Carsix, Baumärkte und mittelalterliche Geheimnisse

Carsix ist eine französische Gemeinde mit 245 Einwohnern (Stand 1. Januar 2010) im Département Eure in der Region Haute-Normandie.

Carsix liegt hier um die Ecke. Der Weiler Malbrouck an der ehemaligen Route nationale 13 (seit 2006 D613) gehört zur Gemeinde. Da gibt es ein Gewerbegebiet mit dem größten Baumarkt der Gegend. Lustigerweise haben Märkte an dem Ort eine jahrhundertelange Tradition.

Geschichte

Die Ortschaft wurde 1180 unter dem Namen Caresis erstmals erwähnt. Marie de Carsi(x) war die Tochter von Picard von Carsix, dem damaligen Seigneur von Carsix, der jedoch schon verstorben war als Marie in die Geschichte der unseligen Könige verstrickt wurde. Marie wurde die Amme von Johann I. (15. bis 19. November 1316), auch Johann der Posthume genannt, da er nach dem Tod seines Vaters geboren wurde. Sie taucht als Marie de Cressay in den historischen Romanen von Maurice Druon auf. Dort tauscht sie ihr eigenes Kind gegen den neugeborenen König aus, da ein Anschlag auf dessen Leben befürchtet wurde. Das getötete Kind war ihr eigentlicher Sohn und Johann überlebte. Laut einem anderen (unbequellten) Wikipedia-Artikel soll zur Zeit Johanns II. (1319 –1364) ein Mann aufgetaucht sein, der behauptete, Johann I. zu sein. Tote Königskinder neigen dazu wiederaufzutauchen. Um das nochmal klarzustellen, Druon hat sich das mit dem Kindstausch ausgedacht, aber er hat es sich sehr plausibel ausgedacht.

Totenprozession Johanns des Posthumen. Bild ist gemeinfrei aufgrund seines Alters.

Die Ländereien von Carsix gehörten gegen Ende des 14. Jahrhunderts dem Seigneur von Thibouville. Durch Heirat der Erbin von Thibouville erhielt Henri de Gouvis Carsix im Jahr 1420. Im Jahr 1560 erhielt Pierre II. du Fay, vicomte de Pont-Audemer, die Seigneurie. Im 17. Jahrhundert wurde ein Familienzweig Fay de Carsix gegründet. Die Seigneurie blieb bis zur Französischen Revolution (1789–1799) im Besitz der Familie.

1793 erhielt Carsix im Zuge der Französischen Revolution den Status einer Gemeinde und 1801 durch die Verwaltungsreform unter Napoleon Bonaparte (1769-1821) unter dem Namen Carsi das Recht auf kommunale Selbstverwaltung. Auch wenn die Seigneurien durch die Revolution aufgelöst wurden, blieb die Familie Fay bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Besitz des Schlosses.

Das Schloss hinter dem schmucken barocken Eingangstor. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Am 28. August 1833 reiste König Louis-Philippe I. (1773–1850) durch Carsix. Zur Erinnerung daran wurde fortan ein zweiter großer Markt in Malbrouck gehalten, nämlich da, wo heute das Gewerbegebiet ist.

Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) besetzte die Wehrmacht die Gemeinde und nutzte das Schloss als Kommandantur. Nach der Flucht der Deutschen diente das Schloss als Hospital. Der Schlosspark fungierte währenddessen als Soldatenfriedhof. Die Deutschen haben sich hier nicht so sagenhaft beliebt gemacht.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Das Schloss von Carsix wurde von Pierre-Georges du Fay um 1741 auf den Fundamenten eines älteren Gebäudes errichtet. Durch das “du” nicht verwirren lassen, das ist schon die gleiche Familie, nur das “de”, ‘von’ änderte sich im Laufe der Zeit, manchmal fiel es auch ganz weg. Pierre-Georges Sohn Pierre-Philippe ließ die seigneuriale Kapelle bauen. Das Schloss hat zwei Seitenflügel. Die Fassade besteht aus rotem Backstein und hellem Naturstein. Nach seiner Heirat im Jahr 1900 zog Georges du Fay in das Département Manche und verkaufte das Schloss in Carsix. Es wechselte daraufhin mehrfach den Besitzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Schlosses durch Schimmel zerstört. Als eine private Gesellschaft 1966 das Gebäude erwarb, war im Gebäudeinneren nur ein original eingerichteter Raum im Stil des Louis-quinze erhalten.

Das Schloss von Carsix. Näher ran hab ich mich nicht getraut. Es ist ja irgendwie im Privatbesitz und wirkte auch privat. Ich benehme mich normalerweise dann auch nicht daneben und geh einfach rein. Hier jedenfalls nicht. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

An der Straße nach Plasnes steht ein Herrenhaus mit Taubenhaus im Stil des Klassizismus des frühen 19. Jahrhunderts.

In Carsix gibt es 31 Häuser und Bauernhöfe aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Neun davon wurden bisher von der staatlichen Denkmalsbehörde besichtigt, die meisten davon stammten aus dem 18. Jahrhundert.

Schutzpatron der Kirche Saint-Martin ist Martin von Tours. Das Kirchenschiff wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtet, der Chor wurde im 14. Jahrhundert umgebaut, Kirchturm und Dach des Kirchenschiffs wurden im 16. Jahrhundert ergänzt beziehungsweise erneuert. Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche restauriert.

Weiterführende Informationen (deutsch)

Maurice Druon: Die unseligen Könige. In: DER SPIEGEL 3/1959

Die unseligen Könige. amazon.de

Weiterführende Informationen (französisch)

Alte Postkarten aus Carsix im Départementsarchiv

Carsix auf der Webseite der Préfecture Eure

Le village de Carsix. In: Annuaire-Mairie.fr

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. 1, Librairie Droz, 1990, ISBN 2-6000-2883-8, S. 53

Frédéric Galeron: Statistique de l’arrondissement de Falaise. 3, Brée l’aîné, Falaise 1829, S. 123

Carsix – notice communal. In: Cassini.ehess.fr.

Raymond Bordeaux: Statistique routière de Lisieux à la frontière de Normandie. In: Annuaire Normand. Delos, Caen 1849

Bernard Bodinier (Hrsg.): L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Jean-Michel Bordessoules, Saint-Jean-d’Angély 2001, ISBN 2-913471-28-5, S. 246

Franck Beaumont, Philippe Seydoux: Gentilhommières des pays de l’Eure. Editions de la Morande, Paris 1999, ISBN 2-902091-31-2 , S. 281f

Notre Dame de Charentonne. Diocèse d’Évreux

Commune : Carsix (27131). Thème : Tous les thèmes. In: Insee.fr. Institut national de la statistique et des études économiques

Eintrag Nr. 27131 in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums

Henry de Servignat: Quatre enigmes royales. In: Dossiers de la petite histoire. Nouvelles Editions Latines, 1958, S. 38–67

Brune de Crespt: Jean Ier, l’enfant qui régna cinq jours. In: Historia Nostra. Alix Ducret

Marie de Carsi

Dies ist eine Verwurstung meines eigenen Wikidiaartikels.
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2 thoughts on “Carsix, Baumärkte und mittelalterliche Geheimnisse

  1. Es gefällt mir immer wieder wie du schreibst. Vor allem deine Gegend mit den vielen Schlössern. Vor allem deine Erklärungen sind interessant. Schreibst du viel bei Wikki? LG Uwe

    • Ja, in letzter Zeit war ich da wieder sehr aktiv. Das schwankt halt, manchmal schreib ich mehr im Blog, manchmal bei Wikipedia. Kommt auch drauf an, wie sehr die Wikipedianer mich ärgern. Ich wollte im Blog noch über die Kunstpolitik von Ludwig XIV. schreiben, da stolperte ich nämlich in Wikipedia bei Artikeln über unbedeutende längst verstorbene Typen drüber. Die Kunstpolitik fand ich jedenfalls interessant, ganz anders als die ganzen amerikanischen Barockfans sich das immer ausmalen. ^^ Stichwort: Krieg, kein Geld, muss aber trotzdem Protzen. Aber weiß nicht ob ich noch dazu komme, hab hier auch noch ein Buch über Colbert liegen. lG stanze

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