Revolutionsteller

Dieser Artikel handelt von historischen Tellern. Die wurden keineswegs in der Revolution als Wurfgeschosse benutzt, sondern man aß davon und stellte sie stolz hochkant im Küchenschrank zur Schau. Wir haben so einen Schrank im Schlosskeller aber natürlich keine eigenen Revolutionsteller. Die Schlossbesitzer sind eher auf Barock fixiert. Barock und Revolution beißt sich aber. Ich sah diese doch sehr schmucken und farbenfrohen Teller auf einer Ausstellung in der Bücherei von Bernay und fand es verblüffend, wieviel vom damaligen Tagesgeschehen auf den Tellern abgebildet ist. Hergestellt wurden die Teller in Nevers im Burgund (Bourgogne). Vor der Revolution (1789-1799) wurden die Teller mit Heiligen oder Berufsdarstellungen geschmückt. Das jeweilige Dekor wurde über Jahre hinweg verwendet und die Leute besaßen ganze Sets eines Dekors. Da es Handarbeit war, gibt es kleine Unterschiede, das sieht man am letzten Dekor in diesem Artikel, da hab ich bisher drei Versionen von gesehen, bei denen sich Gesichtsausdruck, Haartracht und Farben unterschieden.

Der Vorname Marie-Anne war damals besonders bei der Landbevölkerung und bei Dienstmägden weit verbreitet. In der Revolutionszeit wurde der Name zusammengezogen zu Marianne und galt als das Symbol zuerst der Revolution, dann der Republik. Dieser Teller zeigt Marie-Anne Pigu (der Name symbolisiert hier die gewöhnliche Frau aus dem Volk, Pigu kann man wahrscheinlich auch mit “hat es geschnallt” übersetzen) 1793 als Wäscherin. Keine Heilige, aber zumindest das Berufsmotiv wurde hier verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser Teller wurde nach dem Motiv einer bekannten Radierung geschaffen. Vor der Revolution hatte die Stimme eines Geistlichen oder Adligen mehr Gewicht, als die eines einfachen Mannes. Das wurde in der Revolution geändert. Jeder Mann hatte eine gleichwertige Stimme, egal welchem Stand er angehörte. Die Wippe symbolisiert die Gerechtigkeit. Der dritte Stand wiegt schwerer als der Bischofsstab (Geistlichkeit) und der Degen (Adel), denn er verfügt über mehr Mitglieder. Adliger und Kleriker beschweren sich: “nous jouons de malheur”, ‘wir spielen das Unglück’. Das ist ein bisschen unklar und hängt wohl damit zusammen, dass die Generalstände sich im Tennissaal (“jeu de paume”, ‘Spiel mit der Handfläche’) in Versailles treffen mussten. Der Teller wurde etwa 1790 gemacht. Eigenes Foto in Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Der nächste Teller ist aber noch seltsamer, es ist ein seltener Freimaurerteller aus der Revolutionszeit.

Das Winkelmaß in der Mitte, mit den zwei Ähren symbolisiert den dritten Stand. Das Winkelmaß ist umgeben von 3 Fleurs de Lys, die das Königshaus repräsentieren. Links ist ein Bischofsstab (Geistlichkeit) und rechts ein Degen (Adel). “Fidelitas, pax et concordia” heißt Treue, Frieden und Eintracht. Der Teller wurde 1790 oder 1791 hergestellt, jedenfalls vor dem endgültigen Untergang von Louis XVI., als manche Leute noch glaubten, man könne eine konstitutionelle Monarchie veranstalten. Eigenes Foto in Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Das Motiv stellt die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 dar, mit besonderem Blick auf Einigkeit und Freiheit. Die Einigkeit wird durch einen Handschlag symbolisiert (das ist wieder durch Freimaurerei inspiriert). Die Hände verbinden sich über dem einem Buch auf dem wir “droit de lhomm” (da fehlt ein E), ‘Menschenrechte’ lesen können. Die Freiheit wird durch die Phrygische Mütze dargestellt, die auf einem Degen hängt. Diese Mützen finde ich irgendwie niedlich. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieses Motiv nannte man “an der Festung”, es zeigt zwar die Bastille aber nicht den Sturm auf dieselbe. Die Kanonen zeigen nach außen. Der Teller ruft zu Wachsamkeit in den Zeiten der Revolutionskriege auf. “Vivre libre or mourir” heißt ‘lebe frei oder stirb’. Dieses Dekor wurde 1792 und 1793 verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Hier ist dann der Teller, der an den Sturm auf die Bastille (14. Juli 1789) erinnert. Er wurde 1789 gemacht. Bis 1792 war dies ein sehr beliebtes Motiv. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Rechts ist ein Priester dargestellt, der den zwei Leuten links, die wahrscheinlich Adel und Dritten Stand darstellen, die Neuigkeiten berichtet. Im Ancien Régime, der Zeit der französischen Könige, predigte der Priester nicht nur, er verkündete auch die Neuigkeiten. Ab dem 23. Februar 1790 musste er auch die Neuigkeiten vom Nationalrat verkünden. Der hier dargestellte Priester tut das: “je vous annonce le bonheur de la France”, ‘Ich verkünde euch das Wohlergehen der Nation.’ Die Figuren sind so pummelig, weil das Volk hoffte, dass nun Hunger und Leiden ein Ende haben würden. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser Teller nimmt auf den Tod von Honoré Gabriel Riqueti, comte de Mirabeau, am 2. April 1791 Bezug. Mirabeau war für kurze Zeit Abgeordneter des Dritten Standes im Generalrat gewesen und ein sehr feuriger Redner. Daher nahm das Volk an, dass er ein strammer Revolutionär gewesen sei. Aber 1792 wurden in Versailles versteckte Papiere gefunden, in denen er sich für eine konstitutionelle Monarchie einsetzte. Dieser Teller wurde gemacht, bevor die Papiere gefunden worden waren. Er zeigt das Grabmal Mirabeaus auf dem eine Urne mit seinem Herzen thront. “La patrie reconnainte, à mirabeau eleve ce tombeau”, ‘in Anerkennung für Mirabeau errichtet das Heimatland ihm dieses Grabmal’. Von diesen Tellern wurden 1792 bestimmt einige wirklich als Wurfgeschoss verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser nach November 1790 hergestellte Teller ist eher dröge. Ein Priester hält ein Buch, dass die Verfassung sein soll. Thema ist der Eid der Geistlichen, die ab November 1790 auf die Verfassung schwören mussten. Die Inschrift zitiert Teile des Eids: “je jure de maintenir de tout mon pouvoir la constitution”, ‘Ich schwöre die Verfassung mit all meiner Kraft zu unterstützen’. Unten bei den Links stehen noch mehr langweilige Eide und Revolutionsgrüße (auf Französisch). Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

So jetzt kommen die Fotos, bei denen man mal das selbe Dekor vergleichen kann. Das dritte Bild ist in einem der Links (unten) zu sehen. Die Farben, Frisuren, Gesichtsausdrücke und Schrift sind unterschiedlich. Es muss nett gewesen sein, davon ein Set zu haben.

Das ist ein Bild von Wikimedia Commons, der Teller kommt aus Nevers, wurde 1791 hergestellt und steht heute in einem Museum. Der Boden ist oranger als auf meinem Foto. Autor des Fotos ist Patrick.charpiat, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Und das ist “meins”. Der Teller zeigt einen Bischof und einen adligen Händler, die den Ersten und den Zweiten Stand repräsentieren. Sie halten sich an der Hand, denn im Ancien Régime hatten sie zusammen den dritten Stand unterdrückt. Die Worte: “le malheur nous réunit” bedeuten ‘unser Unglück vereint uns’. Der Text dieses Tellers ist sehr schwer zu lesen. Vielleicht konnte der Künstler nicht lesen und schreiben. Dieser Teller wurde 1791 oder 1792 hergestellt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 2.0 Generic (denn gemeinfrei ging nicht, mumpf).

Weiterführende Informationen

serment des évêques et curés à la Constitution civile du clergé (12 juillet 1790) (französisch) Der ganze langweilige Eide, noch andere Eide und Revolutionsgrüße.

Les faïences révolutionnaires de la manufacture de Nevers (französisch) Hier ist noch ein dritter der “Malheurteller” abgebildet.

6 thoughts on “Revolutionsteller

  1. lovely plates!!! They remind me of the ones my grandma used to have from Germany

    • Yeah, they remind me of plates we had in Germany when I was the child, they had an English decor though. And this time I did translate the article.😀 Do you understand German?

  2. Jochen Brachmann

    Hallo, guten Tag, ich habe heute (7. August 2015) im Internet Ihren Artikel über die französischen Revolutionsteller gelesen. Mein Vater hatte diese gesammelt und wir haben mehr als 20 Originale hier davon. Ich selber möchte die Sammlung gern irgendwann auflösen. Können Sie mir eventuell sagen, wer Interessenten sind, die solchen Sammlungen aufkaufen? Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Hier meine Email-Adresse: JochenBrachmann@web.de
    Vielen Dank und viele Grüße, Jochen Brachmann

    • Tut mir leid, ich weß auch nicht, wer so etwas kauft. Es wird aber wohl eher Franzosen interessieren. Im französischen Ebay fand ich keinen einzigen. Vielleicht wär das auch was für Museen.

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