Tag des offenen Denkmals 2012 in der Kirche von Morsan

Ich habe jetzt etwas mehr Zeit und werde brav meine ganzen Fotos abarbeiten. Dazu muss ich noch eins sagen. Ich werde ab Januar kein Auto mehr haben. Dieses jedenfalls nicht und daher wahrscheinlich keins. Damit sind meine motorisierten Fotoausflüge beendet. Momentan ist das Wetter nicht geeignet, aber an regenfreien Tagen werde ich natürlich bis Januar noch möglichst viele Fotos machen. Da mich heute ein Anrufer nach dem Vortrag in der Kirche von Morsan gefragt hat, fange ich damit an. Find ich toll, dass meine Artikel auch jemand liest.

Am 16. September gab es nachmittags Vorträge über das Kircheninnere der Kirche Sainte-Trinité und die Marquis Le Sens de Morsan.

église de la Sainte-Trinité de Morsan

Schon von draußen war alles anders als sonst. Die Tür ist offen. Fahrräder liegen unter der riesigen Eibe. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Noch bevor es losging nahm ich mir den Vortragenden beiseite und erzählte ihm von der Verschwendungsfreudigkeit des letzten Marquis. Ich hatte keine Lust, mir wieder anzuhören, dass die bösen Deutschen ihn in die Verzweiflung getrieben haben. Vor allem, weils nicht wahr ist. Der Historiker nahm das auch so hin und zitierte mich später. Während des Vortrags sah er mich dabei an. An anderen Stellen sah er andere Frauen an, die ihn wahrscheinlich auch geimpft hatten. Die Frauen wissen es und die Männer tragen es vor.

Noch schnell eine nicht sehr historische Bank hinausschleppen. Eigenes Foto, auf Wikimedia Commons, Lizenz: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Der Historiker im Chorraum vor dem Altar aus dem 17. Jahrhundert. Eigenes Foto, Lizenz: © stanzebla (stanzebla.wordpress.com). Alle Rechte vorbehalten

Natürlich war alles da was Rang und Namen hat. Pierre Roussel, der Chef der AMSE (Verein der Freunde des Denkmalschutzes in Eure), zahlreiche Mitglieder des Vereins, der Bürgermeister, ein Künstler und Galerist aus Saint-Georges-du-Vièvre, mit dem Monsieur C. zusammenarbeitet und das halbe Dorf. Irgendwie haben wir ohnehin alle Rang und Namen.

Diesmal gelang es mir einen der denkmalgeschützten Kantorschemel aus dem 18. Jahrhundert zu fotografieren. Der Historiker erklärte uns, dass nur noch zwei der Schemel in der Kirche sind, die anderen wurden vor ewigen Zeiten zur Reparatur gebracht und kamen bis heute nicht zurück. Der französische Verwaltungsapparat ist sehr langsam und neigt außerdem zum Diebstahl. Das heißt dann natürlich nicht Diebstahl.

Kantorschemel aus dem 18. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Am beeindruckendsten ist aber der Altar, der hauptsächlich aus dem 17. Jahrhundert stammt. François Le Sens spendete ihn anlässlich seiner Hochzeit. Und er tat das gleiche für die Kirche in Notre-Dame-d’Épine. Das Altargemälde wurde später hinzugefügt. Es ist ein Geschenk von Napoleon III. (1808-1873). Spannend sei was unter dem Gemälde sei, behauptete der Historiker. Und der Bürgermeister nickte wie wild dazu. Wenn wir jemals genug Geld haben, gucken wir nach.

Der Altar und das Altarbild. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Nach dem Konzil von Trient (1545-1563) wurde das Innere der Kirchen im Zuge der Gegenreformation umgestaltet, um eine bessere Evangelisation durch bessere Kenntnis des christlichen Glaubens zu erreichen. Taufen und Beichten durften nur noch im Kirchenschiff abgehalten werden, denn es repräsentierte den reuigen, büßenden Aspekt der Römisch-katholischen Kirche. Der Chor repräsentierte die triumphierende Kirche, den Himmel, deshalb wurden dort die Statuen der Heiligen aufgestellt (Textselbstdiebstahl). Das sagte der brave Historiker auch und sah dabei die Frau aus Serquigny an, oder war es Brétigny? Immer diese Gnys. Der Altar ist aus Holz und war ursprünglich bunt bemalt, jetzt ist er in Marmor-Fake bemalt, was recht überzeugend aussieht.

Das Tabernakel. Die beiden Engel hielten ursprünglich eine Krone. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Die Seitenaltäre wurden zusammen mit dem Hauptaltar gefertigt.

Barocke Engel am Seitenaltar, der Hauptaltar ist im Hintergrund zu erkennen. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Der trabes doxalis (Ruhmesbalken, poutre de gloire) ist aus Holz, sieht aber aus, als sei er aus Metall. Er kann das Gewicht des Triumphkreuzes nicht tragen. Das Kreuz ist oben an der Decke aufgehängt.

Ruhmesbalken und Triumphkreuz. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Der Historiker erklärte uns auch die Bedeutung des Familienwappens. Genau wie Terry Pratchett es in Feet of Clay (Hohle Köpfe) schrieb, müssen die Leute, die sich diese debilen Wappen ausgedacht haben, an fortgeschrittener Humorlosigkeit gelitten haben. Das Wappen der Le Sens zeigt drei Weihrauchpötte, denn “der Weihrauch” heißt auf Französisch l’encens, was sich ungefähr genauso spricht wie Le Sens. Ich sag doch immer, alle französischen Worte klingen gleich, dieses Wappen ist ein Beweis. Ein sagenhaft humoriges Wortspiel, gell? Haben wir gelacht.

Drei Weihrauchpötte auf Fresse, denn rot heißt auch nicht “rouge” sondern “gueules” von “gueule”, Fresse, Maul, Rachen, Schnauze, Kanonenmündung und damit hätten wir auch wieder eins dieser tiefsinnigen Synonyme. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Ein besonders wertvoller Fund in der Kirche sind mehrere handgestickte Schärpen aus dem 19. Jahrhundert, die der ehemaligen Confrérie de Charité (Bruderschaft der Barmherzigkeit) von Morsan gehörten. Sie zeigen naive Motive, und sind deshalb nur umso wertvoller. Im 19. Jahrhundert wurden die Schärpen normalerweise maschinell mit stereotypen Motiven bestickt. Sie sind zwar noch nicht denkmalgeschützt, werden diesen Status aber garantiert noch erhalten.

Steif, etwas beschädigt und verbogen, weigerten sich die Schärpen standhaft, sich vernünftig fotografieren zu lassen. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Handgestickte Schärpe von 1834. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Sargtuch der Confrérie de charité von 1908. Eigenes Foto, Lizenz: C0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Die liturgischen Gewänder des Priesters wurden aus abgelegten Kleidern der Marquise geschneidert. Der ursprüngliche Volksaltar der Kirche wurde während der Französischen Revolution zerstört. Es wurde nie ein neuer Volksaltar gebaut. Genutzt wird heute ein Provisorium aus rohen Steinen, das mit liturgischen Gewändern, denen man deutlich ansieht, dass sie einmal Kleider der Marquise waren, notdürftig verhüllt ist.

Volksaltar, einmal wirklich volksnah. Eigenes Foto, Lizenz: C0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Hier sieht man die Vorlagen noch ganz gut. Das gab einen sehr blumigen Priester. Liturgische Gewänder aus dem 18. Jahrhundert (?). Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Wandlungsglocke, Altarschelle. Eigenes Foto, Lizenz: C0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

An der litre seigneuriale (Trauerband) hat sich noch nicht viel getan, aber an zwei Stellen sieht man das Wappen der Le Sens unter der Tünche durchschimmern.

Da lugt das Wappen unter der Farbe hervor. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Die Fenster sind leider nicht so schön. Die schlichten Fenster sehen ganz gut aus, aber die aus dem 19. Jahrhundert, mit romantischen Motiven, sind einfach nicht wirklich geschmackvoll.

Pietà. Mariä Herz von sieben Dolchen durchbohrt. Bei aller Liebe, das geht mir zu weit. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Dieses sieht zwar etwas besser aus, aber trotzdem bekomme ich bei der goldenen Dusche der Verkündigung keine besinnlichen Gedanken. Vielleicht ist es auch mein Fehler, keine Ahnung. Eigenes Foto, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Das dritte Fenster sieht noch am besten aus, ich weiß aber nicht, was es darstellt. Eigenes Foto, Lizenz: C0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Nach dem Vortrag trafen wir uns alle draußen auf den unhistorischen Bänken und schwatzten. Monsieur C. riss wieder einige Witze und versuchte mich unbedingt mit dem Künstler bekannt zu machen. Der sah komplett abgerissen und unglaublich dünn aus. Wahrscheinlich gehört sich das so für hiesige Künstler. Dann wanderten wir weiter zu anderen Denkmalen.

Kleines Fenster an der Westseite. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert. Lizenz: CC by SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported


CC0


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