Das Weiße Schloss – die Gebäude

Heute ist der Eingang an der Südseite. Das Dorf liegt im Westen, deshalb war der ursprüngliche Eingang im Westen. Die Straße hat direkt zum Vorhof geführt. Der Vorhof war von vier Gebäuden flankiert, die im Stil Louis XIII (1601-1643) im 17. Jahrhundert erbaut worden sind.

Das rechte vordere Gebäude war ursprünglich eine Kapelle, an der man heute noch Pilgerzeichen sieht. Im 20. Jahrhundert wohnte dort eine Familie namens Platevoet, die drei der Gebäude auf dem Vorhof nutzte. Sie waren Bauern und waren aus Belgien eingewandert und wohnte bis zum Ende der 1960er Jahre auf dem Gelände. Ich hab einige Verwandte von ihnen selbst kennengelernt. Zu meiner Zeit schliefen die Schafe in dem Gebäude. Der Fußboden war teilweise ausgeschachtet. Man konnte noch einen Kamin sehen und elektrische Kabel. In manchen der Fenster waren noch Glasscheiben eingesetzt. Der Zustand der Balken unter dem Dach war okay. Da man dieses Gebäude von der Straße aus sehen kann, kamen oft Anfragen von Leuten, die es gern kaufen wollten.

Dependance Morsan
Das ist das Gebäude vorne rechts. Man sieht noch das Tor, wo irgendwann ein Zaun gewesen sein muss. Sie hatten Strom in dem Gebäude. Im Hintergrund sieht man das Gebäude hinten rechts. Foto von 2012.
Where the uncle of our former shepherd used to live
Hier die gleiche Seite (Süden) ein paar Jahre später. Foto von 2018.
Peek inside the barn
Das Foto ist von 2020 und wenn man es vergrößert, kann man rechts von der Tür einen eingeritzten Kreis sehen und diverse Löcher, die glaube ich, zu eingeritzten Kreuzen gehören. Kreise waren Schutzsymbole gegen böse Mächte.
Ostseite der ehemaligen Kapelle. Da sind die Schäfchen immer rein und rausspaziert. Foto von 2011.
Das Foto ist von 2012. Rudi und Miniputz latschen auf das Gebäude zu. Man sieht hier die Nordseite, an der man noch alte Bögen erkennen kann, in denen früher Tore gewesen sein müssen. Außerdem die Einfassungen von zwei hohen Fenstern, die irgendwann im Laufe der Zeit zugemauert worden sind.
Kamin
Hier sieht man den Kamin auf einem Foto aus dem Jahr 2014.
A rusty bowl in a stable
Im Inneren der ehemaligen Kapelle stand 2014 immer noch eine alte rostige Schüssel, womöglich noch von den Belgiern.

Pilgerzeichen sind Symbole, die Pilger hier in der Gegend seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert in die Außenmauern von Kirchen und Kapellen eingeritzt haben. Solche Zeichen gab es im Mittelalter in allen katholischen Pilgerstätten, hier gab es sie noch in den folgenden Jahrhunderten. Es wird hier immer noch gepilgert, aber jetzt ritzt niemand mehr in Kirchenmauern. Man steckt jetzt meistens Papierchen mit Gebeten hinter oder unter Statuen.

Eingeritzt wurden früher Kreuze, Kreise mit innerem Muster, Tiere und Boote. Damit wollte der Pilger den Segen Gottes erbitten, für Bootsfahrten, Tierzucht oder Jagdglück und er erhoffte sich Schutz vor dem Bösen. Diese Symbole wurden mit Nägeln oder Messern eingeritzt. In den tieferen Löchern rieben die Pilger Staub heraus, den sie als segensreich betrachteten.

Das hier ist ein sehr unübliches Graffiti an dem Gebäude vorne rechts. Jemand hat ähnliche Zeichen einmal als Templerfluss und Karte interpretiert. Ich weiß es nicht. Ritzzeichnungen von Tieren stellen meist Tiere dar, für die man sich Fruchtbarkeit erhofft (Vieh) oder Jagdglück. Auf anderen Kirchen findet man eingeritzte Boote oder Schiffe. Es fuhren früher Boote auf der Risle bis zur Seine und dann zu den Meerhäfen. So wurde auch für den Erfolg von Reisen gebetet. Foto von 2009.
Pilger ritzten solche Kreuze in Kirchenmauern und nahmen den Staub aus den Löchern als Segen mit. Diese Kreuze sind in eine der Türöffnungen eingeritzt. Foto von 2009.
Kreise mit Innenmuster gegen den Bösen Blick. Foto von 2009.

Das linke vordere Gebäude auf dem Vorhof war die Conciergerie, das heißt, da haben irgendwelche Wächter oder/und Bedienstete gewohnt. Das Gebäude konnten die Amerikaner in den 1980ern nicht kaufen. Dort wohnte eine belgische Familie. Die belgische Frau, die zu meiner Zeit in dem Gebäude wohnte, war im Alter von 14 Jahren nach Frankreich gekommen. Damals kamen viele Belgier nach Eure. Sie hatte offiziell eine Tätigkeit als Bäuerin angemeldet. Die Frau starb vor wenigen Jahren. Ich hab ihren Grabstein auf dem Friedhof von Morsan gesehen, hab aber vergessen, wann sie gestorben ist und finde kein Foto davon. Jedenfalls haben die Amerikaner, gleich nachdem sie vom Tod der Nachbarin erfahren haben, versucht das Haus zu kaufen. Es war ihnen aber zu teuer. Da wollte es jemand anders kaufen. Daraufhin wollten sie es doch unbedingt haben und kauften es für viel mehr Geld als sie zuerst hätten bezahlen müssen. Sie wollen das Haus zu einem Ferienhaus umbauen. Bisher ist aber noch nichts passiert. Natürlich sieht das Haus nicht mehr wie im 17. Jahrhundert aus.

Exterior of one of the former outer buildings of Le Château Blanc
Es hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit den anderen drei Gebäuden mehr. Foto von 2021.
I used to drink tea here
Vielleicht steckt da noch irgendwo 17. Jahrhundert drin. Ich seh davon jedenfalls nichts. Foto von 2022. Seltsamerweise hab ich nie ein direktes Foto von der Weide aus gemacht. Von dort sieht man zumindest noch Backsteine.
Sun and frost
Rechts hinten ist die ehemalige Conciergerie 2010. Phex und Rudi untersuchen gerade irgendetwas Aufregendes auf der Weide.

Das hintere rechte Gebäude auf dem Vorhof war ursprünglich ein Pferdestall gewesen. Zu meiner Zeit behandelte ich die Schafe dort gegen Würmer und ließ sie dort scheren. Wenn ein Schaf krank war, sperrte ich es in eine Pferdebox und rief dann den Tierarzt. Gefüttert habe ich sie dort nur am Anfang. Die Raufenkonstruktion des englischen Handwerkers fiel 2003 herunter und erschlug eins meiner Schafe. Daraufhin kaufte ich eine richtige Raufe aus Metall für draußen. In dem ehemaligen Pferdestall lagerte ich außerdem das Stroh für die Streu. Die Amerikaner lagerten im vorderen Teil Plastiksäcke mit Schafwolle aus den 1980ern und 1990ern.

Blick in den antiken Pferdestall
Blick in den alten Pferdestall. Immerhin muss es dort irgendwann Elektrizität gegeben haben. Aber nicht mehr zu meiner Zeit. Foto von 2013.
Der Stall hat Augen
Das war mein Stroh im Jahr 2013. Die kleinen Fenster sehen aus wie Augen, finde ich.
The new shearing machine
Schur im Jahr 2013. Ich hab jedes Jahr einen Schäfer geholt. Das hier war der neue Schäfer und er hat hier seine neue Maschine erstmals eingesetzt.
Schur im Jahr 2009. Dieser Schäfer hieß Maurice Platevoet und war mit den Leuten verwandt, die früher in der ehemaligen Kapelle gewohnt haben. Und so wie er hat man die Schur schon im 19. Jahrhundert gemacht. Er wurde 1929 geboren und starb 2012. Er liegt in Brionne auf dem Friedhof.
Der Stall hat auch hinten Augen
Das sind die Augen des Stalls von außen. Das Foto ist von 2014.
Meine Schafe vor dem Pferdestall im Jahr 2012.
2009 mit Phex an der Rückseite des ehemaligen Pferdestalls. Sieht für mich immer noch wie ein Gesicht aus, nur sind jetzt andere Fenster die Augen.

Im hinteren linken Gebäude standen ursprünglich die Karossen, vor die man die Pferde anspannte, wenn die Adligen irgendwohin wollten. Die Belgier, die in der alten Kapelle wohnten, hatten das Gebäude wohl als Kuhstall genutzt. Die Amerikaner haben einen Teil des Gebäudes abgesichert und mit einer versteckten Metalltür versehen. Der Rest dient als Lager für Krempel. Zu meiner Zeit wohnte eine Schleiereule in dem Gebäude.

2009 mit einem Lamm im Schnee vor dem Wagenstall.
Die Zeit steht mal wieder still
Ansicht der Marken vom Veterinär des Agrarministeriums. Das Foto hab ich 2013 gemacht, die Marken wurden von 1959 bis 1968 vergeben.
Carriage barn
Die Rückseite des Wagenstalls im Jahr 2018. Geradeaus ist die ehemalige Conciergerie zu sehen.
The barn has an eye
2014 hatte der Wagenstall jedenfalls auch ein Auge.

Der Vorhof selbst war zu meiner Zeit eine Weide, die im Sommer nur abends genutzt wurde. Morgens holte ich die Schafe in den Park und abends ließ ich sie auf den Vorhof. Heute ist es immer noch eine Rasenfläche. Auf der Rasenfläche gibt es Marnières, das sind Mergelgruben, die hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert angelegt wurden. Im Ancien Régime (vor der Französischen Revolution) sah der Vorhof bestimmt anders aus. Der Vorhof muss zugleich als Ehrenhof genutzt worden sein. Nun weiß ich nicht, wie viele Truppen die Le Sens (oder die Desens) de Morsan hatten. Philémon, der Gouverneur von Bernay, muss Truppen gehabt haben. Ob diese Truppen in Morsan oder in Bernay exerziert haben, kann ich nur vermuten und da würde ich annehmen, dass sie das in Bernay taten. Aber wissen kann ich es nicht.

Hinter diesem Vorhof ist ein Tor und ein Weg, über den eine Kutsche passen würde. Der Weg führt über zwei ummauerte Gräben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass da jemals eine Zugbrücke war, denn der Weg ist solide und mit den gleichen Steinen eingefasst, mit denen die Gräben eingefasst sind. Die Konstruktionen sehen auch nicht so aus, als sei jemals Wasser im Graben gewesen.

That tarp will be enough
Auf diesem Foto von 2021 sieht man zumindest einen Teil der Einfassung des Südgrabens, mitsamt dem Südturm.
Hier sieht man zwei Lämmer auf der Umfassung des Südgrabens stehen. Die Grasfläche hinter dem Tor ist der Vorhof. Das Bild ist von 2012.
Hier sieht man Phex und Nebelschafe 2009 auf dem Weg durch die Gräben mit der südlichen Grabeneinfassung.
Auf diesem Foto von 2010 sieht man immerhin von weitem einen der Pfosten, die rechts und links am Eingang des Weges stehen. Oben auf diesen Posten ist ein steinerner Blumentopf. Kein Topf zum Einpflanzen, sondern eine Skulptur. Diese Blumentöpfe sind sehr beliebte Dekorationen in den Gärten von Schlössern.

Rechts und links von den Gräben stehen Türme. Das Alter der Türme ist schwer zu bestimmen. Sie sehen aber nicht älter aus, als alles andere, sondern scheinen aus dem gleichen Sandstein gebaut zu sein, aus dem das Schloss ist. In der untersten Etage wurde Feuerstein verbaut. Das ist auch nicht sehr hilfreich. Feuerstein gibt es hier en masse auf den Äckern und er wurde in allen Jahrhunderten zum Bau benutzt. Es gab ihn ja umsonst überall herumliegen. Nehmen wir an, dass die Türme gleichzeitig mit dem Schloss gebaut wurden. Der Sandstein legt das auch nahe. Auf den Türmen stehen Turmspitzen aus Blei, die eine Kapsel enthalten, auf das Datum steht, wann sie aufgestellt wurden. Natürlich habe ich die Turmspitzen nicht heruntergeholt und nachgeschaut.

Ich rate also spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. Auf dem Foto ist wieder der Südturm anno 2009 mit Dach.
Épi de faitage tour Morsan
Die Turmspitze vom Südturm im Jahr 2013.
Auf Augenhöhe
Hier bin ich 2014 auf dem Nordturm und fotografiere von dort den Südturm. Das Dach ist kaputt, das Loch ist aber auf der anderen Seite.

Möglich ist, dass Philémon Le Sens, der erst im späten 16. Jahrhundert geadelt wurde, die Güte seiner Familie und seines Adelsrechts dadurch demonstrieren wollte, dass er die Türme und die Gräben als Zeichen hat bauen lassen, dass dort vielleicht auch schon im Mittelalter eine Burg gestanden hat. Im Mittelalter war seine Familie nicht adelig und kann dort keine Burg besessen haben und auch sonst ist von einer mittelalterlichen Burg dort nichts bekannt. Natürlich hätte ich gerne Grabungen veranstaltet oder veranstalten lassen, das geht schlecht, wenn man nur eine Art Magd-Gärtner-Hirte-Köchin-Sekretärin-Fremdenführerin-Kombination ist. Es gibt einen alten Brunnen, in den ich mich nicht hinuntergewagt habe, denn ich hab Arachnophobie und ich war generell einfach zu feige. Die Besitzer bestehen darauf, dass das Schloss vormals eine Burg gewesen ist, die im Jahr 1000 erbaut wurde, denn mit weniger Nullen geben wir uns ja nicht ab.

Die tolle Turmspitze vom Nordturm hing die ganzen Jahre so herum (Foto von 2008).
Tour et maison des gardiens
Und dieses Foto von 2013 ist das einzige Foto, das ich finde, worauf man den Nordturm einigermaßen sieht. Das Haus da war eigentlich eine Garage, die die Amerikaner in den 1980ern umgebaut haben. Es existiert nicht im Kataster, weil sie keine Genehmigung dafür hatten. Das Gebäude ist wesentlich jünger als die Nazibetonbauten zu denen wir später noch kommen.

Im Ancien Régime waren die Adligen von Steuern befreit. Dafür mussten sie im Ernstfall ihre Truppen zur Verfügung stellen. Der Ernstfall trat aber nur selten ein, während der Steuererlass und verschiedene Rechte, die gutes Geld einbrachten, ganzjährig bestanden. Viele Familien erfanden mythische Vorfahren, die nur mit einem Vornamen benamst waren und natürlich an der Seite von Wilhelm dem Eroberer gekämpft haben. Beweisen konnte man so etwas nicht, aber man konnte auch nicht das Gegenteil beweisen. Ich denke da zum Beispiel an die Harcourts.

„Adelsbetrug“ war dermaßen üblich, dass Louis XIV (1638-1715) einen Beamten durchs Land geschickt hat, der untersucht hat, ob die angeblichen Adeligen überhaupt einen Adelssitz hatten und wenn ja, von wem sie den hatten. Wenn sie einen fälschlich erworbenen oder gar keinen Adelssitz hatten, wurde ihnen der Titel aberkannt und sie mussten hohe Strafen zahlen.

Das ursprüngliche von Philémon erbaute Schloss war einfach aufgebaut, ein Rechteck, was einen der Autoren über die hiesigen Herrenhäuser und Schlösser dazu veranlasst hatte, zu behaupten, das Gebäude sei an sich nur ein Pavillon und gehöre zu einem größeren zerstörten Gebäude. Wahr ist, dass das Schloss nicht komplett mittig steht, aber fast mittig. Daher kann es kein Pavillon eines größeren Schlosses gewesen sein. Es könnte aber die Hälfte eines größeren Schlosses gewesen sein. Das werden wir wahrscheinlich nie erfahren.

Im Süden und Norden wurden 1750 halbrunde Pavillons angebaut, so nennt man bei Schlössern Gebäudeteile, die am Schloss mit dran sind. Es gibt auch bei Schlössern einzelnstehende Gebäude, die Pavillon genannt werden, aber hier handelt es sich jedenfalls um Anbauten. Der Pavillon im Süden ist schön dekoriert und davor ist ein Wasserbecken, an dem die Skulptur eines Pan hockt. Der nördliche Pavillon wurde bis 1827 nicht vollendet. Warum ausgerechnet bis zu dieser Jahreszahl, weiß ich nicht mehr. Das bedeutet jedenfalls, dass der Nordpavillon nicht dekoriert ist und nach nichts aussieht. Dekoriert wurden im Zuge dieser Umbaumaßnahmen auch die beiden anderen Seiten des Schlosses. Im Westen ist die Fassade aber durch den Wind vom Meer abgeschliffen worden.

The white castle
Schloss mit Südpavillon und Becken mit Pan 2021.
Türgesicht
Dekoration über dem Südeingang 2013.
Sehr schlechtes Foto von 2008 auf dem das obere Relief dargestellt ist. Ein Kind reitet auf einem Ziegenbock.
Pan in the evening sun
Pan am Wasserbecken 2013.
Ostenkatz
Ostseite mit Miniputz 2013.
Verzierung an der Ostseite. Foto von 2012.
Ostseite 2012.
Ostseite 2012.
Sculpted lintel
Zum Vergleich eine Verzierung am Salzsteuerbüro in Bernay. Beiden Gebäuden wird nachgesagt, dass Ange-Jacques Gabriel (1698-1782) die Umbauten vorgenommen habe.
2010 hatten wir Schnee. Hier sieht man die Nordseite wenigstens ein bisschen. Der Anbau auf der Nordseiten ist schmaler, weil eine große Treppe in den Keller hinunterführt. Dafür ist er ein bisschen länger. In dem Anbau ist die Wendeltreppe. Nach dem 2. Weltkrieg und auch noch als die Amerikaner das Schloss kauften, gab es keine direkte Treppe vom Erdgeschoss in den Keller. Man musste erst raus und dann die große Treppe hinunter. Die beiden Hunde sind Bach und Rudi.
Nach einer Renovierungsaktion sah das Schloss 2010 kurzfristig besser aus. Es war nur Kosmetik und hielt nicht lange. Der Hund ist Phex und er blickt auf die Ecke von West- und Südseite des Schlosses.

Die älteren Teile des Schlosses, die Gräben und Türme sowie der Hauptbau ohne die Pavillons sind alle im Stil von Henri IV (1553-1610)  gebaut, sagt eine meiner Quellen. Der Riesenvorhof ist aber wohl erst zwischen 1650 und 1750 entstanden.

An der Nordseite gibt es ein zugemauertes Fenster. Angeblich wegen der Fenstersteuer, die es ab dem 24. November 1798 (4. Frimaire VII nach Revolutionszeitrechnung) bis 1926 gab. Danach mussten die Besitzer von Häusern Steuern auf alle Türen und Fenster zahlen. Das Schloss hat aber noch genügend Fenster und ich weiß nicht, ob dieses eine Fenster einen großen Unterschied macht. Vielleicht hat es aber auch mit der Zündelei der Preußen im Krieg 1870/71 zu tun. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Im Schloss gab es danach jedenfalls eine Wendeltreppe statt einer geraden Treppe. Und es gab ein neues Parkett. Eine gerade Treppe verbraucht mehr Platz und wäre zum Beispiel dort verlaufen, wo es heute im 1. Stock (oder „halbten“ Stock) ein Badezimmer gibt, das heute nur von der Wendeltreppe aus zugänglich ist.

Die Wendeltreppe im Schloss 2007.
Das Parkett in der „Bibliothek“ wurde im 19. Jahrhundert verlegt. Das Foto ist von 2007. Ich hab ganz tief in meinen Archiven gewühlt.

Ob es der letzte Marquis von Morsan war, weiß ich nicht, aber jemand legte einen kleinen Friedhof für seine Hunde an.

Pet cemetery and Rudi
Der Hundefriedhof 2013.
Einzelne Gräber 2008.

Im 19. Jahrhundert wurde der Park angelegt. 1802 kaufte Louis-Gervais Delamarre das Schloss von Harcourt und richtete dort ein Arboretum ein. Es geht die Sage, dass Herr Delamarre mit dem damaligen Marquis de Morsan bekannt war und ihm Baumsamen für den Park gegeben hat. Weiter im Süden des Grundstücks in Morsan, auf der Wiese vor der Straße, wurden Apfelbäume gepflanzt. Zwischen Park und Apfelbaumwiese stand ein Halbkreis aus Bäumen.

Blick auf den Park vom Vorhof aus. Das war im Jahr 2008.
An der Nordostecke des Parks im Winter 2010.
Vor der blühenden Kastanie nach oben schauen 2011.
The park of Morsan
Rudi und ein Lamm 2011 an der Kastanie.
Hier sieht man 2010 eine der alten Steinbänke, die auch zum Park gehören. Das Gebäude im Hintergrund nutzten die Schafe zu meiner Zeit im Sommer zum Mittagsschlaf. Darin war wohl nach dem Krieg der Kaninchenstall.
The tower behind the trees
Hier die Bank auf der anderen Seite (2012).
Winterschloss
Im Halbrund gepflanzte Bäume im Winter 2013.
Und hier im Oktober 2010.
Winter sun on snow
Wintersonne auf uralten Apfelbäumen 2010.

Die bösen Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg (1938-1945) ein paar Betonkonstruktionen gebaut, wo sie ihre Fahrzeuge vor Flugzeugen versteckt haben. Die Nachkriegsfamilien haben das z. B. genutzt, um Kaninchen zu züchten, Holz zu lagern usw. Ein unterirdischer Gang, der vom Schloss aus in einen der Gräben geführt hat, wurde zugemacht.

Unsere Bunker
Betonkonstruktion 2013 im Nordgraben.
Schafe an Nazibauten 2010. Die Betonkonstruktionen der Nazis hatten ein flaches Dach, über das sie ein Tarnnetz zogen, dann konnte man vom Flugzeug aus nicht sehen, dass da überhaupt ein Gebäude war.

Als die Amerikaner in den 1980ern das Schloss kauften, war es praktisch unmöbliert und eine einzige Baustelle. Sie haben sehr viel verändert. Zum Beispiel gab es im 2. Stock keine Toilette, dafür aber ein Bidet. Jetzt gibt es eine Toilette und kein Bidet. Die Amerikaner bauten Ölheizung ein, verstellten bei einigen Räumen die Zugangstüren und Geheimgänge, ließen einen neuen Sicherungskasten einbauen, behielten aber einige der alten Steckdosen ohne Erde. Sie öffneten den Fußboden im Erdgeschoss an der Nordostecke und bauten eine kleine Wendeltreppe in den Keller ein. Die originale Holzvertäfelung gab es nur noch im großen Salon im Erdgeschoss. Im Keller sind noch der alte Brotofen und die Feuerstelle erhalten. Die meisten der offenen Kamine, die heute im Schloss sind, sind entweder Fake oder der Rauchabzug funktioniert nicht.

Lets burn some baskets
Der Brotofen 2015. Sie haben ihn allerdings nicht mehr benutzt.
Leaves in the cellar
Ganz links der offene Kamin, in dem früher Fleisch oder Fisch gegrillt wurde. Foto von 2015. Interessant finde ich die Stufen vor den Fenstern. Ich weiß nicht, wozu die Stufen dienen sollen. Mehr Licht? Jedenfalls fiel da immer Herbstlaub hinein und Molche und sonstwas. Heute haben sie vernünftigerweise engmaschige Gitter davor.

Ich hab Fotos vom Inneren der Conciergerie. Das sind aber „lost place“-Fotos, daher poste ich die hier nicht mit. Außerdem habe ich Fotos und Video von der Einrichtung des Schlosses. Das poste ich vielleicht irgendwann, wenn das Schloss wider erwarten doch verkauft wird.

Das ist ein Ausschnitt aus dem Katasterauszug, den ich mir selbst am Amt gekauft habe.

Fotos und Text sind von mir, der Katasterauszug ist natürlich vom Katasteramt.

Mehr zu alten Kirchengraffitis beziehungsweise Ritzzeichnungen findet man zum Beispiel hier (auf Englisch): Letter from England – medieval church graffiti und hier: https://rakinglight.co.uk/ und hier: Church of the Holy Sepulchre’s mysterious ‘graffiti’ crosses may not be what they seem

Ich hab auch selbst mal einen Artikel geschrieben, der ist aber nicht sehr gut und ich weiß inzwischen mehr über die Sache: Zeichen gegen den Bösen Blick

Eine wichtige Quelle auf Französisch war das Buch Gentilhommières des Pays de l’Eure von Franck Beaumont und Philippe Seydoux S. 297-299 Verlag Éditions de la Morande 1999 ISBN: 2902091312 steht falsch so im Buch, eigentlich muss die ISBN: 2902091311 sein.

Das Schloss und seine Bewohner habe ich bald nach meiner Ankunft zu einer kleinen Geschichte verwurstet, in der meine Hunde die menschliche Hauptrolle spielen: Brief an Herrn Lothar

Das weiße Schloss – die Geschichte der Schlossbesitzer

Alle Fotos im Artikel sind von mir. Das Schloss von Morsan wird heute von der Bevölkerung „Le Château Blanc“, das ‘weiße Schloss’, genannt. Wahrscheinlich wegen des hellen Sandsteins, aus dem es gebaut ist.

Gebaut wurde das Schloss in Morsan von Philémon le Sens, der 1588 geheiratet hat und 1610 Gouverneur von Bernay wurde. Ich hab, ehrlich gesagt, vergessen, wann er geadelt wurde und ich weiß nur noch dunkel, dass er in zwei Stufen geadelt wurde. Bernay ist heute noch eine relativ wichtige Stadt (9848 Einwohner im Jahr 2019), Sitz eines Arrondissements. Ein Arrondissement ist eine französische Verwaltungseinheit, die man mit dem Landkreis in Deutschland vergleichen kann.

Familiengrab der Le Sens de Morsan in der Kirche von Morsan. Ich habe es 2012 fotografiert. Die Jahreszahl 1600 ist mit Vorsicht zu genießen, sie ist zu schön rund. Außerdem weiß man nicht, wer genau drin liegt. Immerhin waren die Le Sens de Morsan wirklich Grafen und Marquis. Obwohl das Grab in Morsan ist, gibt es Einträge der Le Sens de Morsan auf der Litre Funéraire (Erinnerungsleiste in oder an Kirchen) in oder an der Kirche von Notre-Dame-d’Épine. Ich nehme an, dass die Le Sens Angebote mehrerer Kirchen genutzt haben.

Philémon hat das Schloss nicht ganzjährig genutzt. Er wollte halt gern mit dem König abhängen. Was man als Adeliger im 16. und 17. Jahrhundert so gemacht hat. Als Gouverneur musste Philémon bestimmt häufig in Morsan sein. Er war wohl mit Henri IV (1553-1610) bekannt (Stichwort: mit dem König abhängen) und hat denselben wohl vielleicht mal auf das Schloss eingeladen (man beachte die ganzen Wahrscheinlichkeitsworte). Das Schloss ist als Jagdschloss gedacht und außerdem verfügt es über sehr viele Geheimgänge, die wohl dazu dienten, dass man heimlich amourösen Abenteuern nachgehen konnte. Die Geheimgänge gibt es heute immer noch, aber die heutigen Besitzer haben sie nicht gepflegt und teilweise mit Kisten und Zeugs vollgestopft. Zu den Gebäuden an sich schreibe ich später in einem anderen Artikel noch etwas.

Wächter
Zu Beginn war das eigentliche Schloss ziemlich unspektakulär und winzig. Das hier ist die Westseite. Und da der Wind vom Meer die ganze Dekoration an der Westseite weggefegt hat, passt das sehr gut zum Schloss von Philémon. Das Foto ist von 2013, da war ich mit meinen Hunden Schlosswächter. Da vorne sieht man Rudi und Phex. Man muss sich nur die Bäume wegdenken.
Sad flowers
In diesem Eckzimmer ist zum Beispiel ein Geheimgang hinter dem Schrank. Das Bild hab ich 2021 gemacht, als ich nicht mehr zu den aus amerikanischer Sicht bösen Menschen gehörte (hat nichts mit Deutschland zu tun) und wieder reingelassen wurde.

Nachfahren von Philémon (François, sein Sohn, heiratete 1628; Jean François, sein Enkel, wurde 1691 begraben; Jean Marie Louis, sein Urenkel heiratete 1721 und wurde 1724 begraben) waren eventuell seltener im Schloss, da sie keine Gouverneure von Bernay waren und sonst keine bekannten und/oder wichtigen Zusatzämter hatten. Die Adligen haben, wenn sie keine besonderen Ämter hatten, hauptsächlich davon gelebt, dass sie das Volk ausgenommen haben. Zu den Rechten der Adligen, die zu ihrem Untergang führten, gehörten zum Beispiel das Jagd- und Fischrecht. Sie vergaben auch Konzessionen für Mühlen und Brotöfen. Es war dem Volk untersagt, im Wald Holz zu sammeln. Wenn die Adligen wollten, konnten sie dem Volk Nahrung und Heizmaterial versagen und dass das nicht gut gehen kann, kann man sich vorstellen. In Zeiten, wo das Volk nette oder zumindest vernünftige Adlige hatte, ging es allen gut, aber indifferente Adlige, denen das Volk egal war, gingen überhaupt nicht, geschweige denn, wenn die Adligen Arschlöcher waren. Die Adligen hatten häufig das Recht, Pfarrer zu bestimmen. Da gab es ständige Reibereien mit der Kirche, die auch gern auf das Volk zurückgriff. Irgendwoher muss man ja sein Einkommen bekommen, wenn man selbst gar nichts macht. (Ich schwinge hier große Reden, dabei bin ich momentan Hausfrau.)

Pigeonry of Château de Launay
Das hier zum Beispiel ist ein Taubenturm. Die Adeligen hatten das Recht, Tauben zu züchten (und diese Tauben zu essen). Heute scheißen Legionen von Nachfahren dieser Tauben auf die jahrhundertealten Kirchen in Eure. Dieser Turm steht nicht in Morsan, sondern am Château de Launay in Saint-Georges-du-Vièvre.

Auguste Henry Louis Le Sens (1723-1764), ein Ur-Ur-Enkel von Philémon, war mit Künstlern am Königshof befreundet (Ange-Jacques Gabriel?). Da Auguste Henry Louis im Parlement von Rouen war, musste er meist in der Normandie sein. Das Parlement war eine Institution der Rechtsprechung. Auguste machte es sich schön in der Normandie. Er ließ 1750 halbrunde Pavillons im Norden und Süden an das Schloss anbauen. Und es kann sein, dass Ange-Jacques Gabriel (1698-1782) die Dekorationen ausgeführt hat. Es gibt ein Gebäude in Bernay, das Hôtel de la Gabelle (das Salzsteuerbüro), das ähnliche Dekorationen außen hat und das auch Ange-Jacques Gabriel zugeschrieben wird. Das ist aber alles nur Vermutung.

Geist im Spiegel
Ich nenne das Foto „Geist im Spiegel“. Es ist von 2012 und natürlich hatte man im 18. Jahrhundert noch keine Autos. Das da vorne ist der halbrunde Pavillon im Süden. Er ist verziert mit Motiven aus der griechischen Antike. Die Fassade ist ein bisschen abgenutzt.
Ostseite des Schlosses
Das ist die Ostseite des Schlosses. Hier sind über den Fenstern Steine mit Motiven angebracht, wie man sie auch beim Salzsteuerbüro in Bernay findet. Foto von 2013.
Hôtel de la gabelle de Bernay
Und hier zum Vergleich das Salzsteuerbüro von Bernay. Foto von 2015.

Und so ging es weiter bis zur Französischen Revolution (1789-1799). Abdon Thomas François Le Sens (1724-1800), der Bruder von Auguste Henry Louis und damit auch ein Ur-Ur-Enkel von Philémon, wurde 1793 in Bernay in den Knast gesteckt, das Schloss wurde geplündert. Es ist ja nicht so, als hätte die Revolution dem Volk geholfen. Sie hat nur wenigen Leuten aus dem Volk geholfen, die geplündert und sich bereichert haben, sich aufgeführt haben, als seien sie die neuen Herren. Der Rest des Volkes war weiterhin unterdrückt. Die Revolution war dermaßen enttäuschend, mehr eine Diktatur als eine Demokratie, dass es kein Wunder ist, dass sie nicht von Dauer war. Abdon Thomas wurde jedenfalls aus dem Land geworfen. Das ist immerhin noch besser, als guillotiniert zu werden.

le Bonheur de la France
Ein Revolutionsteller. Ein Priester verkündet 1790 nach neuem Gesetz im Dienste der Revolution das „Glück Frankreichs“. Heute kann man übrigens Revolutionsteller von den Mönchen in der Abtei von Le Bec-Hellouin kaufen (wenn auch nicht genau diesen).

Abdon Thomas François ist nach der Revolution nach Frankreich zurückgekehrt, erhielt das Schloss in Morsan zurück und starb anno 1800 in Paris. Sein Sohn Achille Joseph Abdon, erst Graf von Morsan, dann Marquis (?), heiratete 1813. Dessen Sohn Abdon Raymond (1813-1845), Marquis von Morsan, starb schon mit 32 Jahren in Paris. Daraufhin wurde sein Bruder Joseph Marie Philémon (geboren 1817, geheiratet 1852) Graf von Morsan. Das war somit der Enkel von Abdon Thomas François und der hat jedenfalls wieder im Schloss gewohnt und hat es teilweise restauriert. Nach der Heirat bekam Joseph Marie Philémons Frau gleich zwei Söhne, wie es üblich war, aus denen ist aber nichts Vernünftiges geworden. Edmond wurde 1853 geboren und Gaston 1854. Die hatten beide weder Titel noch Söhne und es ist unbekannt wann sie starben, beziehungsweise es ist bekannt, wann der letzte der Le Sens de Morsan starb. Nämlich 1929 in Paris. Welcher von den beiden Söhnen das war, weiß man aber nicht. Es gibt noch andere Le Sens, denen das Schloss in Giverville gehört hat. Die sind ganz entfernt von vor Jahrhunderten mit denen von Morsan verwandt, aber das ist schon so lange her, dass sie auch nicht erbberechtigt waren.

Diese Unklarheit hat mich dermaßen geärgert, dass ich das Sterberegister von Paris im Zeitraum von 1923 bis 1932 durchgesehen habe (ich muss verrückt sein). Ich habe aber nur eine Le Sens Frau gefunden (im 14. Arrondissement). Edmée Jeanne Le Sens starb am 10. September 1927. Dazu fiel mir ein, dass die letzten Le Sens eventuell verheiratet waren. Etwaige Kinder könnten gestorben sein. Dann durchsuchte ich noch das Register von Morsan der Jahre 1863 bis 1922. Jetzt ist klar, ich bin verrückt! Gastons Geburt steht unter dem Namen und Titel Marquis Floriant Gaston Desens in der Akte von 1854. Die Geburt seines Bruders und die Heirat seiner Eltern tauchen nicht auf, können auch in Paris oder Rouen geschehen sein. In Paris fand ich dann Antoine Françoise Nicole Desens de Morsan, gestorben 1821. Keine Ahnung, in welchem Familienverhältnis sie zu den männlichen Desens/Le Sens stand. In der Französischen Revolution wurden sehr viele Akten in Paris zerstört, desgleichen im Krieg 1870/71. Teilweise wurden Akten wiederhergestellt. Ich gehe davon aus, dass die Desens/Le Sens ein Haus in Rouen hatten. Das Archiv von Rouen ist furchtbar und dazu habe ich jetzt wirklich keine Lust. Wann die Namensänderung von Le Sens zu Desens erfolgte, weiß ich nicht. Vielleicht bei der erneuten Anoblierung.

Das ist das Wappen der Le Sens in der Kirche von Morsan. Zu Wappenkunde habe ich bestimmt schon in einem anderen Artikel etwas gesagt. Wappenkunde fasziniert mich, aber es ist die Faszination des Grauens. Ich sage daher nur soviel, es ist de gueule (rot) mit 3 Räucherfässchen und irgendeinem chevron. Das muss reichen. Das Wappen der Le Sens zeigt drei Weihrauchpötte, denn „der Weihrauch“ heißt auf Französisch l’encens, was sich ungefähr genauso spricht wie Le Sens.

Die Stellung der Adligen wandelte sich im 19. und 20. Jahrhundert sehr. Nach der Revolution war es nicht wie vor der Revolution im Ancien Régime. Napoleon I. hat in den Jahren seiner Herrschaft, von 1804 bis 1814 jene alten Adelstitel anerkannt, die er für würdig hielt beziehungsweise den Leuten Adelstitel verliehen, die Ämter innehatten. Zum Beispiel wurden alle Bischöfe zu Baronen und Erzbischöfe wurden Grafen. Weltliche Hohe Beamte erhielten ebenfalls Titel. In den Jahren 1814–1830 wurden im Zuge der Restauration (Wiedereinführung der Monarchie) 2128 Adelsfamilien wieder anerkannt oder neu geschaffen. 1848 wurde im Zuge einer Minirevolution die Vererbbarkeit aller Adelstitel in Frankreich abgeschafft. Das war wie die Regierung von Liz Truss in England, nur halt nicht so schnell, alle paar Jahre machte das Land eine komplette Kehrtwendung.

Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) wurde das Schloss von den bösen Deutschen besetzt und schon wieder geplündert. Die Deutschen zündelten auch ein bisschen und an einer Ecke im Nordwesten hat es gebrannt. Ob da jetzt noch Joseph Marie Philémon am Leben war oder nicht, weiß man nicht so ganz genau, aber ich nehme an, dass er 1891 starb.

Grave of the family Le Sens de Morsan
Dieses Grab auf dem Friedhof von Morsan ist nämlich von 1891.

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde das Schloss natürlich wieder von den bösen Deutschen besetzt.

Der letzte Le Sens de Morsan war ein bisschen speziell. Mein ehemaliger Nachbar, der vom Schloss aus die Straße weiter hoch, schon in Berthouville, wohnte, sagte, der Marquis habe den Südturm umgebaut, damit man darin Getreide trocknen können. Ein großer Stein, der einfach so in der Gegend herumsteht, war wohl dafür da, dass man vom Stein aus einfacher aufs Pferd kommt.  Die Preußen hatten, wie oben gesagt, gezündelt, bei der Gelegenheit ließ der Marquis das Parkett im Erdgeschoss neu verlegen und eventuell die Treppe neu gestalten. Das hat den Marquis nicht ruiniert. Was ihn ruiniert hat, waren die zahlreichen Bälle, Feiern, Jagdgesellschaften und Spielrunden, die der Marquis veranstaltet hat. Er warf sein Geld mit beiden Händen zum Fenster raus und war deshalb, in den 1930er Jahren ruiniert (oder in den 1920ern). Immerhin hatte er viel Spaß in seinem Leben (so der Kommentar vom Nachbarn). In den 30ern (oder 20ern) musste der Marquis jedenfalls alles verkaufen. Er besaß 100 Hektar Land und verkaufte sie für einen Appel und ein Ei an die Familie Amelot (die auch das Schloss in Berthouville damals günstig erstand). Der Marquis verkaufte die Möbel aus dem Schloss. Der Vater des Nachbarn kaufte eine Truhe, sehr preiswert. Nach dem Krieg machten die Käufer des Ackerlandes ein unheimliches Geschäft. Und da der Marquis keine Familie hatte, starb er verarmt und allein in Paris (1929 oder sonstwann). Wenigstens hat er den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben müssen.

The library
Die Bibliothek. Keine Bücher drin? Da kann ich auch nichts dafür. Jedenfalls sieht man hier das Parkett aus dem 19. Jahrhundert.

Im Zweiten Weltkrieg (1938-1945) wurde das Schloss natürlich wieder von bösen Deutschen besetzt, die wie man hört, Gemälde geklaut haben. Außerdem bauten die Deutschen diverse Betonunterstände für ihre Fahrzeuge. Die Motorräder sollen in einem heute zugemauerten Gang, der in einem der Gräben endet, gestanden haben. Dieser Gang ging ursprünglich angeblich bis ins Schloss. Auf der Weide war zu meiner Zeit zudem noch das Dach eines Bunkers zu sehen.

Das ist zum Beispiel ein Gang unter dem Nordgraben. Hier wurden angeblich im Zweiten Weltkrieg deutsche Motorräder hingestellt.

Im Weißen Schloss wohnten nach dem Krieg mehrere Familien. Eine im Keller, eine oben im Schloss und eine in den Türmen. In den Betonbauten der Nazis wurden Kaninchen gezüchtet und Holz oder Müll gelagert. In den 1980ern (1982 glaube ich) kaufte ein amerikanisches Ehepaar das Schloss von der Vorbesitzerin, die es seinerzeit vom Marquis gekauft haben muss.

Online-Quelle zur Familie Le Sens de Morsan: gw.geneanet.org

Falls noch jemand verrückt genug ist, hier der Link zu den Archiven von Paris: archives.paris.fr

und zu den Archiven von Eure: archives.eure.fr

Relatierter Artikel über die Kirche von Morsan: Tag des offenen Denkmals 2012 in der Kirche von Morsan

Das Schloss und seine Bewohner habe ich bald nach meiner Ankunft zu einer kleinen Geschichte verwurstet, in der meine Hunde die menschliche Hauptrolle spielen: Brief an Herrn Lothar

Tag des offenen Denkmals 2013, zweiter Teil: Chamblac und Giverville

English version: here.

In Chamblac war das Schloss von Jean de la Varende leider zu. Aber dafür war die Kirche offen. Ein Mitglied des Gemeinderates führte uns herum und ließ uns nicht nur in den Glockenturm steigen, ich durfte sogar die Glocken läuten. In Chamblac haben sie nämlich kein elektrisches Geläut. Man oder Frau muss sich in die Seile hängen und ziehen, was das Zeug hält.

Alain und Jeannine marschieren in die Kirche Notre-Dame von Chamblac. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Da hängen die Seile. Eigenes Foto, Lizenz: CC by Creative Commons Attribution Unported

Continue Reading

Tag des offenen Denkmals 2013, erster Teil: Château du Blanc-Buisson

English version: here

Hier heißt der Tag des offenen Denkmals „Journée de patrimoine“. Eigentlich „Journées“, Mehrzahl, denn der Samstag gehört dazu. Dieses Jahr unternahm ich am Sonntag etwas mit Alain und einer Freundin von ihm, Jeannine, aus einem Nachbardorf. Ich hätte mich wahrscheinlich auch meinen neuen Nachbarn anschließen können. Ich musste mich jedenfalls irgendwem anschließen, denn ich habe immer noch kein Auto und habs auch irgendwie aufgegeben. Ich habe jetzt ein Fahrrad. Das Tagesprogramm, das wir zu dritt absolvierten, hätte ich aber mit dem Fahrrad nicht absolvieren können, zumindest nicht in der kurzen Zeit.

Erstmal fuhren wir nach Saint-Pierre-du-Mesnil zur Burg Blanc-Buisson.

Alain und Jeannine habe ich gefragt ob ich Fotos von ihnen hochladen darf, ja ich darf. Da ich mich hier in Fotografenpose warf, machten die beiden sich bereit und Jeannine hastete zum Mäuerchen. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Alain und Jeannine habe ich gefragt ob ich Fotos von ihnen hochladen darf, ja ich darf. Da ich mich hier in Fotografenpose warf, machten die beiden sich bereit und Jeannine hastete zum Mäuerchen. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Alain und Jeannine, die sich brav in Positur gesetzt hat, und irgendwelche Leute vor dem Château du Blanc-Buisson. Eigenes Foto, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Burg Blanc-Buisson wurde um 1290 in der Regierungszeit von Philipp dem Schönen erbaut. Die Burg ist ein seltenes Zeugnis der zugleich zivilen wie auch militärischen Architektur des Spätmittelalters im Pays d’Ouche. Über die Burg lässt sich außerdem sagen, dass sie anno 1355 angegriffen und dabei fast zerstört wurde. Ab 1470 war aber wieder Leben in der Bude. In den folgenden sieben Jahrhunderten wechselte das Gebäude dreimal die Besitzer, wurde aber nur einmal verkauft und ansonsten durch Hochzeit weitergegeben. Die Burg wurde nur wenig umgebaut.

Continue Reading

Siehe Évreux und stirb natürlich nicht!

English version is here.

Jaja, eigentlich heißt es “Siehe Neapel und stirb!“, aber sterben ist doch eher unangenehm und ich kann mir auch gar nicht vorstellen, dass mir das beim Anblick von Neapel besser gefiele. »Vedi Napoli e poi muori!« klingt für mich auch eher nach einem Nudelgericht. Ich kann halt kein Latein.

Ich ging natürlich nicht zum Sterben nach Évreux und es ging auch nicht um Tod oder Leben, sondern um Fahrzeugpapiere oder keine Fahrzeugpapiere. Es gab keine Fahrzeugpapiere. Immerhin gab es Fotos. Évreux ist die Hauptstadt des Départements Eure. Im Jahr 2010 hatte es 50,537 Einwohner und egal mit was für tollen Sprachen und technischem Schnickschnack ihre offizielle Webseite geschrieben sein mag. Sie ist trotzdem einfach kacke, da inhaltsleer. Évreux selbst hat ganz viel Geschichte, sogar mehr als das durchschnittliche Kaff der Region und falls ihr schon etwas von mir gelesen habt, werdet ihr bemerkt haben, dass hiesige Käffer vor Geschichte geradezu bersten.

Gericht von Évreux, gebaut zwischen 1682 und 1714, umgebaut im 19. Jahrhundert und vom Blitz getroffen im Jahr 1911. Dabei brannten die Archive. Das waren noch Zeiten, als Archive aus Papier bestanden… Serverräume können allerdings auch brennen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

In der Bronzezeit (ab etwa 600 v. Chr. oder gar früher) tummelten sich die Kelten in der Gegend. Évreux war auch damals schon eine Hauptstadt. Die Hauptstadt der Eburoviken. Dann eroberten die Römer fast ganz Frankreich (abgesehen von einem bestimmten gallischen Dorf?). Jedenfalls blieben die Römer von 52 v. Chr. bis 486 n. Chr. an der Macht. Sie hinterließen einige Ruinen und hübsche Sachen, die heute in Museen stehen.

Dann kamen die Merowinger und die Christen. Die Merowinger regierten von 468 bis ins 8. Jahrhundert. Zu den Merowingern gehörte auch der ziemlich berühmte Guntram I. (532-592). Der Gunther des Nibelungenlieds oder des Codex regius der älteren Edda, für die, die gern alles im Original lesen.

Merowingersarg im Park “François Mitterrand”. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im 5. Jahrhundert kamen nicht nur die Merowinger vorbei, sondern auch der erste Bischof. Dessen Leben natürlich nur als Legende überliefert ist, in der es heiß hergeht. Unter anderem kam auch ein Dämon drin vor. Der auf dem Türsturz der Kirche Saint-Taurin aussieht, als wäre er einer Folge des Computerspiels Diablo entsprungen. Taurin(us), der erste Bischof, war aber früh dran und starb schon um 410. Vielleicht gab es ihn auch nicht. Irgendeinen ersten Bischof muss es aber gegeben haben.

Im 10. Jahrhundert gründete Herzog Richard I. (933–996) ein Kloster namens Saint-Taurin. Die Klosterkirche steht noch und ich besuchte sie. Sie lag auf dem Weg von einem Finanzamt zum nächsten. Hurra! Die Kirche wurde entweder im 11. oder 12. oder 13. jahrhundert erbaut. Da sind sich Wikipedia, die Stadt Évreux oder deren Tourismusbüro und das französische Kulturministerium uneins.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch ('century' heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

Skizze der Kirche Saint-Taurin. Die Buchstaben geben jetzt blöderweise auf englisch (‘century’ heißt Jahrhundert) an, wie alt der jeweilige Teil des Bauwerks ist. Den Grundriss hab ich frech geklaut und neu beschriftet, allerdings in der Annahme, dass er ohnehin gemeinfrei ist. Mir gehört er jedenfalls auch nicht.

église Saint-Taurin à Évreux

Die Kirche hat einige hübsche Wasserspeier. Leider wurde das Relief über dem Eingang in der Französischen Revolution (1789-1799) von wildgewordenen Revolutionären beschädigt. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Continue Reading