Leben mit Marga 7

Bob

Wenn wir etwas über Bob erfahren wollen, müssen wir in der Zeit zurückgehen.

Eine sehr junge, schöne Marga, die wie Elizabeth Taylor aussah, nur mit längeren Haaren, die wild um ihren Kopf herum wallten, machte in Australien ihren Schulabschluss. Sie wollte studieren. Bis zum Beginn des Studiums machte sie einen Ferienjob. Sie heuerte bei einer Reisegesellschaft auf einem Flusskreuzfahrtschiff als Stubenmädchen an. „Naturwunder Australiens“ hieß die Tour, die in Sydney begann und in Broome endete. Margas Aufgabe war es, wenn die Touristen an Land waren und natürlich nach der Fahrt in den Kabinen aufzuräumen. Marga hatte eine Kollegin, die sehr fleißig war und Marga gelang es, die Kollegin dazu zu bringen, dass sie ihre Aufgaben mit übernahm. Immerhin lernte Marga Handtücher ordentlich zu falten und da war sie später ihr ganzes Leben lang sehr stolz drauf.

Während dieser 21 Tage langen Reisen lernte sie Bob kennen. Bob hieß eigentlich Bodo Bichler und war Künstler. Er kam aus Wien, hielt sich aber für einen Weltbürger. Bob war sein Künstlername. Er verdiente inzwischen ziemlich gut mit seinen Gemälden von Tieren, Pflanzen und Leuten im Stil des 18. Jahrhunderts. Er hatte an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert. Als er mit seinem Abschluss nichts wurde (so drückte es seine Mutter damals aus), hatten seine Eltern ihm einen Kurs an der privaten Academy of Art in Florenz gegönnt. Ist doch gut, wenn man reiche Eltern hat. Man hat ja gesehen, was mit Leuten passiert, die von der Kunsthochschule abgelehnt werden. Bob wollte die Welt jedenfalls nur mit seiner Kunst erobern.

In Australien erforschte er die Kunst der Aborigines, malte aber hauptsächlich Porträts. Auf dem Schiff malte er Marga im Stil des 18. Jahrhunderts (darauf ist die private Akademie der bildenden Künste in Florenz nämlich spezialisiert). Als Marga ihr erstes Porträt sah, war für sie klar, dass sie schön war und dass das 18. Jahrhundert genau ihr Ding war. Ein paar dieser Porträts hingen später in ihrem Schloss. Auf einem Bild hielt Marga einen Mops unter dem einen Arm, während sie den anderen Arm auf einem verzierten Stock mit Silberknauf vorstreckte. Das Kinn hochgereckt, schaute sie über eine imaginäre Landschaft, die jedenfalls nicht nach Australien aussah. Marga trug auf dem Bild eine weinrote Samtjacke mit gestickten Applikationen. Ein anderes Bild zeigte sie mit einem großen, weißen Hut und einem lichten weißen Sommerkleid. In der einen Hand hielt sie einen Schäferstab, der mit bunten Bändern umwunden war. Zu ihren Füßen spielte ein Mops und Marga sah mit hochgerecktem Kinn über eine Weide mit grasenden weißen Ziegen hinweg. 18. Jahrhundert, Mops, Ziege, die Weichen waren gestellt.

Nach der Reise unternahmen Marga und Bob viel zusammen. Bob malte Marga oft und gerne. Er ging auch gerne mit ihr aus. Sie sah an seiner Seite gut aus. Bob kaufte Marga Kleider und Schmuck und Griselidis. Sie gingen zusammen in die Oper und ins Theater. Ansonsten war Bob aber nicht an ihr interessiert. Sie teilten ein Interesse für die Opernsänger.

Marga und Bob unternahmen Fahrten in den Outback mit einem gemieteten Lkw. Bob hoffte, Aborigines zu treffen, die er malen könnte. Die beiden fanden auf einer dieser Fahrten die verlassene Stadt Cossack. In den 1940ern hatten die Einwohner die Stadt aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Dabei hatten die Leute einige Einrichtungsgegenstände in den Häusern gelassen. Marga und Bob schraubten alles ab, was man abschrauben konnte, Türknäufe, Lampen und dergleichen. Sie stapelten außerdem Stühle und andere kleinere Möbelstücke auf ihren Pick-up. Für Bob war das Inspiration, das wilde Leben im australischen Outback. Für Marga war das Geld. Sie verkaufte die Gegenstände in der Stadt. Einmal fanden sie einen Friseurstuhl, der brachte 50 Australische Dollar ein. Marga wusste nun, dass man gutes Geld mit altem Zeug von anderen Leuten machen konnte. Bob hatte in Italien gelernt, wie man Marmormuster auf Gegenstände malen kann. Das sah täuschend echt aus. Er brachte diese Kunst Marga bei, die sich fortan rühmte, Gegenstände restaurieren zu können.

Bess has a stain on her dress
Frisch restauriert. Das ist natürlich gemein von mir, sowas zu behaupten. Hier hat vielmehr ein Handwerker mitgewirkt. Eigenes Bild von 2015.

Schließlich bekam Bob Heimweh nach Österreich. Er gab Marga zum Abschied etwas Geld und fuhr zurück nach Wien. Mit dem in Australien gesammelten Geld fuhr Marga nach Frankreich und eröffnete dort ihr Geschäft. Marga verkaufte Dekorationsgegenstände und Möbel. Dazu gehörten mit Marmormuster bemalte Grabvasen. Die Vasen sammelte Marga abends auf den Friedhöfen der Region. Ihre in China angefertigten Porzellanmöpse waren ein absoluter Verkaufsschlager. Marga bemalte Weichholzmöbel und bearbeitete sie danach mit Sandpapier. So verkauften sie sich viel besser. Wenn Marga beschädigte Gemälde kaufte, restaurierte sie immer selbst. Sie hoffte natürlich irgendwann ein verschollenes Meisterwerk zu finden. So wurde Marga reich und konnte sich ein schönes Schloss kaufen.

Château de Mont-Criquet
So ein Schloss zum Beispiel. Das ist aber nicht Margas Schloss. Das ist Château du Mont-Criquet in Saint-Victor-d’Épine. Eigenes Foto von 2019.

Marga und Jean-Pierre besuchten Bob einmal. Als sie in der Innenstadt von Wien herumliefen, musste Jean-Pierre auf die Toilette. Die Benutzung der öffentlichen Toilette kostete aber 20 Groschen und Jean-Pierre hatte gar kein Geld. Er musste sich das Geld von Bob leihen. Die Demütigung vergaß er nie.

Die anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 5. Teil findet man hier: Jean-Pierres Wunsch geht in Erfüllung, den 4. Teil findet man hier: Griselidis, den 3. Teil findet man hier: Marga schreibt ein Buch, den 2. Teil findet man hier: Es hat Füße und den ersten Teil findet man hier: Voodoo.

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9 thoughts on “Leben mit Marga 7

  1. toll… als ob man marga kennt oder sie in der nachbarschaft wohnt…

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  2. Wenn man in der Nachbarschaft eines Schlosses wohnt, dann wohnt man ja vielleicht in ihrer Nachbarschaft. Kommt halt auf das Schloss an. 😉 Marga kennen und lieben ist aber vielleicht nicht eins. Ich hab gestern vor dem Schlafengehen noch über Marga und Bob nachgedacht und prompt von ihrem Schloss geträumt. Ich war da, mein Mann war da und es waren noch irgendwelche Besucher da und der momentane Wächter. Und es regnete in Strömen und obwohl sie das Dach anno 2018 repariert haben, regnete es furchtbar rein und wegen der Besucher hatte ich Angst, dass es zu Geisteraktivitäten kommt. Ich träume manchmal von dem Schloss und dann spukt es meistens. Diesmal nicht. Trotzdem war mir beim Aufwachen klar, dass ich über Bob schreiben muss.

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  3. […] anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 7. Teil findet man hier: Bob, den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 5. Teil findet man hier: Jean-Pierres Wunsch […]

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  6. […] anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 7. Teil findet man hier: Bob, den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 5. Teil findet man hier: Jean-Pierres Wunsch […]

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  7. […] anderen Folgen vom Leben mit Marga findet man hier: Den 7. Teil findet man hier: Bob, den 6. Teil findet man hier: Reinkarnierte Hunde, den 4. Teil findet man hier: Griselidis, den 3. […]

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  9. […] Stéphane“. Marga wunderte sich nicht. Sie kam sich bekannt und umschwärmt vor, wie in ihrer Opernzeit. Jean-Marc hatte Marga zum Restaurant fahren müssen. Er wartete draußen im Auto und hörte Johnny […]

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