Zaubern leicht gemacht im 18. Jahrhundert

Titelseite der oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa von Pierre d’Aban, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei


Aberglaube fasziniert mich total. Neulich versuchte ich den Zusammenhang zwischen Fliegen und dem Teufel herauszugoogeln und fand dabei heraus, dass ich mich irgendwie vertan hatte, die Königin der behaarten Fliegen (klingt total eklig), ‘reine des mouches velue’ sei eine von Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486-1535) beschriebene Methode der Schatzsuche. Okay.

Das machte mich wiederum neugierig auf Agrippa von Nettesheims Werk. Nun hab ich mich wieder vertan, denn “Les oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa , par Pierre d’Aban, latin et français, avec des secrets occultes”, das ich daraufhin las, wurde laut Gallica von Petrus de Abano (1257-1315?) geschrieben. Äh ja, der Autor hat also vor dem Verfasser des Buches gelebt, das er bespricht. Und deshalb ist die Schwarte 1788 erschienen. Wahrscheinlich lebt Pierre d’Aban durch die Zauberkunst ewig. Das wird wohl ein Pseudonym sein, denn über so ein Werk wollte man im 18. Jahrhundert dann vielleicht doch nicht den eigenen Namen setzen.

Schnell stellte ich fest, dass man ohne die echten Bücher gelesen zu haben, komplett aufgeschmissen ist. Ich wusste nicht einmal, dass es Stundenengel oder Jahreszeitenengel gibt. Fehlt nur noch, dass ich wissen muss, wieviele von denen auf einer Nadelspitze tanzen können. Nein, nein, nein.

S. 13 der oeuvres magiques de Henri-Corneille Agrippa von 1788, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei. Der Stempel da unten gehört natürlich nicht dazu, wenn der kleine Zauberer den mit hinein malt … uiuiui… das kann ins Auge gehen.

Der Adept der geheimen Künste malt nach Vorschrift Kreise, dann sucht er im Engelskalender und auf der Engelsuhr nach den zuständigen Engeln, im Geisterkalender nach zuständigen Geistern und im Jahreszeitenalmanach, nach dem Namen der Jahreszeiten. Nein, die heißen nicht einfach nur Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dann muss er die Kreise auch noch segnen, dazu sagt er die Asperges auf. Dann muss man das Parfüm segnen. Äh, das wäre doch etwas für Douglas. Ich nehme mal an, dass es sich dabei um Räucherwerk handelt. Über alles gießt man ordentlich Weihwasser. Ohja, es handelt sich um Räucherwerk, denn jetzt soll man das Feuer, auf das man das Räucherwerk tut, exorzieren: “Benedic, domine, creaturam istam ignis”. Okay, so viel Latein schaffe ich auch gerade noch. Ahja, so wurde also auch Bier im Rituale Romanorum gesegnet. Sollte das wohl einem Kater vorbeugen? Egal.

Ohwei, besondere Berufsbekleidung hat der kleine Zauberer auch noch. Während er wie ein Wilder betet, zieht der kleine Zauberer ein Kleid aus weißem Leinen an. Dazu gehört ein zünftiges Pentacle aus der Haut eines Ziegenbocks. Das Pentacle musste natürlich zu einer besonderen Zeit gemacht werden, wenn der Merkur dies und jenes macht. Und dann wieder üppig mit Weihwasser besprenkeln. Das kann nur im Hochsommer funktionieren, der arme Zauberer in seinem weißen Leinentuch total nass von Weihwasser erkältet sich doch sonst.

Und er kann das Ding nicht allein durchziehen, es handelt sich um einen ganzen Trupp von kleinen Zauberern. Einer trägt das Gefäß mit dem Räucherwerk, einer trägt das Buch (dieses Buch?), einer trägt das Gewand und das Pentacle, ein weiterer trägt ein Schwert mit diversen Inschriften über das man vorher die heilige Messe gelesen haben muss. Welcher Priester macht denn sowas? Der Trupp von Zauberern zieht nun Litaneien singend durch die Lande. Ganz unauffällig.

Der Kreis der ersten Stunde auf Seite 40, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei

Dann zieht sich der Chefzauberer an und tritt in den Kreis. Dort kniet er sich hin und ruft alle möglichen Engel an, die Engel der Richtungen, der Planeten, der Metalle, der Farben, usw. Stunden später fängt dann die eigentliche Zeremonie des Tages an. Über die Pierre d’Aban mich später aufklären würde. Erstmal soll ich noch lernen, wie man störrische, hartnäckige Geister der Luft exorziert. Falls es zu windig ist? Es folgt seitenlanges lateinisches Gelaber, das die zahlreichen Namen Gottes beinhaltet. Den Wind beschwören (oder was das soll) scheint keine leichte Aufgabe zu sein. Wenn es nicht so windig wäre, wären die anderen kleinen Zauberer inzwischen schon eingeschlafen.

Dann folgt ein weiteres furchtbar langes lateinisches Gebet an Gott, nachdem der ganze Trupp, wahrscheinlich wegen der Langeweile und des exotischen Räucherwerks nun irgendwelche Visionen hat. Sie sehen Leute mit Pfeilen und komische Viecher, die der Chefzauberer verjagen muss, indem er sich an sein Pentacle klammert und weitere lateinische Sachen erzählt. Ob das wohl auch ginge, wenn man Lorem ipsum deklamiert?

Engelsnamen und exotische Zeichen auf S. 43, Quelle: Gallica, Lizenz: gemeinfrei

Es folgen Listen von Engelsnamen und abgefahrene Symbole. Da scheint wirklich jeden Tag etwas los zu sein. So verbringt der kleine Zauberer also seine Zeit. Und wozu macht er das überhaupt? Ab Seite 47 steht es dann endlich. Sonntags und montags für den schnöden Mammon, für Gold, Perlen, Karfunkelsteine (rote Edelsteine) und Silber. Dienstags allerdings macht er es für Mord und Totschlag. Mittwochs, donnerstags und freitags ist er sehr vielseitig und kann sowohl alle Sorten von Metallen, Mord und Totschlag, Erfolg in der Wissenschaft (äh), Liebe und sonstwiewas herbeizaubern. Samstags gibt es wieder Mord und Totschlag.

So richtig wundert es da nicht, dass die Inquisition dergleichen nicht ganz so toll fand. Ordentlich mit Weihwasser um sich werfen und dann hinterher Mord und Totschlag verlangen. Das Privileg hat ja schon die römisch-katholische Kirche gehabt.

Das Lachen verging mir endgültig, als ich Pierre d’Abans okkulte Geheimnisse las. Unter Anderem, wie man die Schmerzen während der Folter äh Befragung übersteht. Das wird wohl der eine oder andere Zauberer gebraucht haben. Ich bezweifel aber, dass es viel genützt hat.

Es fing noch harmlos an. Wenn man eine Frau rumkriegen will, soll man ihr ohne über den Preis zu verhandeln ein rotes Band kaufen, beten, Knoten reinmachen, sich das Band um den Arm wickeln. Die Frau anfassen und schwupps ist sie einem verfallen. Hahaha. Pierre d’Aban verrät uns auch, wie wir diese Frau wieder loswerden. Drei schwarze und drei weiße Bohnen wirken hier angeblich wahre Wunder.

Die Erstellung eines Hausgeists in einem Silberarmband nach dem Tod eines Angehörigen fand ich aber gar nicht mehr so lustig. Gleich einweisen den Burschen. Es gab bestimmt Leute, die diesen Hokuspokus wirklich gemacht haben. Es gibt womöglich welche, die es immer noch tun. Erschreckend.

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Die heidnische Bretagne, die Pointe du Raz und die Stadt Ys

Als Gallien von den Römern besetzt war, nahm der keltische Geist Zuflucht in Armorica. Drei Jahrhunderte lang litt die Region unter dem Joch der römischen Legionen und Steuereintreiber. Sie hörte jedoch nie auf, dagegen zu rebellieren. Ein Teil der Bevölkerung emigrierte nach Grossbritannien, es wurde zum Asyl der Druiden und Barden. Im 4. Jahrhundert kam Conan Meriadec (gest. um 421) aus Grossbritannien nach Armorica und bekämpfte die Römer. Er wurde zum Herzog eingesetzt und unterstand als solcher der römischen Regierung, konnte aber weitgehend unabhängig über Armorica herrschen. Conan Meriadecs Herrschaftsgebiet wurde “Bretagne” genannt. Verschiedene Quellen sind sich uneins darübern, ob sich die Bretagne um 409 schon von den Römern lossagte. Die Herrschaft der Römer über ganz Gallien endete jedenfalls 486 mit der Schlacht von Soissons in der Picardie endgültig.

Die Periode der Unabhängigkeit der Bretagne, die bis zum 9. Jahrhundert reichte, wurde “la période des rois”, ‘die Zeit der Könige’ genannt. Sie war von inneren Machtkämpfen gekennzeichnet. Manchmal gelang es einem Stammesführer, die anderen Stämme zu vereinigen und Invasionen von Franken oder Normannen abzuwehren. Dieser Stammesführer nahm dann den Titel “penn-tigern” (auch “tiern”, Haupt-Stammesführer, taucht in den Namen “Vortigern” dessen Sohnes “Katigern” und dem Vornamen “Kentigern” auf), “Conan” oder “König Armoricas” an. Weitere berühmte bretonische Herrscher jener heidnischen, heroischen, barbarischen und wilden Zeit waren Gradlon, Nevenoe (auch Nominoe, † 7. März 851) und Alan II. Varvek (frz. Alain Barbetorte, deu. Alan Krummbart, 910 – 952).

Im heutigen französischen Département Morbihan befinden sich zahlreiche Zeugnisse aus prähistorischer Zeit. Das heutige Département Finistère (bret. ‘Penn-ar-Bed’) war das Zentrum der unabhängigen und heidnischen Bretagne. Einige der heidnischen Traditionen und Sagen sind erhalten geblieben. An den Küstenvorsprüngen der Finistère trifft die Einsamkeit des Meeres auf die Einsamkeit des Landes. Die Pointe du Raz (bret. Beg ar Raz, “raz” bedeutet ‘heftige Meeresströmung’) ist ein Küstenvorsprung in der Finistère, er gehört zur Gemeinde Plogoff (bret. Plougoñ). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in der Enöde hinter dem Ortsteil Lescoff nur noch eine Windmühle in der Ferne sehen oder eine Schäferin die mit ihrer Spindel an einer Stechginsterhecke sass. Auf der Pointe du Raz hört man von unten das Brausen des Meeres, stossartige Wellen erschüttern den ganzen Felsvorsprung. Wo der Fels endet liegt das Meer und nähert sich von drei Seiten. Wenn man dort steht und hinausblickt, ist es, als gäbe es nur das Meer und den Himmel. Vor der Pointe du Raz steht der “Phare de la Vieille” (‘Leuchtturm der Alten’), der 1887 eingeweiht wurde.

1950 wurde das Hôtel de L’Iroise auf der Pointe du Raz gebaut. Da der Tourismus in den folgenden Jahren seine Spuren hinterliess, es gab ausgetretene Trampelpfade und Imbissbuden an der Pointe du Raz, beschloss die Regierung den Küstenvorsprung zu renaturieren. 1996 wurde das kleine Hotel deshalb abgerissen. Die ehemalige Besitzerin Madame Le Coz starb Anfang 2008 in einem Altersheim in Cléden-Cap-Sizun.

Der Sage nach hörten die Fischer jener Gegend manchmal um Mitternacht ein Klopfen an der Tür. Wenn sie nachsahen, fanden sie leere Boote an der Küste, von denen man annahm, dass Geister darin sassen. Von einer mysteriösen Macht getrieben setzten sich die Fischer an die Ruder und die Boote sausten davon. Wenn sie die Île de Sein (bret. Enez-Sun) erreichten, hörten sie Stimmen, die ihre Namen sagten. Dann verschwanden die Stimmen und damit auch die Geister.

An der Baie de Trépassés (deu. Bucht der Verstorbenen, bret. Bae an Anaon) versammeln sich die Seelen der Ertrunkenen. An Allerseelen am 2. November laufen die Seelen der Ertrunkenen wie flüchtige, weisse Gischt über die Wellenkämme und in der ganzen Bucht erklingen Stimmen, Rufe und Geflüster.

Einer anderen Sage nach treffen sich die Seelen von Liebenden, die Selbstmord begingen, weil sie nicht heiraten durften, an Allerseelen auf dem Sandstrand der Bucht. Die Flut vereint sie und die Ebbe trennt sie wieder.

Der Enfer du Plogoff, eine Felsgalerie an der man das Stöhnen der Verstorbenen hören soll. Foto von Eschallier aus der Base Mémoire des Ministère de la Culture

Die interessanteste Sage der Gegend ist die der versunkenen Stadt Ys (bret. Kêr-Is). Sie ist ein Widerhall der heidnischen Geschichte Armoricas im 4. und 5. Jahrhundert. In dieser Sage manifestiert sich die Angst vor den heidnischen Kulten, vor der ungezügelten Sinnenlust der Frauen und vor dem Ozean. Im 5. Jahrhundert herrschte der König Gradlon über Cornouaille (bret. Kerne, lat. Cornu Galliae). Er war ein Pirat, Eroberer und wurde mehrmals zum “Conan” von Armorica ernannt, weil er das Land gegen die Germanen verteidigte. Bevor er König wurde unternahm er Raubzüge gegen die Sachsen in England und gegen die Pikten und Skoten in Schottland. Von seinem letzten Raubzug brachte er ein schwarzes Pferd und die rothaarige Frau Malgven mit.

Das Pferd hiess Morvark und liess sich nicht zähmen, es liess sich nur von der Königin Malgven und dem König Gradlon besteigen. Andere warf es ab und fixierte sie mit seinen schwarzen, fast menschlich wirkenden Augen, und schnaubte, wobei eine Flamme aus seinen Nüstern zu schiessen schien. Die rothaarige Malgven trug ein goldenes Diadem und eine dunkelblaue Brünne aus Stahl. Ihre Arme waren weiss wie Schnee und sie hatte leuchtend blaue Augen. Niemand erfuhr jemals, wie Gradlon die Frau bekommen hatte. Man sagte, sie sei eine irische oder skandinavische Zauberin, die ihren ersten Mann durch Gift getötet habe, um Gradlon zu folgen.

Gradlon auf Morvark, Statue auf der Kathedrale von Quimper. Foto von Archibald Tuttle, Lizenz: CC by/ Creative Commons Namensnennung 3.0 unported

Als Gradlon König wurde, verstarb Malgven plötzlich und hinterliess Gradlon eine kleine Tochter, die auf dem Meer geboren worden war. Die Tochter wurde Dahut genannt. König Gradlon trauerte sehr um Malgven und wurde depressiv.

Dahut wuchs auf und war ihrer Mutter sehr ähnlich. Ihre Haut war noch weisser, ihre Haare von einem dunklerem Rot und ihre Augen wechselten die Farbe wie das Meer. Sie allein konnte Gradlon aufheitern. Wenn er Dahut ansah, war ihm, als sei Malgven zurückgekehrt. Dahut fühlte sich am Meer am wohlsten und verlangte von ihrem Vater, dass er ihr eine Stadt am Meer erbauen lassen solle. Tausende von Sklaven erbauten die Stadt, die von einem riesigen Deich vor Überflutung geschützt wurde. Hinter dem Deich lag ein Becken, dass das Meerwasser bei Springfluten aufnehmen sollte. Im Deich gab es eine Schleuse, die den Zufluss in das Becken regelte. Auf einem Fels an der Küste stand der Palast von Dahut und Gradlon.

Fischer beobachteten, dass Dahut manchmal am Palast nackt im Meer schwomm und am Strand geheimnisvolle Lieder an das Meer sang in denen sie sich selbst als “Verlobte des Meeres” bezeichnete. Eines Tages warf sie einen Ring in die Fluten und daraufhin rollte eine Welle an den Strand, die sie bis zu den Hüften umschloss.

Ys wuchs und wurde die reichste Stadt von Cornouaille. Viele Boote zerschellten an der Küste, die Bewohner von Ys nahmen das Strandgut und versklavten die Überlebenden. Der einzige Gott, den die Bewohner von Ys anbeteten war der Ozean. Einmal im Monat wurde ihm zu Ehren ein Gottesdienst zelebriert. Die Zeremonie wurde am Strand vollzogen, Dahut thronte in der Menge und Barden riefen das Meer an, dann wurde die Schleuse geöffnet und Wasser floss herein. Man warf Netze in dem Becken aus und fing Fische. Dahut gab rosafarbene Muscheln als Talismane an die Menge aus.

Wenn ihr Blick auf einen Mann fiel, der ihr gefiel, dann verliebte er sich sofort in sie und sie lud ihn in ihren Palast ein. Wenn er aber in den Palast ging, wurde er nie wieder gesehen. Stattdessen sah man später bei Nacht einen Reiter auf einem schwarzen Pferd, der ein grosses Bündel von der Pointe du Raz oder genauer gesagt von der Felsgalerie “Enfer du Plogoff”, der ‘Hölle von Plogoff’, in die Baie des Trépassés warf.

Landévennec, Ruinen der Abtei Saint-Guénolé, Foto von Camille Enlart (1862-1927), Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Eines Tages ging Dahut mit einem Barden nach Landévennec (bret. Landevenneg), um das Grab des Heiligen Guénolé (bret. Gwenole, deu. Guengalaenus, nach 460 bis 532) zu besuchen. Sie ging allein in die Gruft, als sie ihre Fackel anzünden wollte, sah sie die Gestalt eines Mannes, der sie erschreckte. Er hob die Hand und befahl ihr zu gehen. Von Angst ergriffen, lief sie hinaus. Vor der Gruft wartete der Barde auf sie, sie erzählte ihm, was passiert war und sie gingen zusammen wieder hinein. Der Mann war verschwunden und der Barde prophezeite Dahut daraufhin, dass ein Mann, der so aussähe wie das Phantom, ihr eines Tages Unglück bringen würde.

Einige Zeit später bekam Dahut einen Pagen namens Sylven. Jener junge Mann sah genauso aus wie das Phantom, und Dahut verliebte sich in ihn. Ihn wollte sie nicht töten. Inzwischen wurden die Angehörigen der Verschwunden rebellisch, es gab eine Revolte. Die Menge ging mit Heugabeln bewaffnet zum Palast und forderte den Kopf von Dahut.

Dahut lag auf ihrem Bett und spielte mit den schwarzen Locken von Sylven. Dann erklärte sie Sylven, dass sie ihn liebe, sie umarmte ihn und ignorierte den Aufruhr der Leute. Sylven bat sie mit ihm zu fliehen, aber sie schickte ihn auf den höchsten Turm des Palastes, um nachzusehen, welche Farbe das Meer hat. Er sagte ihr das Meer sei dunkelgrün und der Himmel schwarz. Woraufhin sie sagte, sie hätte nichts zu befürchten. Dann schrie Sylven nun sei der Himmel bleich und das Meer fahlgelb und weiss voller Gischt und das Meer würde ansteigen. Dahut nahm das nicht ernst und machte sich über “ihren alten Ehemann” den Ozean lustig. Daraufhin wurde das Meer schwarz wie Pech und die Wellen waren so hoch wie Berge.

Die Menge drang in den Palast ein und Dahut verliess das Gebäude mit Sylven durch eine geheime Tür. Die beiden gingen auf den Deich. Dahut befahl Sylven die Schleuse zu öffnen. Denn sie war wütend und wollte die Stadt überfluten, weil die Leute sie hatten töten wollen. Sylven tat wie sie ihm befahl und wurde sofort von einer Welle erfasst und ertränkt. Als Dahut dies sah, eilte sie zu ihrem Vater und die beiden flohen auf seinem Pferd Morvark. Der Ozean schrie nach seiner Verlobten und setzte ihr nach. Der Heilige Guénolé befahl Gradlon, seine Tochter loszulassen und hinter den Fliehenden stiegen aus dem Enfer de Plogoff die Seelen der ehemaligen Liebhaber von Dahut auf. Als Dahut die Geister sah, verloren ihre eiskalten Hände den Halt und sie rutschte in die Fluten. In dem Moment als Dahut in den Wogen ertrank, beruhigte sich das Meer. Der Strand lag verlassen, die Stadt aber war zerstört.

Die Flucht des Königs Gradlon von Evariste-Vital Luminais (1822-1896). Quimper, Musée des Beaux-Arts. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Gradlon ging daraufhin nach Quimper (bret. Kemper) und wurde Christ. Als Gradlon starb, wurde sein Pferd Morvark verrückt vor Kummer und rannte davon. Noch heute kann man in manchen Nächten das Klappern seiner Hufe hören. Auf der Kathedrale von Quimper wurde zu Ehren von Gradlon und Morvark eine Statue errichtet. Die Bewohner der Region scheinen immer noch stolz auf ihren alten König Gradlon zu sein und das Pferd Morvark symbolisiert für sie vielleicht die alte und freie Bretagne.

Quellen und weiterführende Informationen:
Les grandes légendes de France : les légendes de l’Alsace, la grande Chartreuse, le Mont Saint-Michel et son histoire, les légendes de la Bretagne et le génie celtique von Édouard Schuré (1841-1929), erschienen 1908 bei Perrin in Paris. Seite 209-228; das Werk ist gemeinfrei.

deutsches Video über das ehemalige Hotel auf der Pointe du Raz; von Mark-Steffen Göwecke, Burkard Grygier und Peter Mößmer

Dahut auf dem Umschlag eines Comic-Heftes der Reihe “les Druides” von Jean-Luc Istin, Thierry Jigourel und Jacques Lamontagne.

Geschichte der Magie in Frankreich, Druiden und Heilige

Das Buch “Histoire de la magie en France; depuis le commencement de la monarchie jusqu’à nos jours;” (‘Geschichte der Magie in Frankreich; vom Beginn des Königstums bis heute’) von Jules Garinet (1797-1877), erschien 1818 in Paris bei Foulon.

Die Druiden

Bei den Galliern gab es Druiden, die Dämonen austrieben und über die Geister der Luft herrschten. Sie verbrachten ihr Leben damit, den Göttern Opfer darzubringen, die Zukunft vorherzusagen und Schutzzauber zu wirken. Am sechsten Tag des keltischen Jahres schnitten sie die heilige Mistel und riefen dabei “O Ghel an Heu” , ‘möge das Getreide keimen’. Im Mittelalter wurde dieser Ausdruck zu “Au gui l’an neuf”, ‘zur Mistel des neuen Jahres’. Bei dieser Zeremonie war der ganze Stamm um die große Eiche versammelt, auf der die Mistel wuchs. Die frisch geschnittene Mistel wurde in einen Behälter mit Wasser getaucht. Das Wasser wurde an die Leute verteilt. Es galt als heilkräftig und wirksam gegen böse Zauber. Die Druiden von Autun hielten die Schlangeneier für besonders heilkräftig. Pomponius Mela schrieb im 1. Jahrhundert, dass die Druidinnen auf der Île-de-Sein die Winde aufhalten und Unwetter hervorrufen konnten. Mela gab ihnen die spezielle Bezeichnung “Gallisenae”.

Bei Beerdigungen wurden den Toten, Waffen, Tiere und Sklaven mitgegeben, die die Verstorbenen gegen Dämonen verteidigen sollten. Wenn der Stamm in Gefahr war, wurden Menschenopfer dargebracht. Man verbrannte Personen, von denen man annahm, sie haben teuflische Kräfte, damit feindliche Zauberer sich ihre Kräfte nicht zunutze machen konnten. Es war sehr schwierig für die Römer, die Gallien unterwarfen, diesen barbarischen Brauch abzuschaffen.

Dem Teutates waren viele Altäre geweiht, die sich mitten in den Wäldern befanden. Der Bereich um die Altäre galt als heilig. Teutates war ein Gott der Unterwelt und man nahm an, dass sich Geister in den heiligen Wäldern um die Altäre befanden, die nur von Druiden besänftigt werden konnten. Wenn ein Gallier in einem heiligen Wald stolperte und stürzte, musste er den Bereich sofort verlassen, aber nicht zu Fuß. Er musste auf den Knien hinausrutschen.

Der König weiß sich nicht mehr zu helfen und konsultiert einen alten Druiden, Buchillustration von Gustave Doré (1832-1883) aus den Fabeln von Charles Perrault (1628-1703), erschienen 1867, Lizenz: public domain/ gemeinfrei, Quelle: Gallica

Christianisierung

Um 250 begann der Heilige Dénis (Dionysius) den Galliern das Christentum zu predigen. Diejenigen, die das Christentum annahmen, glaubten, dass die Seelen die Körper der Toten verließen, um die Lebenden zu quälen.

Der Heilige Germain (Germanus) von Auxerre (378-448) soll laut Bollandus viele Dämonen ausgetrieben haben. Unter anderem habe er in einer Herberge Geister vertrieben, die sich dort allabendlich an den Tisch gesetzt und gegessen hatten. Martin von Tours (331-399) soll ebenfalls ein mächtiger Exorzist gewesen sein, außerdem wird ihm nachgesagt Tote wiedererweckt zu haben.

Gregor von Tours (538 -594) schrieb in seinem Buch “Vie des Pères” über seinen Zeitgenossen Venantius Fortunatus (535-605), dass jener eines Tages von einer Pilgerfahrt zurückkam und feststellte, dass seine Zelle voller Dämonen war. Er fragte sie, wer sie seien und woher sie gekommen seien. Sie sagten, sie seien gestern aus Rom angereist. Er vertrieb sie dann, indem er sie anschrie.

Der Dämonograf (Autor von Büchern über Dämonen) Pierre Le Loyer (geboren 1550) schreibt in seinem “Discours des spectres” von 1608, dass Sulpicius der Fromme von Bourges (570-647) eines Tages durch sein Bistum reiste, als ihn Bauern baten einen Teufel aus einem See auszutreiben. Er gab ihnen ein Fläschchen mit Chrisam (Olivenöl mit Parfüm). Als die Bauern das Fläschchen in den See warfen, wurde dadurch nicht nur der Teufel vertrieben, sondern der See verfügte plötzlich über einen Fischreichtum, der die ganze Gegend mit Essen versorgte.

Alle Heiligen haben außer allgemeinen Wundern auch noch Teufelsaustreibungen aufzuweisen. Das beweist, dass zu ihrer Zeit der Glaube an Magie, Zauberei und Besessenheit weit verbreitet war.

Exorzismus aus den Histoires prodigieuses et mémorables (außergewöhnliche und erinnerungswürdige Geschichten, etwas wie die BILD Zeitung) von 1598, Quelle, Gallica, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Die Besessenen von Louviers

Louviers ist eine französische Stadt mit 18.120 Einwohnern (Stand 1. Januar 2007) im Département Eure in der Region Haute-Normandie. Sie liegt am Ufer des Flusses Eure etwas westlich der Seineschleifen im Osten des großen Walds Forêt domaniale de Bord-Louviers, 25 Kilometer südöstlich von Rouen.

Kanal der Eure in Louviers, Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Geschichte von Louviers

Die Stadt war im 9. Jahrhundert als “Locos veteris” (alter Ort) bekannt. Am 10. Februar 856 feierte der König Ludwig der Stammler in Louviers die Verlobung seines Sohnes Ludwig mit einer Tochter Erispoës, des Herzogs der Bretonen. Locos veteris war wahrscheinlich nicht der ursprüngliche Name des Ortes. Der Name ist aber aus dem Lateinischen entstanden, eventuell aus “Luparius” (‘Wolfsjäger’) oder aus der Veränderung von “Lupariae” zu “Louvières” (‘Wolfsbau’). Beides deutet jedenfalls darauf hin, dass die Ortschaft schon in gallo-römischer Zeit (52 v. Chr. bis 486 n. Chr.) existiert hat und dass es vor Ort Wölfe gegeben haben muss.

Geschichte des Klosters Saint-Louis-Sainte-Elisabeth-Saint-François

Das Kloster Saint-Louis-Sainte-Elisabeth-Saint-François wurde 1616 gegründet, ab 1625 erbaut und die Klosterkirche wurde 1645 geweiht. Das Kloster bestand bis zur Französischen Revolution (1789-1799).

Kreuzgang des Wasserklosters des Büsserordens in Louviers aus dem 17. Jahrhundert. Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ Gemeinfrei

Die Namensgebung des Klosters war vom König selbst beschlossen worden, eigentlich sollte das Frauenkloster “Saint-Élisabeth” heissen. Der König wollte, dass der französische König Louis IX (1214-1270) geehrt würde, und dass das Kloster dem dritten Orden des Heiligen Franziskus angehörte (Tier-Ordre de Saint François). Die Gründerin war Catherine Hennequin (geborene Catherine le Bis), die Witwe von Jean Hennequin, der zum Finanzministerium des Königs gehört hatte und 1602 wegen Unterschlagung hingerichtet worden war.

Catherine Hennequin, ihre Adoptivtochter und ein paar Töchter reicher Pariser Adliger fuhren 1617 nach Louviers und 13 oder 14 Mädchen und Witwen erhielten den Ordenshabit. Es gab sofort Streitigkeiten seitens der männlichen Geistlichen aus Paris, die an der Gründung beteiligt waren. Sie stritten darum, wer das Kloster leiten sollte. Mussart war der Leiter des Ordens in Paris, er brachte zwei Nonnen aus Paris nach Louviers, die die anderen unterrichten sollten und ernannte eine zur Vorsteherin. Sie wurde von dem Pariser Priester nicht akzeptiert, der die Klostergründung in die Wege geleitet hatte. Und natürlich fühlte sich Catherine Hennequin ebenfalls übergangen, denn mit ihrem Geld war das Kloster finanziert worden. Die beiden Nonnen aus Paris wurden also wieder zurückgeschickt und Catherine Hennequin wurde als Catherine-de-Jésus Priorin. Mussart protestierte daraufhin und liess das Kloster durchsuchen. Man fand nichts ungewöhnliches. Catherine Hennequin starb 1622. Ihre Adoptivtochter Françoise Gaugain wurde als Françoise-de-la Croix die zweite Vorsteherin des Klosters, sie war damals 31 Jahre alt. 1625 erkrankte sie und fuhr nach Paris, um sich dort behandeln zu lassen. Sie blieb in Paris und wurde dort dort Leiterin eines Klosters des Augustinerordens. David blieb in Louviers und war nun unangefochtener Leiter des Frauenklosters bis er 1628 starb.

Marie Salomé, Statue, die in der Kirche Notre-Dame aus dem 13. Jahrhundert auf dem Dachboden gefunden wurde. Foto aus der Base Mémoire des Ministère de la culture.

Danach wurde das Kloster von Mathurin Picard (dem Pfarrer der Gemeinde Le Mesnil-Jourdain) und seinem Vikar Thomas Boullay geleitet. 1642 verstarb Picard. Er wurde in der Klosterkirche begraben und eine Welle der Hysterie ergriff das Kloster. Besonders die jüngeren Nonnen hatten Halluzinationen, in denen sie Pfarrer Picard sahen, der in ihrer Zelle erschien. In der Kirche sahen sie Flammen aus seinem Grab aufsteigen. In anderen Halluzinationen traten dämonische Fabelwesen auf. Es traten auch körperliche Symptome von Hysterie auf, junge Nonnen hatten Anfälle, in denen sie ihren Rücken extrem bogen, manchmal konnten sie sich nur ruckartig bewegen. “Besessene” stiessen blasphemische Beschimpfungen und Beleidigungen aus. Von 1643 bis 1647 wurden die Fälle von “Besessenheit” untersucht, die Nonnen wurden verhört und teilweise öffentlichen Teufelsaustreibungen ausgesetzt, was natürlich die Hysterie verschlimmerte. Der Bischof von Évreux, Péricard, musste aus Paris anreisen und die Fälle selbst untersuchen. Er liess eine der Nonnen, Madeleine Bavent, lebenslang ins Gefängnis werfen. Picards Gebeine wurden ausgegraben und in eine Marnière geworfen. Der Bischof dachte, damit sei die Sache erledigt und kehrte nach Paris zurück. Aber die Angehörigen von Picard protestierten und verlangten seine Gebeine zurück.

Die Grablegung, Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert in der Kirche Notre-Dame in Louviers, Foto von Wikimedia Commons Benutzerin Theoliane, Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Daraufhin übernahm eine königliche Kommission die Angelegenheit, sie wurde vom Kapuzinermönch Esprit-de-Bosroger geleitet. Madeleine Bavent wurde bis 1647 200 Mal meist öffentlich verhört beziehungsweise exorziert. Im Mai 1647 begann der eigentlich Prozess am Parlement de Normandie in Rouen. Picard und Boullay wurden wegen Zauberei und Hexerei zum Tode verurteilt, der tote Körper Picards und der gefolterte, lebende Körper Boullays wurden zusammen am 21. August 1647 in Rouen auf dem Platz “Vieux-Marché” (‘alter Markt’) verbrannt. Auf dem gleichen Platz war 1431 Jeanne d’Arc verbrannt worden. Madeleine Bavent wurde nicht hingerichtet, man liess sie als Zeugin am Leben. Sie war inzwischen verrückt geworden und starb im Gefängnis sechs Jahre später. Die Unterlagen aus der Untersuchung wurden nach dem Prozess vernichtet.

Das Kloster stand früher am Platz Ernest Thorel. Alte Postkarte aus dem Départementsarchiv.

Das Parlement hatte angeordnet das Kloster zu schliessen. Stattdessen wurden die hysterischen Nonnen behandelt und kehrten fast alle später zurück. Das öffentliche Interesse verhalf dem Kloster sogar zu besserem Ansehen, da man Mitleid mit den armen “Besessenen” hatte. Bei seiner Gründung hatte es 14 Nonnen, zur Zeit der Hysterie 52 und bei seiner Auflösung im Jahr 1789 32 Nonnen. Die Gebäude des Klosters wurden ab 1791 umfunktioniert oder zerstört.

Norden des Place Ernest Thorel, alte Postkarte aus dem Départementsarchiv.

Quellen:

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. Band 1, Librairie Droz, 1990, ISBN 9782600028844, S. 344

Auguste Le Prévost; Léopold Delisle, Louis Paulin Passy (edit.): Mémoires et notes de M. Auguste Le Prevost pour servir à l’histoire du département de l’Eure. Band 2, Auguste Herissey, Évreux 1864, S. 335-355

Louviers in the Base Mérimée. Ministère de la culture

L’Histoire du Couvent de Saint-Louis – Sainte-Elisabeth. Société d’Etudes Diverses de Louviers et de sa région

La Chandeleur, Mariä Lichtmess in der Normandie

La Chandeleur ist wie der Valentinstag ein christlicher Nachfolger der Lupercalien. Heute wird es am 2. Februar gefeiert, aber zu Beginn seiner Entstehung um das Jahr 542 feierte man es am 14. Februar. Die Lupercalien, ein heidnisches römisches Fest, wurden am 15. Februar gefeiert. Chandeleur bedeutet “Kerzen”, Kerzen symbolisierten Jesus Christus, das “Licht der Welt”. Anstatt Leute mit Riemen aus Ziegenfell Fruchtbarkeit zu schenken, trug man zu Chandeleur nachts Kerzen zur Reinigung von bösen Geistern durch die Gegend.

Foto von Fredrik Magnusson, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Nee, das (-> Foto rechts) ist natürlich keine Chandeleur-Prozession in der Normandie, sondern eine Luciafest-Prozession in Schweden. Kerzenprozession bei Nacht ist es aber trotzdem und so, nur wahrscheinlich nicht in weissen Kleidern, hat die Kerzenprozession in der Normandie dereinst auch ausgesehen.

In der Normandie galten Kerzen, die zu Chandeleur geweiht wurden als Mittel gegen Blitze und wurden während eines Gewitters angezündet. Es war nicht das einzige traditionelle Mittel gegen Blitze, zum gleichen Zweck gab es noch das Bûche de Noël. Wenn das Wetter an Chandeleur gut war, glaubte man, der Winter sei vorüber. Wenn in der Nacht von Chandeleur viele Sterne zu sehen, würde es viele Hühnereier geben, da kommt dann doch Fruchtbarkeit ins Spiel.

La Chandeleur wird auch das Fest der Crêpes genannt. Wenn man an Chandeleur den Hühnern Crêpes zu fressen gab, legten sie mehr Eier, Crepes im Obstgarten verursachten eine bessere Obsternte.
Man durfte die Crêpes bei der Herstellung nicht fallen lassen oder verderben. Wenn man beim Herstellen der Crêpes ein Stück Geld in der Hand hielt, war man das ganze Jahr lang finanziell abgesichert, außerdem bekam man dann keine Flöhe. Es brachte Glück einen in Papier gewickelten Crêpe auf den Kleiderschrank zu legen. Ehemänner, die traditionell nicht kochten, zündeten eine Kerze an, dann würde ihre Frau sie nicht betrügen.

crêpes

Crêpes, Foto von Nicolas Delerue, Lizenz:Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

Begangen wird das Fest immer noch, in vielen Schulen und Restaurants gibt es an oder um La Chandeleur Crêpes.

Unter anderem nach:
Croyances Populaires de Normandie von Solange Lebreton, erschienen bei Éditions Bertout 2005, ISBN=2-86743-587-0

Aberglaube in der Normandie: Todesomen

Viele Omen verkündeten den Bewohnern der Normandie im 19. Jahrhundert den Tod eines Angehörigen oder Bekannten. Es würde jemand sterben, wenn eine Eule nahe am Haus schreit (passiert hier täglich), wenn eine Henne wie ein Hahn kräht, wenn drei Elstern zusammen sind oder wenn man drei Schläge auf den Fußboden des Schlafzimmers hört. Verschiedene Traumzeichen verkündeten den Tod, Träume von Zähnen, von Priestern oder von Wäsche. Wäsche war ohnehin gefährlich, wenn die Vorderseite eines Hemdes auf den Boden des Bottichs kam, würde dessen Besitzer im Verlauf des Jahres sterben (da ergaben sich bestimmt Probleme bei der Einführung von Waschmaschinen).

Wenn ein Toter mit offenen Augen daliegt, würde noch jemand sterben. Ein Maulwurf, der im Keller oder in einer Küche mit gestampftem Lehmboden buddelt, verkündete den nahen Tod eines Bewohners. Wenn man den Strunk vom Kohl verbrannte, starb der Hausherr. Wenn ein toter Vogel in den Kamin fiel würde ein Mitglied der Familie sterben. Wenn das Mastschwein vor der Schlachtung starb, würde jemand im Hause sterben.

Um herauszufinden ob jemand, der sich in weiter Ferne befand (zum Beispiel im Krieg), verstorben war, hob man einen schweren Schlüssel mit zwei Fingern hoch und hielt ihn über das Johannesevangelium. Wenn der Schlüssel sich nicht bewegte, war die Person tot.

Um den Tod eines Bewohners anzuzeigen hängte man ein weißes Tuch vor ein Fenster.

Die Seele

Deux anges emportant une âme au paradis, église d'abbaye de Saint-Wandrille

Detail einer Grabplatte aus dem 14. Jahrhundert. Zwei Engel tragen eine Seele in den Himmel. Lizenz: public domain/gemeinfrei

Die Seele von Gehenkten und Selbstmördern, die sich erhängt haben, wohnte zwischen Himmel und Erde, es war nicht erstaunlich, wenn sie zurückkam und spukte.

Vor dem Bett des Sterbenden wurde ein Eimer mit klarem Wasser aufgestellt, in dem sich die Seele waschen konnte, bevor sie durch das Fenster hinausflog, das man im Moment des Todes für sie öffnete.

Sobald es dunkel wird sollte man nicht mehr fegen, denn die Seelen der Toten versuchen wieder ins Haus zu kommen und man könnte sie aus Versehen rausfegen.

Frei nach:
Croyances Populaires de Normandie von Solange Lebreton, erschienen bei Éditions Bertout 2005, ISBN=2-86743-587-0

Aberglaube in der Normandie: verliebt, verlobt, verheiratet

Um einen Verlobten oder eine Verlobte zu finden war es bis ins 20. Jahrhundert hinein Sitte, zur Quelle der Heiligen Katharina von Alexandrien in Lisors (Eure, Haute-Normandie) zu gehen, dort Geldstücke oder Stecknadeln zu hinterlassen und um das Eingreifen der Heiligen zu bitten. In der Basse-Normandie ging man nach Saint-Céneri-le-Gérei (Orne), wo dem lokalen Heiligen und Abteigründer Cenericus eine Quelle geweiht ist. An seiner Statue wurden ebenfalls Nadeln ausgelegt, um die Bitte nach Hilfe in Liebesdingen zu unterstützen.

Die Quelle des Heiligen Cenericus in Saint-Céneri-le-Gérei.

Die Quelle des Heiligen Cenericus in Saint-Céneri-le-Gérei. Foto von Hubert, Lizenz:Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Wenn ein Verliebter bei der Familie seiner Angebeteten um deren Hand anhalten wollte, so brachte er eine Flasche Cidre mit. Vielleicht sollte er so beweisen, dass er guten Cidre machen kann. Wenn sein Ansinnen abgelehnt wurde (der Cidre taugte nichts?), legte man einen Besen quer in die Tür. Die Verlobungszeit dauerte mehrere Jahre, damit das Paar sich gut kennenlernte.

Äpfel waren generell bedeutsam, nicht nur als Cidre. Wenn ein Mädchen einen Apfel in einem Stück schälen konnte würde sie ein schönes Hochzeitskleid bekommen. Wenn sie die Schale über die Schulter hinter sich warf, zeigte die Schale den Anfangsbuchstaben des Namens ihres zukünftigen Gemahls. Den Namen konnte man außerdem herausfinden, indem man ein Stück Zucker in Wasser warf und das Alphabet aufsagte. Wenn sich das Stück Zucker auflöste, hatte man den Buchstaben. Wenn ein Mädchen einen Apfel in zwei Hälften schnitt und dabei einen Kern durchschnitt, dann dachte ihr Verlobter an sie.

Ein besonders exotischer Ritus des 19. Jahrhunderts stammt aus keltischer Zeit. Kleine Talismane in Form eines Penis, sogenannte Gargans (eigentlich der Name eines mythologischen Riesen) steckten sich junge Mädchen in ihre Bluse, um schneller einen Mann zu finden.

Beckwith James Carroll Normandy Girl

Normandy Girl (normannisches Mädchen), Gemälde von James Carroll Beckwith (1852–1917), das um 1883 entstanden ist. Lizenz:public domain/gemeinfrei

Um einen Mann verliebt zu machen, fügten die jungen Frauen seiner Tasse Kaffee oder seinem Glas Wein einen Tropfen ihres Blutes hinzu. Eine kompliziertere Methode, die hauptsächlich von Männern durchgeführt wurde, bestand darin, sich an einem Freitag im Frühling Blut abzunehmen, es auf dem Herd einzukochen, die Hoden eines Hases hinzuzugeben und die Leber einer Taube, das Ganze zu einem Pulver einzukochen und der Frau, die man verliebt machen wollte, in einem Glas Likör (vielleicht damit der Zucker im Likör den schlechten Geschmack überdeckt) zu verabreichen.

Als schlechte Vorzeichen, die eine Heirat verzögerten, galt es auf den Schwanz einer schwarzen Katze zu treten (dem wird die Katze zugestimmt haben), eine Mahlzeit zu verderben oder “Madame” genannt zu werden. Schenke einer Frau keine Perlen, denn sie sehen wie Tränen aus.

Hochzeit

La fiancée hésitante (1866) Auguste Toulmouche

La fiancée hésitante, die zögernde Braut Gemälde von Auguste Toulmouche (1829 -1890) aus dem Jahr 1866. Lizenz:public domain/gemeinfrei

Wenn Bräutigam und Braut nicht aus demselben Ort stammten, dann galten sie als horsain, als Fremde. In solchen Fällen musste die Braut den jungen Männern ihres Dorfes Geschenke machen, oder sie zur Hochzeit einladen, um ihren Ehemann zu integrieren.

Generell galt, dass die Frau die Aussteuer mit in die Ehe bringt, den Kleiderschrank, das Bett, den Geschirrschrank, der Mann brachte Tiere und Land mit, wenn es sich um eine ländliche Hochzeit handelte. Es kam aber auch oft vor, dass der Mann nichts mitbrachte.

Am Tag einer Beerdigung zu heiraten galt als schlechtes Vorzeichen. Im Mai zu heiraten war verpönt, weil der Mai der Jungfrau Maria geweiht war. Wenn zwei Schwestern am gleichen Tag heiraten würde eine unglücklich werden. Wenn es am Tag der Hochzeit regnet, würde die Braut weinen (im Deutschen sagt man auch “der Himmel weint”). Um dergleichen zu verhindern trägt die Braut ein Taschentuch oder einen Strumpf einer glücklich verheirateten Frau. Außerdem durfte die Braut ihr Brautkleid nicht selbst nähen, sie durfte vor der Hochzeit nichts essen und im Hochzeitszug nicht den Kopf drehen.

Hochzeitszug von drei Hochzeitspaaren in Auray in der Bretagne. Postkarte von 1908 aus der Sammlung H. Laurent. Lizenz:public domain/gemeinfreiung

Während sich das Brautpaar das Jawort gab, schossen junge Männer mit ihren Gewehren in die Luft, um böse Geister zu vertreiben. Während des Hochzeitsmahls stahl der Brautführer ein Strumpfband der Braut, schnitt es in kleine Stücke und verteilte sie an die Feiernden, die sie sich ins Knopfloch steckten. Diesen Brauch gibt es nicht mehr. Da unsere Zeit materialistischer geworden ist, wird das Strumpfband aber manchmal versteigert. Der Bräutigam servierte beim Hochzeitsmahl, dabei trug er eine weisse Schürze und eine Haube aus Baumwolle. Am Tag darauf übernahm seine Frau natürlich die Rolle der Hausfrau.

Wenn das Brautpaar zu Bett ging, war das Bettuch so gefaltet, dass es sich nicht ausstrecken konnte. Am Bett waren kleine Phallusstatuen und Schellen befestigt. In der ersten Nacht durfte das Brautpaar das Licht nicht löschen.

Klar gab es früher auch noch böse Zauberer ( 😉 ), die den Ehemann mit einem Fluch der Erektionsschwäche belegen konnten (aiguillette nouée). Gewirkt wurde der Fluch, indem der Zauberer in die Nähe des Hauses des Bräutigams ging, den Mann rief, und wenn er antwortete, einen frischen Wolfspenis mit einem weissen Band umwickelte. Gegen diesen Fluch aß der Bräutigam einen gebratenen Grünspecht, gesalzen mit geweihtem Salz. Wenn das nichts half, atmete er den Rauch eines Zahns von einem kürzlich verstorbenen Mann ein (igitt), pinkelte über seinen Ehering, beschmierte die Türschwelle mit Wolfsfett und machte sich einen Ring, in den das Auge eines Wiesels eingefasst war.

Von der Hand in die Pfanne, ein Grünspecht. Foto von Andrea Lupo, Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Am Morgen nach der Hochzeitsnacht wurde die “Chaudée” (etwa: die Erhitzte) zubereitet, aus Weisswein mit verschiedenen Gewürzen, darunter Pfeffer und Chili. Das Gebräu galt als Aphrodisiakum.

Um besonders gut in der Liebe zu sein, aß man Turteltauben, Schwalben, Ringeltauben oder Spatzen. Das erklärt, warum sich die Adeligen alle Taubenhäuser gebaut haben (kleiner Witz). Wenn jemand wollte, dass seine Frau besonders leidenschaftlich wurde, verabreichte er ihr eine Tollkirsche. Ihre Augen glänzten dann, das Blut rauschte in ihren Ohren und sie war die ganze Nacht willig. In anderen Gegenden brachte man so Leute um.

Wie in vielen anderen Gegenden war das Charivari üblich, wenn das Brautpaar sehr unterschiedlichen Alters oder schon einmal verheiratet war. Dabei störte die Jugend des Dorfes die Hochzeit, bot Blumen an und verlangte dafür Geld, um eine Feier zu organisieren. Wenn das Brautpaar zustimmte, wurde am folgenden Sonntag eine Feier veranstaltet. Wenn das Brautpaar nicht zustimmte, machten die jungen Leute, die sich mit den jungen Leuten anderer Dörfer zusammengetan hatten, Krach, mit allem was Krach macht, Pfannen, Schilder, Glocken und so weiter, und zwar vor dem Haus der frisch Vermählten. Ab und zu hörten sie auf zu lärmen und stellten sich laut obszöne Fragen auf die sie obszöne Antworten gaben. Das Gelärme dauerte drei Tage und Nächte, während der Zeit war das Brautpaar in seinem Haus eingesperrt. Der Brauch wurde im 19. Jahrhundert von der Justiz verboten.

Frei nach:
Croyances Populaires de Normandie von Solange Lebreton, erschienen bei Éditions Bertout 2005, ISBN=2-86743-587-0