Tag des offenen Denkmals 2013, zweiter Teil: Chamblac und Giverville

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In Chamblac war das Schloss von Jean de la Varende leider zu. Aber dafür war die Kirche offen. Ein Mitglied des Gemeinderates führte uns herum und ließ uns nicht nur in den Glockenturm steigen, ich durfte sogar die Glocken läuten. In Chamblac haben sie nämlich kein elektrisches Geläut. Man oder Frau muss sich in die Seile hängen und ziehen, was das Zeug hält.

Alain und Jeannine marschieren in die Kirche Notre-Dame von Chamblac. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Da hängen die Seile. Eigenes Foto, Lizenz: CC by Creative Commons Attribution Unported

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Tag des offenen Denkmals 2013, erster Teil: Château du Blanc-Buisson

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Hier heißt der Tag des offenen Denkmals „Journée de patrimoine“. Eigentlich „Journées“, Mehrzahl, denn der Samstag gehört dazu. Dieses Jahr unternahm ich am Sonntag etwas mit Alain und einer Freundin von ihm, Jeannine, aus einem Nachbardorf. Ich hätte mich wahrscheinlich auch meinen neuen Nachbarn anschließen können. Ich musste mich jedenfalls irgendwem anschließen, denn ich habe immer noch kein Auto und habs auch irgendwie aufgegeben. Ich habe jetzt ein Fahrrad. Das Tagesprogramm, das wir zu dritt absolvierten, hätte ich aber mit dem Fahrrad nicht absolvieren können, zumindest nicht in der kurzen Zeit.

Erstmal fuhren wir nach Saint-Pierre-du-Mesnil zur Burg Blanc-Buisson.

Alain und Jeannine habe ich gefragt ob ich Fotos von ihnen hochladen darf, ja ich darf. Da ich mich hier in Fotografenpose warf, machten die beiden sich bereit und Jeannine hastete zum Mäuerchen. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Alain und Jeannine habe ich gefragt ob ich Fotos von ihnen hochladen darf, ja ich darf. Da ich mich hier in Fotografenpose warf, machten die beiden sich bereit und Jeannine hastete zum Mäuerchen. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Alain und Jeannine, die sich brav in Positur gesetzt hat, und irgendwelche Leute vor dem Château du Blanc-Buisson. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Burg Blanc-Buisson wurde um 1290 in der Regierungszeit von Philipp dem Schönen erbaut. Die Burg ist ein seltenes Zeugnis der zugleich zivilen wie auch militärischen Architektur des Spätmittelalters im Pays d’Ouche. Über die Burg lässt sich außerdem sagen, dass sie anno 1355 angegriffen und dabei fast zerstört wurde. Ab 1470 war aber wieder Leben in der Bude. In den folgenden sieben Jahrhunderten wechselte das Gebäude dreimal die Besitzer, wurde aber nur einmal verkauft und ansonsten durch Hochzeit weitergegeben. Die Burg wurde nur wenig umgebaut.

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Siehe Évreux und stirb natürlich nicht!

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Jaja, eigentlich heißt es “Siehe Neapel und stirb!“, aber sterben ist doch eher unangenehm und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass mir das beim Anblick von Neapel besser gefiele. »Vedi Napoli e poi muori!« klingt für mich auch eher nach einem Nudelgericht. Ich kann halt kein Latein.

Ich ging natürlich nicht zum Sterben nach Évreux und es ging auch nicht um Tod oder Leben, sondern um Fahrzeugpapiere oder keine Fahrzeugpapiere. Es gab keine Fahrzeugpapiere. Immerhin gab es Fotos. Évreux ist die Hauptstadt des Départements Eure. Im Jahr 2010 hatte es 50,537 Einwohner und egal mit was für tollen Sprachen und technischem Schnickschnack ihre offizielle Webseite geschrieben sein mag. Sie ist trotzdem einfach kacke, da inhaltsleer. Évreux selbst hat ganz viel Geschichte, sogar mehr als das durchschnittliche Kaff der Region und falls ihr schon etwas von mir gelesen habt, werdet ihr bemerkt haben, dass hiesige Käffer vor Geschichte geradezu bersten.

Gericht von Évreux, gebaut zwischen 1682 und 1714, umgebaut im 19. Jahrhundert und vom Blitz getroffen im Jahr 1911. Dabei brannten die Archive. Das waren noch Zeiten, als Archive aus Papier bestanden… Serverräume können allerdings auch brennen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

In der Bronzezeit (ab etwa 600 v. Chr. oder gar früher) tummelten sich die Kelten in der Gegend. Évreux war auch damals schon eine Hauptstadt. Die Hauptstadt der Eburoviken. Dann eroberten die Römer fast ganz Frankreich (abgesehen von einem bestimmten gallischen Dorf?). Jedenfalls blieben die Römer von 52 v. Chr. bis 486 n. Chr. an der Macht. Sie hinterließen einige Ruinen und hübsche Sachen, die heute in Museen stehen.

Dann kamen die Merowinger und die Christen. Die Merowinger regierten von 468 bis ins 8. Jahrhundert. Zu den Merowingern gehörte auch der ziemlich berühmte Guntram I. (532-592). Der Gunther des Nibelungenlieds oder des Codex regius der älteren Edda, für die, die gern alles im Original lesen.

Merowingersarg im Park “François Mitterrand”. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im 5. Jahrhundert kamen nicht nur die Merowinger vorbei, sondern auch der erste Bischof. Dessen Leben natürlich nur als Legende überliefert ist, in der es heiß hergeht. Unter anderem kam auch ein Dämon drin vor. Der auf dem Türsturz der Kirche Saint-Taurin aussieht, als wäre er einer Folge des Computerspiels Diablo entsprungen. Taurin(us), der erste Bischof, war aber früh dran und starb schon um 410. Vielleicht gab es ihn auch nicht. Irgendeinen ersten Bischof muss es aber gegeben haben.

Im 10. Jahrhundert gründete Herzog Richard I. (933–996) ein Kloster namens Saint-Taurin. Die Klosterkirche steht noch und ich besuchte sie. Sie lag auf dem Weg von einem Finanzamt zum nächsten. Hurra! Die Kirche wurde entweder im 11. oder 12. oder 13. jahrhundert erbaut. Da sind sich Wikipedia, die Stadt Évreux oder deren Tourismusbüro und das französische Kulturministerium uneins.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch ('century' heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch (‘century’ heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

église Saint-Taurin à Évreux

Die Kirche hat einige hübsche Wasserspeier. Leider wurde das Relief über dem Eingang in der Französischen Revolution (1789-1799) von wildgewordenen Revolutionären beschädigt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

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Blumen für die Bienen

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In der Normandie pflanzten die Bauern früher absichtlich Kornblumen in den Getreidefeldern. Für ihre Bienen. Bis zur Ernte war die Normandie früher also voller Blumen. Heute gibt es in Berthouville noch ein Getreidefeld mit Kornblumen und eine Brachwiese voller verschiedener Blumenarten.

Campanula rapunculus, Rapunzel-Glockenblume an einem Feldrain am 10. August. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Papaver rhoeas, Klatschmohn an einem Maisfeld. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Klatschmohn am 10. August. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Centaurea cyanus, Kornblume auf der Flockenblumenwiese in Berthouville am 12. August. Own photo on Flickr, licence: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Kornblumen in Pink und Weiß. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Cosmos bipinnatus, Schmuckkästchen, ebenfalls auf der Flockenblumenwiese. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ausschnitt der Wiese. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Größerer Ausschnitt der Wiese. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Schmuckkästchen mit Hummel. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Anthemis arvensis, Acker-Hundskamille am 17. August. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Das Rebus von Saint-Grégoire-du-Vièvre

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Als ich den Wikipedia Artikel über Saint-Grégoire-du-Vièvre schrieb, stolperte ich über das Rätsel um ein Rebus aus dem 16. Jahrhundert an der Fassade der Kirche. Saint-Grégoire-du-Vièvre hat heute 342 Einwohner und es war niemals eine große oder wichtige Ortschaft. Es liegt ein paar Kilometer nördlich von hier. Falls ich jemals das Auto importiert bekomme, werd ich sofort hinfahren und Fotos machen. Bis dahin müssen Heliografien von anno 1888 ausreichen.

Edit: Ich fuhr heute Abend noch mit einem Bekannten aus dem Dorf los. Er hatte meinen Artikel gesehen und sich über die mangelnde Qualität der Fotos beschwert.

Das Bilderrätsel aus dem 16. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0 / Creative Commons zero public domain dedication/ gemeinfrei

Generationen von zumeist ortsansässigen Historikern oder anderen seltsamen Leuten haben versucht das Rebus zu entziffern. Es bedeutet etwa: “le monde est corrompu et faux sal” (ja, das ist in Französisch, nicht sehr überraschend bei einer französischen Kirche), übersetzt: ‘Die Welt ist korrupt und falsch sal’. Keine Ahnung, was “sal” heißen soll. ich würd sagen, das sind die Initialen des Autors.

Arthur Join-Lambert (1839–1917) hat seine Sicht der Dinge 1888 publiziert. “Le” (‘Der’) Reichsapfel steht für die Welt oder die christliche Welt. Es folgt das Wort “est” (‘ist’), dann ein unterbrochenes oder gebrochenes Horn (Musikinstrument, frz. “cor”). “Rompu” ist das Partizip von “rompre” (brechen, abbrechen).

Grab von Arthur Join-Lambert auf dem Friedhof von Livet-sur-Authou. Das liegt ein bisschen nordöstlich von hier. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain/ gemeinfrei

Join-Lambert behauptete, dass die 16 schwarzen und weißen Steinchen das 16. Jahrhundert symbolisieren. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und falsch sal.’ Das würde sich auf die Hugenottenkriege (1562–1598) beziehen und wäre gar nicht so weit hergeholt. Ulkigerweise gehörte Saint-Grégoire-du-Vièvre vom 14. bis 16. Jahrhundert, den Bourbonen. Letzter König der zugleich der Seigneur von Saint-Grégoire-du-Vièvre war, war Heinrich IV. (1553–1610). Er war Hugenotte und als solcher in die Kriege um Protestantismus und Katholizismus involviert.

Größere Ortschaften in der Region, zum Beispiel Bernay und Pont-Audemer wurden um 1590 angegriffen. Mal von den Hugenotten, mal von den Katholiken. Das Ergebnis war eh das gleiche. Die Soldaten plündern, die Einwohner sterben.

Das Rebus und der Ritter, der seinem Pferd hinterherläuft. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Dann folgt “et” (‘und’) und eine gut erkennbare Sense (“faux)”. “Faux” ist ein Homonym und bedeutet sowohl Sense als auch falsch. Join-Lambert dachte, dass es auch etwas ganz anderes meinen kann, etwas, dass nur so klingt wie “faux”, zum Beispiel “faut” 3. Person singular von “falloir”, ‘müssen’, ‘brauchen’. Keine Ahnung wieso er meint, es müsse eine andere Bedeutung haben, als die offensichtliche. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und man muss sal’? Das ergibt keinen Sinn. Um das zu erklären, schweift er noch weit mehr ab und behauptet, dass die Freimaurer das Rätsel gemacht hätten und dass “sal” Israel bedeute. Die fehlenden Buchstaben steckten halt im A oder in der Sense. Totaler Quark. (‘Die Buchstaben steckten im A’ klingt irgendwie unanständig.) Es gab zwar schon erste Freimaurer in England, aber die wären wohl kaum nach Saint-Grégoire-du-Vièvre gekommen, um dort in französischer Sprache Bilderrätsel in die Kirche einzubauen.

Der Ritter eilt hinter seinem Pferd her. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons public domain dedication/ gemeinfrei

Dem Alchemisten Fulcanelli folgend gibt es noch viel absurdere Erklärungen. Pferde seien Quellen in der Alchemie und der Ritter sei ‘Hermes Trismegistus entschleiert’, das Bilderrätsel stelle den ‘Triumph des Hermes’ dar und der Wolfsangriff sei der Kampf der beiden Naturen (Feuer und Wasser). Meine Güte. So kann man auch seine Zeit totschlagen.

Der Wolfsangriff, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative commons public domain dedication/ gemeinfrei

Im Mittelalter reichte der Wald von Vièvre von Saint-Étienne-l’Allier bis zur Risle. Er hatte eine Fläche von etwa 50km² (5000 Hektar). Der Wald war voll mit allerlei gefährlichem Getier, Bären, Wildschweinen, Wölfen. Es ist unglaublich viel wahrscheinlicher, dass der künstlerische Maurer die Kirchenfassade als eine Art Zeitung oder Geschichtsschreibung nutzte. Pilger haben andauernd etwas in die Kirchenfassade geritzt, das hat man nicht so eng gesehen. Dann wären die Nachrichten etwa: König Heinrich ist vom Pferd gefallen. Wölfe haben das Dorf angegriffen. Krieg ist scheiße.

Wenn du andere Interpretationen auf Lager hast, ich würd mich freuen, von dir zu hören.

Der Wolfsangriff und mehr. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Quellen und weiterführende Informationen

Arthur Join-Lambert, Jean De Witte, François Lenormant, Robert de Lasteyrie : Les Inscriptions (Rébus et Énigmes) de l’Église de Saint-Grégoire-du-Vièvre in Gazette archéologique : recueil de monuments pour servir à la connaissance et à l’histoire de l’art antique. Band. 13, erschienen bei A. Levy in Paris 1888 S. 233–244, ISSN=20224788 (französisch)

l’église de saint Grégoire-du-Vièvre in Epistola, veröffentlicht am 4. Oktober (französisch)

Bernard Bodinier: L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Erschienen bei Jean-Michel Bordessoules in Saint-Jean-d’Angély 2001, S.212 ISBN=2-913471-28-5 (französisch)

le mystère de Saint Grégoire. in Normandie Zoom (französisch)

Der Neandertaler von Marcilly-sur-Eure

Rekonstruktionsversuch eines Neandertalers im Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle. Er denkt wohl gerade darüber nach, wie ulkig Archäologie ist. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported.


Als 1841 die Bahnstrecke von Évreux nach Dreux in Marcilly-sur-Eure gebaut wurde, fanden die Arbeiter im Bereich hinter dem Schloss Mésangère ein Skelett in einer Schicht aus rotem mittelpaläolithischem (300.000 bis 30.000 v. Chr.) Alluvialboden. Einer der Arbeiter warf den Schädel auf einen Steinhaufen und der Schädel zerbrach in kleine Stücke, nur das dicke Stirnbein blieb erhalten. Als ich das las, bekam ich zuerst wieder einmal die Historikerkrise: “oh neiiiin, wie konnten sie das nur tun?” Nachdem ich dann aber das Gehirn eingeschaltet hatte, musste ich zugeben, dass es mir vielleicht ähnlich gegangen wäre. Ist ja nicht unbedingt schön irgendeins Dings zu finden, man zieht es aus der Modke und es stellt sich heraus, dass es ein Schädel ist. “Iiiiih!” Womöglich ließ der Arbeiter den Schädel quiekend fallen. Man denkt ja auch nicht gleich an Ur- und Frühgeschichte, wenn man irgendeinen Fund macht. Es hätte auch ein deutlich frischeres Skelett sein können, zum Beispiel aus der Revolutionszeit. Gestorben wird immer. Wie auch immer die Sache abgelaufen ist, übrig blieb nur das Stirnbein. Damals gab es noch keine Radiokarbonmethode oder DNA-Analyse. Es gab aber schon die ersten Experten, die sich das Stirnbein ansahen und verkündeten, es sei neandertalerhaft. Das ging damals als Sensation durch die Presse.

Erst im 20. Jahrhundert ließ Dominique Gambier (*1947), der damalige Rektor der Universität von Rouen den Knochen erneut untersuchen. Blöderweise war das Original inzwischen verschwunden. Auch darüber könnte man sich in eine Historikerkrise hineinsteigern, das kann aber auch an den Weltkriegen liegen. Also wurde eine Kopie untersucht, die sie noch im Musée d’archéologie nationale in Saint-Germain-en-Laye herumfliegen hatten. Das Stirnbein sieht zwar robust auf, weist aber nicht die Merkmale eines Neandertalers auf, sondern stammt von einem anatomisch modernen Menschen (Cro-Magnon). Die Bodenschicht, in der das Skelett gefunden worden war, war einfach zu dünn für eine genaue Datierung.

“Das ist doch auch nicht schlecht”, scheint dieser anatomisch moderne Mann zu sagen. Vor bis zu 30.000 Jahren, könnte er in Marcilly-sur-Eure herumgehangen haben. Das ist eine forensische Gesichtskonstruktion von Cicero Moraes. Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Im 20. Jahrhundert wurden noch diverse andere frühgeschichtliche Funde in Marcilly gemacht. Mit Hilfe von Luftbildarchäologie wurden 1976 und 1980 bronzezeitliche (3200-600 v. Chr.) Siedlungsspuren entdeckt. 1967 wurde ein Wagengrab aus dem Spätlatène (150–30 v. Chr.) gefunden. 1982 wurden Siedlungsspren aus dem Spätlatène entdeckt, die in den folgenden zwei Jahren durch eine Ausgrabung untersucht wurden.

Siedlungsspuren aus der Hallstattzeit (800–475 v. Chr.) wurden bisher im Département Eure nur an den Flüssen Seine und Eure gefunden, denn die Flüsse dienten als Transportwege.

Der Fluss Eure in Marcilly-sur-Eure. Foto von Félix Potuit. Lizenz: gemeinfrei.

Weiterführende Informationen

Bernard Bodinier: L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Jean-Michel Bordessoules, Saint-Jean-d’Angély 2001, ISBN 2-913471-28-5, S. 16, 26, 52 f. (französisch).

Dominique Cliquet: L’Eure. 27. In: Michel Provost, Academie des inscriptions et belles-lettres, Ministere de la culture: Carte Archéologique de la Gaule. Fondation Maison des Sciences de l’Homme, Paris 1993, ISBN 2-87754-018-9, 597, S. 36–45, 240 f. (französisch).

Für diesen kleinen Artikel hab ich zwei von mir selbst erstellt, beziehungsweise in dieser Hinsicht ergänzte Wikipediaartikel verwurstet, weil ich faul bin. Es handelt sich um Marcilly-sur-Eure und Département Eure. Die Artikel stehen unter der Lizenz CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Creative Commons Lizenzvertrag
Der Neandertaler von Marcilly-sur-Eure steht unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

Revolutionsteller

Dieser Artikel handelt von historischen Tellern. Die wurden keineswegs in der Revolution als Wurfgeschosse benutzt, sondern man aß davon und stellte sie stolz hochkant im Küchenschrank zur Schau. Wir haben so einen Schrank im Schlosskeller aber natürlich keine eigenen Revolutionsteller. Die Schlossbesitzer sind eher auf Barock fixiert. Barock und Revolution beißt sich aber. Ich sah diese doch sehr schmucken und farbenfrohen Teller auf einer Ausstellung in der Bücherei von Bernay und fand es verblüffend, wieviel vom damaligen Tagesgeschehen auf den Tellern abgebildet ist. Hergestellt wurden die Teller in Nevers im Burgund (Bourgogne). Vor der Revolution (1789-1799) wurden die Teller mit Heiligen oder Berufsdarstellungen geschmückt. Das jeweilige Dekor wurde über Jahre hinweg verwendet und die Leute besaßen ganze Sets eines Dekors. Da es Handarbeit war, gibt es kleine Unterschiede, das sieht man am letzten Dekor in diesem Artikel, da hab ich bisher drei Versionen von gesehen, bei denen sich Gesichtsausdruck, Haartracht und Farben unterschieden.

Der Vorname Marie-Anne war damals besonders bei der Landbevölkerung und bei Dienstmägden weit verbreitet. In der Revolutionszeit wurde der Name zusammengezogen zu Marianne und galt als das Symbol zuerst der Revolution, dann der Republik. Dieser Teller zeigt Marie-Anne Pigu (der Name symbolisiert hier die gewöhnliche Frau aus dem Volk, Pigu kann man wahrscheinlich auch mit “hat es geschnallt” übersetzen) 1793 als Wäscherin. Keine Heilige, aber zumindest das Berufsmotiv wurde hier verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser Teller wurde nach dem Motiv einer bekannten Radierung geschaffen. Vor der Revolution hatte die Stimme eines Geistlichen oder Adligen mehr Gewicht, als die eines einfachen Mannes. Das wurde in der Revolution geändert. Jeder Mann hatte eine gleichwertige Stimme, egal welchem Stand er angehörte. Die Wippe symbolisiert die Gerechtigkeit. Der dritte Stand wiegt schwerer als der Bischofsstab (Geistlichkeit) und der Degen (Adel), denn er verfügt über mehr Mitglieder. Adliger und Kleriker beschweren sich: “nous jouons de malheur”, ‘wir spielen das Unglück’. Das ist ein bisschen unklar und hängt wohl damit zusammen, dass die Generalstände sich im Tennissaal (“jeu de paume”, ‘Spiel mit der Handfläche’) in Versailles treffen mussten. Der Teller wurde etwa 1790 gemacht. Eigenes Foto in Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Der nächste Teller ist aber noch seltsamer, es ist ein seltener Freimaurerteller aus der Revolutionszeit.

Das Winkelmaß in der Mitte, mit den zwei Ähren symbolisiert den dritten Stand. Das Winkelmaß ist umgeben von 3 Fleurs de Lys, die das Königshaus repräsentieren. Links ist ein Bischofsstab (Geistlichkeit) und rechts ein Degen (Adel). “Fidelitas, pax et concordia” heißt Treue, Frieden und Eintracht. Der Teller wurde 1790 oder 1791 hergestellt, jedenfalls vor dem endgültigen Untergang von Louis XVI., als manche Leute noch glaubten, man könne eine konstitutionelle Monarchie veranstalten. Eigenes Foto in Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Das Motiv stellt die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 dar, mit besonderem Blick auf Einigkeit und Freiheit. Die Einigkeit wird durch einen Handschlag symbolisiert (das ist wieder durch Freimaurerei inspiriert). Die Hände verbinden sich über dem einem Buch auf dem wir “droit de lhomm” (da fehlt ein E), ‘Menschenrechte’ lesen können. Die Freiheit wird durch die Phrygische Mütze dargestellt, die auf einem Degen hängt. Diese Mützen finde ich irgendwie niedlich. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieses Motiv nannte man “an der Festung”, es zeigt zwar die Bastille aber nicht den Sturm auf dieselbe. Die Kanonen zeigen nach außen. Der Teller ruft zu Wachsamkeit in den Zeiten der Revolutionskriege auf. “Vivre libre or mourir” heißt ‘lebe frei oder stirb’. Dieses Dekor wurde 1792 und 1793 verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Hier ist dann der Teller, der an den Sturm auf die Bastille (14. Juli 1789) erinnert. Er wurde 1789 gemacht. Bis 1792 war dies ein sehr beliebtes Motiv. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Rechts ist ein Priester dargestellt, der den zwei Leuten links, die wahrscheinlich Adel und Dritten Stand darstellen, die Neuigkeiten berichtet. Im Ancien Régime, der Zeit der französischen Könige, predigte der Priester nicht nur, er verkündete auch die Neuigkeiten. Ab dem 23. Februar 1790 musste er auch die Neuigkeiten vom Nationalrat verkünden. Der hier dargestellte Priester tut das: “je vous annonce le bonheur de la France”, ‘Ich verkünde euch das Wohlergehen der Nation.’ Die Figuren sind so pummelig, weil das Volk hoffte, dass nun Hunger und Leiden ein Ende haben würden. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser Teller nimmt auf den Tod von Honoré Gabriel Riqueti, comte de Mirabeau, am 2. April 1791 Bezug. Mirabeau war für kurze Zeit Abgeordneter des Dritten Standes im Generalrat gewesen und ein sehr feuriger Redner. Daher nahm das Volk an, dass er ein strammer Revolutionär gewesen sei. Aber 1792 wurden in Versailles versteckte Papiere gefunden, in denen er sich für eine konstitutionelle Monarchie einsetzte. Dieser Teller wurde gemacht, bevor die Papiere gefunden worden waren. Er zeigt das Grabmal Mirabeaus auf dem eine Urne mit seinem Herzen thront. “La patrie reconnainte, à mirabeau eleve ce tombeau”, ‘in Anerkennung für Mirabeau errichtet das Heimatland ihm dieses Grabmal’. Von diesen Tellern wurden 1792 bestimmt einige wirklich als Wurfgeschoss verwendet. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

Dieser nach November 1790 hergestellte Teller ist eher dröge. Ein Priester hält ein Buch, dass die Verfassung sein soll. Thema ist der Eid der Geistlichen, die ab November 1790 auf die Verfassung schwören mussten. Die Inschrift zitiert Teile des Eids: “je jure de maintenir de tout mon pouvoir la constitution”, ‘Ich schwöre die Verfassung mit all meiner Kraft zu unterstützen’. Unten bei den Links stehen noch mehr langweilige Eide und Revolutionsgrüße (auf Französisch). Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC 0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication/ gemeinfrei

So jetzt kommen die Fotos, bei denen man mal das selbe Dekor vergleichen kann. Das dritte Bild ist in einem der Links (unten) zu sehen. Die Farben, Frisuren, Gesichtsausdrücke und Schrift sind unterschiedlich. Es muss nett gewesen sein, davon ein Set zu haben.

Das ist ein Bild von Wikimedia Commons, der Teller kommt aus Nevers, wurde 1791 hergestellt und steht heute in einem Museum. Der Boden ist oranger als auf meinem Foto. Autor des Fotos ist Patrick.charpiat, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Und das ist “meins”. Der Teller zeigt einen Bischof und einen adligen Händler, die den Ersten und den Zweiten Stand repräsentieren. Sie halten sich an der Hand, denn im Ancien Régime hatten sie zusammen den dritten Stand unterdrückt. Die Worte: “le malheur nous réunit” bedeuten ‘unser Unglück vereint uns’. Der Text dieses Tellers ist sehr schwer zu lesen. Vielleicht konnte der Künstler nicht lesen und schreiben. Dieser Teller wurde 1791 oder 1792 hergestellt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 2.0 Generic (denn gemeinfrei ging nicht, mumpf).

Weiterführende Informationen

serment des évêques et curés à la Constitution civile du clergé (12 juillet 1790) (französisch) Der ganze langweilige Eide, noch andere Eide und Revolutionsgrüße.

Les faïences révolutionnaires de la manufacture de Nevers (französisch) Hier ist noch ein dritter der “Malheurteller” abgebildet.