Das Rebus von Saint-Grégoire-du-Vièvre

English version: here.

Als ich den Wikipedia Artikel über Saint-Grégoire-du-Vièvre schrieb, stolperte ich über das Rätsel um ein Rebus aus dem 16. Jahrhundert an der Fassade der Kirche. Saint-Grégoire-du-Vièvre hat heute 342 Einwohner und es war niemals eine große oder wichtige Ortschaft. Es liegt ein paar Kilometer nördlich von hier. Falls ich jemals das Auto importiert bekomme, werd ich sofort hinfahren und Fotos machen. Bis dahin müssen Heliografien von anno 1888 ausreichen.

Edit: Ich fuhr heute Abend noch mit einem Bekannten aus dem Dorf los. Er hatte meinen Artikel gesehen und sich über die mangelnde Qualität der Fotos beschwert.

Das Bilderrätsel aus dem 16. Jahrhundert. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0 / Creative Commons zero public domain dedication/ gemeinfrei

Generationen von zumeist ortsansässigen Historikern oder anderen seltsamen Leuten haben versucht das Rebus zu entziffern. Es bedeutet etwa: “le monde est corrompu et faux sal” (ja, das ist in Französisch, nicht sehr überraschend bei einer französischen Kirche), übersetzt: ‘Die Welt ist korrupt und falsch sal’. Keine Ahnung, was “sal” heißen soll. ich würd sagen, das sind die Initialen des Autors.

Arthur Join-Lambert (1839–1917) hat seine Sicht der Dinge 1888 publiziert. “Le” (‘Der’) Reichsapfel steht für die Welt oder die christliche Welt. Es folgt das Wort “est” (‘ist’), dann ein unterbrochenes oder gebrochenes Horn (Musikinstrument, frz. “cor”). “Rompu” ist das Partizip von “rompre” (brechen, abbrechen).

Grab von Arthur Join-Lambert auf dem Friedhof von Livet-sur-Authou. Das liegt ein bisschen nordöstlich von hier. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain/ gemeinfrei

Join-Lambert behauptete, dass die 16 schwarzen und weißen Steinchen das 16. Jahrhundert symbolisieren. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und falsch sal.’ Das würde sich auf die Hugenottenkriege (1562–1598) beziehen und wäre gar nicht so weit hergeholt. Ulkigerweise gehörte Saint-Grégoire-du-Vièvre vom 14. bis 16. Jahrhundert, den Bourbonen. Letzter König der zugleich der Seigneur von Saint-Grégoire-du-Vièvre war, war Heinrich IV. (1553–1610). Er war Hugenotte und als solcher in die Kriege um Protestantismus und Katholizismus involviert.

Größere Ortschaften in der Region, zum Beispiel Bernay und Pont-Audemer wurden um 1590 angegriffen. Mal von den Hugenotten, mal von den Katholiken. Das Ergebnis war eh das gleiche. Die Soldaten plündern, die Einwohner sterben.

Das Rebus und der Ritter, der seinem Pferd hinterherläuft. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Dann folgt “et” (‘und’) und eine gut erkennbare Sense (“faux)”. “Faux” ist ein Homonym und bedeutet sowohl Sense als auch falsch. Join-Lambert dachte, dass es auch etwas ganz anderes meinen kann, etwas, dass nur so klingt wie “faux”, zum Beispiel “faut” 3. Person singular von “falloir”, ‘müssen’, ‘brauchen’. Keine Ahnung wieso er meint, es müsse eine andere Bedeutung haben, als die offensichtliche. ‘Die christliche Welt im 16. Jahrhundert ist korrupt und man muss sal’? Das ergibt keinen Sinn. Um das zu erklären, schweift er noch weit mehr ab und behauptet, dass die Freimaurer das Rätsel gemacht hätten und dass “sal” Israel bedeute. Die fehlenden Buchstaben steckten halt im A oder in der Sense. Totaler Quark. (‘Die Buchstaben steckten im A’ klingt irgendwie unanständig.) Es gab zwar schon erste Freimaurer in England, aber die wären wohl kaum nach Saint-Grégoire-du-Vièvre gekommen, um dort in französischer Sprache Bilderrätsel in die Kirche einzubauen.

Der Ritter eilt hinter seinem Pferd her. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative Commons public domain dedication/ gemeinfrei

Dem Alchemisten Fulcanelli folgend gibt es noch viel absurdere Erklärungen. Pferde seien Quellen in der Alchemie und der Ritter sei ‘Hermes Trismegistus entschleiert’, das Bilderrätsel stelle den ‘Triumph des Hermes’ dar und der Wolfsangriff sei der Kampf der beiden Naturen (Feuer und Wasser). Meine Güte. So kann man auch seine Zeit totschlagen.

Der Wolfsangriff, eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC0/ Creative commons public domain dedication/ gemeinfrei

Im Mittelalter reichte der Wald von Vièvre von Saint-Étienne-l’Allier bis zur Risle. Er hatte eine Fläche von etwa 50km² (5000 Hektar). Der Wald war voll mit allerlei gefährlichem Getier, Bären, Wildschweinen, Wölfen. Es ist unglaublich viel wahrscheinlicher, dass der künstlerische Maurer die Kirchenfassade als eine Art Zeitung oder Geschichtsschreibung nutzte. Pilger haben andauernd etwas in die Kirchenfassade geritzt, das hat man nicht so eng gesehen. Dann wären die Nachrichten etwa: König Heinrich ist vom Pferd gefallen. Wölfe haben das Dorf angegriffen. Krieg ist scheiße.

Wenn du andere Interpretationen auf Lager hast, ich würd mich freuen, von dir zu hören.

Der Wolfsangriff und mehr. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Quellen und weiterführende Informationen

Arthur Join-Lambert, Jean De Witte, François Lenormant, Robert de Lasteyrie : Les Inscriptions (Rébus et Énigmes) de l’Église de Saint-Grégoire-du-Vièvre in Gazette archéologique : recueil de monuments pour servir à la connaissance et à l’histoire de l’art antique. Band. 13, erschienen bei A. Levy in Paris 1888 S. 233–244, ISSN=20224788 (französisch)

l’église de saint Grégoire-du-Vièvre in Epistola, veröffentlicht am 4. Oktober (französisch)

Bernard Bodinier: L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Erschienen bei Jean-Michel Bordessoules in Saint-Jean-d’Angély 2001, S.212 ISBN=2-913471-28-5 (französisch)

le mystère de Saint Grégoire. in Normandie Zoom (französisch)

Der Gefangene von Gisors

Gisors ist eine Stadt im Département Eure in der Haute-Normandie in Frankreich. Sie liegt im Vexin am Zusammenfluss von Epte, Troesne und Réveillon und hatte im Jahr 2007 11.677 Einwohner. Nordwestlich des Ortskerns liegt der Wald von Gisors. Die Stadt soll schon in gallo-römischer Zeit bestanden haben und wurde im 11. Jahrhundert bedeutend, als Grenzstadt der Könige von England und Herzöge der Normandie. William II. von England (Guillaume II. le Roux) liess um 1095 eine Burg in Gisors erbauen. Die Burg war von 1158 bis 1161 im Besitz des Templerordens. Der Legende nach soll in ihr der Schatz der Tempelritter versteckt worden sein, nachdem der französische König Philipp IV. im Jahr 1307 die Führungsspitze des Ordens verhaften ließ. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, denn 1198 eroberte König Philipp II. von Frankreich Gisors. Er nutzte nicht den alten, achteckigen Donjon, sondern ließ einen neuen, runden Donjon erbauen, der “Tour du prisonnier” („Turm des Gefangenen“) genannt wird.

Der Turm des Gefangenen auf einer alten Postkarte im Départementsarchiv von Eure

Die katholische Heilige Liga stationierte bis 1590 während der Hugenottenkriege (1562-1598) eine Garnison in Gisors, die bis 1588 unter dem Befehl von Henri I. de Lorraine, duc de Guise stand. Im runden Turm der Burg war zu jener Zeit ein Mann eingesperrt, der mit einem Nagel die Wände seiner Zelle praktisch total in Reliefs verwandelte. Einige der Motive sind christlichen Ursprungs, die Grablegung Christi, die Kopie eines Gisant (liegende Grabfigur) in der Kirche von Gisors, Mariendarstellungen, andere Motive zeigen seine Liebe zu seiner Frau, Herzen, Gedichte in lateinischer Sprache oder weltliche Elemente wie Burgen und Wappen. Da an einigen Stellen auch Templerkreuze zu sehen sind, haben diese Reliefs zur Templerschatz-Legendenbildung beigetragen. Gérard de Sède brachte die Reliefs mit dem mysteriösen Schatz in Verbindung, den der Pfarrer Bérenger Saunière angeblich in Rennes-le-Château (Département Aude) gefunden hat.

Schlüssel und Schloss des Turms im Départementsarchiv

Der Gefangene selbst kürzt seinen Namen mit den Initialen NP ab, Nicolas Poulain, ein Pseudonym. Der Name Nicolas kommt aus dem Griehischen und bedeutet “Sieg des Volkes”, “Poulain” war im Mittelalter ein Name für Personen, die im Orient gewohnt haben oder dort geboren wurden, allgemein heisst das Wort “Fohlen” und wird auch im übertragenen Sinn gebraucht, wie das deutsche Wort “Frischling”. Merkwürdigerweise wird das aber mit “Besieger der Steine” übersetzt.

Man nimmt an dass die Frau des Gefangenen Catherine de Basian war und er selbst Éli de Beaumont. Sein Name hilft aber nicht sehr viel, denn zu jener Zeit gab es mehr “de Beaumont”s als Sand am Strand.

Was aber bleibt, sind die Reliefs. Ein Mann hat mit einem Werkzeug, dass er nur durch Zufall erhalten hat in die feindlichen Mauern seines Gefängnisses die wertvollsten Werte der Menschheit eingeritzt, Liebe, Grosszügigkeit, Mut, Schönheit und Ewigkeit.

Reliefs des Gefangenen im Départementsarchiv

Romantische Vorstellung des Gefangenen in seiner Zelle bei der Arbeit aus dem Départementsarchiv

Und noch einmal Romantik aus dem Départementsarchiv

Der Turm des Gefangenen 2007, Foto von CJ DUB auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC Attribution/ Namensnennung

Quellen und weitere Informationen:

Histoire mystérieuse et insolite des Régions de France, La Normandie, von Claude Sellier und Mathurin Hémon, erschienen bei Micberth in Paris 1994, Seite 17-24, ISBN 2-84126-053-4

Nicolas Poulain, le prisonnier de Gisors – Gérard de Sede ein Fernsehbericht von 1976, Gérard de Sède (1921-2004) war ein französischer Journalist

Jour de Patrimoine im Château de Launay

Am 19. und 20. September 2009 ist Jour de Patrimoine in Frankreich. Viele Museen und Sehenswürdigkeiten sind umsonst geöffnet oder veranstalten etwas Besonderes.

Wir sind zum Château de Launay gefahren, wo wir im Juni zwar schon einmal waren, was aber nur vom 20. August bis 30. September geöffnet ist.

Diesmal empfing uns der Besitzer, ein älterer Herr, der in der oben erwähnten Zeit zwei Führungen pro Tag veranstaltet, für schlappe 5 Euro.

Alle Gebäude, bis auf eines aus Napoleons Zeit, sind als Monuments historiques klassifiziert und somit denkmalgeschützt. Auf dem Cour d’honneur (Ehrenhof) befinden sich u.a. Stallungen und ein Taubenhaus aus dem 16. Jahrhundert.

Taubenhaus, eigenes Foto (auf wikimedia commons), CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Taubenhaus, eigenes Foto (auf wikimedia commons), CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

An dem Taubenhaus befinden sich ungewöhnliche Holzskulpturen, die normalerweise kirchlichen Gebäuden vorbehalten waren.

Taubenhaus und Stall, eigenes Foto (auf commons), Lizenz:CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Taubenhaus und Stall, eigenes Foto (auf commons), Lizenz:CC by/Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Solche Taubenhäuser finden sich an vielen Schlössern in Frankreich. Die Tauben (und ihre Eier) dienten der Ernährung.

Detail der Fassade des Taubenhauses, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: public domain/gemeinfrei

Detail der Fassade des Taubenhauses, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: public domain/gemeinfrei

Wegen Renovierungsarbeiten durften wir nicht in das Taubenhaus hineingehen, reingucken durften wir aber schon.

Im Taubenhaus, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Im Taubenhaus, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Stall aus dem 16. Jahrhundert, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Stall aus dem 16. Jahrhundert, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

An der Eingangstür des Schlosses ist noch das Wort “Wache” eingeritzt, weil die Nazis das Schloss im Zweiten Weltkrieg als Kommandantur benutzt haben. “Wasch” spricht der Schlossbesitzer das Wort aus, was klingt wie “vache”, “Kuh”. Er scheint Deutsche nicht besonders zu mögen, das finde ich allerdings auch verständlich. Wär wahrscheinlich taktisch klüger gewesen, wenn wir behauptet hätten Engländer zu sein.

Blick vom Eingang des Schlosses auf den Cour d'honneur, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Blick vom Eingang des Schlosses auf den Cour d'honneur, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Wir haben auch das Erdgeschoss des Schlosses besichtigt. Dort durfte man aber nicht fotografieren, was verständlich ist, da der Besitzer das Schloss wirklich bewohnt. Das historische Parkett ist herausgenommen, restauriert und wieder eingesetzt worden. Die Räume sind rundlich oder oktogonal und symmetrisch. In vielen Zimmern befinden sich zwei symmetrische Kamine, was sehr selten ist. Die Räume sind mit hölzerner Wandvertäfelung ausgestattet, die dezent bemalt ist.

Im rechten Pavillon befindet sich die alte Backstube, die aber nicht besichtigt werden kann. Der linke Pavillon ist eine Kapelle.

Im Garten sind etwa 2km Hecken, die jeweils im August für die Touristen geschnitten werden. Das Grundstück ist mit einer Radaranlage gesichert, unter anderem deshalb weil vor etwa einem Jahrzehnt eingebrochen worden war und etwas gestohlen wurde. Der besitzer fürchtet auch um die Skulpturen im Garten, er hat an ihnen ihre Herkunft einmeisseln lassen.

Rückseite des Château de Launay, vom Garten aus, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Rückseite des Château de Launay, vom Garten aus, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Buche im Garten von Schloss Launay, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Buche im Garten von Schloss Launay, eigenes Foto, Lizenz: public domain/gemeinfrei

Die riesige Buche im Garten des Schlosses hatte diesen Sommer unter der anhaltenden Trockenheit zu leiden. Während ich dies schreibe gewittert es und ich hoffe, das hilft ein bisschen, denn seit etwa 6 Wochen hatten wir nur kurze Schauer. Wahrscheinlich läuft unser Schlosskeller gerade voll, denn ein Fenster ist offen. Werd ich besser etwas früher aufstehen morgen und den Schlosskeller trockenwischen, aber was solls…

Das Schloss selbst wurde um 1730 gebaut anstelle eines älteren Schlosses. Es ist im Stil des Régence gehalten, zwei “Pagoden” die später eingefügt wurden sind im Barockstil erbaut.

Im Laufe der Zeiten hat das Schloss nur vier Familien gehört, den Le sens de Folleville, den Naguet de Saint Vulfran, irgendwem und dem jetzigen Besitzer, der darüber klagte, dass seine Kinder sich nicht mit dem Schloss belasten wollen.

Vorderseite des Château de Launay, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Vorderseite des Château de Launay, eigenes Foto (auf commons), Lizenz: CC by/ Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Weblinks:
Château à Saint-Georges-du-Vièvre

Le Château de Launay et son colombier: une propriété privée

Brief an Herrn Lothar

Schriftbeispiel für die Schriftart Sütterlin, von BK, Public Domain

Schriftbeispiel für die Schriftart Sütterlin, von BK, Public Domain

In M. am 11ten November 1595

Guter und lieber Herr Lothar, ich hoffe Ihr ergötzt Euch an den Schilderungen unserer Abenteuer, da wir zu häufig unseren Standort wechseln, ist es vielleicht eine gute Idee wenn Ihr etwaige Briefe mit Neuigkeiten von Euch an unseren Vetter Herrn Vincent in Paris sendet.
Doch nun zum Schloß M. und der hiesigen Gegend.
Die normannische Landschaft protzt geradezu mit ihrer Schönheit; das Laub der Bäume nimmt strahlende Farben an in denen auch die Wege leuchten. Heute hatten wir wunderschönen Nebel, der sich am frühen Nachmittag auflöste und Sonnenschein Platz machte, um später als zarte Nebelschleier, die elfenhaft über die Felder geisterten, zurückzukehren.

Als wir im Sonnenschein spazierengingen stießen wir auf seltsame Höhlen, die aussahen, als seien sie von Wolpertingern angelegt und Herr Rudi steckte in jede seine vorwitzige Nase. Jetzt steht er wie ein Erdmännchen am Fenster und schaut hinaus, voller Sehnsucht nach einer Jagd.

Die einheimische Bevölkerung scheint das Jagen zu lieben, auch hat der Baron dieses Schloß schon des öfteren als Stützpunkt für Jagden genutzt. Davon zeugen zahlreiche ausgestopfte Vögel, die ich allerdings eher für geschmacklos halte. Er besitzt einige Flinten und Büchsen, die er in der Eingangshalle stolz zur Schau stellt.
Er selbst ist ein waschechter rothaariger Normanne. Wenn man ihn betrachtet, kann man sich gut vorstellen, wie jenes kriegerische Völkchen damals dieses rauhe Land eroberte.
Die Baronesse ist eine würdige Matrone. Ihre Familie ist von altem ungarischen Blute, dementsprechend ist sie recht temperamentvoll. Sie unterhält uns alle mit Geschichten über die Region und über den Bau des Schloßes.

Morgen wollen wir jedoch weiterfahren und ein berühmtes Arboretum in der Nähe besuchen, welches dem Herzog D’Harcourt gehört, der mit der hiesigen Familie und Seiner Hoheit Henri IV. befreundet ist. Wenn wir bei ihm einen guten Eindruck machen führt er uns womöglich noch bei Hofe ein, was natürlich der Höhepunkt unserer Reise wäre.

Die Baronesse hat uns zahlreiche Geistergeschichten erzählt, bis wir schließlich nicht mehr wußten, wann sie noch spaßte und wann es ihr ernst war. Wir erwarten also mit Spannung die Nacht und werden gewißlich nicht sehr gut einschlafen. Die Bediensteten verlaßen über Nacht das Schloß und schlafen in einem Nebengebäude, welches ein paar hundert Klafter entfernt auf halbem Wege zur reizenden Ortschaft mit den schön bemalten Fachwerkhäusern, steht.

Die hiesige Köchin Mme Heutte stammt aus dem nahen Flandern, worüber wir ganz glücklich sind, so kocht sie nämlich nicht typisch normannisch. Normannisches Eßen enthält Äpfel in allem, Äpfel, Apfelwein und Speck (falls vorhanden). Am Anfang ist solch Eßen intereßant , kann aber bei häufigem Genuße Überdruß hervorrufen. Hirsebrei mit Äpfeln ist schon in Ordnung aber an Suppe mit Äpfeln und Speck kann ich mich nicht gewöhnen.
Die flämische Küche ist etwas abwechslungsreicher. Wir werden mit Wild, Wurst, Schinken, Geflügel, Carbonade Flamande (in Bier gesottenes Fleisch), Pommes de Terre (eine exotische moderne Knolle aus Flandern), Asperges (ein exotisches modernes Gemüse aus Flandern) und Birnen verwöhnt.

Außer uns ist der berühmte italienische Sänger Lucidio Portavati zu Besuch. Selbiger scheint mit dem Baron und seiner Frau befreundet zu sein. Sie haben ihn wohl auf einer Reise nach Verona kennengelernt.
Nun will ich aber doch schlafen gehen…

Karikatur von Farinelli (und Händel), unbekannter Autor vor 1750, Public Domain

Karikatur von Farinelli (und Händel), unbekannter Autor vor 1750, Public Domain

In M. am 12ten November 1595

Aus dem ruhigen zu Bette gehen ist leider nichts geworden. Ich hatte mich gerade zur Ruhe gelegt, da hörte ich das Getrampel vieler eilender Schritte. Ich sprang also aus dem Bette, warf mir etwas über und eilte den Schritten hinterher. Draußen vor dem Schloße konnte ich erkennen, daß Herr Rudi, Herr Beau und Herr Phex jemanden oder etwas verfolgten. Wir hatten alle keine Laterne bei uns, rannten vielmehr in die Dunkelheit des Vorhofes, der freilich von einem abnehmenden Mond ein wenig erhellt wurde. Es war trotzdem ziemlich gefährlich im Dunkeln über die Brücke zum Vorhof zu laufen. Wir rannten bis hinunter zum Gesindehaus, deßen Tür sich direkt vor mir öffnete. die Köchin trat heraus und fiel stante pede wie eine adlige Dame in Ohnmacht und in meine Arme. Ich versichere Dir sie war nicht leicht. So rief ich unseren drei Freunden zu, sie mögen stehenbleiben und mir zu Hilfe eilen, was jene auch taten. Als die Köchin wieder bei Sinnen und beruhigt war, traten wir den Rückzug an.

Herr Markus erwartete uns vor dem Schloße, mit einer Laterne und vorwurfsvollem Blicke. Was uns denn einfiele mitten in der Nacht durch die stockfinstere Gegend zu rennen, fragte er, er habe sich schon Sorgen gemacht.
Unsere drei Freunde berichteteten nun, sie hätten draußen das Knacken von Zweigen gehört und das Tappen von Schritten. Sie hätten also aus ihrem Fenster gesehen, welches nach Westen geht, somit in Richtung Vorhof. Unter den Kastanienbäumen sei eine Gestalt sichtbar gewesen, die einen übergroßen weißen Kopf zu haben schien. Anstatt sich furchtsam im Bette zu verkriechen habe sie der Jagdtrieb überkommen und sie wollten die Gestalt fangen. Herr Markus schaute darob noch beleidigter drein und meinte er sei nicht furchtsam gewesen, sondern habe eine Laterne gegriffen da er nicht in den Burggraben zu fallen beabsichtige. Ob wir denn die Gestalt gefangen hätten? Wir schüttelten betreten unsere Köpfe, wanden aber ein das wir immerhin die Köchin gerettet hätten. Herr Markus ignorierte unser Heldentum und schickte uns zurück ins Bette.

Beim Frühstück stellten wir fest daß weder der Baron oder seine Frau, noch der Sänger irgendetwas von den nächtlichen Geschehnißen bemerkt hatten. Wir erzählten unsere Erlebniße der Nacht dennoch, um zu verhindern daß man uns für Wüstlinge hielt, die sich an Köchinnen vergreifen wollten.

Die Baronesse war ganz enthusiasmiert. Sie nahm an wir hätten den Geist gesehen. Sie beschrieb ihn als einen Mann mit einem Hut, der drei Ecken habe. Das war nicht wirklich eine gute Beschreibung. Es sei der Hufschmied des Vaters des Baron, der von einem fanatischen Katholiken wegen seines Protestantismus erschlagen worden sei. Der Baron lehnte sich zurück und rollte zweifelnd mit den Augen, was die Baronesse jedoch nicht sehen konnte. Er lud uns ein noch ein paar Tage zu verweilen. Vielleicht würde es uns ja gelingen das Rätsel zu lösen. Auf Drängen von Herrn Rudi und Herrn Phex nahmen wir das Angebot an. Dann sprachen wir über die Religionsstreitigkeiten in Frankreich.

Der Tag verlief recht ereignislos, obwohl wir immerhin den Échevin (Bürgermeister) des Ortes kennenlernten, einen kleinen runzligen Mann von biblischem Alter. Am Abend gab Herr Portavati ein paar Lieder aus italienischen Opern zum Besten, auf dem Cembalo leidlich begleitet vom Baron. Die Baronesse applaudierte wie toll und war verzückt über die Darbietung. Mir wären ein paar zünftige Sauflieder lieber gewesen, ihr wißt ja was für ein Banause ich bin.
Mal sehen ob in dieser Nacht wieder etwas geschieht.

Bildnis Karl V. im Profil

Bildnis Karl V. im Profil mit Barett, von Hieronymus Hopfer (um 1500 Augsburg – 1563 Nürnberg), Public Domain

In B. am Abend des 13ten Novembers 1595.

Ich fürchte Ihr werdet kaum glauben was seither alles passiert ist.
In der Nacht hub ein Sturm an zu blasen so daß das Schloß bis in die Grundfesten erzitterte und sämtliche Schieferplatten auf dem Dach um die Wette klapperten. Trotzdem schlief ich tief und fest bis mich um etwa drei Uhr ein Geschrei weckte. Ich warf mir etwas über und eilte hinaus. Vor dem Südeingang kämpften zwei Gestalten im Dunkeln. Ich erkannte nun auch die Stimme desjenigen, der Zeter und Mordio schrie, es war Herr Phex. Als nächstes stolperte ich über das Licht welches Herr Phex im Kampfe fallen gelassen hatte. Ich fluchte und es ist anzunehmen daß die Gestalt mit der Herr Phex kämpfte, mich so gewahr wurde und den Moment nutzte, um Fersengeld zu geben. Sie riß sich los und eilte in den Schutz und Schatten der Bäume.
Ich kümmerte mich zuerst um Herrn Phex, der am Kinn blutete. Wir gingen ins Schloß zurück, wo inzwischen alle erwacht und zusammengelaufen waren. Herr Phex war bleich wie der Tod und sein langes Gesicht wirkte noch schmaler. Ich wusch ihm das Kinn eigenhändig mit Wein und zwei lange Kratzer kamen zum Vorschein.
Nachdem Herr Phex verarztet war drängten wir ihn zu erzählen was vorgefallen war. Er aber blieb vorerst verschloßen wie eine normannische Auster, verlangte nach einem Calvados (dem hiesigen Apfelschnaps) und meinte, wir sollten lieber den Morgen abwarten und noch etwas schlafen.

Alle gingen zu Bett, nur ich nicht. Ich tat, als würde ich zu Bett gehen, nahm mir jedoch ein Licht und untersuchte den Schauplatz des Kampfes. Dort fand ich eine lange Leiter auf dem Boden und eine Bratengabel, wahrscheinlich die Waffe des schattengleichen Fremden. Die Leiter ließ ich liegen, die Gabel nahm ich mit.

Am Morgen verlangte ich, daß wegen der Geschehniße der vergangenen Nacht der Commissaire au Chatelet (so heißen die hiesigen Wachtmeister) gerufen würde. In etwa anderthalb Stunden kann ein Reiter in leichtem Trab die nächste größere Stadt erreichen. Dies stieß auf erstaunlich wenig Gegenliebe, selbst das Opfer des Angriffs wehrte sich gegen diese Maßnahme. Ich setzte mich aber durch und man schickte einen Boten los. Herr Markus und der italienische Sänger schienen sehr verwundert zu sein, sie sagten von dem ganzen Geschehen nichts mitbekommen zu haben. Ihr wißt ja, Herr Markus schläft so tief, daß man ihn im Schlaf davontragen könnte.
Schon zwei Stunden später trafen zwei Commissaire ein, die auf mich einen tiefen Eindruck machten. Sie sagten sie seien Monsieur Hercule und Monsieur Copain und würden den Fall ganz gewiß schnell lösen. Monsieur Hercule ist ein beleibter junger Mann, der jedoch mehr Muskeln als Fett zu haben scheint, also eine recht stattliche Erscheinung. Seine Augen funkeln kühn und seine ganze Haltung ist die eines vornehmen Herrn. Monsieur Copain dagegen ist klein und sehnig, er ist freundlich und charmant und verstrickte uns sogleich in interessante Gespräche, die gar nichts mit dem Fall zu tun hatten. Allerdings horchte er uns so geschickt aus und erfuhr recht viel über unsere bunte Reisegesellschaft. Dann verlangten die Commissaire mit Herrn Phex alleine zu sprechen. Danach befragten sie uns jeden einzeln, zu den Geschehnißen der vergangenen Nacht. Ich erzählte ihnen von der Leiter, die inzwischen nicht mehr auf dem Hof lag, und zeigte ihnen die Bratengabel, die sie als Beweisstück einsteckten. Dann befragten sie doch tatsächlich das Gesinde.

Ich fragte Herrn Phex was denn nun passiert sei und er erzählte mit leidender Miene, daß er ein tête-à-tête mit der Zofe der Baronesse gehabt habe. Er habe glücklicherweise and der Südseite des Schloßes stehend eine Leiter vorgefunden, sich nichts dabei gedacht und die Leiter flugs zum Gesindehaus getragen. Dort fand er Einlaß am Fenster der Zofe, die, wie er mir versicherte wirklich eine ganz reizende Person sei, die er jetzt um ihre Ehre gebracht habe.
Er fing fast an zu weinen, ließ sich aber soweit beruhigen, daß er weitererzählen konnte. Ich habe Euch gewiß schon berichtet, daß er ein sehr gut aussehender junger Mann ist und deshalb bei den Damen sehr beliebt. Er strahlt außerdem Vornehmheit und Würde aus, so daß jedermann gleich Vertrauen zu ihm faßt. Leider hatte er in Herzensdingen bisher wenig Glück, weil er sich in verheiratete Frauen zu verlieben pflegt und natürlich zu ehrenhaft ist, um seine Gefühle jemals zu zeigen.
Die Zofe jedoch sei unverheiratet und er sei ja auch bereit die Konsequenzen seines Handelns zu tragen.
Zurück von seinem amourösen Ausflug wollte er die Leiter wieder dahin stellen, wo er sie vorgefunden habe. Als ihn plötzlich, hinterrücks, jemand oder etwas angriff.
Der Kopf des Angreifers sei weiß und übergroß gewesen, so daß es eigentlich kein normaler Mensch gewesen sin könne.
Nach diesen Geständnißen marschierte unsere Reisegesellschaft hinüber zum Gesindehaus.

Die Commissaire waren schon fertig mit der Befragung und Herr Phex erklärte ihnen und der Zofe, er wolle seinen Fehler wieder gutmachen und das Fräulein heiraten oder ihr Geld geben falls sie ihn nicht wolle.
Zu unserer Überraschung stellte es sich heraus, daß der Échevin ihr Vater war.

Die Commissaire begaben sich zur Wirtschaft des Ortes, wo wir sie aufsuchen sollten wenn wir die Herzensangelegenheit geregelt hätten.
Wir gingen daraufhin mit dem Mädchen zu ihrem Vater. Der sagte, daß er sich zwar geehrt fühle, das Mädchen aber schon verlobt sei und man auch noch den Verlobten anhören müße.
Der Verlobte wurde geholt und besprach sich mit dem Mädchen und ihrem Vater. Wir stellten zu unserer Verblüffung fest, daß der Verlobte ganz zufrieden aussah und mit dem Mädchen Händchen hielt. Der Vater bedankte sich bei Herrn Phex dafür, daß der seine Tochter vor einem Angreifer beschützt habe. Wir versuchten neutrale Mienen zu machen und nicht verwundert zu gucken. Weiterhin seien sich die Verlobten einig und wollten schnell heiraten. Herr Phex könne ja wenn er wolle, einen kleinen finanziellen Beitrag zur Hochzeit leisten.
Herr Phex zahlte mit Duldermiene, es war deutlich zu sehen, daß er nicht wußte ob er lachen oder weinen solle. Immerhin ist er von altem flandrischen Adel, wenn er auch nur der jüngste Sohn seiner Eltern ist, sollte man annehmen, er sei eine beßere Partie als ein Bauernbursche.

Wir gingen daraufhin in die Wirtschaft und besprachen uns mit den Commissaire. Sie sagten, es sei notwendig, daß wir das Schloß noch heute verließen, denn sonst würde sich der Geist gewiß nicht zeigen. Monsieur Copain bot uns an diese Nacht bei seiner Familie zu verbringen. Er und Monsieur Hercule wollten sich während der Nacht auf die Lauer legen und den Geist dingfest machen.
Monsieur Copain gab uns eine Nachricht an seine Eltern mit, wir gingen zum Schloß, packten unsere Siebensachen und erklärten wir hätten Angst vor dem Geist und würden uns sofort auf den Weg nach Harcourt machen.
Dann ging es stracks in die Stadt, wo wir von Monsieur Copains Familie sehr herzlich aufgenommen wurden.

Gabel aus Eisen und Knochen, 16. Jahrhundert, Museum Laon (Aisne, Picardie, Frankreich), Public Domain

Gabel aus Eisen und Knochen, 16. Jahrhundert, Museum Laon (Aisne, Picardie, Frankreich), Public Domain

In B. am 14ten November 1595

Zum Frühstück begrüßte uns Monsieur Copain, das Haar noch feucht vom in der Nacht gefallenen typisch normannischen Bindfadenregen. Er erklärte sarkastisch, der Regen habe den Geist wohl vertrieben und bat uns des weiteren zu verweilen. Wir wollten die Gastfreundschaft seiner Familie nicht mißbrauchen und zogen in das Hotel Le Vieux Manoir. Die Zimmer dort sind etwas klein aber die Betten scheinen sauber zu sein.
Monsieur Hercule’s Neffe war so freundlich uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen, die Kirche Notre-Dame de la Couture, die Kapelle Gauthier, nach der die Bauernbanden in den Religionskriegen benannt waren, das Spital und einige Ruinen. Hier scheint eine Menge los gewesen zu sein in den letzten Dekaden und ich bin sehr froh nicht dabei gewesen zu sein. Die halbe Stadt wurde abgebrannt und geplündert. Durch die vielen neuen Eindrücke erholte sich Herr Phex von der denkwürdigen Herzensangelegenheit.

Morgen früh werde ich dir diesen Brief schicken, der Regen kann durchaus ein paar Tage anhalten und wenn wir auf die Aufklärung des Geheimnißes warten müßen, warum nicht auch Ihr.
Mit der Versicherung meiner treuesten Freundschaft zu Euch guter und lieber Herr Lothar, verbleibe ich Euer
Herr Konstantin

In B. am 16ten November 1595

Ich hoffe Ihr warst nicht zu sehr gespannt, guter und lieber Herr Lothar. Gestern Abend verschwand der Regen wider Erwarten so plötzlich wie er gekommen war.
Herr Copain und Herr Hercule zogen sogleich los nach M. und legten sich dort heimlich auf die Lauer. Gegen Mitternacht gewahrten sie eine Gestalt, die eine Leiter zur Südseite des Schlosses trug und dort an die Mauer legte. Die Gestalt verschwand durch ein Fenster.
Die Commissaire wagten sich nun näher, um die Gestalt beim Verlassen des Schloßes unter Wahrung größtmöglicher Diskretion packen zu können.

Siehe da, es war der italienische Sänger der nach einiger Zeit wieder die Leiter herunterkam. Er trug eine große weiße Maske auf dem Kopf, die ihm jenes geisterhafte unwirkliche Aussehen verlieh. Die Commissaire stellten ihn zur Rede und er gestand sogleich alles, bat sie jedoch inständig dem Baron nichts zu verraten. Der Sänger hatte in sämtlichen regenfreien Nächten der Baronesse Besuche erstattet. Die Bratengabel habe er als Waffe bei sich getragen, um sich zu verteidigen, in anderen Nächten habe sie auch dazu gedient Essen aus der Küche mitzunehmen. Ein sehr praktisches, vielfach einsetzbares Utensil. Die Commissaire hatten ein Einsehen, denn wenn der Baron von den Eskapaden erführe, konnte das leicht den Tod des Sängers bedeuten. Sie verlangten aber von ihm er solle am Morgen abreisen und sich bei Herrn Phex für die Attacke mit der Gabel entschuldigen.
Also kam er heute Morgen mit einer Kutsche bei unserem Hotel an. Seine Nerven waren ganz zerstört. Er zitterte, jammerte und bat Herrn Phex um Verzeihung. Des Weiteren gab er ihm Geld als Entschädigung, was Herrn Phexens monetären Verlust in der Affaire mit der Zofe ausglich. Herr Phex sagte dem Sänger, bevor jener Gelegenheit bekam etwa zu singen, ihm sei verziehen und schob ihn sanft aber bestimmt zur Türe hinaus.

Calvados Destilliergerät (Saint-Jean-des-Champs, Normandie), von Ji-Elle, Public Domain

Calvados Destilliergerät (Saint-Jean-des-Champs, Normandie), von Ji-Elle, Public Domain

In B. am Morgen des 17ten Novembers 1595

Wir feierten den Ausgang dieses Abenteuers in einer hiesigen Wirtschaft. Calvados floß in Strömen und das heutige Erwachen glich dementsprechend einem Nachtmahr. Ich glaube nicht, daß ich heute einen vernünftigen Gedanken zu Papier bringen werde. Wir haben alle geschworen dem Calvados fürderhin zu entsagen. Heute werden wir endlich nach Harcourt fahren, müßen uns jedoch noch von unseren neugewonnenen Freunden verabschieden.

Wir haben Glück, daß dieser Winter bisher so mild ist, und nicht so frostig wie der letzte Winter. Wir sollten das Glück jedoch nicht herausfordern und im Dezember Paris erreichen. Ich freue mich schon darauf das Christfeste mit Herrn Vincent zu verbringen, obgleich es noch schöner wäre, wenn Ihr bei uns sein könntet, guter und lieber Herr Lothar, dessen wahrer Freund ich das Glück habe nun und für immer sein zu dürfen.
Herr Konstantin

Die “ß” kommen mit Absicht so häufig vor, fürs Flair.
Rudi und Phex sind noch meine Hunde, Beau ist leider inzwischen an Krebs verstorben.
Dies war eine Geschichte die ich für Lothar in Sütterlin vor ein paar Jahren geschrieben habe.
Hercule und Copain (frz. Kumpel) waren zwei Schafböcke, die hier gelebt haben.

Die Religionskriege in dieser Region setzten sich bis 1588 fort, die Pest folgte ihnen 1596.

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