Saubere Sackgassen in Le Theil-Nolent

Am 9. September 2012 besuchte ich Le Theil-Nolent, eine 221-Seelen-Gemeinde im Kanton Thiberville. Letztes Jahr hatte uns der Bürgermeister dieser Gemeinde besucht und ordentlich über unser Kaff geschimpft. Da wollte ich mir ansehen, was sein Kaff so zu bieten hat.

Südliches Ortseingangsschild in der Nähe der ehemaligen RN 13, über die damals bei der Befreiung die Kanadier kamen. Deshalb liegt Le Theil-Nolent auch am Remembrance Way (Erinnerungsweg). Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Ich kam aber (mit Rudi) von Norden und verfuhr mich erstmal. Die Gemeinde scheint aus Sackgassen zu bestehen. Ordentliche, saubere Sackgassen selbstverständlich. Schließlich hielt ich an einem Lavoir (Waschhäuschen) und starrte lange Zeit auf die Karte, was nicht viel half. Ich fuhr danach einfach weiter in die Richtung, in der ich den Ortskern vermutete. Lavoirs gibt es hier fast so häufig wie Schlösser. Oft liegen sie an kleinen Teichen, man fragt sich, wie die Wäsche da sauber werden soll. Heutzutage werden sie häufig von Anglern genutzt, den seit der Französischen Revolution (1789-1799) dürfen endlich alle Franzosen angeln und jagen, was die männlichen Franzosen daher seitdem fast zwanghaft ständig tun. Egal wie klein der Tümpel ist, es könnte ja ein Fischchen drin sein.

Das Lavoir, es nicht denkmalgeschützt, sieht restauriert aus und verfügt über Tisch und Bänke, um verirrte Touristen wie mich zu einer Pause einzuladen. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Rechts um die Ecke und dann Richtung Süden und dann wieder an einigen Sackgassen vorbei, fand ich endlich die Mairie (Rathaus). Hinter der Mairie steht die Grundschule, die ich aber nicht fotografieren beziehungsweise nicht hochladen konnte, weil sie noch zu neu aussah. Und in Frankreich gibt es halt keine Panoramafreiheit (FOP). Unwahrscheinlich, dass der Architekt der Schule schon seit 70 Jahren tot ist.

Rudi präsentiert die Mairie. Eigenes Foto, auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Alles total ordentlich, wenn man von der Ausrichtung der Pfosten am Parkplatz absieht, an irgendetwas muss man doch noch merken, dass man in Frankreich ist. Auch sehr vorbildlich ist der Behindertenparkplatz, sowas sieht man hier sonst nie an ländlichen Rathäusern. Der Bürgermeister war allerdings auch nicht sehr gut zu Fuß. Auf der anderen Straßenseite ist ein großer Parkplatz und eine Bushaltestelle, alles sehr großzügig. Am Rathaus steht allerdings nur ein Wohnhaus, die anderen Bewohner leben in den verstreuten Sackgassen.

Es war warm. Rudi hatte Durst. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Hinter dem großen Platz vor der Mairie steht die Kirche und das unvermeidbare Kriegerdenkmal. Ein besonderes Merkmal der ordentlichen Zustände in Le Theil-Nolent ist ein Überflurhydrant, der neben dem Kriegerdenkmal and der Friedhofsmauer steht. Auch die, sieht man hier in Dörfern eher selten. Ich hatte ihn deshalb auch fotografiert, das Foto aber aus irgendwelchen absurden Gründen gelöscht.

Ja, wir fiesen Deutschen haben in den beiden Weltkriegen Leute aus Le Theil-Nolent (und aus Kanada) abgemurkst. Ein hübsch eingezäuntes Kriegerdenkmal, auch sehr ordentlich. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Die Kirche ist wirklich sehr hübsch. Sie wurde im 16. Jahrhundert erbaut und im 18. Jahrhundert umgebaut. Schutzpatron der Kirche ist die Heilige Colombe de Sens. Von 1065 bis zur Revolution war der Abt von Le Bec-Hellouin war der Kirchenpatron, d.h. ihm gehörte das Dorf, er hatte sämtliche seigneuriale Rechte. Er muss sich diese Rechte vom 17. Jahrhundert bis zur Revolution mit der Familie Coudray irgendwie geteilt haben, denn die besaßen ein kleines Fachwerk-Herrenhaus in Le Theil-Nolent. Darüber habe ich bisher noch keine Forschungen angestellt. Der Bürgermeister besitzt ein kleines Schlösschen aus dem 19. Jahrhundert. Das erklärt auch, wieso er sauer war, als er “unser” Schlösschen aus dem 18. Jahrhundert sah. Das wird Neid gewesen sein. Mehr zu den Gebäuden findet man hier: Bienvenue sur le site du Theil-Nolent. Ich konnte das Schloss jedenfalls nicht finden, wahrscheinlich steht es in einer Sackgasse.

Die Kirche Sainte-Colombe. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Südseite der Kirche, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Die Fachwerkanteile in der Fassade der Kirche sind wunderhübsch mit Mustern aus schwarzem Silex und flachen Backsteinen dekoriert.

Chor oder eher Kapelle am Chor mit besonders aufwändigem Mauerwerk. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Im Schatten der Kirche, hinter der Friedhofsmauer, stand ein ganz liebes Pferd. Es war wirklich ein heißer Tag.

Dieses Pferd ist schon braun genug. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Und im Hintergrund ein paar Charolais-Kühe, die wahrscheinlich gerade einen Sonnenstich bekommen. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Ich folgte dann einem der für Wanderer ausgeschilderten Wege nach Norden. Dem “Weg der Lavoirs” glaube ich. Dort sah ich eine Statue an der Straße. Das Foto habe ich gelöscht, denn die Statue wurde erst 1997 auf Geheiß des oben erwähnten Bürgermeisters erstellt und die darf ich, wegen oben erwähnter mangelnder Panoramafreiheit, nicht zeigen. Das soll die Heilige Colombe sein. Sie steht in einem kleinen eingezäunten Bereich am Rande eines Wäldchens. Wahrscheinlich gehört das zum Schlossgelände. Das war aber nirgendwo auch nur im geringsten beschildert. Ich ließ Rudi kurz im Auto zurück und folgte dem Trampelpfad hinter der Colombe-Grotte in eine andere Welt. Hier war es dunkel und hauptsächlich grün, sowie garantiert sehr pilz- und moderig. Das Wäldchen ist ein schmaler Streifen in dessen Mitte flache rechteckige Tümpel liegen. Immerhin die Form der Tümpel ist ordentlich. Vielleicht war das einmal eine Anlage zur Fischzucht. Ich nahm Rudi nicht mit, weil es wahrscheinlich ist, dass es dort irgendwo Fuchsfallen gibt.

Wald von Le Theil-Nolent. Der Weg ist allerdings schön gerade. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

In diesen schlammigen Becken werden wahrscheinlich Touristen versenkt, die auf der Hauptstraße ein Bonbonpapier fallen gelassen haben. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Dann fand ich auf dem Weg ein zerrupftes, totes Irgendwas und mich gruselte. Ich flitzte zurück. Neben dem Grundstück mit dem Wäldchen ist eine Weide mit Charolais-Rindern. Sogar die Kälber sahen irgendwie ernsthafter aus, als ich das von Kälbern sonst gewohnt bin.

Ernsthafte, abgeklärte Charolais. Man beachte auch, wie ungewöhnlich gleichmäßig der Zaun im Hintergrund gebaut ist. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported

Wir waren jedenfalls froh, als wir da wieder weg und in unordentlicheren normannischen Gefilden waren.

Creative Commons Lizenzvertrag
Saubere Sackgassen in Le Theil-Nolent von stanzebla steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

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