Leben mit Marga 6

Reinkarnierte Hunde

Das ist diesmal leider eine traurige Geschichte. Ich will sie aber auch nicht auslassen, weil sie doch zu Margas Leben gehört.

Als Jean-Pierre seine Walther PPK auf Marga richtete und herumbrüllte, war Marga so vernünftig, ihm keine weiteren Vorwürfe zu machen. Ein seltenes Ereignis. Marga hob Highheels, den kleinen Mops hoch. Highheels (sprich: „Ei-Iels“) schaute Jean-Pierre mit großen, dunklen, feuchten und angstgeweiteten Augen an, da konnte Jean-Pierre natürlich nicht schießen. Er ließ die Waffe sinken, ging an seine Sockenschublade und trank die dort versteckte Flasche Bier in einem Zug aus. Dann rannte er aus dem Schloss, sprang in den Wagen und fuhr ziellos in der Gegend herum. Er musste aber zurückkehren, bevor er tanken musste, denn soviel Geld hatte er nicht mehr.

Marga und Jean-Pierre sprachen danach nie wieder über dieses Ereignis. Leider bekam Highheels kurz darauf Anämie und siechte dahin. Vielleicht war es doch nicht gut gewesen, sie ausschließlich mit gewürztem Putenrollbraten zu füttern.

Auf Highheels Beerdigung spielte ein Streichquartett Mozarts Requiem in d-Moll (KV 626). Es war alles sehr bewegend. Es war Ende Oktober und der Wind fegte gelbe Blätter von den Bäumen. Marga hatte schon immer gewusst, dass gelb Tod bedeutet. Sie hing ihren Gedanken nach. Highheels Tod war bestimmt Jean-Pierres Schuld. Jean-Pierre war ein Schlappschwanz. Wieso hatte sie ihn nur geheiratet? Bob war auch nicht besser gewesen, aber Bob hatte wenigstens einen ordentlichen Job gehabt. (Wir wissen immer noch nichts über ihre Beziehung zu Bob!) Marga wollte nicht an den kuschelig-dicken Opernsänger Peter Lanza denken. Tat es aber doch und prompt kamen ihr die Tränen. Der großzügig aufgetragene Kajalstift verlief. Damals, mit Griselidis war noch alles gut gewesen. Vielleicht konnte sie die Zeit zurückdrehen, sie musste nur die Reinkarnation von Griselidis finden. Jean-Pierre tupfte Margas Gesicht mit einem Taschentuch ab. Er stütze sie, während sie langsam den Tierfriedhof verließen.

Wo kauft eine moderne Frau einen Mops? Natürlich im Internet. In Marseille fand sie einen preiswerten Mopswelpen. Es gab aber nur männliche kleine Möpse bei dem Händler. Wahrscheinlich konnte man bei der Reinkarnation das Geschlecht wechseln, dachte Marga. Und nahm daher das Tier, das sie am ehesten an die Original-Griselidis erinnerte. Sie hätte den Mops gern nach dem Hund von Marie-Antoinette benannt, aber „Mops“ der Mops kam ihr dann doch zu blöd vor, also nannte sie den Hund „Pimperl“ nach Mozarts Hund. Marga liebte Mozart. Wenn seine Musik im Laden lief, verkaufte sie am meisten. Sie hatte es auch mit Vivaldi und Bach versucht, aber Mozart funktionierte am besten.

Schon nach ein paar Monaten wunderte sich Marga, dass Pimperl immer noch nicht gehorchte. Sie konnte den Mops rufen, so viel sie wollte, das Tier kam einfach nicht. Außerdem bellte der Hund. Sie hatte ihm mehrfach auseinandergesetzt, dass Mädchen nicht bellen. Der Hund wollte einfach nicht akzeptieren, dass er weiblich war. Nicht einmal nach der Kastration. Schließlich stellte der Tierarzt fest, dass Pimperl taub war. Wie unschön. Das erklärte zwar, warum Pimperl nicht gehorchte, machte ihn in Margas Augen aber noch unsympathischer. Das konnte nicht Griselidis sein. Griselidis hatte die Oper geliebt. Ein tauber Mops war eine Katastrophe.

Im Sommer stellte sich heraus, dass Pimperl allergisch auf Flohbisse reagierte. An manchen Stellen fielen ihm die Haare aus und er bekam nässende Entzündungsflecken am ganzen Körper. Daraufhin bekam Marga einen Nervenzusammenbruch und gab den Hund an die Wächter. Die Wächterin war eine treue Seele. Sie versuchte jedenfalls, Flöhe fernzuhalten und wenn ihr das auch nicht ganz gelang, so schien Pimperl bei ihr dennoch glücklich zu sein. Ihr war es egal, ob das Tier gehorchte, Hauptsache der Mops verletzte sich nicht. Die meiste Zeit lag Pimperl zufrieden im Wächterhäuschen auf dem Sofa.

Marga war das weitere Schicksal von Pimperl erstmal egal. Sie hatte jedenfalls nicht Griselidis gefunden, nur das war ihr wichtig. Wahrscheinlich war es nicht Griselidis gewesen, weil es gar keine Hündin war, sondern ein Hund. Das mit dem Geschlechtswechsel nach der Reinkarnation klappte wohl doch nicht. Marga kaufte also einen anderen Hund im Internet. Diesmal einen weiblichen Pekinesenwelpen. Die andere Rasse hatte den Vorteil, dass sie den Hund „Mops“ nennen konnte. Nach zwei Wochen sah sie aber ein, dass ein Pekinese kein Mops sein konnte. Die Hündin wurde einfach nicht stubenrein. Und sie wollte unbedingt spazieren gehen, andauernd. So oft konnte Marga Jean-Pierre nicht entbehren, der sich anhören musste, was sie der Welt Wichtiges mitzuteilen hatte. Also schenkte Marga den Pekinesen ebenfalls der Wächtersfrau, die sich sehr freute, umso mehr, da dieser Hund weder taub noch hautkrank war.

Marga reichte es jetzt. Die Reinkarnation von Griselidis musste sich doch finden lassen. Wieder wurde das Internet konsultiert, diesmal hatte der Züchter große Mengen von Mopswelpen. Riesige Auswahl in kleinen Hundezwingern unter der unbarmherzigen Sonne der Provence.

Eine kleine Hündin fiel Marga sofort ins Auge. Die Hündin hatte offensichtlich Angst vor ihr und versuchte, sich zu verstecken. Ideal. „Die nehm ich!“, rief Marga aus und kaufte den Mops. Diesmal ging sie keinerlei Risiko ein, denn sie nannte den Hund „Griselidis“. Wo Griselidis dran steht, muss doch auch Griselidis drin sein. Die Hündin wurde zwar auch nicht stubenrein, aber das war egal. Jean-Pierre machte die „Ausrutscher“ heimlich weg. Und als die Wächterin sich einmal beschwerte, dass die Hündin ins Schloss gemacht hatte, da beschimpfte Jean-Pierre die Frau als „fett“ und Marga drohte damit, ihr Mops, den Pekinesen, wegzunehmen.

Als die Wächter ein paar Tage darauf zusammen einkaufen fuhren, gingen Marga und Jean-Pierre in das Wächterhäuschen, um nach dem Rechten zu sehen. Da sah Marga Pimperl auf dem Sofa liegen und schlafen. Pimperl hatte kein schönes Fell, er war dick und er schnarchte. Er lag da, wie eine Karikatur von Griselidis. Hilflos und hässlich. Da ergriff Marga eine grenzenlose Wut auf die Wächterin. Alles war ihre Schuld! Marga befahl Jean-Pierre, Pimperl zu erschießen.

Also nahm Jean-Pierre Pimperl und trug ihn in ein hinteres Eckchen des Grundstücks. Der Hund erkannte Jean-Pierres Geruch und hechelte erfreut. Er erwartete Leckerchen und Streicheleinheiten. Jean-Pierre erschoss ihn und glaubte, damit das Beste für den Hund – und vor allem für sich selbst – getan zu haben. Jean-Pierre hatte keine Wahl, Marga würde eine Einschläferung nie bezahlen. Dann buddelte der Mann ein Loch, was sich schwieriger gestaltete, als er gedacht hatte. Der Boden war voller Steine. Jean-Pierre warf den Hund in die flache Mulde und bedeckte den kleinen Körper mit einer dünnen Schicht Erde. Da würde Griselidis später ein Grabungsprojekt starten.

Als die Wächter vom Einkaufen zurückkamen, teilte ihnen Jean-Pierre mit, dass sie gekündigt seien. Mops, den Pekinesen, könnten sie mitnehmen. Auf die entsetzten Fragen der Wächter, warum und wieso und wo denn Pimperl sei, gab Jean-Pierre keine Antwort. Stattdessen fuchtelte er mit der Walther herum. Die Wächter erinnerten sich, dass Marga ihnen erzählt hatte, dass Jean-Pierre verrückt sei. Es grauste ihnen. Sie packten eilends ihre Sachen zusammen, schnappten Mops und fuhren weg, als sei der Teufel hinter ihnen her. Wächter gab es wie Sand am Strand, das wusste Jean-Pierre am besten.

Researchers
Meine Hunde starten ein Grabungsprojekt. Eigenes Foto von 2015. Wir hätten die Leiche gleich gefunden. Bach, Rudi und Phex haben damals ja auch die Leichen der Schafböcke gefunden, die der englische Handwerker nur knapp unter der Grasnarbe verscharrt hatte. Das war auch nicht lustig gewesen. Außer vielleicht für die Hunde.

Das tut mir ja irgendwie leid, das es diesmal nicht lustig war. Ich hab daher vorgelesen in der Geschichte (also nicht laut, sondern in der Zeit nach vorn) und festgestellt, dass es irgendwann wieder lustig wird. Also nicht verzagen. Vielleicht meint das Schicksal es ja irgendwann besser mit Jean-Pierre. Nach dieser Story ist er mir allerdings immer ein bisschen egaler.

Die anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 7. Teil findet man hier: Bob, den 5. Teil findet man hier: Jean-Pierres Wunsch geht in Erfüllung, den 4. Teil findet man hier: Griselidis, den 3. Teil findet man hier: Marga schreibt ein Buch, den 2. Teil findet man hier: Es hat Füße und den ersten Teil findet man hier: Voodoo.

9 thoughts on “Leben mit Marga 6

  1. das ist toll… als ob man die leute kennt… ich musste dolle lachen… wir haben auch einen hund aus marseille… alle geruechte sind wahr LOL

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    • Das erleichtert mich, dass du das sogar lustig fandest. Besagte Wächterin las es heute auch und fand es nicht lustig aber wahr. Ich hab mich heute auch gefragt, ob ich mit Leben mit Marga weitermachen soll oder Leben ohne Marga vor den letzten Kapiteln von Leben mit Marga einbauen sollte, um Zeit zu schinden. Außerdem fehlt immer noch Bob. Jedesmal wenn ich „Bob“ denke, muss ich an den Bastelbogen mit Margas Schloss denken. Ich sehe dann immer Bob in 18. Jh.-Klamotten am Fenster stehen mit einer Kerze. Eine echte Kerze wäre natürlich in einem Bastelbogen aus Papier nicht angebracht. Vor ein paar Jahren konnte man das noch auf Amazon kaufen. Da musste ich noch neulich dran denken, als ich für den 5 Teil recherchierte und einen Instagram-Account fand, der 200 Fotos zu dem Thema hatte!

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  2. […] anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 5. Teil findet man hier: Jean-Pierres Wunsch geht in Erfüllung, den 4. Teil findet man hier: […]

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  3. […] anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 4. Teil findet man hier: Griselidis, den 3. Teil findet man hier: Marga schreibt ein Buch, den […]

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  8. […] noch von ihm? Er fuhr sie in der Gegend herum, kochte, machte das Licht an und aus, fütterte die Reinkarnationen und ging mit ihnen spazieren. Den ganzen Tag musste er sich anhören, wie Marga über Gott und die […]

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