In Frankreich berühmt

Der verwundete Held. Eigenes Foto,  Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Der verwundete Held. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Am Samstag fuhr ich zum Tierarzt, weil Bach sich die Unterlippe zerschnitten hatte. Bach musste nicht genäht werden. Auf der Straße nach Giverville sah ich einen einzelnen Fußgänger. Es gibt hier sonst keine einzelnen Fußgänger. Es gibt Horden von Sonntagswanderern, oder Gruppen von Joggern, Leute mit Hund, Frauen mit Kindern aber keine einzelnen Fußgänger. Auf dem Rückweg vom Tierarzt ging der Mann in die andere Richtung. Jetzt übermannte mich Neugier und Helfersyndrom. Ich hielt an und fragte ihn, ob er Hilfe braucht und ich ihn irgendwohin fahren könne. Ich bin alt, sehe nicht gut aus, habe kein Geld und hatte zudem einen riesigen Hund im Auto. Ich brauche normalerweise keine Angst haben. Der Typ sagte: “Neinein, alles ist okay, ich mache Kilometer, um zu trainieren fürs Boxen.” Ich glaub, an diesem Punkt starte ich ihn komisch an. Boxen an sich ist auf dem platten Land eine ungewöhnliche Beschäftigung. Er sei wohl nicht von hier, war mein Kommentar dazu. Nein, er sei aus der Nähe von Honfleur. Dann fragte er Woher ich denn käme. Das fragen immer alle, weil ich einen grauenhaften Akzent habe. Ich gab zu Deutsche zu sein. Und wo ich denn jetzt wohne? Ich dachte mir absolut nichts Böses und sagte: “auf dem Schloss.” “Ach”, sagt er darauf, “ich bin der Besitzer von Schloss Saint-Maclou.” Wo das Schloss in dem ich wohne denn sei und ob ich nicht mal Tee mit ihm trinken wolle. Ich fand das eine ziemlich plötzliche Wendung, aber ich soll ja aus therapeutischen Gründen nicht gleich alles Interesse von Männern abwiegeln. “Ja klar, wir können mal Tee trinken.” Ich dachte in seinem Schloss, aber er meinte in meinem. Ich wies also darauf hin, dass ich im Gegensatz zu ihm kein Schlossbesitzer, sondern nur eine Bedienstete sei, die ziemlich viel arbeiten müsse. Scheiß auf therapeutisch! Das machte ihm aber gar nichts aus, er tippte meine Telefonnummer in sein Mobiltelefon und wir verabschiedeten uns. Kaum war ich 5 Minuten zu hause, schon rief er an. Ob er nicht jetzt sofort kommen könne. “Nein”, erwiderte ich wieder ganz untherapeutisch und nun schon etwas ungehalten. Ich müsse noch Holz hacken und es sei ohnehin fast dunkel. Er solle am nächsten Tag nochmal anrufen. Meine Fresse, ich bin wirklich unglaublich unromantisch und uncharmant. Ruf mich an!!! Jetzt muss ich darüber doch ein bisschen lachen.

Nachdem ich eine halbe Stunde lang auf kleine Bildchen gestarrt habe, bin ich sicher, dass dies das Schloss Saint-Maclou la Campagne ist. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Nachdem ich eine halbe Stunde lang auf kleine Bildchen gestarrt habe, bin ich sicher, dass dies das Schloss Saint-Maclou la Campagne ist. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Bis zum nächsten Tag hatte ich mir einen guten Grund zurechtgelegt, warum er nicht herkommen kann. Chefin würde es nicht erlauben. Das ist auch wirklich so. Ich überprüfte das Schloss am äußeren Eingangsportal und da hatte wirklich jemand versucht hereinzukommen. Aber das heißt nichts. Hier versucht andauernd jemand am äußeren Eingang hereinzukommen. Er rief nicht an und ich schwankte zwischen Erleichterung (hurra, ich werd nicht ausgeraubt) und Enttäuschung (total umsonst stundenlang das Haus geschrubbt).

Er rief am Montag sehr spät abends an. Ob es Donnerstag passen würde. “Nein, es passt überhaupt nicht, ist nicht erlaubt und viel zu gefährlich.” Er zeigte sich verständnisvoll und klang sehr enttäuscht, was mir ein bisschen leid tat, ich bin wirklich so eine blöde Kuh, es ist unvorstellbar. Ich fragte dann nämlich, ob er nicht jemanden im hiesigen Kaff kenne, der für ihn bürgen könne. “Ja doch”, antwortete er, “den Tournebroche-Mann kenne ich, bei dem war ich gerade, als wir uns trafen.” Da war ich sehr erleichtert. Herr C. ist ein guter Freund, war allerdings komisch, dass der Typ nicht einmal den Namen kannte.

Am Dienstag (gestern) ging ich zum Zahnarzt, alles soweit okay, gar nicht gebohrt, hurra. Das versetzte mich in Abenteuerstimmung. Ich fuhr nach Saint-Maclou und sah mir die Kirche und das Schloss an.

Man kann es übrigens mieten. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Man kann es übrigens mieten. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Wie ich schon in der Bildunterschrift sagte, hab ich die Fotos noch nicht gesichtet.

Danach fuhr ich zu Herrn C.. Der sagte mir: “Das war Christophe Rocancourt, hast du keinen Fernseher? Der ist doch in der ganzen Welt berühmt.” -“Noch nie gehört. Der ist berühmt? Was macht er denn?” -“Der ist ein weltberühmter Betrüger und hat amerikanischen Hollywoodstars Millionen von Dollars aus dem Kreuz geleiert. Neulich noch hat er die Filmemacherin Catherine Breillat in Frankreich um viel Geld betrogen.” Und ja, er ist wirklich berühmt. Die englischsprachige Wikipedia (und die französisch- und schwedischsprachige) hat einen Artikel über ihn. Aber in Deutschland kennt ihn keine Sau. Ist wahrscheinlich der berühmteste Mann, den ich je getroffen habe. Und verdrängt damit Martin Margiela, von dem ich bis dahin auch noch nie etwas gehört hatte, auf den zweiten Platz (obwohl er in mehr Sprachen einen Wikipediaartikel hat). Ich musste sehr lachen, als Herr C. mir alles erzählte. Als ich wieder zuhause war, erzählte ich es sofort allen deutschen Bekannten und keiner kannte Christophe Rocancourt. Er sollte es mal mit Deutschland versuchen.

Ich habe dann aber doch ziemlich schlecht geschlafen. Und bin zweimal mitten in der Nacht mit der Taschenlampe bewaffnet durch den sehr kalten Park gelatscht. Was an Herrn Cs Kommentar: “Der räumt nicht selbst dein Schloss aus, der schickt wen.” lag.

Raureif auf der beliebten Hundespielwiese heute Abend. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Raureif auf der beliebten Hundespielwiese heute Abend. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Daher rief ich heute Morgen sofort auf Schloss Saint-Maclou an und ich glaub er war da am Telefon, er behauptete der englische Besitzer zu sein, sein Englisch ist aber unter aller Würde. Lustig: “Ja, ich bin der Besitzer Robin Gage, ich bin gerade in England.” -“Ich habe aber eine französische Nummer angerufen.” Der Mann muss irgendwie nachgelassen haben. Ich weiß nicht, wieso er da wohnen darf, vielleicht hat er Geld rechtzeitig beiseite geschafft oder der echte Schlossbesitzer, ein Engländer, lebt gern gefährlich. “Nein”, behauptete der angebliche Schlossbesitzer, Christophe Rocancourt sei immer noch reich und habe sich geändert. “Das glaube ich nicht”, antwortete ich, “denn sonst hätte er mich nicht gleich nach dem Beruf und Vermögensstand meiner Chefs gefragt. Aber das ist auch egal, denn ich bin arm und die Chefs sind auch arm und im Schloss gibt es nichts was etwas wert wäre, alles ist kaputtes billiges Zeugs. Außerdem habe ich eine Schusswaffe und zwei große Hunde”, fügte ich noch hinzu. Hoff mer mal, dass ich nächste Nacht besser schlafe. Ich benehme mich wahrscheinlich albern und es wirkt auch nicht besser, wenn ich ständig kichern muss, aber wenigstens bin ich ich und nur ich. Das platte normannische Land ist total verrückt. Es ist voller echter und unechter Schlossbesitzer und es gibt hier überdurchschnittlich viele berühmte Personen, leider auch Berüchtigte und die muss ich nicht unbedingt kennen.

Weiterführende Informationen

Welcome to the Château de Saint-Maclou (englisch)

Christophe Rocancourt, la chute sans fin (französisch)

Breillat-Rocancourt, après le procès, le film… (französisch)

Escrocs Christophe Rocancourt (französisch)

Christophe Rocancourt (NO LONGER) WANTED in multiple jurisdictions (englisch)

5 thoughts on “In Frankreich berühmt

  1. Dein Leben ist wirklich spannend! Hab Tränen gelacht, tue es noch immer…

    • Gestern Abend bin ich auch nicht mehr rausgelaufen, wenn die Hunde bellten und hab ganz friedlich geschlafen. Ja, eigentlich meinen die Leute immer es müsse total langweilig sein hier, aber das kann ich wirklich nicht bestätigen. Vielleicht wird Langeweile auch nicht spezifisch von Orten erzeugt.

  2. There is a saying “No good deed goes unpunished!” Maybe that happened here. Good thing you are feeling safer now.

    • Yes indeed, that proverb is completely right. But I guess we’re lucky, that we are indeed not rich enough to be interesting for crooks.

  3. […] in der Ortschaft, das Château de Saint-Maclou-la-Campagne aus dem 17. und 18. Jahrhundert (s. In Frankreich berühmt), das Château du Mont ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert und das Château du Mont-Gouge aus dem 19. […]

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s