Der Neandertaler von Marcilly-sur-Eure

Rekonstruktionsversuch eines Neandertalers im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle. Er denkt wohl gerade darüber nach, wie ulkig Archäologie ist. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported.


Als 1841 die Bahnstrecke von Évreux nach Dreux in Marcilly-sur-Eure gebaut wurde, fanden die Arbeiter im Bereich hinter dem Schloss Mésangère ein Skelett in einer Schicht aus rotem mittelpaläolithischem (300.000 bis 30.000 v. Chr.) Alluvialboden. Einer der Arbeiter warf den Schädel auf einen Steinhaufen und der Schädel zerbrach in kleine Stücke, nur das dicke Stirnbein blieb erhalten. Als ich das las, bekam ich zuerst wieder einmal die Historikerkrise: “oh neiiiin, wie konnten sie das nur tun?” Nachdem ich dann aber das Gehirn eingeschaltet hatte, musste ich zugeben, dass es mir vielleicht ähnlich gegangen wäre. Ist ja nicht unbedingt schön irgendeins Dings zu finden, man zieht es aus der Modke und es stellt sich heraus, dass es ein Schädel ist. “Iiiiih!” Womöglich ließ der Arbeiter den Schädel quiekend fallen. Man denkt ja auch nicht gleich an Ur- und Frühgeschichte, wenn man irgendeinen Fund macht. Es hätte auch ein deutlich frischeres Skelett sein können, zum Beispiel aus der Revolutionszeit. Gestorben wird immer. Wie auch immer die Sache abgelaufen ist, übrig blieb nur das Stirnbein. Damals gab es noch keine Radiokarbonmethode oder DNA-Analyse. Es gab aber schon die ersten Experten, die sich das Stirnbein ansahen und verkündeten, es sei neandertalerhaft. Das ging damals als Sensation durch die Presse.

Erst im 20. Jahrhundert ließ Dominique Gambier (*1947), der damalige Rektor der Universität von Rouen den Knochen erneut untersuchen. Blöderweise war das Original inzwischen verschwunden. Auch darüber könnte man sich in eine Historikerkrise hineinsteigern, das kann aber auch an den Weltkriegen liegen. Also wurde eine Kopie untersucht, die sie noch im Musée d’archéologie nationale in Saint-Germain-en-Laye herumfliegen hatten. Das Stirnbein sieht zwar robust auf, weist aber nicht die Merkmale eines Neandertalers auf, sondern stammt von einem anatomisch modernen Menschen (Cro-Magnon). Die Bodenschicht, in der das Skelett gefunden worden war, war einfach zu dünn für eine genaue Datierung.

“Das ist doch auch nicht schlecht”, scheint dieser anatomisch moderne Mann zu sagen. Vor bis zu 30.000 Jahren, könnte er in Marcilly-sur-Eure herumgehangen haben. Das ist eine forensische Gesichtskonstruktion von Cicero Moraes. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Im 20. Jahrhundert wurden noch diverse andere frühgeschichtliche Funde in Marcilly gemacht. Mit Hilfe von Luftbildarchäologie wurden 1976 und 1980 bronzezeitliche (3200-600 v. Chr.) Siedlungsspuren entdeckt. 1967 wurde ein Wagengrab aus dem Spätlatène (150–30 v. Chr.) gefunden. 1982 wurden Siedlungsspren aus dem Spätlatène entdeckt, die in den folgenden zwei Jahren durch eine Ausgrabung untersucht wurden.

Siedlungsspuren aus der Hallstattzeit (800–475 v. Chr.) wurden bisher im Département Eure nur an den Flüssen Seine und Eure gefunden, denn die Flüsse dienten als Transportwege.

Der Fluss Eure in Marcilly-sur-Eure. Foto von Félix Potuit. Lizenz: gemeinfrei.

Weiterführende Informationen

Bernard Bodinier: L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Jean-Michel Bordessoules, Saint-Jean-d’Angély 2001, ISBN 2-913471-28-5, S. 16, 26, 52 f. (französisch).

Dominique Cliquet: L’Eure. 27. In: Michel Provost, Academie des inscriptions et belles-lettres, Ministere de la culture: Carte Archéologique de la Gaule. Fondation Maison des Sciences de l’Homme, Paris 1993, ISBN 2-87754-018-9, 597, S. 36–45, 240 f. (französisch).

Für diesen kleinen Artikel hab ich zwei von mir selbst erstellt, beziehungsweise in dieser Hinsicht ergänzte Wikipediaartikel verwurstet, weil ich faul bin. Es handelt sich um Marcilly-sur-Eure und Département Eure. Die Artikel stehen unter der Lizenz CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Creative Commons Lizenzvertrag
Der Neandertaler von Marcilly-sur-Eure steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

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