1870/71 in Bernay, der Deutsch-Französische Krieg

Da Bernay an der Eisenbahnlinie von Paris über Évreux in Richtung Ärmelkanal lag, war es im Deutsch-Französischen Krieg wichtig für Truppen- und Munitionstransporte.

Im nahen Broglie wohnte der Herzog Albert de Broglie, ein Orléanist, der mit den deutschen Invasoren zusammenarbeitete. Die deutschsprachige Wikipedia schreibt über ihn: “Durch sein Einverständnis mit den Bonapartisten, deren Schützling zu sein ihm einmal Thiers mit schneidendem Hohn vorwarf, und durch die Zerrüttung seiner finanziellen Verhältnisse schädigte er sein Ansehen ebenso wie durch seinen ränkevollen Ehrgeiz.” Die deutschen Besatzer halfen ihm im Deutsch-Französischen Krieg, indem sie höhere Abgaben von republikanisch gesinnten Gemeinden verlangten. Die Gemeinde Broglie blieb komplett verschont. Die höheren Militärs waren Adlige, einige von ihnen verließen zwar nicht die Armee, boykottierten aber den Krieg, indem sie Angriffsbefehle verweigerten und zur Kapitulation rieten. Frankreich konnte unter diesen Bedingungen den Krieg gar nicht gewinnen. Die Franzosen waren zu sehr damit beschäftigt gegeneinander zu kämpfen. Die ersten Wahlergebnisse nach dem Krieg waren auch dementsprechend.

Erste Wahlen der Dritten Republik: 416 Royalisten (davon 214 Orléanisten) gegen 150 Republikaner und 72 Liberale. Es ist ein Wunder, dass die Republik erhalten blieb und nicht gleich wieder die Monarchie eingeführt wurde. Liegt womöglich nur daran, dass die verschiedenen Sorten von Royalisten sich nicht auf einen König einigen konnten. Diagramm von @lanakazame, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic

Ablauf der Ereignisse

Sergeant der Garde nationale, Foto von 1870, unbekannter Fotograf, Lizenz: gemeinfrei/ public domain


Am 4. September 1870 erfuhr die Bevölkerung von Bernay, dass Kaiser Napoléon III. (1808-1873) gefangen genommen worden war und dass die französische Armee bei Sedan kapituliert hatte. Viele Einwohner versammelten sich am Rathaus und warteten den ganzen Tag auf Neuigkeiten. Reisende berichteten am Abend, dass die Dritte Französische Republik in Paris ausgerufen wurde. In den folgenden Tagen wurde eine Abteilung der Garde nationale (französische republikanische Armee) in Bernay aufgestellt und 1200 Tabatièregewehre (Hinterlader) an die Männer ausgeteilt. Am 18. September brach die telegrafische Verbindung und der Zugverkehr mit Paris zusammen. Neuwahlen wurden ausgesetzt, es gab nur eine Notregierung.

Franc-tireurs gingen bei Serquigny in Stellung. Straßenschilder und Meilensteine wurden abgebaut oder eingegraben. Am 24. Oktober 1870 wurden 270 Miniégewehre (Vorderlader) ausgegeben. Hinterlader waren scheinbar schon alle. Die neu eintreffenden Soldaten der Garde nationale hatten oftmals nicht einmal eine Uniform und trugen Holzschuhe. Bis auf eine Besatzung von 50 Mann brachen alle Soldaten und Feuerwehrleute nach Évreux auf, um die Präfektur des Départements zu verteidigen.

Als die Nachricht von der Kapitulation von Metz am 30. Oktober offiziell bestätigt wurde, kam es zu einer spontanen Demonstration auf dem Platz vor dem Rathaus. Die Demonstranten forderten den Tod von François-Achille Bazaine.

Dreux wurde am 19. November 1870 von preußischen Truppen eingenommen, die Preußen bombardierten Évreux inzwischen mit ihrer Artillerie. La Ferrière-sur-Risle wurde ebenfalls eingenommen.

Am 21. November 1870 fuhr der Zug mit Charles Denis Bourbaki und seinem Generalstab durch Bernay nach Nevers.

Franc-tireurs, zeitgenössische Darstellung, 1870 oder 1871, Künstler unbekannt, Lizenz: gemeinfrei/ public domain

Die Franc-Tireurs von Bernay positionierten sich im Wald von Beaumesnil, da sie annahmen, daß die Preußen aus dem Süden kommen würden. Ab dem 6. Dezember 1870 erschienen keine Zeitungen mehr, auch aus Brionne kamen keine Nachrichten mehr und die Eisenbahnverbindung nach Rouen, der Regionalhauptstadt, war unterbrochen.

Am 12. Dezember 1870 erfuhren die Einwohner, dass der Präfekt, der nach Bernay geflohen war, den Rückzug nach Lisieux in der Basse-Normandie befehlen wollte. Es kam zu einem Aufstand und das Gebäude der Unterpräfektur wurde in Brand gesteckt.

Am 13. Dezember 1870 griffen die Deutschen erstmals Serquigny an. Etwa 60 deutsche Soldaten versuchten die Schienen in der Nähe des Bahnhofs zu zerstören. Der Anschlag misslang, die meisten Deutschen wurden getötet, 9 gerieten in Gefangenschaft. Die beschädigten Schienen wurden repariert. Als ein Kontingent von etwa zweihundert Soldaten mitsamt zwei Kanonen bei Nassandres am folgenden Tag im Schlamm stecken blieb, verbot der Kommandant Ferrus seinen Truppen, die missliche Lage der Deutschen zu nutzen und sie anzugreifen. Die Bevölkerung fühlte sich verraten. Der Kommandant floh in der Nacht zum 17. Dezember und als General Guilhermy am Morgen verlangte, dass die Stadt kapituliere, versuchte die aufgebrachte Bevölkerung, ihn festzusetzen, wobei er durch einen Schuss an der Hand verletzt wurde.

Foto eines Franc-tireur von G. Touzery (Orléans) aus den Jahren 1865 bis 1870. Lizenz: gemeinfrei/ public domain

In den folgenden Tagen zogen sich die Deutschen bis Bourgtheroulde-Infreville und Le Neubourg zurück. Die Präfektur zog wieder nach Évreux um. Der Schienenverkehr wurde zumindest bis Brionne auf der einen und Beaumont-le-Roger auf der anderen Seite wiederhergestellt. Am 1. Januar 1871 marschierten deutsche Truppen mit etwa 600 Mann in L’Aigle ein. Die Bäcker von Bernay stellten am Dreikönigstag keine Galette des Rois her, sondern Brot für die Armen.

Mitte Januar fuhr die Eisenbahn auf der einen Seite etwas weiter als Brionne, bis zum Bahnhof Glos – Montfort zwischen Glos-sur-Risle und Montfort-sur-Risle. Tauwetter setzte ein, die Charentonne trat über die Ufer. Die Bevölkerung von Courbépine und Montreuil-l’Argillé bewaffnete sich erst im Januar 1871. Zuvor hatten sich die Gemeinden, wie viele andere ländliche Gemeinden der Region, nicht gegen die deutschen Invasoren verteidigt, die daraufhin die Ortschaften plünderten. Alex Gardin, der Autor des Buches, das ich hier verwurste, schrieb das der Königstreue der ländlichen Gemeinden zu, die erst durch die Plünderungen und durch die Lebensmittelknappheit abnahm.

Am 21. Januar 1871 marschierten die deutschen Truppen von Süden auf Bernay zu. Der Turm der Kirche Notre-Dame-de-la-Couture wurde von Granaten beschädigt. Am Morgen des folgenden Tages drangen die Deutschen unter dem Befehl von Friedrich Franz II., des Großherzogs zu Mecklenburg, in die Stadt ein und überwältigten die letzten Verteidiger. Sie richteten ihre Kommandantur im Rathaus ein und erschossen die Gefangenen. Das Postgebäude wurde besetzt, die Versendung von Briefen unter Todesstrafe gestellt und der Telegraf zerstört. Am gleichen Tag wurde Menneval besetzt. Einige Einwohner hatten sich im Schloss Menneval verschanzt und verteidigten sich. Sie zogen sich aber in den Wald zurück, als der Kommandant der Deutschen damit drohte, ganz Menneval niederzubrennen. Zwei Franzosen wurden getötet. Dann requirierten die Deutschen Hafer und Heu für ihre Pferde. Außerdem plünderten sie in der ganzen Gegend alles was nicht niet- und nagelfest war.

Die deutsche Vorhut bei Bernay, zeitgenössische Darstellung, Künstler unbekannt, Lizenz: gemeinfrei/ public domain

In Bernay wohnten die deutschen Soldaten mit den Bernayer Bürgern zusammen. Deutsche Offiziere gingen durch die Straßen, schrieben Zahlen mit Kreide an die Häuser und bestimmten so, wieviele Soldaten in dem jeweiligen Haus wohnen sollten. Geschäfte blieben geschlossen, in den Bäckereien wurde nur für die Deutschen gebacken.

Der Großherzog zu Mecklenburg logierte bei seinem guten Freund, dem Herzog von Broglie. Schließlich verlangte der Großherzog zu Mecklenburg 100.000 Francs und zog am 25. Januar nach Erhalt des Geldes weiter nach Brionne. Die Mecklenburger verwehrten sich dagegen “Preussen” genannt zu werden. Alex Gardin sagte dazu, dass die in der Stadt verbliebenen Soldaten zumindest “echte Preussen” gewesen seien, denn sie haben abstoßend ausgesehen und sich wie Banditen benommen.

Der am 28. Januar 1871 unterzeichnete Waffenstillstand wurde erst am 4. Februar öffentlich bekannt gemacht. Noch am 31. Januar hatten die Deutschen Abgaben in Menneval, Plasnes und Valailles erhoben. Außerdem verlangte die deutsche Besatzung noch Steuern in Höhe von 365.000 Francs von der Stadt Bernay, um die Wahlen zur Nationalversammlung, die für den 8. Februar angesetzt waren, zu beeinflussen. Das klappte merkwürdigerweise auch. In Eure wurden sieben Orléanisten und ein Republikaner als Abgeordnete für die Nationalversammlung gewählt. Am 23. Februar wurde das Büro der Post wieder geöffnet. Reisende nach Paris mussten bis Conches-en-Ouche mit der Kutsche fahren. Am 6. März verließen die letzten Deutschen Bernay. Die Stadt atmete auf. Die französische Administration begann wieder zu arbeiten.

Alex Gardin: La guerre de 1870–1871 à Bernay. Erschienen bei: Les Éditions Page de Garde in Saint-Aubin-les-Elbeuf 1997, ISBN=2-84340-037-6 (französisch) Nachdruck, Original von 1898

Creative Commons Lizenzvertrag
1870/71 in Bernay, der Deutsch-Französische Krieg von stanzebla steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

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