Solange ich deine Hand halte

Etwas aus der Reihe “es ist nicht immer alles lustig™”.

Richard Gerstl, halbnacktes Selbstporträt, entstanden 1904/1905. Lizenz: gemeinfrei, da Gerstl sich 1908 umbrachte.


Hermann war als Kind Köhlerjunge gewesen. Dann wurde er Waldarbeiter. In seiner Jugend spielte er Zither. Bevor er das Küchenmädchen Friederieke kennenlernte, wollte er mit dem Zirkus durchbrennen. Aber dann heiratete er Friederieke. Die hatte schon ein Kind, das war ihm egal. Und die Zither kam auf den Dachboden.

In der Nazizeit hatte Hermann einen Hitlerbart. Aber mehr weil er das schick fand. Politik war ihm egal. Hermann und Friederieke bekamen noch zwei Kinder. Beim Mittagessen aß Hermann das Fleisch und die Kinder bekamen die Kartoffeln. Nach dem Essen legte Hermann sich auf die Chaiselongue in der Küche zum Mittagsschlaf. Friederike machte, ebenfalls in der Küche, den Abwasch, ohne zu klappern, damit Hermann nicht aufwachte. Die Kinder wurden groß und die beiden Söhne zogen weg. Die Tochter Christel heiratete und bekam selbst ein Kind, ein Mädchen namens Charlotte. Hermann wurde Rentner. Er hörte auf Kaninchen zu züchten. Sein Fahrrad schob er lieber und benutzte es als fahrbaren Stock. Abends sah das alte Ehepaar fern und die beiden tranken ein Glas Eierlikör. Dann starb Friederieke nach einem Herzinfarkt. Hermann weinte. Dann starb der Mann der Tochter bei einem Unfall. Christel weinte, Charlotte weinte nicht.

Ohne Friederieke machte Hermann das Leben keinen besonderen Spaß mehr. Auch Charlotte vermisste die Großmutter sehr, sie war wie eine Mutter gewesen. Christel lernte einen anderen Mann kennen und der wollte nicht, dass Hermann mit ihnen zusammenwohnte. Er wollte in Ruhe seine neu erworbene Stieftochter missbrauchen. So wie er schon seine erste Stieftochter Rachel missbraucht hatte. Dabei war Hermann ihm im Weg. Christel war eine gefügige Ehefrau und schob ihren Vater ins Heim ab.

‘Schau nicht hin mein Sohn’ von Hans Krenn, entstanden 1969. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany

Hermann wurde dort regelmäßig von der Enkelin Charlotte besucht. Sie redeten nicht viel. In der nahen Apotheke kaufte Charlotte für Hermann Pepsinwein.. für die Verdauung. Das war alles was ihn noch interessierte. Aber es war gut zusammen zu sitzen. Sie wussten ja beide, zumindest bildete Charlotte sich ein, dass sie beide wussten. Sie hatten nur noch einander. Nach einem halben Jahr bekam Hermann Krebs. Auf seiner Unterlippe war ein großes Geschwür, dort wo früher immer die Zigarette gehangen hatte. Er konnte nur noch essen, wenn er sich den Mund vereiste. Hermann wurde in eine andere Stadt in ein Pflegeheim gebracht. Dort konnte Charlotte ihn nicht besuchen. Dann wurde Christel angerufen, Hermann lag im Sterben und die Familie fuhr ins Pflegeheim. Das machte man halt. Hätte nicht gut ausgesehen, nicht hinzugehen.

Während ihre Eltern nur kurz im Zimmer des Sterbenden blieben, hielt Charlotte seine Hand und wollte nicht gehen. Je länger sie auf die milchigen Augen ihres Großvaters sah, desto sicherer war sie, dass er nicht sterben würde, solange sie an seinem Bett saß und seine Hand hielt. Die Tür ging auf, der Stiefvater kam herein und zog das Mädchen hinaus und es wäre keine Option gewesen, im nachtdunklen Pflegeheim zu schreien und zu kämpfen. Charlotte musste mitgehn. Und der Großvater starb. Charlotte war damals 13 Jahre alt. Das Kind war jetzt ganz allein den Machenschaften ihrer Eltern ausgesetzt. In einem kleinen deutschen Dorf, in dem die Nachbarn sich nur dafür interessieren, ob der Rasen auch gemäht und der Schnee auch geschippt wird. Spießer halt. Man konkurriert mit Autos. Hast du einen BMW kauf ich mir einen Mercedes. Und dann sitzen die Väter in Feinripp-Unterwäsche vor dem Fernseher. Zu besonderen Gelegenheiten wird Bowle gesoffen und zur Heimorgel gejodelt. Die Onkel interessierten sich nur fürs Erbe und meldeten sich, nachdem das abgewickelt war, nie wieder.

Charlotte war überzeugt, dass ihr Großvater nicht gestorben wäre, wenn man sie nicht von seiner Seite gerissen hätte. Sie war nun allein und sie sprach nie mit jemandem über den Tod ihres Großvaters. Das würde niemand verstehen, das war klar. Sie beschaffte sich Bücher, um die Wahrheit zu erfahren, denn es war auch klar, dass anwesenden Erwachsenen nicht zu trauen war und Autovergleich das Mysterium von Leben und Tod nicht erklärte. Sie las allerlei esoterische Bücher, sah aber schon als Kind ein, dass das wohl alles Aberglaube war. Aber nichts was sie las, konnte sie wirklich davon überzeugen, dass ihr Großvater auch gestorben wäre, wenn sie an seinem Bett sitzen geblieben wäre.

‘Landschaft im Fernsehn in einer Landschaft’ von Clemens Hillebrand, entstanden 1983, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Auch hierzu gibt es:

Weiterführende Informationen

Zur Situation alleinerziehender Mütter und zu Hausmädchen wie Friederike um 1900 in Deutschland:Die Rolle der Frau um 1900 in Deutschland/Gymnich-insbesondere die Rolle der alleinerziehenden Frau-Katharina Kentenich war eine von ihnen

2 thoughts on “Solange ich deine Hand halte

  1. Isthere a way I can read this in english Stanzebla?

    • No, translation programs don’t work for German prose. I checked it before I wrote the article with the last winter pictures. Because I didn’t wanted that one to be translatable. ^^ This article was inspired by Brene Brown: http://www.huffingtonpost.com/2011/12/15/brene-brown-vulnerability_n_1150976.html When I was a child I was abused sexually by my stepfather. He persuaded my mother to put my grandfather into a seniors home, so nobody was there to help me. When my grandfather died in a seniors home I was sitting at his side. And I didn’t want him to die. I thought he would live if I continue holding his hand and making him stay. My stepfather came in and pulled me out of the room and I had to go home. My grandfather died that night. From that moment I kept the secret belief, that I could prolong the life of living beings I love, if I make them stay somehow. I know that is not possible, but I got this secret belief though. My English isn’t good enough to write a story about that.

      To illustrate the story I did chose paintings which were painted at the time my grandfather was born, I was born and when he died.

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