Das Weiße Schloss – die Gebäude

Heute ist der Eingang an der Südseite. Das Dorf liegt im Westen, deshalb war der ursprüngliche Eingang im Westen. Die Straße hat direkt zum Vorhof geführt. Der Vorhof war von vier Gebäuden flankiert, die im Stil Louis XIII (1601-1643) im 17. Jahrhundert erbaut worden sind.

Das rechte vordere Gebäude war ursprünglich eine Kapelle, an der man heute noch Pilgerzeichen sieht. Im 20. Jahrhundert wohnte dort eine Familie namens Platevoet, die drei der Gebäude auf dem Vorhof nutzte. Sie waren Bauern und waren aus Belgien eingewandert und wohnte bis zum Ende der 1960er Jahre auf dem Gelände. Ich hab einige Verwandte von ihnen selbst kennengelernt. Zu meiner Zeit schliefen die Schafe in dem Gebäude. Der Fußboden war teilweise ausgeschachtet. Man konnte noch einen Kamin sehen und elektrische Kabel. In manchen der Fenster waren noch Glasscheiben eingesetzt. Der Zustand der Balken unter dem Dach war okay. Da man dieses Gebäude von der Straße aus sehen kann, kamen oft Anfragen von Leuten, die es gern kaufen wollten.

Dependance Morsan
Das ist das Gebäude vorne rechts. Man sieht noch das Tor, wo irgendwann ein Zaun gewesen sein muss. Sie hatten Strom in dem Gebäude. Im Hintergrund sieht man das Gebäude hinten rechts. Foto von 2012.
Where the uncle of our former shepherd used to live
Hier die gleiche Seite (Süden) ein paar Jahre später. Foto von 2018.
Peek inside the barn
Das Foto ist von 2020 und wenn man es vergrößert, kann man rechts von der Tür einen eingeritzten Kreis sehen und diverse Löcher, die glaube ich, zu eingeritzten Kreuzen gehören. Kreise waren Schutzsymbole gegen böse Mächte.
Ostseite der ehemaligen Kapelle. Da sind die Schäfchen immer rein und rausspaziert. Foto von 2011.
Das Foto ist von 2012. Rudi und Miniputz latschen auf das Gebäude zu. Man sieht hier die Nordseite, an der man noch alte Bögen erkennen kann, in denen früher Tore gewesen sein müssen. Außerdem die Einfassungen von zwei hohen Fenstern, die irgendwann im Laufe der Zeit zugemauert worden sind.
Kamin
Hier sieht man den Kamin auf einem Foto aus dem Jahr 2014.
A rusty bowl in a stable
Im Inneren der ehemaligen Kapelle stand 2014 immer noch eine alte rostige Schüssel, womöglich noch von den Belgiern.

Pilgerzeichen sind Symbole, die Pilger hier in der Gegend seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert in die Außenmauern von Kirchen und Kapellen eingeritzt haben. Solche Zeichen gab es im Mittelalter in allen katholischen Pilgerstätten, hier gab es sie noch in den folgenden Jahrhunderten. Es wird hier immer noch gepilgert, aber jetzt ritzt niemand mehr in Kirchenmauern. Man steckt jetzt meistens Papierchen mit Gebeten hinter oder unter Statuen.

Eingeritzt wurden früher Kreuze, Kreise mit innerem Muster, Tiere und Boote. Damit wollte der Pilger den Segen Gottes erbitten, für Bootsfahrten, Tierzucht oder Jagdglück und er erhoffte sich Schutz vor dem Bösen. Diese Symbole wurden mit Nägeln oder Messern eingeritzt. In den tieferen Löchern rieben die Pilger Staub heraus, den sie als segensreich betrachteten.

Das hier ist ein sehr unübliches Graffiti an dem Gebäude vorne rechts. Jemand hat ähnliche Zeichen einmal als Templerfluss und Karte interpretiert. Ich weiß es nicht. Ritzzeichnungen von Tieren stellen meist Tiere dar, für die man sich Fruchtbarkeit erhofft (Vieh) oder Jagdglück. Auf anderen Kirchen findet man eingeritzte Boote oder Schiffe. Es fuhren früher Boote auf der Risle bis zur Seine und dann zu den Meerhäfen. So wurde auch für den Erfolg von Reisen gebetet. Foto von 2009.
Pilger ritzten solche Kreuze in Kirchenmauern und nahmen den Staub aus den Löchern als Segen mit. Diese Kreuze sind in eine der Türöffnungen eingeritzt. Foto von 2009.
Kreise mit Innenmuster gegen den Bösen Blick. Foto von 2009.

Das linke vordere Gebäude auf dem Vorhof war die Conciergerie, das heißt, da haben irgendwelche Wächter oder/und Bedienstete gewohnt. Das Gebäude konnten die Amerikaner in den 1980ern nicht kaufen. Dort wohnte eine belgische Familie. Die belgische Frau, die zu meiner Zeit in dem Gebäude wohnte, war im Alter von 14 Jahren nach Frankreich gekommen. Damals kamen viele Belgier nach Eure. Sie hatte offiziell eine Tätigkeit als Bäuerin angemeldet. Die Frau starb vor wenigen Jahren. Ich hab ihren Grabstein auf dem Friedhof von Morsan gesehen, hab aber vergessen, wann sie gestorben ist und finde kein Foto davon. Jedenfalls haben die Amerikaner, gleich nachdem sie vom Tod der Nachbarin erfahren haben, versucht das Haus zu kaufen. Es war ihnen aber zu teuer. Da wollte es jemand anders kaufen. Daraufhin wollten sie es doch unbedingt haben und kauften es für viel mehr Geld als sie zuerst hätten bezahlen müssen. Sie wollen das Haus zu einem Ferienhaus umbauen. Bisher ist aber noch nichts passiert. Natürlich sieht das Haus nicht mehr wie im 17. Jahrhundert aus.

Exterior of one of the former outer buildings of Le Château Blanc
Es hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit den anderen drei Gebäuden mehr. Foto von 2021.
I used to drink tea here
Vielleicht steckt da noch irgendwo 17. Jahrhundert drin. Ich seh davon jedenfalls nichts. Foto von 2022. Seltsamerweise hab ich nie ein direktes Foto von der Weide aus gemacht. Von dort sieht man zumindest noch Backsteine.
Sun and frost
Rechts hinten ist die ehemalige Conciergerie 2010. Phex und Rudi untersuchen gerade irgendetwas Aufregendes auf der Weide.

Das hintere rechte Gebäude auf dem Vorhof war ursprünglich ein Pferdestall gewesen. Zu meiner Zeit behandelte ich die Schafe dort gegen Würmer und ließ sie dort scheren. Wenn ein Schaf krank war, sperrte ich es in eine Pferdebox und rief dann den Tierarzt. Gefüttert habe ich sie dort nur am Anfang. Die Raufenkonstruktion des englischen Handwerkers fiel 2003 herunter und erschlug eins meiner Schafe. Daraufhin kaufte ich eine richtige Raufe aus Metall für draußen. In dem ehemaligen Pferdestall lagerte ich außerdem das Stroh für die Streu. Die Amerikaner lagerten im vorderen Teil Plastiksäcke mit Schafwolle aus den 1980ern und 1990ern.

Blick in den antiken Pferdestall
Blick in den alten Pferdestall. Immerhin muss es dort irgendwann Elektrizität gegeben haben. Aber nicht mehr zu meiner Zeit. Foto von 2013.
Der Stall hat Augen
Das war mein Stroh im Jahr 2013. Die kleinen Fenster sehen aus wie Augen, finde ich.
The new shearing machine
Schur im Jahr 2013. Ich hab jedes Jahr einen Schäfer geholt. Das hier war der neue Schäfer und er hat hier seine neue Maschine erstmals eingesetzt.
Schur im Jahr 2009. Dieser Schäfer hieß Maurice Platevoet und war mit den Leuten verwandt, die früher in der ehemaligen Kapelle gewohnt haben. Und so wie er hat man die Schur schon im 19. Jahrhundert gemacht. Er wurde 1929 geboren und starb 2012. Er liegt in Brionne auf dem Friedhof.
Der Stall hat auch hinten Augen
Das sind die Augen des Stalls von außen. Das Foto ist von 2014.
Meine Schafe vor dem Pferdestall im Jahr 2012.
2009 mit Phex an der Rückseite des ehemaligen Pferdestalls. Sieht für mich immer noch wie ein Gesicht aus, nur sind jetzt andere Fenster die Augen.

Im hinteren linken Gebäude standen ursprünglich die Karossen, vor die man die Pferde anspannte, wenn die Adligen irgendwohin wollten. Die Belgier, die in der alten Kapelle wohnten, hatten das Gebäude wohl als Kuhstall genutzt. Die Amerikaner haben einen Teil des Gebäudes abgesichert und mit einer versteckten Metalltür versehen. Der Rest dient als Lager für Krempel. Zu meiner Zeit wohnte eine Schleiereule in dem Gebäude.

2009 mit einem Lamm im Schnee vor dem Wagenstall.
Die Zeit steht mal wieder still
Ansicht der Marken vom Veterinär des Agrarministeriums. Das Foto hab ich 2013 gemacht, die Marken wurden von 1959 bis 1968 vergeben.
Carriage barn
Die Rückseite des Wagenstalls im Jahr 2018. Geradeaus ist die ehemalige Conciergerie zu sehen.
The barn has an eye
2014 hatte der Wagenstall jedenfalls auch ein Auge.

Der Vorhof selbst war zu meiner Zeit eine Weide, die im Sommer nur abends genutzt wurde. Morgens holte ich die Schafe in den Park und abends ließ ich sie auf den Vorhof. Heute ist es immer noch eine Rasenfläche. Auf der Rasenfläche gibt es Marnières, das sind Mergelgruben, die hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert angelegt wurden. Im Ancien Régime (vor der Französischen Revolution) sah der Vorhof bestimmt anders aus. Der Vorhof muss zugleich als Ehrenhof genutzt worden sein. Nun weiß ich nicht, wie viele Truppen die Le Sens (oder die Desens) de Morsan hatten. Philémon, der Gouverneur von Bernay, muss Truppen gehabt haben. Ob diese Truppen in Morsan oder in Bernay exerziert haben, kann ich nur vermuten und da würde ich annehmen, dass sie das in Bernay taten. Aber wissen kann ich es nicht.

Hinter diesem Vorhof ist ein Tor und ein Weg, über den eine Kutsche passen würde. Der Weg führt über zwei ummauerte Gräben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass da jemals eine Zugbrücke war, denn der Weg ist solide und mit den gleichen Steinen eingefasst, mit denen die Gräben eingefasst sind. Die Konstruktionen sehen auch nicht so aus, als sei jemals Wasser im Graben gewesen.

That tarp will be enough
Auf diesem Foto von 2021 sieht man zumindest einen Teil der Einfassung des Südgrabens, mitsamt dem Südturm.
Hier sieht man zwei Lämmer auf der Umfassung des Südgrabens stehen. Die Grasfläche hinter dem Tor ist der Vorhof. Das Bild ist von 2012.
Hier sieht man Phex und Nebelschafe 2009 auf dem Weg durch die Gräben mit der südlichen Grabeneinfassung.
Auf diesem Foto von 2010 sieht man immerhin von weitem einen der Pfosten, die rechts und links am Eingang des Weges stehen. Oben auf diesen Posten ist ein steinerner Blumentopf. Kein Topf zum Einpflanzen, sondern eine Skulptur. Diese Blumentöpfe sind sehr beliebte Dekorationen in den Gärten von Schlössern.

Rechts und links von den Gräben stehen Türme. Das Alter der Türme ist schwer zu bestimmen. Sie sehen aber nicht älter aus, als alles andere, sondern scheinen aus dem gleichen Sandstein gebaut zu sein, aus dem das Schloss ist. In der untersten Etage wurde Feuerstein verbaut. Das ist auch nicht sehr hilfreich. Feuerstein gibt es hier en masse auf den Äckern und er wurde in allen Jahrhunderten zum Bau benutzt. Es gab ihn ja umsonst überall herumliegen. Nehmen wir an, dass die Türme gleichzeitig mit dem Schloss gebaut wurden. Der Sandstein legt das auch nahe. Auf den Türmen stehen Turmspitzen aus Blei, die eine Kapsel enthalten, auf das Datum steht, wann sie aufgestellt wurden. Natürlich habe ich die Turmspitzen nicht heruntergeholt und nachgeschaut.

Ich rate also spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. Auf dem Foto ist wieder der Südturm anno 2009 mit Dach.
Épi de faitage tour Morsan
Die Turmspitze vom Südturm im Jahr 2013.
Auf Augenhöhe
Hier bin ich 2014 auf dem Nordturm und fotografiere von dort den Südturm. Das Dach ist kaputt, das Loch ist aber auf der anderen Seite.

Möglich ist, dass Philémon Le Sens, der erst im späten 16. Jahrhundert geadelt wurde, die Güte seiner Familie und seines Adelsrechts dadurch demonstrieren wollte, dass er die Türme und die Gräben als Zeichen hat bauen lassen, dass dort vielleicht auch schon im Mittelalter eine Burg gestanden hat. Im Mittelalter war seine Familie nicht adelig und kann dort keine Burg besessen haben und auch sonst ist von einer mittelalterlichen Burg dort nichts bekannt. Natürlich hätte ich gerne Grabungen veranstaltet oder veranstalten lassen, das geht schlecht, wenn man nur eine Art Magd-Gärtner-Hirte-Köchin-Sekretärin-Fremdenführerin-Kombination ist. Es gibt einen alten Brunnen, in den ich mich nicht hinuntergewagt habe, denn ich hab Arachnophobie und ich war generell einfach zu feige. Die Besitzer bestehen darauf, dass das Schloss vormals eine Burg gewesen ist, die im Jahr 1000 erbaut wurde, denn mit weniger Nullen geben wir uns ja nicht ab.

Die tolle Turmspitze vom Nordturm hing die ganzen Jahre so herum (Foto von 2008).
Tour et maison des gardiens
Und dieses Foto von 2013 ist das einzige Foto, das ich finde, worauf man den Nordturm einigermaßen sieht. Das Haus da war eigentlich eine Garage, die die Amerikaner in den 1980ern umgebaut haben. Es existiert nicht im Kataster, weil sie keine Genehmigung dafür hatten. Das Gebäude ist wesentlich jünger als die Nazibetonbauten zu denen wir später noch kommen.

Im Ancien Régime waren die Adligen von Steuern befreit. Dafür mussten sie im Ernstfall ihre Truppen zur Verfügung stellen. Der Ernstfall trat aber nur selten ein, während der Steuererlass und verschiedene Rechte, die gutes Geld einbrachten, ganzjährig bestanden. Viele Familien erfanden mythische Vorfahren, die nur mit einem Vornamen benamst waren und natürlich an der Seite von Wilhelm dem Eroberer gekämpft haben. Beweisen konnte man so etwas nicht, aber man konnte auch nicht das Gegenteil beweisen. Ich denke da zum Beispiel an die Harcourts.

„Adelsbetrug“ war dermaßen üblich, dass Louis XIV (1638-1715) einen Beamten durchs Land geschickt hat, der untersucht hat, ob die angeblichen Adeligen überhaupt einen Adelssitz hatten und wenn ja, von wem sie den hatten. Wenn sie einen fälschlich erworbenen oder gar keinen Adelssitz hatten, wurde ihnen der Titel aberkannt und sie mussten hohe Strafen zahlen.

Das ursprüngliche von Philémon erbaute Schloss war einfach aufgebaut, ein Rechteck, was einen der Autoren über die hiesigen Herrenhäuser und Schlösser dazu veranlasst hatte, zu behaupten, das Gebäude sei an sich nur ein Pavillon und gehöre zu einem größeren zerstörten Gebäude. Wahr ist, dass das Schloss nicht komplett mittig steht, aber fast mittig. Daher kann es kein Pavillon eines größeren Schlosses gewesen sein. Es könnte aber die Hälfte eines größeren Schlosses gewesen sein. Das werden wir wahrscheinlich nie erfahren.

Im Süden und Norden wurden 1750 halbrunde Pavillons angebaut, so nennt man bei Schlössern Gebäudeteile, die am Schloss mit dran sind. Es gibt auch bei Schlössern einzelnstehende Gebäude, die Pavillon genannt werden, aber hier handelt es sich jedenfalls um Anbauten. Der Pavillon im Süden ist schön dekoriert und davor ist ein Wasserbecken, an dem die Skulptur eines Pan hockt. Der nördliche Pavillon wurde bis 1827 nicht vollendet. Warum ausgerechnet bis zu dieser Jahreszahl, weiß ich nicht mehr. Das bedeutet jedenfalls, dass der Nordpavillon nicht dekoriert ist und nach nichts aussieht. Dekoriert wurden im Zuge dieser Umbaumaßnahmen auch die beiden anderen Seiten des Schlosses. Im Westen ist die Fassade aber durch den Wind vom Meer abgeschliffen worden.

The white castle
Schloss mit Südpavillon und Becken mit Pan 2021.
Türgesicht
Dekoration über dem Südeingang 2013.
Sehr schlechtes Foto von 2008 auf dem das obere Relief dargestellt ist. Ein Kind reitet auf einem Ziegenbock.
Pan in the evening sun
Pan am Wasserbecken 2013.
Ostenkatz
Ostseite mit Miniputz 2013.
Verzierung an der Ostseite. Foto von 2012.
Ostseite 2012.
Ostseite 2012.
Sculpted lintel
Zum Vergleich eine Verzierung am Salzsteuerbüro in Bernay. Beiden Gebäuden wird nachgesagt, dass Ange-Jacques Gabriel (1698-1782) die Umbauten vorgenommen habe.
2010 hatten wir Schnee. Hier sieht man die Nordseite wenigstens ein bisschen. Der Anbau auf der Nordseiten ist schmaler, weil eine große Treppe in den Keller hinunterführt. Dafür ist er ein bisschen länger. In dem Anbau ist die Wendeltreppe. Nach dem 2. Weltkrieg und auch noch als die Amerikaner das Schloss kauften, gab es keine direkte Treppe vom Erdgeschoss in den Keller. Man musste erst raus und dann die große Treppe hinunter. Die beiden Hunde sind Bach und Rudi.
Nach einer Renovierungsaktion sah das Schloss 2010 kurzfristig besser aus. Es war nur Kosmetik und hielt nicht lange. Der Hund ist Phex und er blickt auf die Ecke von West- und Südseite des Schlosses.

Die älteren Teile des Schlosses, die Gräben und Türme sowie der Hauptbau ohne die Pavillons sind alle im Stil von Henri IV (1553-1610)  gebaut, sagt eine meiner Quellen. Der Riesenvorhof ist aber wohl erst zwischen 1650 und 1750 entstanden.

An der Nordseite gibt es ein zugemauertes Fenster. Angeblich wegen der Fenstersteuer, die es ab dem 24. November 1798 (4. Frimaire VII nach Revolutionszeitrechnung) bis 1926 gab. Danach mussten die Besitzer von Häusern Steuern auf alle Türen und Fenster zahlen. Das Schloss hat aber noch genügend Fenster und ich weiß nicht, ob dieses eine Fenster einen großen Unterschied macht. Vielleicht hat es aber auch mit der Zündelei der Preußen im Krieg 1870/71 zu tun. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Im Schloss gab es danach jedenfalls eine Wendeltreppe statt einer geraden Treppe. Und es gab ein neues Parkett. Eine gerade Treppe verbraucht mehr Platz und wäre zum Beispiel dort verlaufen, wo es heute im 1. Stock (oder „halbten“ Stock) ein Badezimmer gibt, das heute nur von der Wendeltreppe aus zugänglich ist.

Die Wendeltreppe im Schloss 2007.
Das Parkett in der „Bibliothek“ wurde im 19. Jahrhundert verlegt. Das Foto ist von 2007. Ich hab ganz tief in meinen Archiven gewühlt.

Ob es der letzte Marquis von Morsan war, weiß ich nicht, aber jemand legte einen kleinen Friedhof für seine Hunde an.

Pet cemetery and Rudi
Der Hundefriedhof 2013.
Einzelne Gräber 2008.

Im 19. Jahrhundert wurde der Park angelegt. 1802 kaufte Louis-Gervais Delamarre das Schloss von Harcourt und richtete dort ein Arboretum ein. Es geht die Sage, dass Herr Delamarre mit dem damaligen Marquis de Morsan bekannt war und ihm Baumsamen für den Park gegeben hat. Weiter im Süden des Grundstücks in Morsan, auf der Wiese vor der Straße, wurden Apfelbäume gepflanzt. Zwischen Park und Apfelbaumwiese stand ein Halbkreis aus Bäumen.

Blick auf den Park vom Vorhof aus. Das war im Jahr 2008.
An der Nordostecke des Parks im Winter 2010.
Vor der blühenden Kastanie nach oben schauen 2011.
The park of Morsan
Rudi und ein Lamm 2011 an der Kastanie.
Hier sieht man 2010 eine der alten Steinbänke, die auch zum Park gehören. Das Gebäude im Hintergrund nutzten die Schafe zu meiner Zeit im Sommer zum Mittagsschlaf. Darin war wohl nach dem Krieg der Kaninchenstall.
The tower behind the trees
Hier die Bank auf der anderen Seite (2012).
Winterschloss
Im Halbrund gepflanzte Bäume im Winter 2013.
Und hier im Oktober 2010.
Winter sun on snow
Wintersonne auf uralten Apfelbäumen 2010.

Die bösen Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg (1938-1945) ein paar Betonkonstruktionen gebaut, wo sie ihre Fahrzeuge vor Flugzeugen versteckt haben. Die Nachkriegsfamilien haben das z. B. genutzt, um Kaninchen zu züchten, Holz zu lagern usw. Ein unterirdischer Gang, der vom Schloss aus in einen der Gräben geführt hat, wurde zugemacht.

Unsere Bunker
Betonkonstruktion 2013 im Nordgraben.
Schafe an Nazibauten 2010. Die Betonkonstruktionen der Nazis hatten ein flaches Dach, über das sie ein Tarnnetz zogen, dann konnte man vom Flugzeug aus nicht sehen, dass da überhaupt ein Gebäude war.

Als die Amerikaner in den 1980ern das Schloss kauften, war es praktisch unmöbliert und eine einzige Baustelle. Sie haben sehr viel verändert. Zum Beispiel gab es im 2. Stock keine Toilette, dafür aber ein Bidet. Jetzt gibt es eine Toilette und kein Bidet. Die Amerikaner bauten Ölheizung ein, verstellten bei einigen Räumen die Zugangstüren und Geheimgänge, ließen einen neuen Sicherungskasten einbauen, behielten aber einige der alten Steckdosen ohne Erde. Sie öffneten den Fußboden im Erdgeschoss an der Nordostecke und bauten eine kleine Wendeltreppe in den Keller ein. Die originale Holzvertäfelung gab es nur noch im großen Salon im Erdgeschoss. Im Keller sind noch der alte Brotofen und die Feuerstelle erhalten. Die meisten der offenen Kamine, die heute im Schloss sind, sind entweder Fake oder der Rauchabzug funktioniert nicht.

Lets burn some baskets
Der Brotofen 2015. Sie haben ihn allerdings nicht mehr benutzt.
Leaves in the cellar
Ganz links der offene Kamin, in dem früher Fleisch oder Fisch gegrillt wurde. Foto von 2015. Interessant finde ich die Stufen vor den Fenstern. Ich weiß nicht, wozu die Stufen dienen sollen. Mehr Licht? Jedenfalls fiel da immer Herbstlaub hinein und Molche und sonstwas. Heute haben sie vernünftigerweise engmaschige Gitter davor.

Ich hab Fotos vom Inneren der Conciergerie. Das sind aber „lost place“-Fotos, daher poste ich die hier nicht mit. Außerdem habe ich Fotos und Video von der Einrichtung des Schlosses. Das poste ich vielleicht irgendwann, wenn das Schloss wider erwarten doch verkauft wird.

Das ist ein Ausschnitt aus dem Katasterauszug, den ich mir selbst am Amt gekauft habe.

Fotos und Text sind von mir, der Katasterauszug ist natürlich vom Katasteramt.

Mehr zu alten Kirchengraffitis beziehungsweise Ritzzeichnungen findet man zum Beispiel hier (auf Englisch): Letter from England – medieval church graffiti und hier: https://rakinglight.co.uk/ und hier: Church of the Holy Sepulchre’s mysterious ‘graffiti’ crosses may not be what they seem

Ich hab auch selbst mal einen Artikel geschrieben, der ist aber nicht sehr gut und ich weiß inzwischen mehr über die Sache: Zeichen gegen den Bösen Blick

Eine wichtige Quelle auf Französisch war das Buch Gentilhommières des Pays de l’Eure von Franck Beaumont und Philippe Seydoux S. 297-299 Verlag Éditions de la Morande 1999 ISBN: 2902091312 steht falsch so im Buch, eigentlich muss die ISBN: 2902091311 sein.

Das Schloss und seine Bewohner habe ich bald nach meiner Ankunft zu einer kleinen Geschichte verwurstet, in der meine Hunde die menschliche Hauptrolle spielen: Brief an Herrn Lothar

Das Rebus von Saint-Grégoire-du-Vièvre

English version: here.

Als ich den Wikipedia Artikel über Saint-Grégoire-du-Vièvre schrieb, stolperte ich über das Rätsel um ein Rebus aus dem 16. Jahrhundert an der Fassade der Kirche. Saint-Grégoire-du-Vièvre hat heute 342 Einwohner und es war niemals eine große oder wichtige Ortschaft. Es liegt ein paar Kilometer nördlich von hier. Falls ich jemals das Auto importiert bekomme, werd ich sofort hinfahren und Fotos machen. Bis dahin müssen Heliografien von anno 1888 ausreichen.

Edit: Ich fuhr heute Abend noch mit einem Bekannten aus dem Dorf los. Er hatte meinen Artikel gesehen und sich über die mangelnde Qualität der Fotos beschwert.

Das Bilderrätsel aus dem 16. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0 / Creative Commons zero public domain dedication/ gemeinfrei

Generationen von zumeist ortsansässigen Historikern oder anderen seltsamen Leuten haben versucht das Rebus zu entziffern. Es bedeutet etwa: “le monde est corrompu et faux sal” (ja, das ist in Französisch, nicht sehr überraschend bei einer französischen Kirche), übersetzt: ‘Die Welt ist korrupt und falsch sal’. Keine Ahnung, was “sal” heißen soll. ich würd sagen, das sind die Initialen des Autors.

Arthur Join-Lambert (1839–1917) hat seine Sicht der Dinge 1888 publiziert. “Le” (‘Der’) Reichsapfel steht für die Welt oder die christliche Welt. Es folgt das Wort “est” (‘ist’), dann ein unterbrochenes oder gebrochenes Horn (Musikinstrument, frz. “cor”). “Rompu” ist das Partizip von “rompre” (brechen, abbrechen).

Grab von Arthur Join-Lambert auf dem Friedhof von Livet-sur-Authou. Das liegt ein bisschen nordöstlich von hier. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain/ gemeinfrei

Join-Lambert behauptete, dass die 16 schwarzen und weißen Steinchen das 16. Jahrhundert symbolisieren. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und falsch sal.’ Das würde sich auf die Hugenottenkriege (1562–1598) beziehen und wäre gar nicht so weit hergeholt. Ulkigerweise gehörte Saint-Grégoire-du-Vièvre vom 14. bis 16. Jahrhundert, den Bourbonen. Letzter König der zugleich der Seigneur von Saint-Grégoire-du-Vièvre war, war Heinrich IV. (1553–1610). Er war Hugenotte und als solcher in die Kriege um Protestantismus und Katholizismus involviert.

Größere Ortschaften in der Region, zum Beispiel Bernay und Pont-Audemer wurden um 1590 angegriffen. Mal von den Hugenotten, mal von den Katholiken. Das Ergebnis war eh das gleiche. Die Soldaten plündern, die Einwohner sterben.

Das Rebus und der Ritter, der seinem Pferd hinterherläuft. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Dann folgt “et” (‘und’) und eine gut erkennbare Sense (“faux)”. “Faux” ist ein Homonym und bedeutet sowohl Sense als auch falsch. Join-Lambert dachte, dass es auch etwas ganz anderes meinen kann, etwas, dass nur so klingt wie “faux”, zum Beispiel “faut” 3. Person singular von “falloir”, ‘müssen’, ‘brauchen’. Keine Ahnung wieso er meint, es müsse eine andere Bedeutung haben, als die offensichtliche. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und man muss sal’? Das ergibt keinen Sinn. Um das zu erklären, schweift er noch weit mehr ab und behauptet, dass die Freimaurer das Rätsel gemacht hätten und dass “sal” Israel bedeute. Die fehlenden Buchstaben steckten halt im A oder in der Sense. Totaler Quark. (‘Die Buchstaben steckten im A’ klingt irgendwie unanständig.) Es gab zwar schon erste Freimaurer in England, aber die wären wohl kaum nach Saint-Grégoire-du-Vièvre gekommen, um dort in französischer Sprache Bilderrätsel in die Kirche einzubauen.

Der Ritter eilt hinter seinem Pferd her. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons public domain dedication/ gemeinfrei

Dem Alchemisten Fulcanelli folgend gibt es noch viel absurdere Erklärungen. Pferde seien Quellen in der Alchemie und der Ritter sei ‘Hermes Trismegistus entschleiert’, das Bilderrätsel stelle den ‘Triumph des Hermes’ dar und der Wolfsangriff sei der Kampf der beiden Naturen (Feuer und Wasser). Meine Güte. So kann man auch seine Zeit totschlagen.

Der Wolfsangriff, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative commons public domain dedication/ gemeinfrei

Im Mittelalter reichte der Wald von Vièvre von Saint-Étienne-l’Allier bis zur Risle. Er hatte eine Fläche von etwa 50km² (5000 Hektar). Der Wald war voll mit allerlei gefährlichem Getier, Bären, Wildschweinen, Wölfen. Es ist unglaublich viel wahrscheinlicher, dass der künstlerische Maurer die Kirchenfassade als eine Art Zeitung oder Geschichtsschreibung nutzte. Pilger haben andauernd etwas in die Kirchenfassade geritzt, das hat man nicht so eng gesehen. Dann wären die Nachrichten etwa: König Heinrich ist vom Pferd gefallen. Wölfe haben das Dorf angegriffen. Krieg ist scheiße.

Wenn du andere Interpretationen auf Lager hast, ich würd mich freuen, von dir zu hören.

Der Wolfsangriff und mehr. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Quellen und weiterführende Informationen

Arthur Join-Lambert, Jean De Witte, François Lenormant, Robert de Lasteyrie : Les Inscriptions (Rébus et Énigmes) de l’Église de Saint-Grégoire-du-Vièvre in Gazette archéologique : recueil de monuments pour servir à la connaissance et à l’histoire de l’art antique. Band. 13, erschienen bei A. Levy in Paris 1888 S. 233–244, ISSN=20224788 (französisch)

l’église de saint Grégoire-du-Vièvre in Epistola, veröffentlicht am 4. Oktober (französisch)

Bernard Bodinier: L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Erschienen bei Jean-Michel Bordessoules in Saint-Jean-d’Angély 2001, S.212 ISBN=2-913471-28-5 (französisch)

le mystère de Saint Grégoire. in Normandie Zoom (französisch)

Der Gefangene von Gisors

Gisors ist eine Stadt im Département Eure in der Haute-Normandie in Frankreich. Sie liegt im Vexin am Zusammenfluss von Epte, Troesne und Réveillon und hatte im Jahr 2007 11.677 Einwohner. Nordwestlich des Ortskerns liegt der Wald von Gisors. Die Stadt soll schon in gallo-römischer Zeit bestanden haben und wurde im 11. Jahrhundert bedeutend, als Grenzstadt der Könige von England und Herzöge der Normandie. William II. von England (Guillaume II. le Roux) liess um 1095 eine Burg in Gisors erbauen. Die Burg war von 1158 bis 1161 im Besitz des Templerordens. Der Legende nach soll in ihr der Schatz der Tempelritter versteckt worden sein, nachdem der französische König Philipp IV. im Jahr 1307 die Führungsspitze des Ordens verhaften ließ. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, denn 1198 eroberte König Philipp II. von Frankreich Gisors. Er nutzte nicht den alten, achteckigen Donjon, sondern ließ einen neuen, runden Donjon erbauen, der “Tour du prisonnier” („Turm des Gefangenen“) genannt wird.

Der Turm des Gefangenen auf einer alten Postkarte im Départementsarchiv von Eure

Die katholische Heilige Liga stationierte bis 1590 während der Hugenottenkriege (1562-1598) eine Garnison in Gisors, die bis 1588 unter dem Befehl von Henri I. de Lorraine, duc de Guise stand. Im runden Turm der Burg war zu jener Zeit ein Mann eingesperrt, der mit einem Nagel die Wände seiner Zelle praktisch total in Reliefs verwandelte. Einige der Motive sind christlichen Ursprungs, die Grablegung Christi, die Kopie eines Gisant (liegende Grabfigur) in der Kirche von Gisors, Mariendarstellungen, andere Motive zeigen seine Liebe zu seiner Frau, Herzen, Gedichte in lateinischer Sprache oder weltliche Elemente wie Burgen und Wappen. Da an einigen Stellen auch Templerkreuze zu sehen sind, haben diese Reliefs zur Templerschatz-Legendenbildung beigetragen. Gérard de Sède brachte die Reliefs mit dem mysteriösen Schatz in Verbindung, den der Pfarrer Bérenger Saunière angeblich in Rennes-le-Château (Département Aude) gefunden hat.

Schlüssel und Schloss des Turms im Départementsarchiv

Der Gefangene selbst kürzt seinen Namen mit den Initialen NP ab, Nicolas Poulain, ein Pseudonym. Der Name Nicolas kommt aus dem Griehischen und bedeutet “Sieg des Volkes”, “Poulain” war im Mittelalter ein Name für Personen, die im Orient gewohnt haben oder dort geboren wurden, allgemein heisst das Wort “Fohlen” und wird auch im übertragenen Sinn gebraucht, wie das deutsche Wort “Frischling”. Merkwürdigerweise wird das aber mit “Besieger der Steine” übersetzt.

Man nimmt an dass die Frau des Gefangenen Catherine de Basian war und er selbst Éli de Beaumont. Sein Name hilft aber nicht sehr viel, denn zu jener Zeit gab es mehr “de Beaumont”s als Sand am Strand.

Was aber bleibt, sind die Reliefs. Ein Mann hat mit einem Werkzeug, dass er nur durch Zufall erhalten hat in die feindlichen Mauern seines Gefängnisses die wertvollsten Werte der Menschheit eingeritzt, Liebe, Grosszügigkeit, Mut, Schönheit und Ewigkeit.

Reliefs des Gefangenen im Départementsarchiv

Romantische Vorstellung des Gefangenen in seiner Zelle bei der Arbeit aus dem Départementsarchiv

Und noch einmal Romantik aus dem Départementsarchiv

Der Turm des Gefangenen 2007, Foto von CJ DUB auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC Attribution/ Namensnennung

Quellen und weitere Informationen:

Histoire mystérieuse et insolite des Régions de France, La Normandie, von Claude Sellier und Mathurin Hémon, erschienen bei Micberth in Paris 1994, Seite 17-24, ISBN 2-84126-053-4

Nicolas Poulain, le prisonnier de Gisors – Gérard de Sede ein Fernsehbericht von 1976, Gérard de Sède (1921-2004) war ein französischer Journalist

Jour de Patrimoine im Château de Launay

Am 19. und 20. September 2009 ist Jour de Patrimoine in Frankreich. Viele Museen und Sehenswürdigkeiten sind umsonst geöffnet oder veranstalten etwas Besonderes.

Wir sind zum Château de Launay gefahren, wo wir im Juni zwar schon einmal waren, was aber nur vom 20. August bis 30. September geöffnet ist.

Diesmal empfing uns der Besitzer, ein älterer Herr, der in der oben erwähnten Zeit zwei Führungen pro Tag veranstaltet, für schlappe 5 Euro.

Alle Gebäude, bis auf eines aus Napoleons Zeit, sind als Monuments historiques klassifiziert und somit denkmalgeschützt. Auf dem Cour d’honneur (Ehrenhof) befinden sich u.a. Stallungen und ein Taubenhaus aus dem 16. Jahrhundert.

Taubenhaus, eigenes Foto (auf wikimedia commons), CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Taubenhaus, eigenes Foto (auf wikimedia commons), CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

An dem Taubenhaus befinden sich ungewöhnliche Holzskulpturen, die normalerweise kirchlichen Gebäuden vorbehalten waren.

Taubenhaus und Stall, eigenes Foto (auf commons), Lizenz:CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Taubenhaus und Stall, eigenes Foto (auf commons), Lizenz:CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Solche Taubenhäuser finden sich an vielen Schlössern in Frankreich. Die Tauben (und ihre Eier) dienten der Ernährung.

Detail der Fassade des Taubenhauses, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: public domain/gemeinfrei

Detail der Fassade des Taubenhauses, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: public domain/gemeinfrei

Wegen Renovierungsarbeiten durften wir nicht in das Taubenhaus hineingehen, reingucken durften wir aber schon.

Im Taubenhaus, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Im Taubenhaus, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Stall aus dem 16. Jahrhundert, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Stall aus dem 16. Jahrhundert, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

An der Eingangstür des Schlosses ist noch das Wort “Wache” eingeritzt, weil die Nazis das Schloss im Zweiten Weltkrieg als Kommandantur benutzt haben. “Wasch” spricht der Schlossbesitzer das Wort aus, was klingt wie “vache”, “Kuh”. Er scheint Deutsche nicht besonders zu mögen, das finde ich allerdings auch verständlich. Wär wahrscheinlich taktisch klüger gewesen, wenn wir behauptet hätten Engländer zu sein.

Blick vom Eingang des Schlosses auf den Cour d'honneur, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Blick vom Eingang des Schlosses auf den Cour d'honneur, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Wir haben auch das Erdgeschoss des Schlosses besichtigt. Dort durfte man aber nicht fotografieren, was verständlich ist, da der Besitzer das Schloss wirklich bewohnt. Das historische Parkett ist herausgenommen, restauriert und wieder eingesetzt worden. Die Räume sind rundlich oder oktogonal und symmetrisch. In vielen Zimmern befinden sich zwei symmetrische Kamine, was sehr selten ist. Die Räume sind mit hölzerner Wandvertäfelung ausgestattet, die dezent bemalt ist.

Im rechten Pavillon befindet sich die alte Backstube, die aber nicht besichtigt werden kann. Der linke Pavillon ist eine Kapelle.

Im Garten sind etwa 2km Hecken, die jeweils im August für die Touristen geschnitten werden. Das Grundstück ist mit einer Radaranlage gesichert, unter anderem deshalb weil vor etwa einem Jahrzehnt eingebrochen worden war und etwas gestohlen wurde. Der besitzer fürchtet auch um die Skulpturen im Garten, er hat an ihnen ihre Herkunft einmeisseln lassen.

Rückseite des Château de Launay, vom Garten aus, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Rückseite des Château de Launay, vom Garten aus, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Buche im Garten von Schloss Launay, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Buche im Garten von Schloss Launay, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Die riesige Buche im Garten des Schlosses hatte diesen Sommer unter der anhaltenden Trockenheit zu leiden. Während ich dies schreibe gewittert es und ich hoffe, das hilft ein bisschen, denn seit etwa 6 Wochen hatten wir nur kurze Schauer. Wahrscheinlich läuft unser Schlosskeller gerade voll, denn ein Fenster ist offen. Werd ich besser etwas früher aufstehen morgen und den Schlosskeller trockenwischen, aber was solls…

Das Schloss selbst wurde um 1730 gebaut anstelle eines älteren Schlosses. Es ist im Stil des Régence gehalten, zwei “Pagoden” die später eingefügt wurden sind im Barockstil erbaut.

Im Laufe der Zeiten hat das Schloss nur vier Familien gehört, den Le sens de Folleville, den Naguet de Saint Vulfran, irgendwem und dem jetzigen Besitzer, der darüber klagte, dass seine Kinder sich nicht mit dem Schloss belasten wollen.

Vorderseite des Château de Launay, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Vorderseite des Château de Launay, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Weblinks:
Château à Saint-Georges-du-Vièvre

Le Château de Launay et son colombier: une propriété privée

Brief an Herrn Lothar

In M. am 11ten November 1595

Guter und lieber Herr Lothar, ich hoffe Ihr ergötzt Euch an den Schilderungen unserer Abenteuer, da wir zu häufig unseren Standort wechseln, ist es vielleicht eine gute Idee wenn Ihr etwaige Briefe mit Neuigkeiten von Euch an unseren Vetter Herrn Vincent in Paris sendet.
Doch nun zum Schloß M. und der hiesigen Gegend.
Die normannische Landschaft protzt geradezu mit ihrer Schönheit; das Laub der Bäume nimmt strahlende Farben an, in denen auch die Wege leuchten. Heute hatten wir wunderschönen Nebel, der sich am frühen Nachmittag auflöste und Sonnenschein Platz machte, um später als zarte Nebelschleier, die elfenhaft über die Felder geisterten, zurückzukehren.

Als wir im Sonnenschein spazierengingen, stießen wir auf seltsame Höhlen, die aussahen, als seien sie von Wolpertingern angelegt und Herr Rudi steckte in jede seine vorwitzige Nase. Jetzt steht er wie ein Erdmännchen am Fenster und schaut hinaus, voller Sehnsucht nach einer Jagd.

Die einheimische Bevölkerung scheint das Jagen zu lieben, auch hat der Baron dieses Schloß schon des öfteren als Stützpunkt für Jagden genutzt. Davon zeugen zahlreiche ausgestopfte Vögel, die ich allerdings eher für geschmacklos halte. Er besitzt einige Flinten und Büchsen, die er in der Eingangshalle stolz zur Schau stellt.
Er selbst ist ein waschechter rothaariger Normanne. Wenn man ihn betrachtet, kann man sich gut vorstellen, wie jenes kriegerische Völkchen damals dieses rauhe Land eroberte.
Die Baroneße ist eine würdige Matrone. Ihre Familie ist von altem ungarischen Blute, dementsprechend ist sie recht temperamentvoll. Sie unterhält uns alle mit Geschichten über die Region und über den Bau des Schloßes.

Morgen wollen wir jedoch weiterfahren und ein berühmtes Arboretum in der Nähe besuchen, welches dem Herzog D’Harcourt gehört, der mit der hiesigen Familie und Seiner Hoheit Henri IV. befreundet ist. Wenn wir bei ihm einen guten Eindruck machen, führt er uns womöglich noch bei Hofe ein, was natürlich der Höhepunkt unserer Reise wäre.

Die Baroneße hat uns zahlreiche Geistergeschichten erzählt, bis wir schließlich nicht mehr wußten, wann sie noch spaßte und wann es ihr ernst war. Wir erwarten also mit Spannung die Nacht und werden gewißlich nicht sehr gut einschlafen. Die Bediensteten verlaßen über Nacht das Schloß und schlafen in einem Nebengebäude, welches ein paar hundert Klafter entfernt auf halbem Wege zur reizenden Ortschaft mit den schön bemalten Fachwerkhäusern, steht.

Die hiesige Köchin Mme Heutte stammt aus dem nahen Flandern, worüber wir ganz glücklich sind, so kocht sie nämlich nicht typisch normannisch. Normannisches Eßen enthält Äpfel in allem, Äpfel, Apfelwein und Speck (falls vorhanden). Am Anfang ist solch Eßen intereßant , kann aber bei häufigem Genuße Überdruß hervorrufen. Hirsebrei mit Äpfeln ist schon in Ordnung aber an Suppe mit Äpfeln und Speck kann ich mich nicht gewöhnen.
Die flämische Küche ist etwas abwechslungsreicher. Wir werden mit Wild, Wurst, Schinken, Geflügel, Carbonade Flamande (in Bier gesottenes Fleisch), Pommes de Terre (eine exotische moderne Knolle aus Flandern), Asperges (ein exotisches modernes Gemüse aus Flandern) und Birnen verwöhnt.

Außer uns ist der berühmte italienische Sänger Lucidio Portavati zu Besuch. Selbiger scheint mit dem Baron und seiner Frau befreundet zu sein. Sie haben ihn wohl auf einer Reise nach Verona kennengelernt.
Nun will ich aber doch schlafen gehen…

Karikatur von Farinelli (und Händel), unbekannter Autor vor 1750, Public Domain
Karikatur von Farinelli (und Händel), unbekannter Autor vor 1750, Public Domain

In M. am 12ten November 1595

Aus dem ruhigen zu Bette gehen ist leider nichts geworden. Ich hatte mich gerade zur Ruhe gelegt, da hörte ich das Getrampel vieler eilender Schritte. Ich sprang also aus dem Bette, warf mir etwas über und eilte den Schritten hinterher. Draußen vor dem Schloße konnte ich erkennen, daß Herr Rudi, Herr Beau und Herr Phex jemanden oder etwas verfolgten. Wir hatten alle keine Laterne bei uns, rannten vielmehr in die Dunkelheit des Vorhofes, der freilich von einem abnehmenden Mond ein wenig erhellt wurde. Es war trotzdem ziemlich gefährlich, im Dunkeln über die Brücke zum Vorhof zu laufen. Wir rannten bis hinunter zum Gesindehaus, deßen Tür sich direkt vor mir öffnete. die Köchin trat heraus und fiel stante pede wie eine adlige Dame in Ohnmacht und in meine Arme. Ich versichere Dir, sie war nicht leicht. So rief ich unseren drei Freunden zu, sie mögen stehenbleiben und mir zu Hilfe eilen, was jene auch taten. Als die Köchin wieder bei Sinnen und beruhigt war, traten wir den Rückzug an.

Herr Markus erwartete uns vor dem Schloße, mit einer Laterne und vorwurfsvollem Blicke. Was uns denn einfiele mitten in der Nacht durch die stockfinstere Gegend zu rennen, fragte er, er habe sich schon Sorgen gemacht.
Unsere drei Freunde berichteteten nun, sie hätten draußen das Knacken von Zweigen gehört und das Tappen von Schritten. Sie hätten also aus ihrem Fenster gesehen, welches nach Westen geht, somit in Richtung Vorhof. Unter den Kastanienbäumen sei eine Gestalt sichtbar gewesen, die einen übergroßen weißen Kopf zu haben schien. Anstatt sich furchtsam im Bette zu verkriechen, habe sie der Jagdtrieb überkommen und sie wollten die Gestalt fangen. Herr Markus schaute darob noch beleidigter drein und meinte er sei nicht furchtsam gewesen, sondern habe eine Laterne gegriffen, da er nicht in den Burggraben zu fallen beabsichtige. Ob wir denn die Gestalt gefangen hätten? Wir schüttelten betreten unsere Köpfe, wandten aber ein das wir immerhin die Köchin gerettet hätten. Herr Markus ignorierte unser Heldentum und schickte uns zurück ins Bette.

Beim Frühstück stellten wir fest, daß weder der Baron oder seine Frau, noch der Sänger irgendetwas von den nächtlichen Geschehnißen bemerkt hatten. Wir erzählten unsere Erlebniße der Nacht dennoch, um zu verhindern daß man uns für Wüstlinge hielt, die sich an Köchinnen vergreifen wollten.

Die Baroneße war ganz enthusiasmiert. Sie nahm an wir hätten den Geist gesehen. Sie beschrieb ihn als einen Mann mit einem Hut, der drei Ecken habe. Das war nicht wirklich eine gute Beschreibung. Es sei der Hufschmied des Vaters des Barons, der von einem fanatischen Katholiken wegen seines Protestantismus erschlagen worden sei. Der Baron lehnte sich zurück und rollte zweifelnd mit den Augen, was die Baroneße jedoch nicht sehen konnte. Er lud uns ein, noch ein paar Tage zu verweilen. Vielleicht würde es uns ja gelingen das Rätsel zu lösen. Auf Drängen von Herrn Rudi und Herrn Phex nahmen wir das Angebot an. Dann sprachen wir über die Religionsstreitigkeiten in Frankreich.

Der Tag verlief recht ereignislos, obwohl wir immerhin den Échevin (Bürgermeister) des Ortes kennenlernten, einen kleinen runzligen Mann von biblischem Alter. Am Abend gab Herr Portavati ein paar Lieder aus italienischen Opern zum Besten, auf dem Cembalo leidlich begleitet vom Baron. Die Baroneße applaudierte wie toll und war verzückt über die Darbietung. Mir wären ein paar zünftige Sauflieder lieber gewesen, ihr wißt ja, was für ein Banause ich bin.
Mal sehen, ob in dieser Nacht wieder etwas geschieht.

Bildnis Karl V. im Profil
Bildnis Karl V. im Profil mit Barett, von Hieronymus Hopfer (um 1500 Augsburg – 1563 Nürnberg), Public Domain

In B. am Abend des 13ten Novembers 1595.

Ich fürchte, Ihr werdet kaum glauben, was seither alles paßiert ist.
In der Nacht hub ein Sturm an zu blasen, so daß das Schloß bis in die Grundfesten erzitterte und sämtliche Schieferplatten auf dem Dach um die Wette klapperten. Trotzdem schlief ich tief und fest bis mich um etwa drei Uhr ein Geschrei weckte. Ich warf mir etwas über und eilte hinaus. Vor dem Südeingang kämpften zwei Gestalten im Dunkeln. Ich erkannte nun auch die Stimme desjenigen, der Zeter und Mordio schrie, es war Herr Phex. Als nächstes stolperte ich über das Licht welches Herr Phex im Kampfe fallen gelaßen hatte. Ich fluchte und es ist anzunehmen, daß die Gestalt, mit der Herr Phex kämpfte, mich so gewahr wurde und den Moment nutzte, um Fersengeld zu geben. Sie riß sich los und eilte in den Schutz und Schatten der Bäume.
Ich kümmerte mich zuerst um Herrn Phex, der am Kinn blutete. Wir gingen ins Schloß zurück, wo inzwischen alle erwacht und zusammengelaufen waren. Herr Phex war bleich wie der Tod und sein langes Gesicht wirkte noch schmaler. Ich wusch ihm das Kinn eigenhändig mit Wein und zwei lange Kratzer kamen zum Vorschein.
Nachdem Herr Phex verarztet war, drängten wir ihn, zu erzählen was vorgefallen war. Er aber blieb vorerst verschloßen wie eine normannische Auster, verlangte nach einem Calvados (dem hiesigen Apfelschnaps) und meinte, wir sollten lieber den Morgen abwarten und noch etwas schlafen.

Alle gingen zu Bett, nur ich nicht. Ich tat, als würde ich zu Bett gehen, nahm mir jedoch ein Licht und untersuchte den Schauplatz des Kampfes. Dort fand ich eine lange Leiter auf dem Boden und eine Bratengabel, wahrscheinlich die Waffe des schattengleichen Fremden. Die Leiter ließ ich liegen, die Gabel nahm ich mit.

Am Morgen verlangte ich, daß wegen der Geschehniße der vergangenen Nacht der Commißaire au Chatelet (so heißen die hiesigen Wachtmeister) gerufen würde. In etwa anderthalb Stunden kann ein Reiter in leichtem Trab die nächste größere Stadt erreichen. Dies stieß auf erstaunlich wenig Gegenliebe, selbst das Opfer des Angriffs wehrte sich gegen diese Maßnahme. Ich setzte mich aber durch und man schickte einen Boten los. Herr Markus und der italienische Sänger schienen sehr verwundert zu sein, sie sagten, von dem ganzen Geschehen nichts mitbekommen zu haben. Ihr wißt ja, Herr Markus schläft so tief, daß man ihn im Schlaf davontragen könnte.
Schon zwei Stunden später trafen zwei Commißaire ein, die auf mich einen tiefen Eindruck machten. Sie sagten, sie seien Monsieur Hercule und Monsieur Copain und würden den Fall ganz gewiß schnell lösen. Monsieur Hercule ist ein beleibter junger Mann, der jedoch mehr Muskeln als Fett zu haben scheint, also eine recht stattliche Erscheinung. Seine Augen funkeln kühn und seine ganze Haltung ist die eines vornehmen Herrn. Monsieur Copain dagegen ist klein und sehnig, er ist freundlich und charmant und verstrickte uns sogleich in intereßante Gespräche, die gar nichts mit dem Fall zu tun hatten. Allerdings horchte er uns so geschickt aus und erfuhr recht viel über unsere bunte Reisegesellschaft. Dann verlangten die Commißaire mit Herrn Phex alleine zu sprechen. Danach befragten sie uns jeden einzeln zu den Geschehnißen der vergangenen Nacht. Ich erzählte ihnen von der Leiter, die inzwischen nicht mehr auf dem Hof lag, und zeigte ihnen die Bratengabel, die sie als Beweisstück einsteckten. Dann befragten sie doch tatsächlich das Gesinde.

Ich fragte Herrn Phex was denn nun paßiert sei und er erzählte mit leidender Miene, daß er ein tête-à-tête mit der Zofe der Baroneße gehabt habe. Er habe glücklicherweise an der Südseite des Schloßes stehend eine Leiter vorgefunden, sich nichts dabei gedacht und die Leiter flugs zum Gesindehaus getragen. Dort fand er Einlaß am Fenster der Zofe, die, wie er mir versicherte, wirklich eine ganz reizende Person sei, die er jetzt um ihre Ehre gebracht habe.
Er fing fast an zu weinen, ließ sich aber soweit beruhigen, daß er weitererzählen konnte. Ich habe Euch gewiß schon berichtet, daß er ein sehr gut aussehender junger Mann ist und deshalb bei den Damen sehr beliebt. Er strahlt außerdem Vornehmheit und Würde aus, so daß jedermann gleich Vertrauen zu ihm faßt. Leider hatte er in Herzensdingen bisher wenig Glück, weil er sich in verheiratete Frauen zu verlieben pflegt und natürlich zu ehrenhaft ist, um seine Gefühle jemals zu zeigen.
Die Zofe jedoch sei unverheiratet und er sei ja auch bereit die Konsequenzen seines Handelns zu tragen.
Zurück von seinem amourösen Ausflug wollte er die Leiter wieder dahin stellen, wo er sie vorgefunden habe. Als ihn plötzlich, hinterrücks, jemand oder etwas angriff.
Der Kopf des Angreifers sei weiß und übergroß gewesen, so daß es eigentlich kein normaler Mensch gewesen sein könne.
Nach diesen Geständnißen marschierte unsere Reisegesellschaft hinüber zum Gesindehaus.

Die Commissaire waren schon fertig mit der Befragung und Herr Phex erklärte ihnen und der Zofe, er wolle seinen Fehler wieder gutmachen und das Fräulein heiraten oder ihr Geld geben, falls sie ihn nicht wolle.
Zu unserer Überraschung stellte es sich heraus, daß der Échevin ihr Vater war.

Die Commißaire begaben sich zur Wirtschaft des Ortes, wo wir sie aufsuchen sollten wenn wir die Herzensangelegenheit geregelt hätten.
Wir gingen daraufhin mit dem Mädchen zu ihrem Vater. Der sagte, daß er sich zwar geehrt fühle, das Mädchen aber schon verlobt sei und man auch noch den Verlobten anhören müße.
Der Verlobte wurde geholt und besprach sich mit dem Mädchen und ihrem Vater. Wir stellten zu unserer Verblüffung fest, daß der Verlobte ganz zufrieden aussah und mit dem Mädchen Händchen hielt. Der Vater bedankte sich bei Herrn Phex dafür, daß der seine Tochter vor einem Angreifer beschützt habe. Wir versuchten neutrale Mienen zu machen und nicht verwundert zu gucken. Weiterhin seien sich die Verlobten einig und wollten schnell heiraten. Herr Phex könne ja, wenn er wolle, einen kleinen finanziellen Beitrag zur Hochzeit leisten.
Herr Phex zahlte mit Duldermiene, es war deutlich zu sehen, daß er nicht wußte, ob er lachen oder weinen solle. Immerhin ist er von altem flandrischen Adel, wenn er auch nur der jüngste Sohn seiner Eltern ist, sollte man annehmen, er sei eine beßere Partie als ein Bauernbursche.

Wir gingen daraufhin in die Wirtschaft und besprachen uns mit den Commißaires. Sie sagten, es sei notwendig, daß wir das Schloß noch heute verließen, denn sonst würde sich der Geist gewiß nicht zeigen. Monsieur Copain bot uns an diese Nacht bei seiner Familie zu verbringen. Er und Monsieur Hercule wollten sich während der Nacht auf die Lauer legen und den Geist dingfest machen.
Monsieur Copain gab uns eine Nachricht an seine Eltern mit, wir gingen zum Schloß, packten unsere Siebensachen und erklärten, wir hätten Angst vor dem Geist und würden uns sofort auf den Weg nach Harcourt machen.
Dann ging es stracks in die Stadt, wo wir von Monsieur Copains Familie sehr herzlich aufgenommen wurden.

Gabel aus Eisen und Knochen, 16. Jahrhundert, Museum Laon (Aisne, Picardie, Frankreich), Public Domain
Gabel aus Eisen und Knochen, 16. Jahrhundert, Museum Laon (Aisne, Picardie, Frankreich), Public Domain

In B. am 14ten November 1595

Zum Frühstück begrüßte uns Monsieur Copain, das Haar noch feucht vom in der Nacht gefallenen typisch normannischen Bindfadenregen. Er erklärte sarkastisch, der Regen habe den Geist wohl vertrieben und bat uns, des weiteren zu verweilen. Wir wollten die Gastfreundschaft seiner Familie nicht mißbrauchen und zogen in das Hotel Le Vieux Manoir. Die Zimmer dort sind etwas klein aber die Betten scheinen sauber zu sein.
Monsieur Hercule’s Neffe war so freundlich, uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, die Kirche Notre-Dame de la Couture, die Kapelle Gauthier, nach der die Bauernbanden in den Religionskriegen benannt waren, das Spital und einige Ruinen. Hier scheint eine Menge los gewesen zu sein in den letzten Dekaden und ich bin sehr froh, nicht dabei gewesen zu sein. Die halbe Stadt wurde abgebrannt und geplündert. Durch die vielen neuen Eindrücke erholte sich Herr Phex von der denkwürdigen Herzensangelegenheit.

Morgen früh werde ich dir diesen Brief schicken, der Regen kann durchaus ein paar Tage anhalten und wenn wir auf die Aufklärung des Geheimnißes warten müßen, warum nicht auch Ihr.
Mit der Versicherung meiner treuesten Freundschaft zu Euch guter und lieber Herr Lothar, verbleibe ich Euer
Herr Konstantin

In B. am 16ten November 1595

Ich hoffe Ihr wart nicht zu sehr gespannt, guter und lieber Herr Lothar. Gestern Abend verschwand der Regen wider Erwarten so plötzlich wie er gekommen war.
Herr Copain und Herr Hercule zogen sogleich los nach M. und legten sich dort heimlich auf die Lauer. Gegen Mitternacht gewahrten sie eine Gestalt, die eine Leiter zur Südseite des Schloßes trug und dort an die Mauer legte. Die Gestalt verschwand durch ein Fenster.
Die Commißaire wagten sich nun näher, um die Gestalt beim Verlaßen des Schloßes unter Wahrung größtmöglicher Diskretion packen zu können.

Siehe da, es war der italienische Sänger, der nach einiger Zeit wieder die Leiter herunterkam. Er trug eine große weiße Maske auf dem Kopf, die ihm jenes geisterhafte unwirkliche Aussehen verlieh. Die Commißaire stellten ihn zur Rede und er gestand sogleich alles, bat sie jedoch inständig dem Baron nichts zu verraten. Der Sänger hatte in sämtlichen regenfreien Nächten der Baroneße Besuche erstattet. Die Bratengabel habe er als Waffe bei sich getragen, um sich zu verteidigen, in anderen Nächten habe sie auch dazu gedient Eßen aus der Küche mitzunehmen. Ein sehr praktisches, vielfach einsetzbares Utensil. Die Commißaire hatten ein Einsehen, denn wenn der Baron von den Eskapaden erführe, konnte das leicht den Tod des Sängers bedeuten. Sie verlangten aber von ihm, er solle am Morgen abreisen und sich bei Herrn Phex für die Attacke mit der Gabel entschuldigen.
Also kam er heute Morgen mit einer Kutsche bei unserem Hotel an. Seine Nerven waren ganz zerstört. Er zitterte, jammerte und bat Herrn Phex um Verzeihung. Des Weiteren gab er ihm Geld als Entschädigung, was Herrn Phexens monetären Verlust in der Affaire mit der Zofe ausglich. Herr Phex sagte dem Sänger, bevor jener Gelegenheit bekam, etwa zu singen, ihm sei verziehen und schob ihn sanft aber bestimmt zur Türe hinaus.

Calvados Destilliergerät (Saint-Jean-des-Champs, Normandie), von Ji-Elle, Public Domain
Calvados Destilliergerät (Saint-Jean-des-Champs, Normandie), von Ji-Elle, Public Domain

In B. am Morgen des 17ten Novembers 1595

Wir feierten den Ausgang dieses Abenteuers in einer hiesigen Wirtschaft. Calvados floß in Strömen und das heutige Erwachen glich dementsprechend einem Nachtmahr. Ich glaube nicht, daß ich heute einen vernünftigen Gedanken zu Papier bringen werde. Wir haben alle geschworen, dem Calvados fürderhin zu entsagen. Heute werden wir endlich nach Harcourt fahren, müßen uns jedoch noch von unseren neugewonnenen Freunden verabschieden.

Wir haben Glück, daß dieser Winter bisher so mild ist, und nicht so frostig wie der letzte Winter. Wir sollten das Glück jedoch nicht herausfordern und im Dezember Paris erreichen. Ich freue mich schon darauf, das Christfeste mit Herrn Vincent zu verbringen, obgleich es noch schöner wäre, wenn Ihr bei uns sein könntet, guter und lieber Herr Lothar, deßen wahrer Freund ich das Glück habe nun und für immer sein zu dürfen.
Herr Konstantin

Die “ß” kommen mit Absicht so häufig vor, fürs Flair.
Rudi und Phex sind noch meine Hunde, Beau ist leider inzwischen an Krebs verstorben.
Dies war eine Geschichte die ich für Lothar in Sütterlin vor ein paar Jahren geschrieben habe.
Hercule und Copain (frz. Kumpel) waren zwei Schafböcke, die hier gelebt haben.

Die Religionskriege in dieser Region setzten sich bis 1588 fort, die Pest folgte ihnen 1596.

Mehr zu dem Schloss und der Geschichte seiner Bewohner findet man in den Artikeln: Das Weiße Schloss – die Geschichte der Schlossbesitzer und Das Weiße Schloss – die Gebäude.

Beruht auf einem Inhalt unter stanzebla.wordpress.com.