig. Gleich einweisen den Burschen. Es gab bestimmt Leute, die diesen Hokuspokus wirklich gemacht haben. Es gibt womöglich welche, die es immer noch tun. Erschreckend.

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