Und wenn die Freiheit gar keine ist?

Ich habe viel gelernt bei Wikipedia. Bessere Rechtschreibung zum Beispiel. Einiges über Stilfragen. Schreib nicht “dieses, jenes, welches”, wenn du nicht wie ein Idiot klingen willst. Auch über Lizenzen. Freie Lizenzen. Und ich hab immer gern unter freien Lizenzen veröffentlicht. Weil es ja “sowieso jemand klauen wird” und weil ich ein sagenhaft schlechtes Selbstwertgefühl habe. Dass jemand für meine Artikel bezahlen würde, halte ich einfach für ausgeschlossen. Neulich wollte jemand eins meiner Fotos kaufen. Das hat mich gar nicht besonders irritiert. Ein Foto von tausenden, nach soundsoviel Jahren. Das ist aber auch gar nicht der Punkt.

Neulich schrieb einer meiner Flickr-“Freunde” (warum das immer alles gleich Freunde sein sollen, erschliesst sich mir nicht) er wolle keine “Likes” seiner Bilder, sondern nur Kommentare, da die individueller seien und ein echtes Interesse ausdrückten. Schön wärs. Flickr-Kommentare sind häufig genormt. Erstens werden alle Bilder gelobt. Egal wie gut oder schlecht sie sind. Man will ja niemanden verletzen. Zweitens gibt es Leute, die sehr individuell klingende Lobeskommentare posten.. bei jedem das gleiche. Das kommt mir auch nicht sagenhaft besser vor als ein “Like”. Ich bin blöderweise eine “soziale” Person und mache dabei immer mit. Bin unsicher, ob ich davon etwas hab. Sehr unsicher.

Heute schaute ich mir ein Video von Jaron Lanier an. Und blöderweise zweifele ich jetzt ganz schrecklich an allen meinen Aktivitäten in “sozialen” Netzwerken und bezüglich freier Lizenzen. Ich hab sogar schonmal jemandem gesagt, er solle doch bitte seine Fotos unter freie Lizenz stellen. Das ist Jahre her, die Fotos waren nicht sehr kunstvoll und trotzdem schäme ich mich jetzt ein bisschen.

Jaron Lanier bekam vom Deutschen Buchhandel einen Preis. Nun kann man sich denken, klar verleihen die ihm einen Preis, denn ihnen schwimmen die Felle davon. Ebooks kann man auch umsonst im Internet herunterladen, gelle. Kein Wunder, dass der Buchhandel jemanden preist, der verkündet, dass die Freiheit des Internets auch zu Unfreiheit führen kann. Ich bin Zyniker. Ich gebs zu. Die Farbe Pink und ständige Lobhudelei (dies nur als Beispiele) machen mich ganz wirsch. Was ich aber auch schon immer gesagt habe, ist, dass man Künstler bezahlen muss. Sonst können sie keine Kunst schaffen. Zumindest nicht lange. Und hier negiere ich mich selbst: es ist mir total egal, was allgemein schon immer wie war. Und ich glaube weder, dass der Mensch des Menschen Wolf ist – zumindest nicht willentlich- noch, dass wir alle gut sind (ich schonmal gar nicht).

Das Video:

Sollte ich vielleicht in Zukunft meine Fotos unter volles Copyright stellen und nicht mehr wikipedisieren? Und zwar nur deshalb, weil irgendjemand anders dadurch vielleicht keine 20 Cents für ein Foto bekommt und irgendjemand anders keine 5 Cents pro Zeile für einen Artikel bekommt? Die Preise sind wieder wie am Anfang des 20. Jahrhunderts (Leslie McFarlane bekam in den 1930ern 85 Dollar für ganze Bücher der Hardy Boys-Reihe). Es gibt einfach von allem zu viel und man kann ja den Google-Übersetzer benutzen. Ich tu das auch immer (oder linguee oder bab.la). Diese automatischen Übersetzer-Webdienste haben dabei soundsoviele Übersetzungen von Menschen gesammelt und wenden diese an. Es ist nicht der automatische Übersetzungsdienst selbst, der die Übersetzungen gemacht hat. Es ist nur ein Programm. Am anderen Ende ist dann mein menschlicher Übersetzerkumpel, der jahrelang studiert hat, Auslandspraktika machte und so weiter und sich dann am Ende nicht davon ernähren kann. Es gibt im Internet Börsen, wo man sich Übersetzungen billig kaufen kann. Man stellt den Text ein, verschiedene Übersetzer übersetzen ihn und man wählt die Version, die einem am besten gefällt. Davon kann niemand leben. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Und wenn das in anderen Bereichen vergleichbar ist?

Und wenn wir gerade auf eine Idiocracy zusteuern, in der Intellektuelle keinen Wert haben? Das war wahrscheinlich wirklich schon immer so, ich gebs zu. Intellektuelle waren noch nie sehr geschätzt, ausser natürlich von anderen Intellektuellen.

Ich steh jetzt also vor dem Dilemma, ob ich in Zukunft nur noch Sachen unter vollem Copyright veröffentliche. Und weder “es war schon immer so” noch “wo gehobelt wird, da fallen Späne” sind dabei hilfreich.

Ich musste noch daran denken, wie Thomas Soundso anno 19soundsoviel80 auf dem Pausenhof verkündete, er glaube daran, dass jeder Bürger bald über alles per Internet entscheiden wird. Liquid Democracy. Er war Optimist. Ich bin Pessimistin. ich dachte mir gleich, dass das bestimmt nicht so einfach sein würde, wie es klingt. Nicht nur, weil damals noch kaum jemand Internet hatte, sondern vielmehr, weil es immer Leute gibt, die zu dumm sind, etwas zu benutzen oder zu entscheiden oder zu faul oder uninteressiert. Wenn man jedem erst sämtliche Hintergrundinformationen vermitteln muss, wird die Aufgabe irgendwann unmöglich und es wird gar nichts entschieden werden. Den Optimisten gehört wahrscheinlich die Zukunft, das ist aber vielleicht nicht so unheimlich toll.

6 thoughts on “Und wenn die Freiheit gar keine ist?

  1. Genau! so ist es :o) und ich hab auch ein problem mit dem wort “Freund” , wird im cyberspace etwas arg ueberstrapaziert :o)

    • Danke für den Kommentar. Ist schön, dich zu lesen. Ich hab leider so wenig Zeit gehabt. Dein Blog war mir aber immer eins der Liebsten.

  2. Hier kommt ein Like und individueller Kommentar. Lange nichts gehört. Ich dachte schon, du seist weggezogen😉

    • Ja, weit weg wohnende rl-Freunde fragten auch, was los sei. Ich kann einfach nichts im Internet schreiben, was meine Chefs eventuell mitbekommen könnten. Die verstehen kein Deutsch, kennen aber Leute, die deutsch verstehen. Überhaupt wurde die Situation so schlimm, dass ich einfach nicht mehr lustig sein konnte. Ich hatte im weiteren Verlauf aber auch nur noch wenig Zeit und habe mich hauptsächlich auf Fotografie beschränkt. Ich wohne noch hier, aber man weiss nie, wie lange noch. Da sind sehr schlimme Sachen passiert, über die ich aus obigen Gründen, nicht schreiben konnte.

      • Oh je. So einen Anflug hatte ich zwischendurch auch mal, dass jemand einen Beitrag falsch verstehen und nicht lustig finden könnte, so dass da was Reales schief läuft. Dann kommt die Schere im Kopf😦

      • Ja. Und falls jemand meine Beiträge in den Google-Übersetzer wirft, könnte das auch gefährlich sein.

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