Siehe Évreux und stirb natürlich nicht!

English version is here.

Jaja, eigentlich heißt es “Siehe Neapel und stirb!“, aber sterben ist doch eher unangenehm und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass mir das beim Anblick von Neapel besser gefiele. »Vedi Napoli e poi muori!« klingt für mich auch eher nach einem Nudelgericht. Ich kann halt kein Latein.

Ich ging natürlich nicht zum Sterben nach Évreux und es ging auch nicht um Tod oder Leben, sondern um Fahrzeugpapiere oder keine Fahrzeugpapiere. Es gab keine Fahrzeugpapiere. Immerhin gab es Fotos. Évreux ist die Hauptstadt des Départements Eure. Im Jahr 2010 hatte es 50,537 Einwohner und egal mit was für tollen Sprachen und technischem Schnickschnack ihre offizielle Webseite geschrieben sein mag. Sie ist trotzdem einfach kacke, da inhaltsleer. Évreux selbst hat ganz viel Geschichte, sogar mehr als das durchschnittliche Kaff der Region und falls ihr schon etwas von mir gelesen habt, werdet ihr bemerkt haben, dass hiesige Käffer vor Geschichte geradezu bersten.

Gericht von Évreux, gebaut zwischen 1682 und 1714, umgebaut im 19. Jahrhundert und vom Blitz getroffen im Jahr 1911. Dabei brannten die Archive. Das waren noch Zeiten, als Archive aus Papier bestanden… Serverräume können allerdings auch brennen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

In der Bronzezeit (ab etwa 600 v. Chr. oder gar früher) tummelten sich die Kelten in der Gegend. Évreux war auch damals schon eine Hauptstadt. Die Hauptstadt der Eburoviken. Dann eroberten die Römer fast ganz Frankreich (abgesehen von einem bestimmten gallischen Dorf?). Jedenfalls blieben die Römer von 52 v. Chr. bis 486 n. Chr. an der Macht. Sie hinterließen einige Ruinen und hübsche Sachen, die heute in Museen stehen.

Dann kamen die Merowinger und die Christen. Die Merowinger regierten von 468 bis ins 8. Jahrhundert. Zu den Merowingern gehörte auch der ziemlich berühmte Guntram I. (532-592). Der Gunther des Nibelungenlieds oder des Codex regius der älteren Edda, für die, die gern alles im Original lesen.

Merowingersarg im Park “François Mitterrand”. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im 5. Jahrhundert kamen nicht nur die Merowinger vorbei, sondern auch der erste Bischof. Dessen Leben natürlich nur als Legende überliefert ist, in der es heiß hergeht. Unter anderem kam auch ein Dämon drin vor. Der auf dem Türsturz der Kirche Saint-Taurin aussieht, als wäre er einer Folge des Computerspiels Diablo entsprungen. Taurin(us), der erste Bischof, war aber früh dran und starb schon um 410. Vielleicht gab es ihn auch nicht. Irgendeinen ersten Bischof muss es aber gegeben haben.

Im 10. Jahrhundert gründete Herzog Richard I. (933–996) ein Kloster namens Saint-Taurin. Die Klosterkirche steht noch und ich besuchte sie. Sie lag auf dem Weg von einem Finanzamt zum nächsten. Hurra! Die Kirche wurde entweder im 11. oder 12. oder 13. jahrhundert erbaut. Da sind sich Wikipedia, die Stadt Évreux oder deren Tourismusbüro und das französische Kulturministerium uneins.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch ('century' heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch (‘century’ heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

église Saint-Taurin à Évreux

Die Kirche hat einige hübsche Wasserspeier. Leider wurde das Relief über dem Eingang in der Französischen Revolution (1789-1799) von wildgewordenen Revolutionären beschädigt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Der leicht abgenutzte Türsturz. Er wurde wohl im 13. Jahrhundert geschaffen. Auf der rechten Seite trollt sich der oben erwähnte Dämon. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

My camera doesn't get along with darkness or with light. The flash has no power whatsoever. It's better to take photos without flash. In Saint-Taurin it was really very much too dark for my poor camera and therefore I got only very small photos, like this one. Sigh. Own photo, licence: public domain.

Mein Fotoapparat schafft keine intensiven Lichtverhältnisse. In Kirchen versagt er ob der Dunkelheit. Den Blitz könnte man in der Pfeife rauchen, wenn solche physikalischen Paradoxa funktionieren würden (Überrascht mich!). Jedenfalls war es in Saint-Taurin echt zu dunkel. Eigenes Foto, Lizenz: gemeinfrei.

Weihwasserbecken aus dem 13. Jahrhundert. Es zeigt eine Schnecke mit menschlichem Kopf. Unbekannter Grund. Vielleicht war der damalige Priester schleimig. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Altar. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Chorgestühl aus dem 19. Jahrhundert, Maria mit dem Kinde 16. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Maria mit dem Kinde (16. Jahrhundert). Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Größter Schatz der Kirche ist eine Reliquienkiste mit Reliquien von Taurinus und Landulf (Laudulphe d’Évreux), dem Bischof, der angeblich die Gebeine von Taurinus damas entdeckt hat. Gebaut wurde die Kiste im 13. Jahrhundert und geweiht 1259 von König Louis IX. (1214 – 1270), den man auch den heiligen Louis (Saint Louis) nennt. Das finde ich immer wieder beeindruckend und es muss auch sehr praktisch gewesen sein, einen Heiligen als König zu haben. Da traut sich doch keiner mehr zu meckern. Die “heilige Angela”, stellt euch das vor.

Die Kiste sieht wie eine Miniaturkathedrale aus und zeigt Szenen aus Taurinus’ Leben. Ursprünglich war die Kiste mit Edelsteinen verziert. Die wurden aber im 16. Jahrhundert alle geklaut und durch Glasssteine ersetzt. Die Welt ist halt korrupt und falsch. Die Kiste besteht aus Kupfer und Gold auf einem Holzrahmen. Sie ist außerdem mit Blattgold bezogen und wiegt stolze 82 kg. In der Kirche ist es in einem kleinen Nebenraum versteckt. Den man nur findet, wenn man weiß, dass er da irgendwo sein muss. Der Raum ist beknackterweise kompletter Rotlichtbezirk. Könnte an der Diebstahlssicherung liegen, verhindert aber vernünftige Fotos. Es ist noch dunkler als im Rest der Kirche und sagenhaft rot. Es gibt aber sehr gute Foto hier (klick auf suiv. zum Blättern).

See what I mean, when I say, my little camera can't do that? Sigh. Own photo, licence: public domain

Das ist alles was ich im Rotlichtbezirk zustande brachte. Seufz. Eigenes Foto, Lizenz: gemeinfrei

Taufbecken aus dem 16. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Romanesque "bonhomme couché" (lying man, 12th century)

Romanischer “bonhomme couché” (liegendes Männchen, 12. Jahrhundert). Eigenes Foto, Lizenz: gemeinfrei

The organ stands on a gallery with richly decorated 19th century woodwork. This rosette is under the gallery. Own photo, licence: public domain

Die Orgel steht auf einer reich verzierten Holzgalerie aus dem 19. Jahrhundert. Diese Rosette ist unten drunter. Eigenes Foto, Lizenz: gemeinfrei

Interior of the church. View of the organ. To the right the pulpit (19th century). Own photo, licence: public domain

In der Kirche, Blick auf die Orgel. Rechts die Kanzel (19. Jahrhundert). Eigenes Foto, Lizenz: gemeinfrei

Évreux liegt am Iton. Der Fluss fließt mittig durch die Stadt. Das ist aber nicht so hübsch wie in Bernay. Es gibt zwar viele Brücken, aber nur wenig Lavoirs (Waschhäuschen).

Der Iton. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Mehr Iton. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Sieht total idyllisch aus, als ich da ankam rannte aber eine Wasserratte weg, eventuell Ostschermäuse. Ein Stück vor mir rechts ging eine Frau, die einen Buggy schob. Die war gar nicht von der Ratte begeistert. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Évreux hat auch noch die Kathedrale Notre-Dame, die im 13. Jahrhundert gebaut worden ist. Ich hatte keine Zeit sie mir anzuschauen oder war zu beschäftigt oder verpeilt. Jedenfalls sah ich sie nur von Weitem.

Blick auf Évreux mit der Kathedrale Notre-Dame. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Hinter dem Bahnhof geht es steil den Berg hinauf. Obendrauf ist eine Privatschule. das wusste ich aber nicht, als ich sie von Weitem sah. Ich dachte, da sei vielleicht noch eine Kirche und latschte hinauf. Und traf eine Katze, die gestreichelt werden wollte und auch auf den Arm etc. Ich fragte eine Frau im Garten nebenan, ob ihr die Katze gehört. Sie sagte: “Nein”, das sei eine streunende Katze und sie wird von einer Nachbarin gefüttert. Ihr eigener Sohn hat eine Katzenallergie und verjagt die Katze deshalb immer, auch mit Fußtritten, deshalb kommt die Katze nicht mehr zu ihr. Zu mir kam sie jedenfalls schon. Die Katze war ganz lieb, schnurrte und rieb sich an mir. Sie ließ sich auf den Arm nehmen und setzte sich auch auf meinen Schoß, als ich mich auf einem kleinen Mäuerchen niederließ. Erst dachte ich, die Katze sähe gesund aus, abgesehen von leicht angefetzten Ohren. Sie hatte glänzendes Fell. Dann sah ich die Äderchen in den Augen und schließlich hing ihr auch noch die Zunge ein bisschen raus. Ich finds traurig, wenn so freundliche Katzen kein Zuhause haben.

Ich glaub sie heißt Minette, aber ich bin schlecht mit Namen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Als würden wir immer zusammen auf fremden Mäuerchen hocken. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

At first I thought it's funny how stupid she looks with her tongue hanging out a bit. But then I was kind of worried. What if she has some kind of illness? Own photo, licence: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Erst fand ich, es sieht lustig und ein bisschen dumm aus, dann machte ich mir aber Sorgen. Nicht, dass sie irgendeine fiese Krankheit hat.. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Es war an dem Tag total heiß. Eine weitere Nachbarin stieß zu uns und wir quatschten. Franzosen sind so. Wildfremde Frauen reden mit einem, als wär man eine alte Freundin. Der Katze war das aber zu langweilig, sie ging ein paar Meter weiter und legte sich hinter ein parkendes Auto auf die Straße. Ist klar, eines Tages wird sie überfahren. Dann bekam ich auch Langeweile und ging zurück zum Bahnhof. Es gibt nur 3 Züge pro Tag auf der Linie von Évreux nach Bernay. Es wäre nicht so toll gewesen, den Zug zu verpassen, deshalb ging ich nicht zur Kathedrale, sondern nur in den Park.

Der Park “François Mitterrand” liegt am alten Konvent der Kapuziner, einem Gebäude aus dem 17. Jahrhundert. Der Kreuzgang ist denkmalgeschützt. Er wurde im 17. Jahrhundert erbaut.

Sonneunhr an der Südseite des Kapuzinerkonvents. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Vor dem Gebäude steht eine Skulptur aus dem 18. Jahrhundert, die Herakles und Telephos zeigt. Sie ist ebenfalls denkmalgeschützt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Sieht wie ein großer Grabstein aus, wurde wohl 1935 errichtet und ist wohl ein Denkmal für den Schriftsteller André Beaunier (1869-1925). Das Graffiti-Gesicht auf dem Dingen macht es irgendwie besser. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Dann fuhr ich heim.

Bahnhof von Évreux, gebaut 1887. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

In Bernay nahm mich ein alter Bauer für nur 10€ mit dem Auto mit. Hurra! Ich hatte Glück, es fuhren Polizeiautos herum an dem Tag, und er versuchte nichts. Er ist sehr alt, verschrumpelt, und sieht aus wie eine Kreuzung aus einem Zwerg und einer Trockenpflaume. Ich fühlte mich in jeglicher Hinsicht nicht sicher auf der Fahrt und war unheimlich froh, als wir ankamen. Den letzten Kilometer ging ich freiwillig zu Fuß.

Weiterführende Informationen

In französischer Sprache.

Évreux in der Base Palissy, der Liste der französischen Möbel-Denkmale.

Évreux in der Base Mérimée, der französischen Liste für Architektur-Denkmale.

Évreux, église Saint-Taurin, eine private französische Website.

5 thoughts on “Siehe Évreux und stirb natürlich nicht!

  1. […] Deutsche Version ist hier. […]

  2. Brügge sehen … und sterben? (2008) – http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCgge_sehen%E2%80%A6_und_sterben%3F

    »Vedi Napoli e poi muori« Sieh’ Neapel und dann stirb! (Damen Conversations Lexikon, Bd. 7, 1836) – http://www.goethezeitportal.de/wissen/projektepool/goethe-italien/goethes-reiseroute/goethe-neapel.html

    Und nicht zu vergessen – der Tod muß ein Wiener sein. – http://www.planet-vienna.com/Nekropole/nekropole.htm

    Was ist das nur mit Städten und dem finalen Nickerchen??😛

    • Keine Ahnung, in Wien war ich schonmal, und wollte nicht dort sterben. Das war aber auch tagsüber und morbid kams mir nicht vor. Ich bin auch nicht auf nem Friedhof gewesen. Manche verwenden das mit “sehen und sterben” auch bei Rom. Was Venedig angeht versteh ich das schon http://www.imdb.com/title/tt0069995/ Wenn die Gondeln Trauer tragen, Tod in Venedig. Da stell ichs mir wirklich morbid vor. Stinkende brackige Kanäle, die langsam versinken. Ich tu Venedig wahrscheinlich total unrecht.

  3. Nice to meet you, Stanze. I think our Airedale ‘Stanzie’ would like you and your pack very much. She is like your Lassie Dog, going on 12 yrs. of age with a few aches and pains, but she still has a lot of living to do! We named her after Constanze Marie Weber, Mozart’s wife.

    • Ah I see. My father wanted a boy by name of Constantin. But in my later life lots of people told me my name was that of Mozart’s wife. I don’t even particularly like Mozart’s music. I prefer Bach. I didn’t give Bach his name though. My bosses did and they prefer Mozart. The world is a strange place. I wish Stanzie many years in good health. The others send wuffs and miaus.

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