Das Kloster der 13. Wahrheit

Lamuel ritt am Rand des Tals der Riane entlang. Die Herbstsonne vergoldete die bewaldeten Hänge und der Fluss glitzerte im Tal. Lamuel genoss den Ritt, die Zeit allein mit seinem Pferd in wunderschöner Landschaft. So allein waren sie allerdings gar nicht. Er begegnete anderen Reitern sowie Pferde- und Ochsenkarren, Händlern, Bauern und Pilgern. Es war überraschend viel los auf der schmalen Straße. Am späten Nachmittag sah er den majestätischen Turm, der das Wahrzeichen des Klosters der 13. Wahrheit war. Der Turm diente als Ausguck und Glockenturm. Das Kloster war von einer wehrhaften hohen Mauer umgeben. Lamuel fragte sich, wieso das wohl notwendig war.

vallée de la risle montfort

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Saint-Nicolas, eigenes Foto, Lizenz:CC by

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Vor den Toren erwartete ihn die Priorin. Die kleine Frau sah relativ ungefährlich aus, ihr wallendes graues Ordensgewand wäre gewiss hinderlich im Kampf. Lamuel entspannte sich ein wenig. Er stieg von seinem braunen Hengst und führte ihn am Zügel auf das Klostergelände. Wo eine Ordensschwester versuchte, ihm den Zügel abzunehmen, um das Pferd in den Stall zu bringen. Mit einem Faustschlag auf den Solarplexus schlug er die Nonne K. o.. “Oh Entschuldigung.” Hilflos beugte Lamuel sich über die Nonne und fächelte ihr mit dem Zügel Luft zu. “Es war ein Reflex.” Wenn Blicke töten könnten, wäre Lamuel, von Beruf Ritter, schon vor langer Zeit gestorben. Die Priorin sah den Ritter missbilligend an und tätschelte die Wangen der Nonne, die langsam aus der Ohnmacht erwachte. “Jetzt übergebt ihr die Zügel, werter Herr Ritter.” Sie schaffte es, dass “werter Herr” wie eine Beleidigung klang. “Ihr könnt das Pferd nicht mit in eure Zelle nehmen und auch nicht in das Heiligtum.” Lamuel nahm seinen Reisesack vom Pferd, tätschelte es am Hals und erklärte ihm, dass er später noch in den Stall gehen würde. Dann übergab er der verschreckten Nonne die Zügel. Die ging daraufhin leise fluchend zu den Ställen und zog den nervös tänzelnden Hengst hinter sich her.

Eigenes Foto, Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported License/ CC by-SA

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“Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen”, begann Lamuel. “Ihr seid Lamuel, ein Ritter und Ihr seid gekommen, um den Mord an unserem Abt aufzuklären”, antwortete die Priorin ungeduldig. Dann fuhr sie mit leiernder Stimme fort: “Ich bin Sibsil, die Priorin dieses Klosters. Es ist ein gemischtes Kloster. Der Abt ist immer ein Mann, die Priorin ist immer eine Frau. Es ist normalerweise nicht üblich bei uns, sich den Weg nach oben zu morden”, sie bedachte den Ritter mit einem vielsagenden Blick. “Der Abt repräsentiert das Kloster nach außen, hat aber keinerlei eigenen Besitz. Wir vermuten, dass es jemand von außen war. Vielleicht will sich jemand am Kloster rächen.” Lamuel sah sie fragend an: “Wieso sollte sich jemand am Kloster rächen wollen?” Sie hatten inzwischen den Innenhof erreicht. In der Mitte stand ein großer Käfig auf einem Podest. Im Käfig wand sich ein Mann mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden. Der Ritter war stehengeblieben und starrte auf den Käfig, um den immer noch zahlreiche Gläubige versammelt waren, die das Schauspiel genossen. Die Schaulustigen feuerten den Mann im Käfig an. “So brutal muss man doch nicht sein”, murmelte Lamuel. Sibsil lächelte ironisch. Es war doch seltsam so einen Satz von einem professionellen Ritter zu hören, dessen Hauptaufgabe es war, Mörder zu töten.

Altar der Wahrheit: “Wahrheit, göttliche Pflanze! Du vertreibst den Wahn der Meinungen, reinigst das Herz von Leidenschaften!” Kupferstich von J. A. Darnstedt, aus: Wilhelm Gottlieb Becker: Das Seifersdorfer Thal. Leipzig : Voß und Leo, 1792, Gemeinfrei

Sie deutete auf den Käfig: “Das ist die 13. Wahrheit. Es kommt selten vor, aber es kommt vor, dass ein Gläubiger in dem Käfig stirbt. Seine Angehörigen sind nicht immer froh darüber. Da jemand, der in dem Käfig stirbt, besondere Vergünstigungen bei der Wiedergeburt erhält, fällt ein Zehntel seines weltlichen Besitzes an das Kloster.” “Sehr praktisch für das Kloster”, murmelte Lamuel, “kein Wunder, dass manche Erben da sauer werden. Ist das Kloster deshalb wie eine Burg gebaut?” Sibsil nickte kurz, schien aber abgelenkt vom geschehen im Käfig. Der Gläubige warf sich gegen die Stäbe. “Wie funktioniert der Käfig denn”, wollte der Ritter dann wissen. “Dazu müsste ich Euch einen sehr langen Vortrag über die Wahrheiten halten und das ist ohnehin verboten, denn Ihr seid kein Mitglied des Ordens. Ich kann Euch nur so viel sagen, es gibt keine Strahlen oder Substanzen, die die Person in dem Käfig beeinflussen. Der Käfig funktioniert nur, wenn genügend Besucher da sind und bei Ordensleuten funktioniert er nicht, da wir auf diese und einige andere Wahrheiten vorbereitet werden. Wollt Ihr den Käfig ausprobieren?”

Foto aus dem Jahr 1905 von Ernesto Burzagli (1873-1944). Lizenz: gemeinfrei. Der war wohl damals dabei, sieht man ja, ganz klar.

Lamuel wollte den Käfig ausprobieren. Besser jetzt, während die Ordensleute dabei waren. Falls etwas schiefginge, würden sie ihm wahrscheinlich helfen. Immerhin war er kein normaler Besucher. Der König könnte sauer werden, die Ausbildung eines Ritters war kostspielig und er würde keinen Zweiten schicken, wenn der Erste im Käfig umkam. Lamuel und Sibsil bahnten sich ihren Weg durch die Menge, eine sehr unangenehme Erfahrung für Lamuel, es gab hier so viele Leute, auf deren Bewegungen er achtgeben musste. Seine Ausbildung hatte ihn paranoid gemacht. Der Boden des Käfigs war 12 Quadratmeter groß. Zwei kräftige Mönche zogen den inzwischen ohnmächtigen Gläubigen aus dem Käfig, dann streuten sie Sägespäne und fegten sie schnell wieder hinaus. Lamuel ging hinein. Die Gläubigen starrten ihn erwartungsvoll an, er starrte zurück. Die Menge murmelte. Nichts geschah. Auf ein Zeichen Sibsils öffneten die Mönche den Käfig und ließen Lamuel heraus. Die Priorin verkündete laut: “Er ist ein Eingeweihter!” Dann eilte sie zum Ritter, und schob ihn durch die Menge zum Wohngebäude. “Wieso hat es nicht funktioniert?” wollte Lamuel wissen. “Es wird wohl an Eurer Ausbildung liegen”, antwortete Sibsil. Sie brachte den Ritter zu seiner Zelle.

Luxus ist auch eine Wahrheit. Foto von AlejandroLinaresGarcia, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic

“In einer Stunde nehmen wir das Abendbrot ein”, Ihr seid natürlich eingeladen. “Danke für das Angebot”, antwortete der Ritter, “aber ich habe mir für heute Abend etwas mitgebracht.” Er holte Brot, Trockenfleisch, Käse und Äpfel, sowie einen Schlauch mit Trinkwasser aus seinen Satteltaschen. “Wahrscheinlich wäre es sicherer, wenn ich mit Euch essen würde”, seufzte Sibsil. Dann ging sie jedoch hinaus. Es war Zeit das Tor für die Nacht zu schließen. Die letzten Besucher gingen hinaus, wurden hinausgeschoben oder getragen. Es gab eine Pilgerherberge in der unmittelbaren Nähe. Vielleicht wohnte der Mörder dort? Sie hatte keine Lust gehabt, es dem Ritter zu erklären, aber die Mauer war nicht wegen der Verwandten so fest und hoch. Es hatte vor vierzig Jahren einen Religionskrieg gegeben. Es gab damals Streit um diverse Glaubensvorstellungen, war Wiedergeburt eine Wahrheit? War Vermögen eine Wahrheit? War Wahrheit wahr? Die Streitigkeiten wurden damals auf einem Konzil beigelegt. Die vielen verschiedenen Parteien schlossen einen Kompromiss. Es gab unzählige Wahrheiten, aber man konnte nicht verlangen, dass alle Geistlichen alle Wahrheiten kannten. Es konnte aber jederzeit passieren, dass eine fanatische Gruppe beschloss, dass ihre Wahrheit wahrer oder wichtiger sei als die anderen.

Das träumte ich vor Weihnachten. Der Traum endete ungefähr hier. Ich konnte noch ein paar Blicke auf den Mörder werfen. Und ich träumte auch noch philosophische Diskurse über Wahrheiten, an die ich mich jedoch nur noch dunkel erinnern kann. Verdammt. Vielleicht führe ich die Geschichte fort. Die Fortsetzung träumen werde ich wahrscheinlich leider nicht. Hmm, mal sehen. Jedenfalls denke ich, dass es eine gute Idee ist, diesen Teil schonmal zu posten. Was den Altar der Wahrheit angeht, abgefahren find ich, dass es sowas wirklich gibt. Mehr zum Seifersdorfer Tal: Homepage des Vereins Seifersdorfer Thal e.V.

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