Das Weiße Schloss – die Gebäude

Heute ist der Eingang an der Südseite. Das Dorf liegt im Westen, deshalb war der ursprüngliche Eingang im Westen. Die Straße hat direkt zum Vorhof geführt. Der Vorhof war von vier Gebäuden flankiert, die im Stil Louis XIII (1601-1643) im 17. Jahrhundert erbaut worden sind.

Das rechte vordere Gebäude war ursprünglich eine Kapelle, an der man heute noch Pilgerzeichen sieht. Im 20. Jahrhundert wohnte dort eine Familie namens Platevoet, die drei der Gebäude auf dem Vorhof nutzte. Sie waren Bauern und waren aus Belgien eingewandert und wohnte bis zum Ende der 1960er Jahre auf dem Gelände. Ich hab einige Verwandte von ihnen selbst kennengelernt. Zu meiner Zeit schliefen die Schafe in dem Gebäude. Der Fußboden war teilweise ausgeschachtet. Man konnte noch einen Kamin sehen und elektrische Kabel. In manchen der Fenster waren noch Glasscheiben eingesetzt. Der Zustand der Balken unter dem Dach war okay. Da man dieses Gebäude von der Straße aus sehen kann, kamen oft Anfragen von Leuten, die es gern kaufen wollten.

Dependance Morsan
Das ist das Gebäude vorne rechts. Man sieht noch das Tor, wo irgendwann ein Zaun gewesen sein muss. Sie hatten Strom in dem Gebäude. Im Hintergrund sieht man das Gebäude hinten rechts. Foto von 2012.
Where the uncle of our former shepherd used to live
Hier die gleiche Seite (Süden) ein paar Jahre später. Foto von 2018.
Peek inside the barn
Das Foto ist von 2020 und wenn man es vergrößert, kann man rechts von der Tür einen eingeritzten Kreis sehen und diverse Löcher, die glaube ich, zu eingeritzten Kreuzen gehören. Kreise waren Schutzsymbole gegen böse Mächte.
Ostseite der ehemaligen Kapelle. Da sind die Schäfchen immer rein und rausspaziert. Foto von 2011.
Das Foto ist von 2012. Rudi und Miniputz latschen auf das Gebäude zu. Man sieht hier die Nordseite, an der man noch alte Bögen erkennen kann, in denen früher Tore gewesen sein müssen. Außerdem die Einfassungen von zwei hohen Fenstern, die irgendwann im Laufe der Zeit zugemauert worden sind.
Kamin
Hier sieht man den Kamin auf einem Foto aus dem Jahr 2014.
A rusty bowl in a stable
Im Inneren der ehemaligen Kapelle stand 2014 immer noch eine alte rostige Schüssel, womöglich noch von den Belgiern.

Pilgerzeichen sind Symbole, die Pilger hier in der Gegend seit dem Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert in die Außenmauern von Kirchen und Kapellen eingeritzt haben. Solche Zeichen gab es im Mittelalter in allen katholischen Pilgerstätten, hier gab es sie noch in den folgenden Jahrhunderten. Es wird hier immer noch gepilgert, aber jetzt ritzt niemand mehr in Kirchenmauern. Man steckt jetzt meistens Papierchen mit Gebeten hinter oder unter Statuen.

Eingeritzt wurden früher Kreuze, Kreise mit innerem Muster, Tiere und Boote. Damit wollte der Pilger den Segen Gottes erbitten, für Bootsfahrten, Tierzucht oder Jagdglück und er erhoffte sich Schutz vor dem Bösen. Diese Symbole wurden mit Nägeln oder Messern eingeritzt. In den tieferen Löchern rieben die Pilger Staub heraus, den sie als segensreich betrachteten.

Das hier ist ein sehr unübliches Graffiti an dem Gebäude vorne rechts. Jemand hat ähnliche Zeichen einmal als Templerfluss und Karte interpretiert. Ich weiß es nicht. Ritzzeichnungen von Tieren stellen meist Tiere dar, für die man sich Fruchtbarkeit erhofft (Vieh) oder Jagdglück. Auf anderen Kirchen findet man eingeritzte Boote oder Schiffe. Es fuhren früher Boote auf der Risle bis zur Seine und dann zu den Meerhäfen. So wurde auch für den Erfolg von Reisen gebetet. Foto von 2009.
Pilger ritzten solche Kreuze in Kirchenmauern und nahmen den Staub aus den Löchern als Segen mit. Diese Kreuze sind in eine der Türöffnungen eingeritzt. Foto von 2009.
Kreise mit Innenmuster gegen den Bösen Blick. Foto von 2009.

Das linke vordere Gebäude auf dem Vorhof war die Conciergerie, das heißt, da haben irgendwelche Wächter oder/und Bedienstete gewohnt. Das Gebäude konnten die Amerikaner in den 1980ern nicht kaufen. Dort wohnte eine belgische Familie. Die belgische Frau, die zu meiner Zeit in dem Gebäude wohnte, war im Alter von 14 Jahren nach Frankreich gekommen. Damals kamen viele Belgier nach Eure. Sie hatte offiziell eine Tätigkeit als Bäuerin angemeldet. Die Frau starb vor wenigen Jahren. Ich hab ihren Grabstein auf dem Friedhof von Morsan gesehen, hab aber vergessen, wann sie gestorben ist und finde kein Foto davon. Jedenfalls haben die Amerikaner, gleich nachdem sie vom Tod der Nachbarin erfahren haben, versucht das Haus zu kaufen. Es war ihnen aber zu teuer. Da wollte es jemand anders kaufen. Daraufhin wollten sie es doch unbedingt haben und kauften es für viel mehr Geld als sie zuerst hätten bezahlen müssen. Sie wollen das Haus zu einem Ferienhaus umbauen. Bisher ist aber noch nichts passiert. Natürlich sieht das Haus nicht mehr wie im 17. Jahrhundert aus.

Exterior of one of the former outer buildings of Le Château Blanc
Es hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit den anderen drei Gebäuden mehr. Foto von 2021.
I used to drink tea here
Vielleicht steckt da noch irgendwo 17. Jahrhundert drin. Ich seh davon jedenfalls nichts. Foto von 2022. Seltsamerweise hab ich nie ein direktes Foto von der Weide aus gemacht. Von dort sieht man zumindest noch Backsteine.
Sun and frost
Rechts hinten ist die ehemalige Conciergerie 2010. Phex und Rudi untersuchen gerade irgendetwas Aufregendes auf der Weide.

Das hintere rechte Gebäude auf dem Vorhof war ursprünglich ein Pferdestall gewesen. Zu meiner Zeit behandelte ich die Schafe dort gegen Würmer und ließ sie dort scheren. Wenn ein Schaf krank war, sperrte ich es in eine Pferdebox und rief dann den Tierarzt. Gefüttert habe ich sie dort nur am Anfang. Die Raufenkonstruktion des englischen Handwerkers fiel 2003 herunter und erschlug eins meiner Schafe. Daraufhin kaufte ich eine richtige Raufe aus Metall für draußen. In dem ehemaligen Pferdestall lagerte ich außerdem das Stroh für die Streu. Die Amerikaner lagerten im vorderen Teil Plastiksäcke mit Schafwolle aus den 1980ern und 1990ern.

Blick in den antiken Pferdestall
Blick in den alten Pferdestall. Immerhin muss es dort irgendwann Elektrizität gegeben haben. Aber nicht mehr zu meiner Zeit. Foto von 2013.
Der Stall hat Augen
Das war mein Stroh im Jahr 2013. Die kleinen Fenster sehen aus wie Augen, finde ich.
The new shearing machine
Schur im Jahr 2013. Ich hab jedes Jahr einen Schäfer geholt. Das hier war der neue Schäfer und er hat hier seine neue Maschine erstmals eingesetzt.
Schur im Jahr 2009. Dieser Schäfer hieß Maurice Platevoet und war mit den Leuten verwandt, die früher in der ehemaligen Kapelle gewohnt haben. Und so wie er hat man die Schur schon im 19. Jahrhundert gemacht. Er wurde 1929 geboren und starb 2012. Er liegt in Brionne auf dem Friedhof.
Der Stall hat auch hinten Augen
Das sind die Augen des Stalls von außen. Das Foto ist von 2014.
Meine Schafe vor dem Pferdestall im Jahr 2012.
2009 mit Phex an der Rückseite des ehemaligen Pferdestalls. Sieht für mich immer noch wie ein Gesicht aus, nur sind jetzt andere Fenster die Augen.

Im hinteren linken Gebäude standen ursprünglich die Karossen, vor die man die Pferde anspannte, wenn die Adligen irgendwohin wollten. Die Belgier, die in der alten Kapelle wohnten, hatten das Gebäude wohl als Kuhstall genutzt. Die Amerikaner haben einen Teil des Gebäudes abgesichert und mit einer versteckten Metalltür versehen. Der Rest dient als Lager für Krempel. Zu meiner Zeit wohnte eine Schleiereule in dem Gebäude.

2009 mit einem Lamm im Schnee vor dem Wagenstall.
Die Zeit steht mal wieder still
Ansicht der Marken vom Veterinär des Agrarministeriums. Das Foto hab ich 2013 gemacht, die Marken wurden von 1959 bis 1968 vergeben.
Carriage barn
Die Rückseite des Wagenstalls im Jahr 2018. Geradeaus ist die ehemalige Conciergerie zu sehen.
The barn has an eye
2014 hatte der Wagenstall jedenfalls auch ein Auge.

Der Vorhof selbst war zu meiner Zeit eine Weide, die im Sommer nur abends genutzt wurde. Morgens holte ich die Schafe in den Park und abends ließ ich sie auf den Vorhof. Heute ist es immer noch eine Rasenfläche. Auf der Rasenfläche gibt es Marnières, das sind Mergelgruben, die hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert angelegt wurden. Im Ancien Régime (vor der Französischen Revolution) sah der Vorhof bestimmt anders aus. Der Vorhof muss zugleich als Ehrenhof genutzt worden sein. Nun weiß ich nicht, wie viele Truppen die Le Sens (oder die Desens) de Morsan hatten. Philémon, der Gouverneur von Bernay, muss Truppen gehabt haben. Ob diese Truppen in Morsan oder in Bernay exerziert haben, kann ich nur vermuten und da würde ich annehmen, dass sie das in Bernay taten. Aber wissen kann ich es nicht.

Hinter diesem Vorhof ist ein Tor und ein Weg, über den eine Kutsche passen würde. Der Weg führt über zwei ummauerte Gräben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass da jemals eine Zugbrücke war, denn der Weg ist solide und mit den gleichen Steinen eingefasst, mit denen die Gräben eingefasst sind. Die Konstruktionen sehen auch nicht so aus, als sei jemals Wasser im Graben gewesen.

That tarp will be enough
Auf diesem Foto von 2021 sieht man zumindest einen Teil der Einfassung des Südgrabens, mitsamt dem Südturm.
Hier sieht man zwei Lämmer auf der Umfassung des Südgrabens stehen. Die Grasfläche hinter dem Tor ist der Vorhof. Das Bild ist von 2012.
Hier sieht man Phex und Nebelschafe 2009 auf dem Weg durch die Gräben mit der südlichen Grabeneinfassung.
Auf diesem Foto von 2010 sieht man immerhin von weitem einen der Pfosten, die rechts und links am Eingang des Weges stehen. Oben auf diesen Posten ist ein steinerner Blumentopf. Kein Topf zum Einpflanzen, sondern eine Skulptur. Diese Blumentöpfe sind sehr beliebte Dekorationen in den Gärten von Schlössern.

Rechts und links von den Gräben stehen Türme. Das Alter der Türme ist schwer zu bestimmen. Sie sehen aber nicht älter aus, als alles andere, sondern scheinen aus dem gleichen Sandstein gebaut zu sein, aus dem das Schloss ist. In der untersten Etage wurde Feuerstein verbaut. Das ist auch nicht sehr hilfreich. Feuerstein gibt es hier en masse auf den Äckern und er wurde in allen Jahrhunderten zum Bau benutzt. Es gab ihn ja umsonst überall herumliegen. Nehmen wir an, dass die Türme gleichzeitig mit dem Schloss gebaut wurden. Der Sandstein legt das auch nahe. Auf den Türmen stehen Turmspitzen aus Blei, die eine Kapsel enthalten, auf das Datum steht, wann sie aufgestellt wurden. Natürlich habe ich die Turmspitzen nicht heruntergeholt und nachgeschaut.

Ich rate also spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. Auf dem Foto ist wieder der Südturm anno 2009 mit Dach.
Épi de faitage tour Morsan
Die Turmspitze vom Südturm im Jahr 2013.
Auf Augenhöhe
Hier bin ich 2014 auf dem Nordturm und fotografiere von dort den Südturm. Das Dach ist kaputt, das Loch ist aber auf der anderen Seite.

Möglich ist, dass Philémon Le Sens, der erst im späten 16. Jahrhundert geadelt wurde, die Güte seiner Familie und seines Adelsrechts dadurch demonstrieren wollte, dass er die Türme und die Gräben als Zeichen hat bauen lassen, dass dort vielleicht auch schon im Mittelalter eine Burg gestanden hat. Im Mittelalter war seine Familie nicht adelig und kann dort keine Burg besessen haben und auch sonst ist von einer mittelalterlichen Burg dort nichts bekannt. Natürlich hätte ich gerne Grabungen veranstaltet oder veranstalten lassen, das geht schlecht, wenn man nur eine Art Magd-Gärtner-Hirte-Köchin-Sekretärin-Fremdenführerin-Kombination ist. Es gibt einen alten Brunnen, in den ich mich nicht hinuntergewagt habe, denn ich hab Arachnophobie und ich war generell einfach zu feige. Die Besitzer bestehen darauf, dass das Schloss vormals eine Burg gewesen ist, die im Jahr 1000 erbaut wurde, denn mit weniger Nullen geben wir uns ja nicht ab.

Die tolle Turmspitze vom Nordturm hing die ganzen Jahre so herum (Foto von 2008).
Tour et maison des gardiens
Und dieses Foto von 2013 ist das einzige Foto, das ich finde, worauf man den Nordturm einigermaßen sieht. Das Haus da war eigentlich eine Garage, die die Amerikaner in den 1980ern umgebaut haben. Es existiert nicht im Kataster, weil sie keine Genehmigung dafür hatten. Das Gebäude ist wesentlich jünger als die Nazibetonbauten zu denen wir später noch kommen.

Im Ancien Régime waren die Adligen von Steuern befreit. Dafür mussten sie im Ernstfall ihre Truppen zur Verfügung stellen. Der Ernstfall trat aber nur selten ein, während der Steuererlass und verschiedene Rechte, die gutes Geld einbrachten, ganzjährig bestanden. Viele Familien erfanden mythische Vorfahren, die nur mit einem Vornamen benamst waren und natürlich an der Seite von Wilhelm dem Eroberer gekämpft haben. Beweisen konnte man so etwas nicht, aber man konnte auch nicht das Gegenteil beweisen. Ich denke da zum Beispiel an die Harcourts.

„Adelsbetrug“ war dermaßen üblich, dass Louis XIV (1638-1715) einen Beamten durchs Land geschickt hat, der untersucht hat, ob die angeblichen Adeligen überhaupt einen Adelssitz hatten und wenn ja, von wem sie den hatten. Wenn sie einen fälschlich erworbenen oder gar keinen Adelssitz hatten, wurde ihnen der Titel aberkannt und sie mussten hohe Strafen zahlen.

Das ursprüngliche von Philémon erbaute Schloss war einfach aufgebaut, ein Rechteck, was einen der Autoren über die hiesigen Herrenhäuser und Schlösser dazu veranlasst hatte, zu behaupten, das Gebäude sei an sich nur ein Pavillon und gehöre zu einem größeren zerstörten Gebäude. Wahr ist, dass das Schloss nicht komplett mittig steht, aber fast mittig. Daher kann es kein Pavillon eines größeren Schlosses gewesen sein. Es könnte aber die Hälfte eines größeren Schlosses gewesen sein. Das werden wir wahrscheinlich nie erfahren.

Im Süden und Norden wurden 1750 halbrunde Pavillons angebaut, so nennt man bei Schlössern Gebäudeteile, die am Schloss mit dran sind. Es gibt auch bei Schlössern einzelnstehende Gebäude, die Pavillon genannt werden, aber hier handelt es sich jedenfalls um Anbauten. Der Pavillon im Süden ist schön dekoriert und davor ist ein Wasserbecken, an dem die Skulptur eines Pan hockt. Der nördliche Pavillon wurde bis 1827 nicht vollendet. Warum ausgerechnet bis zu dieser Jahreszahl, weiß ich nicht mehr. Das bedeutet jedenfalls, dass der Nordpavillon nicht dekoriert ist und nach nichts aussieht. Dekoriert wurden im Zuge dieser Umbaumaßnahmen auch die beiden anderen Seiten des Schlosses. Im Westen ist die Fassade aber durch den Wind vom Meer abgeschliffen worden.

The white castle
Schloss mit Südpavillon und Becken mit Pan 2021.
Türgesicht
Dekoration über dem Südeingang 2013.
Sehr schlechtes Foto von 2008 auf dem das obere Relief dargestellt ist. Ein Kind reitet auf einem Ziegenbock.
Pan in the evening sun
Pan am Wasserbecken 2013.
Ostenkatz
Ostseite mit Miniputz 2013.
Verzierung an der Ostseite. Foto von 2012.
Ostseite 2012.
Ostseite 2012.
Sculpted lintel
Zum Vergleich eine Verzierung am Salzsteuerbüro in Bernay. Beiden Gebäuden wird nachgesagt, dass Ange-Jacques Gabriel (1698-1782) die Umbauten vorgenommen habe.
2010 hatten wir Schnee. Hier sieht man die Nordseite wenigstens ein bisschen. Der Anbau auf der Nordseiten ist schmaler, weil eine große Treppe in den Keller hinunterführt. Dafür ist er ein bisschen länger. In dem Anbau ist die Wendeltreppe. Nach dem 2. Weltkrieg und auch noch als die Amerikaner das Schloss kauften, gab es keine direkte Treppe vom Erdgeschoss in den Keller. Man musste erst raus und dann die große Treppe hinunter. Die beiden Hunde sind Bach und Rudi.
Nach einer Renovierungsaktion sah das Schloss 2010 kurzfristig besser aus. Es war nur Kosmetik und hielt nicht lange. Der Hund ist Phex und er blickt auf die Ecke von West- und Südseite des Schlosses.

Die älteren Teile des Schlosses, die Gräben und Türme sowie der Hauptbau ohne die Pavillons sind alle im Stil von Henri IV (1553-1610)  gebaut, sagt eine meiner Quellen. Der Riesenvorhof ist aber wohl erst zwischen 1650 und 1750 entstanden.

An der Nordseite gibt es ein zugemauertes Fenster. Angeblich wegen der Fenstersteuer, die es ab dem 24. November 1798 (4. Frimaire VII nach Revolutionszeitrechnung) bis 1926 gab. Danach mussten die Besitzer von Häusern Steuern auf alle Türen und Fenster zahlen. Das Schloss hat aber noch genügend Fenster und ich weiß nicht, ob dieses eine Fenster einen großen Unterschied macht. Vielleicht hat es aber auch mit der Zündelei der Preußen im Krieg 1870/71 zu tun. Die einen sagen so, die anderen sagen so. Im Schloss gab es danach jedenfalls eine Wendeltreppe statt einer geraden Treppe. Und es gab ein neues Parkett. Eine gerade Treppe verbraucht mehr Platz und wäre zum Beispiel dort verlaufen, wo es heute im 1. Stock (oder „halbten“ Stock) ein Badezimmer gibt, das heute nur von der Wendeltreppe aus zugänglich ist.

Die Wendeltreppe im Schloss 2007.
Das Parkett in der „Bibliothek“ wurde im 19. Jahrhundert verlegt. Das Foto ist von 2007. Ich hab ganz tief in meinen Archiven gewühlt.

Ob es der letzte Marquis von Morsan war, weiß ich nicht, aber jemand legte einen kleinen Friedhof für seine Hunde an.

Pet cemetery and Rudi
Der Hundefriedhof 2013.
Einzelne Gräber 2008.

Im 19. Jahrhundert wurde der Park angelegt. 1802 kaufte Louis-Gervais Delamarre das Schloss von Harcourt und richtete dort ein Arboretum ein. Es geht die Sage, dass Herr Delamarre mit dem damaligen Marquis de Morsan bekannt war und ihm Baumsamen für den Park gegeben hat. Weiter im Süden des Grundstücks in Morsan, auf der Wiese vor der Straße, wurden Apfelbäume gepflanzt. Zwischen Park und Apfelbaumwiese stand ein Halbkreis aus Bäumen.

Blick auf den Park vom Vorhof aus. Das war im Jahr 2008.
An der Nordostecke des Parks im Winter 2010.
Vor der blühenden Kastanie nach oben schauen 2011.
The park of Morsan
Rudi und ein Lamm 2011 an der Kastanie.
Hier sieht man 2010 eine der alten Steinbänke, die auch zum Park gehören. Das Gebäude im Hintergrund nutzten die Schafe zu meiner Zeit im Sommer zum Mittagsschlaf. Darin war wohl nach dem Krieg der Kaninchenstall.
The tower behind the trees
Hier die Bank auf der anderen Seite (2012).
Winterschloss
Im Halbrund gepflanzte Bäume im Winter 2013.
Und hier im Oktober 2010.
Winter sun on snow
Wintersonne auf uralten Apfelbäumen 2010.

Die bösen Deutschen haben im Zweiten Weltkrieg (1938-1945) ein paar Betonkonstruktionen gebaut, wo sie ihre Fahrzeuge vor Flugzeugen versteckt haben. Die Nachkriegsfamilien haben das z. B. genutzt, um Kaninchen zu züchten, Holz zu lagern usw. Ein unterirdischer Gang, der vom Schloss aus in einen der Gräben geführt hat, wurde zugemacht.

Unsere Bunker
Betonkonstruktion 2013 im Nordgraben.
Schafe an Nazibauten 2010. Die Betonkonstruktionen der Nazis hatten ein flaches Dach, über das sie ein Tarnnetz zogen, dann konnte man vom Flugzeug aus nicht sehen, dass da überhaupt ein Gebäude war.

Als die Amerikaner in den 1980ern das Schloss kauften, war es praktisch unmöbliert und eine einzige Baustelle. Sie haben sehr viel verändert. Zum Beispiel gab es im 2. Stock keine Toilette, dafür aber ein Bidet. Jetzt gibt es eine Toilette und kein Bidet. Die Amerikaner bauten Ölheizung ein, verstellten bei einigen Räumen die Zugangstüren und Geheimgänge, ließen einen neuen Sicherungskasten einbauen, behielten aber einige der alten Steckdosen ohne Erde. Sie öffneten den Fußboden im Erdgeschoss an der Nordostecke und bauten eine kleine Wendeltreppe in den Keller ein. Die originale Holzvertäfelung gab es nur noch im großen Salon im Erdgeschoss. Im Keller sind noch der alte Brotofen und die Feuerstelle erhalten. Die meisten der offenen Kamine, die heute im Schloss sind, sind entweder Fake oder der Rauchabzug funktioniert nicht.

Lets burn some baskets
Der Brotofen 2015. Sie haben ihn allerdings nicht mehr benutzt.
Leaves in the cellar
Ganz links der offene Kamin, in dem früher Fleisch oder Fisch gegrillt wurde. Foto von 2015. Interessant finde ich die Stufen vor den Fenstern. Ich weiß nicht, wozu die Stufen dienen sollen. Mehr Licht? Jedenfalls fiel da immer Herbstlaub hinein und Molche und sonstwas. Heute haben sie vernünftigerweise engmaschige Gitter davor.

Ich hab Fotos vom Inneren der Conciergerie. Das sind aber „lost place“-Fotos, daher poste ich die hier nicht mit. Außerdem habe ich Fotos und Video von der Einrichtung des Schlosses. Das poste ich vielleicht irgendwann, wenn das Schloss wider erwarten doch verkauft wird.

Das ist ein Ausschnitt aus dem Katasterauszug, den ich mir selbst am Amt gekauft habe.

Fotos und Text sind von mir, der Katasterauszug ist natürlich vom Katasteramt.

Mehr zu alten Kirchengraffitis beziehungsweise Ritzzeichnungen findet man zum Beispiel hier (auf Englisch): Letter from England – medieval church graffiti und hier: https://rakinglight.co.uk/ und hier: Church of the Holy Sepulchre’s mysterious ‘graffiti’ crosses may not be what they seem

Ich hab auch selbst mal einen Artikel geschrieben, der ist aber nicht sehr gut und ich weiß inzwischen mehr über die Sache: Zeichen gegen den Bösen Blick

Eine wichtige Quelle auf Französisch war das Buch Gentilhommières des Pays de l’Eure von Franck Beaumont und Philippe Seydoux S. 297-299 Verlag Éditions de la Morande 1999 ISBN: 2902091312 steht falsch so im Buch, eigentlich muss die ISBN: 2902091311 sein.

Das Schloss und seine Bewohner habe ich bald nach meiner Ankunft zu einer kleinen Geschichte verwurstet, in der meine Hunde die menschliche Hauptrolle spielen: Brief an Herrn Lothar

Das weiße Schloss – die Geschichte der Schlossbesitzer

Alle Fotos im Artikel sind von mir. Das Schloss von Morsan wird heute von der Bevölkerung „Le Château Blanc“, das ‘weiße Schloss’, genannt. Wahrscheinlich wegen des hellen Sandsteins, aus dem es gebaut ist.

Gebaut wurde das Schloss in Morsan von Philémon le Sens, der 1588 geheiratet hat und 1610 Gouverneur von Bernay wurde. Ich hab, ehrlich gesagt, vergessen, wann er geadelt wurde und ich weiß nur noch dunkel, dass er in zwei Stufen geadelt wurde. Bernay ist heute noch eine relativ wichtige Stadt (9848 Einwohner im Jahr 2019), Sitz eines Arrondissements. Ein Arrondissement ist eine französische Verwaltungseinheit, die man mit dem Landkreis in Deutschland vergleichen kann.

Familiengrab der Le Sens de Morsan in der Kirche von Morsan. Ich habe es 2012 fotografiert. Die Jahreszahl 1600 ist mit Vorsicht zu genießen, sie ist zu schön rund. Außerdem weiß man nicht, wer genau drin liegt. Immerhin waren die Le Sens de Morsan wirklich Grafen und Marquis. Obwohl das Grab in Morsan ist, gibt es Einträge der Le Sens de Morsan auf der Litre Funéraire (Erinnerungsleiste in oder an Kirchen) in oder an der Kirche von Notre-Dame-d’Épine. Ich nehme an, dass die Le Sens Angebote mehrerer Kirchen genutzt haben.

Philémon hat das Schloss nicht ganzjährig genutzt. Er wollte halt gern mit dem König abhängen. Was man als Adeliger im 16. und 17. Jahrhundert so gemacht hat. Als Gouverneur musste Philémon bestimmt häufig in Morsan sein. Er war wohl mit Henri IV (1553-1610) bekannt (Stichwort: mit dem König abhängen) und hat denselben wohl vielleicht mal auf das Schloss eingeladen (man beachte die ganzen Wahrscheinlichkeitsworte). Das Schloss ist als Jagdschloss gedacht und außerdem verfügt es über sehr viele Geheimgänge, die wohl dazu dienten, dass man heimlich amourösen Abenteuern nachgehen konnte. Die Geheimgänge gibt es heute immer noch, aber die heutigen Besitzer haben sie nicht gepflegt und teilweise mit Kisten und Zeugs vollgestopft. Zu den Gebäuden an sich schreibe ich später in einem anderen Artikel noch etwas.

Wächter
Zu Beginn war das eigentliche Schloss ziemlich unspektakulär und winzig. Das hier ist die Westseite. Und da der Wind vom Meer die ganze Dekoration an der Westseite weggefegt hat, passt das sehr gut zum Schloss von Philémon. Das Foto ist von 2013, da war ich mit meinen Hunden Schlosswächter. Da vorne sieht man Rudi und Phex. Man muss sich nur die Bäume wegdenken.
Sad flowers
In diesem Eckzimmer ist zum Beispiel ein Geheimgang hinter dem Schrank. Das Bild hab ich 2021 gemacht, als ich nicht mehr zu den aus amerikanischer Sicht bösen Menschen gehörte (hat nichts mit Deutschland zu tun) und wieder reingelassen wurde.

Nachfahren von Philémon (François, sein Sohn, heiratete 1628; Jean François, sein Enkel, wurde 1691 begraben; Jean Marie Louis, sein Urenkel heiratete 1721 und wurde 1724 begraben) waren eventuell seltener im Schloss, da sie keine Gouverneure von Bernay waren und sonst keine bekannten und/oder wichtigen Zusatzämter hatten. Die Adligen haben, wenn sie keine besonderen Ämter hatten, hauptsächlich davon gelebt, dass sie das Volk ausgenommen haben. Zu den Rechten der Adligen, die zu ihrem Untergang führten, gehörten zum Beispiel das Jagd- und Fischrecht. Sie vergaben auch Konzessionen für Mühlen und Brotöfen. Es war dem Volk untersagt, im Wald Holz zu sammeln. Wenn die Adligen wollten, konnten sie dem Volk Nahrung und Heizmaterial versagen und dass das nicht gut gehen kann, kann man sich vorstellen. In Zeiten, wo das Volk nette oder zumindest vernünftige Adlige hatte, ging es allen gut, aber indifferente Adlige, denen das Volk egal war, gingen überhaupt nicht, geschweige denn, wenn die Adligen Arschlöcher waren. Die Adligen hatten häufig das Recht, Pfarrer zu bestimmen. Da gab es ständige Reibereien mit der Kirche, die auch gern auf das Volk zurückgriff. Irgendwoher muss man ja sein Einkommen bekommen, wenn man selbst gar nichts macht. (Ich schwinge hier große Reden, dabei bin ich momentan Hausfrau.)

Pigeonry of Château de Launay
Das hier zum Beispiel ist ein Taubenturm. Die Adeligen hatten das Recht, Tauben zu züchten (und diese Tauben zu essen). Heute scheißen Legionen von Nachfahren dieser Tauben auf die jahrhundertealten Kirchen in Eure. Dieser Turm steht nicht in Morsan, sondern am Château de Launay in Saint-Georges-du-Vièvre.

Auguste Henry Louis Le Sens (1723-1764), ein Ur-Ur-Enkel von Philémon, war mit Künstlern am Königshof befreundet (Ange-Jacques Gabriel?). Da Auguste Henry Louis im Parlement von Rouen war, musste er meist in der Normandie sein. Das Parlement war eine Institution der Rechtsprechung. Auguste machte es sich schön in der Normandie. Er ließ 1750 halbrunde Pavillons im Norden und Süden an das Schloss anbauen. Und es kann sein, dass Ange-Jacques Gabriel (1698-1782) die Dekorationen ausgeführt hat. Es gibt ein Gebäude in Bernay, das Hôtel de la Gabelle (das Salzsteuerbüro), das ähnliche Dekorationen außen hat und das auch Ange-Jacques Gabriel zugeschrieben wird. Das ist aber alles nur Vermutung.

Geist im Spiegel
Ich nenne das Foto „Geist im Spiegel“. Es ist von 2012 und natürlich hatte man im 18. Jahrhundert noch keine Autos. Das da vorne ist der halbrunde Pavillon im Süden. Er ist verziert mit Motiven aus der griechischen Antike. Die Fassade ist ein bisschen abgenutzt.
Ostseite des Schlosses
Das ist die Ostseite des Schlosses. Hier sind über den Fenstern Steine mit Motiven angebracht, wie man sie auch beim Salzsteuerbüro in Bernay findet. Foto von 2013.
Hôtel de la gabelle de Bernay
Und hier zum Vergleich das Salzsteuerbüro von Bernay. Foto von 2015.

Und so ging es weiter bis zur Französischen Revolution (1789-1799). Abdon Thomas François Le Sens (1724-1800), der Bruder von Auguste Henry Louis und damit auch ein Ur-Ur-Enkel von Philémon, wurde 1793 in Bernay in den Knast gesteckt, das Schloss wurde geplündert. Es ist ja nicht so, als hätte die Revolution dem Volk geholfen. Sie hat nur wenigen Leuten aus dem Volk geholfen, die geplündert und sich bereichert haben, sich aufgeführt haben, als seien sie die neuen Herren. Der Rest des Volkes war weiterhin unterdrückt. Die Revolution war dermaßen enttäuschend, mehr eine Diktatur als eine Demokratie, dass es kein Wunder ist, dass sie nicht von Dauer war. Abdon Thomas wurde jedenfalls aus dem Land geworfen. Das ist immerhin noch besser, als guillotiniert zu werden.

le Bonheur de la France
Ein Revolutionsteller. Ein Priester verkündet 1790 nach neuem Gesetz im Dienste der Revolution das „Glück Frankreichs“. Heute kann man übrigens Revolutionsteller von den Mönchen in der Abtei von Le Bec-Hellouin kaufen (wenn auch nicht genau diesen).

Abdon Thomas François ist nach der Revolution nach Frankreich zurückgekehrt, erhielt das Schloss in Morsan zurück und starb anno 1800 in Paris. Sein Sohn Achille Joseph Abdon, erst Graf von Morsan, dann Marquis (?), heiratete 1813. Dessen Sohn Abdon Raymond (1813-1845), Marquis von Morsan, starb schon mit 32 Jahren in Paris. Daraufhin wurde sein Bruder Joseph Marie Philémon (geboren 1817, geheiratet 1852) Graf von Morsan. Das war somit der Enkel von Abdon Thomas François und der hat jedenfalls wieder im Schloss gewohnt und hat es teilweise restauriert. Nach der Heirat bekam Joseph Marie Philémons Frau gleich zwei Söhne, wie es üblich war, aus denen ist aber nichts Vernünftiges geworden. Edmond wurde 1853 geboren und Gaston 1854. Die hatten beide weder Titel noch Söhne und es ist unbekannt wann sie starben, beziehungsweise es ist bekannt, wann der letzte der Le Sens de Morsan starb. Nämlich 1929 in Paris. Welcher von den beiden Söhnen das war, weiß man aber nicht. Es gibt noch andere Le Sens, denen das Schloss in Giverville gehört hat. Die sind ganz entfernt von vor Jahrhunderten mit denen von Morsan verwandt, aber das ist schon so lange her, dass sie auch nicht erbberechtigt waren.

Diese Unklarheit hat mich dermaßen geärgert, dass ich das Sterberegister von Paris im Zeitraum von 1923 bis 1932 durchgesehen habe (ich muss verrückt sein). Ich habe aber nur eine Le Sens Frau gefunden (im 14. Arrondissement). Edmée Jeanne Le Sens starb am 10. September 1927. Dazu fiel mir ein, dass die letzten Le Sens eventuell verheiratet waren. Etwaige Kinder könnten gestorben sein. Dann durchsuchte ich noch das Register von Morsan der Jahre 1863 bis 1922. Jetzt ist klar, ich bin verrückt! Gastons Geburt steht unter dem Namen und Titel Marquis Floriant Gaston Desens in der Akte von 1854. Die Geburt seines Bruders und die Heirat seiner Eltern tauchen nicht auf, können auch in Paris oder Rouen geschehen sein. In Paris fand ich dann Antoine Françoise Nicole Desens de Morsan, gestorben 1821. Keine Ahnung, in welchem Familienverhältnis sie zu den männlichen Desens/Le Sens stand. In der Französischen Revolution wurden sehr viele Akten in Paris zerstört, desgleichen im Krieg 1870/71. Teilweise wurden Akten wiederhergestellt. Ich gehe davon aus, dass die Desens/Le Sens ein Haus in Rouen hatten. Das Archiv von Rouen ist furchtbar und dazu habe ich jetzt wirklich keine Lust. Wann die Namensänderung von Le Sens zu Desens erfolgte, weiß ich nicht. Vielleicht bei der erneuten Anoblierung.

Das ist das Wappen der Le Sens in der Kirche von Morsan. Zu Wappenkunde habe ich bestimmt schon in einem anderen Artikel etwas gesagt. Wappenkunde fasziniert mich, aber es ist die Faszination des Grauens. Ich sage daher nur soviel, es ist de gueule (rot) mit 3 Räucherfässchen und irgendeinem chevron. Das muss reichen. Das Wappen der Le Sens zeigt drei Weihrauchpötte, denn „der Weihrauch“ heißt auf Französisch l’encens, was sich ungefähr genauso spricht wie Le Sens.

Die Stellung der Adligen wandelte sich im 19. und 20. Jahrhundert sehr. Nach der Revolution war es nicht wie vor der Revolution im Ancien Régime. Napoleon I. hat in den Jahren seiner Herrschaft, von 1804 bis 1814 jene alten Adelstitel anerkannt, die er für würdig hielt beziehungsweise den Leuten Adelstitel verliehen, die Ämter innehatten. Zum Beispiel wurden alle Bischöfe zu Baronen und Erzbischöfe wurden Grafen. Weltliche Hohe Beamte erhielten ebenfalls Titel. In den Jahren 1814–1830 wurden im Zuge der Restauration (Wiedereinführung der Monarchie) 2128 Adelsfamilien wieder anerkannt oder neu geschaffen. 1848 wurde im Zuge einer Minirevolution die Vererbbarkeit aller Adelstitel in Frankreich abgeschafft. Das war wie die Regierung von Liz Truss in England, nur halt nicht so schnell, alle paar Jahre machte das Land eine komplette Kehrtwendung.

Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) wurde das Schloss von den bösen Deutschen besetzt und schon wieder geplündert. Die Deutschen zündelten auch ein bisschen und an einer Ecke im Nordwesten hat es gebrannt. Ob da jetzt noch Joseph Marie Philémon am Leben war oder nicht, weiß man nicht so ganz genau, aber ich nehme an, dass er 1891 starb.

Grave of the family Le Sens de Morsan
Dieses Grab auf dem Friedhof von Morsan ist nämlich von 1891.

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde das Schloss natürlich wieder von den bösen Deutschen besetzt.

Der letzte Le Sens de Morsan war ein bisschen speziell. Mein ehemaliger Nachbar, der vom Schloss aus die Straße weiter hoch, schon in Berthouville, wohnte, sagte, der Marquis habe den Südturm umgebaut, damit man darin Getreide trocknen können. Ein großer Stein, der einfach so in der Gegend herumsteht, war wohl dafür da, dass man vom Stein aus einfacher aufs Pferd kommt.  Die Preußen hatten, wie oben gesagt, gezündelt, bei der Gelegenheit ließ der Marquis das Parkett im Erdgeschoss neu verlegen und eventuell die Treppe neu gestalten. Das hat den Marquis nicht ruiniert. Was ihn ruiniert hat, waren die zahlreichen Bälle, Feiern, Jagdgesellschaften und Spielrunden, die der Marquis veranstaltet hat. Er warf sein Geld mit beiden Händen zum Fenster raus und war deshalb, in den 1930er Jahren ruiniert (oder in den 1920ern). Immerhin hatte er viel Spaß in seinem Leben (so der Kommentar vom Nachbarn). In den 30ern (oder 20ern) musste der Marquis jedenfalls alles verkaufen. Er besaß 100 Hektar Land und verkaufte sie für einen Appel und ein Ei an die Familie Amelot (die auch das Schloss in Berthouville damals günstig erstand). Der Marquis verkaufte die Möbel aus dem Schloss. Der Vater des Nachbarn kaufte eine Truhe, sehr preiswert. Nach dem Krieg machten die Käufer des Ackerlandes ein unheimliches Geschäft. Und da der Marquis keine Familie hatte, starb er verarmt und allein in Paris (1929 oder sonstwann). Wenigstens hat er den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben müssen.

The library
Die Bibliothek. Keine Bücher drin? Da kann ich auch nichts dafür. Jedenfalls sieht man hier das Parkett aus dem 19. Jahrhundert.

Im Zweiten Weltkrieg (1938-1945) wurde das Schloss natürlich wieder von bösen Deutschen besetzt, die wie man hört, Gemälde geklaut haben. Außerdem bauten die Deutschen diverse Betonunterstände für ihre Fahrzeuge. Die Motorräder sollen in einem heute zugemauerten Gang, der in einem der Gräben endet, gestanden haben. Dieser Gang ging ursprünglich angeblich bis ins Schloss. Auf der Weide war zu meiner Zeit zudem noch das Dach eines Bunkers zu sehen.

Das ist zum Beispiel ein Gang unter dem Nordgraben. Hier wurden angeblich im Zweiten Weltkrieg deutsche Motorräder hingestellt.

Im Weißen Schloss wohnten nach dem Krieg mehrere Familien. Eine im Keller, eine oben im Schloss und eine in den Türmen. In den Betonbauten der Nazis wurden Kaninchen gezüchtet und Holz oder Müll gelagert. In den 1980ern (1982 glaube ich) kaufte ein amerikanisches Ehepaar das Schloss von der Vorbesitzerin, die es seinerzeit vom Marquis gekauft haben muss.

Online-Quelle zur Familie Le Sens de Morsan: gw.geneanet.org

Falls noch jemand verrückt genug ist, hier der Link zu den Archiven von Paris: archives.paris.fr

und zu den Archiven von Eure: archives.eure.fr

Relatierter Artikel über die Kirche von Morsan: Tag des offenen Denkmals 2012 in der Kirche von Morsan

Das Schloss und seine Bewohner habe ich bald nach meiner Ankunft zu einer kleinen Geschichte verwurstet, in der meine Hunde die menschliche Hauptrolle spielen: Brief an Herrn Lothar

La Vache, verdammt

Auf Englisch schrieb ich wohl mindestens einen kuhbezogenen Artikel pro Jahr. Im übertragenen Sinn kuhbezogen und nicht “mit Kuhleder bezogen”. Auf Deutsch aber zuletzt 2009. Mir ist der Humor inzwischen nicht nur komplett vergangen, es ist auch irgendwie sinnlos ihn in deutsche Worte zu kleiden. (Ich hatte einige schlimme Erlebnisse was deutschen Humor angeht, auch auf Facebook.) Daher die Überschrift. “La Vache” heißt nicht nur ‘die Kuh’, sondern ist auch ein beliebter Allerweltsfluch. Haut man sich mit dem Hammer auf den Daumen, sagt man “la vache”.

Dieses Normanne-Mädchen mag Salz und ist neugierig. Hier entkam meine Kamera nur knapp einer Linsenreinigung. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Die Brillen von Normannen finde ich besonders niedlich.

Ist das süß oder was? Und auf die üblichen Fleischesserbemerkungen kann ich an dieser Stelle ganz gut verzichten. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Und an dieser Stelle möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass ich nicht “in der Landwirtschaft” arbeite. Das sind Kühe von den Nachbarn, nicht meine. Nix gegen die Landwirtschaft. Aber sämtliche deutsche Landwirtschaftsweisheiten greifen hier einfach nicht.

Wie kann das Frauchen nur so grantig sein, obwohl die Kühe so niedlich gucken? Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ja, ich geb zu, ich bin “vachement”, wörtlich: ‘kuhartig’, heißt aber ‘extrem/sehr/ziemlich’ schlecht gelaunt.

Und nicht nur weil ich Gesülze lesen musste, in dem mir solche Nasenringe als unheimlich stressmindernd für Kälber verkauft wurden. Der Ring soll das Kalb entwöhnen. Damit der Bauer die Milch verkaufen kann, nicht damit das Kalb keinen Stress hat. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Genauer gesagt, das Kalb kann mit dem Ring nicht mehr saugen, es kann auch sonst praktisch nichts damit. Aber das ist landwirtschaftlich betrachtet piepegal, hauptsache es frisst was und wird dick. Grasen kann es wohl schon noch, Futter geben kann ich ihm aber nicht, wir haben das versucht. Gelesen zugegebenermaßen auf Englisch bei der Regierung von Ontario. Und weil ich davon noch schlechtere Laune bekomme, gibts davon erstmal keine Fotos mehr.

Diese drei Damen sind jedenfalls vachement entspannt, das sieht man auch an den Ohren. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Eines Tages waren die Nachbarskühe weg. Sie wechseln die Weiden. Sie waren aber nicht weit umgezogen, nur ans andere Ende des nachbarlichen Grundstücks. Trotzdem hatte ich sie vermisst.

Da hatten sie die ganze Zeit herumgehangen, am Zaun zu unserer Weide. Sie fanden uns wohl interessant und harmlos. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Momentan kann ich nicht herumfahren. Ich hab und verdiene halt nicht das Geld, um das Auto zu importieren. (Und nein, das hat nichts mit den Löhnen in der Landwirtschaft zu tun.) Der Behördenkrams kostet einfach zu viel. Nun schulden mir gewisse Leute ja noch Geld und das würde lang und breit für das Auto reichen, für Import und Reparatur und es bliebe noch was übrig, selbst wenn ich nur die Hälfte des Geldes bekäme. Ich krieg das Geld aber nicht. Ich kriege nur Ausreden oder nicht einmal die. Die gewissen Leute scheinen das auch regelmäßig zu vergessen und fragen immer wieder ganz unschuldig, ob ich denn jetzt das Auto importiert habe. Sogar ein Bekannter, der sonst eigentlich immer zu diesen Leuten gehalten hat, erklärte mir vorgestern, die seien verrückt.

Die Kühe freuen sich jedenfalls, uns zu sehen, immerhin. Phex mag Kühe allerdings nicht besonders und beschwert sich regelmäßig wenn ich stehenbleibe, um Kuhfotos zu machen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Hinzu kommt ja noch der Schlossverkauf. Im März tauchte völlig unerwartet der Schlosskäufer auf und erklärte mir, ich sei schwierig, solle mir aber keine Sorgen machen, ich könne hier wohnen bleiben. Ist ja ein Wunder, dass er nicht gefragt hat, wieviel Miete ich zahle. Gewisse Leute haben mir nicht nur nicht gesagt, dass der Schlosskäufer vorbeikommt, und der meinte dazu, sie haben das mit Absicht gemacht, sondern haben dem auch noch erzählt, ich sei schwierig. Er hält mich für eine komplette Idiotin, was an meinem schlimmen deutschen Akzent liegen könnte. Übrigens ein Grund weshalb Immigranten in Frankreich häufig unglücklich sind und lieber nach Spanien ziehen. Franzosen werden dazu erzogen, ihre Nation und vor allem auch die Sprache als überlegen anzusehen, was im internationalen Handel und in der Diplomatie ziemlich ungünstig ist. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, sogar bei den Konservativen, aber der Schlosskäufer ist schon überzeugt, dass Leute, die nicht so gut Französisch sprechen, Idioten sind. Ich frag mich in dem Zusammenhang auch, wie die Verhandlungen laufen und was er von gewissen Leuten denkt, denn deren Französisch ist nicht wirklich besser als meins.

Mein Kuhisch ist schon ganz okay, aber der dunkle Kasten sieht gefährlich aus. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Leider kann ich nicht bestätigen, dass körperliche Arbeit gegen Aggressionen hilft. Im Gegenteil. Je mehr ich schufte, desto wütender werde ich. Heute ist übrigens ein Feiertag in Frankreich, den die Deutschen nicht feiern, die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945. Aber ob Feiertag oder Sonntag ist ja komplett egal, und zwar nicht wegen Landwirtschaft, sondern weil solche Konzepte wohl unkapitalistisch sind (zumindest wenn man gewissen Leuten glauben muss).

Hübsche weiße Augenwimpern. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ist mir immer noch total unklar, wieso ich in der Schule Kuhaugen sezieren musste. Wahrscheinlich weils eklig ist.

Das sind vachement kleine gerade entwöhnte Jungbullen auf einer Weide am Ortseingang. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Eigentlich halte ich ganz gern ein Schwätzchen mit dem Mann, dem das Fachwerkhaus in dem Foto gehört – und nein, ich werde nicht mit dem schlafen oder ihn heiraten oder diese ganze Hormonscheiße… *Augen roll* Ich begegne ihm öfters wenn ich mit den Hunden spazierengehe, was in der letzten Zeit allerdings nicht ganz so oft vorkommt, da ich furchtbar viel wütend machende Arbeit habe. Ich: “Wir hatten einen langen Winter.” Er: “Es ist viel Wasser gefallen.” Ist etwa wie eine Unterhaltung mit Winnetou oder so. “Der Mond wird noch oft aufgehen bevor mein muhender gefleckter Bruder gegessen wird.” Okay, Winnetou ist fiktiv, dann halt Cochise.

Eine erwachsene Normannin, man sieht die Augengläser nicht, weil der Kopf zu schwarz ist. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Weshalb ich darauf hinwies, dass ich den Opa vom Ortseingang nicht heiraten werde? Sowas höre ich andauernd. Als jener oben erwähnte Bekannte hier war, erwähnte ich, dass ich mit Herrn C., einem Genie bezüglich Mechanik, die Motorsense repariert habe. Sofort meinte er, ich solle den doch heiraten. Sowas geht mir vachement auf den Keks. Ich werde die alle nicht heiraten und auch nichts Sexuelles mit denen machen. Ich frag mich ja doch manchmal, ob solche Bemerkungen auch aus Eifersucht gemacht werden. Jungs, ihr regt mich damit nur an, notlesbisch zu werden.

Verführungsversuch, in Ermangelung von Äpfeln oder Kraftfutter versuch ichs durch die Blume. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Und hinter der Kirche standen Charolais Jungbullen. Die sind auch ganz niedlich, waren aber ziemlich ängstlich und da ihr Anführer ganz klar ein Taschentuch braucht, hab ich da keine Fütterungsversuche unternommen. Eigenes Foto auf Flickr, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Carsix, Baumärkte und mittelalterliche Geheimnisse

Carsix ist eine französische Gemeinde mit 245 Einwohnern (Stand 1. Januar 2010) im Département Eure in der Region Haute-Normandie.

Carsix liegt hier um die Ecke. Der Weiler Malbrouck an der ehemaligen Route nationale 13 (seit 2006 D613) gehört zur Gemeinde. Da gibt es ein Gewerbegebiet mit dem größten Baumarkt der Gegend. Lustigerweise haben Märkte an dem Ort eine jahrhundertelange Tradition.

Geschichte

Die Ortschaft wurde 1180 unter dem Namen Caresis erstmals erwähnt. Marie de Carsi(x) war die Tochter von Picard von Carsix, dem damaligen Seigneur von Carsix, der jedoch schon verstorben war als Marie in die Geschichte der unseligen Könige verstrickt wurde. Marie wurde die Amme von Johann I. (15. bis 19. November 1316), auch Johann der Posthume genannt, da er nach dem Tod seines Vaters geboren wurde. Sie taucht als Marie de Cressay in den historischen Romanen von Maurice Druon auf. Dort tauscht sie ihr eigenes Kind gegen den neugeborenen König aus, da ein Anschlag auf dessen Leben befürchtet wurde. Das getötete Kind war ihr eigentlicher Sohn und Johann überlebte. Laut einem anderen (unbequellten) Wikipedia-Artikel soll zur Zeit Johanns II. (1319 –1364) ein Mann aufgetaucht sein, der behauptete, Johann I. zu sein. Tote Königskinder neigen dazu wiederaufzutauchen. Um das nochmal klarzustellen, Druon hat sich das mit dem Kindstausch ausgedacht, aber er hat es sich sehr plausibel ausgedacht.

Totenprozession Johanns des Posthumen. Bild ist gemeinfrei aufgrund seines Alters.

Die Ländereien von Carsix gehörten gegen Ende des 14. Jahrhunderts dem Seigneur von Thibouville. Durch Heirat der Erbin von Thibouville erhielt Henri de Gouvis Carsix im Jahr 1420. Im Jahr 1560 erhielt Pierre II. du Fay, vicomte de Pont-Audemer, die Seigneurie. Im 17. Jahrhundert wurde ein Familienzweig Fay de Carsix gegründet. Die Seigneurie blieb bis zur Französischen Revolution (1789–1799) im Besitz der Familie.

1793 erhielt Carsix im Zuge der Französischen Revolution den Status einer Gemeinde und 1801 durch die Verwaltungsreform unter Napoleon Bonaparte (1769-1821) unter dem Namen Carsi das Recht auf kommunale Selbstverwaltung. Auch wenn die Seigneurien durch die Revolution aufgelöst wurden, blieb die Familie Fay bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Besitz des Schlosses.

Das Schloss hinter dem schmucken barocken Eingangstor. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Am 28. August 1833 reiste König Louis-Philippe I. (1773–1850) durch Carsix. Zur Erinnerung daran wurde fortan ein zweiter großer Markt in Malbrouck gehalten, nämlich da, wo heute das Gewerbegebiet ist.

Im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) besetzte die Wehrmacht die Gemeinde und nutzte das Schloss als Kommandantur. Nach der Flucht der Deutschen diente das Schloss als Hospital. Der Schlosspark fungierte währenddessen als Soldatenfriedhof. Die Deutschen haben sich hier nicht so sagenhaft beliebt gemacht.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Das Schloss von Carsix wurde von Pierre-Georges du Fay um 1741 auf den Fundamenten eines älteren Gebäudes errichtet. Durch das “du” nicht verwirren lassen, das ist schon die gleiche Familie, nur das “de”, ‘von’ änderte sich im Laufe der Zeit, manchmal fiel es auch ganz weg. Pierre-Georges Sohn Pierre-Philippe ließ die seigneuriale Kapelle bauen. Das Schloss hat zwei Seitenflügel. Die Fassade besteht aus rotem Backstein und hellem Naturstein. Nach seiner Heirat im Jahr 1900 zog Georges du Fay in das Département Manche und verkaufte das Schloss in Carsix. Es wechselte daraufhin mehrfach den Besitzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile der Schlosses durch Schimmel zerstört. Als eine private Gesellschaft 1966 das Gebäude erwarb, war im Gebäudeinneren nur ein original eingerichteter Raum im Stil des Louis-quinze erhalten.

Das Schloss von Carsix. Näher ran hab ich mich nicht getraut. Es ist ja irgendwie im Privatbesitz und wirkte auch privat. Ich benehme mich normalerweise dann auch nicht daneben und geh einfach rein. Hier jedenfalls nicht. Eigenes Foto auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

An der Straße nach Plasnes steht ein Herrenhaus mit Taubenhaus im Stil des Klassizismus des frühen 19. Jahrhunderts.

In Carsix gibt es 31 Häuser und Bauernhöfe aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Neun davon wurden bisher von der staatlichen Denkmalsbehörde besichtigt, die meisten davon stammten aus dem 18. Jahrhundert.

Schutzpatron der Kirche Saint-Martin ist Martin von Tours. Das Kirchenschiff wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts errichtet, der Chor wurde im 14. Jahrhundert umgebaut, Kirchturm und Dach des Kirchenschiffs wurden im 16. Jahrhundert ergänzt beziehungsweise erneuert. Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche restauriert.

Weiterführende Informationen (deutsch)

Maurice Druon: Die unseligen Könige. In: DER SPIEGEL 3/1959

Die unseligen Könige. amazon.de

Weiterführende Informationen (französisch)

Alte Postkarten aus Carsix im Départementsarchiv

Carsix auf der Webseite der Préfecture Eure

Le village de Carsix. In: Annuaire-Mairie.fr

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. 1, Librairie Droz, 1990, ISBN 2-6000-2883-8, S. 53

Frédéric Galeron: Statistique de l’arrondissement de Falaise. 3, Brée l’aîné, Falaise 1829, S. 123

Carsix – notice communal. In: Cassini.ehess.fr.

Raymond Bordeaux: Statistique routière de Lisieux à la frontière de Normandie. In: Annuaire Normand. Delos, Caen 1849

Bernard Bodinier (Hrsg.): L’Eure de la Préhistoire à nos jours. Jean-Michel Bordessoules, Saint-Jean-d’Angély 2001, ISBN 2-913471-28-5, S. 246

Franck Beaumont, Philippe Seydoux: Gentilhommières des pays de l’Eure. Editions de la Morande, Paris 1999, ISBN 2-902091-31-2 , S. 281f

Notre Dame de Charentonne. Diocèse d’Évreux

Commune : Carsix (27131). Thème : Tous les thèmes. In: Insee.fr. Institut national de la statistique et des études économiques

Eintrag Nr. 27131 in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums

Henry de Servignat: Quatre enigmes royales. In: Dossiers de la petite histoire. Nouvelles Editions Latines, 1958, S. 38–67

Brune de Crespt: Jean Ier, l’enfant qui régna cinq jours. In: Historia Nostra. Alix Ducret

Marie de Carsi

Dies ist eine Verwurstung meines eigenen Wikidiaartikels.
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Gisacum, manche Städte verschwinden einfach

Die Thermen im Jahr 2006, Foto von Wikimedia Commons Benutzer Urban, Lizenz: gemeinfrei/ public domain


Gisacum (IPA:ʒizakɔm) ist die Ausgrabungsstätte einer religiös geprägten gallo-römischen Ortschaft in Frankreich. Faszinierend finde ich daran, dass Städte einfach so verschwinden können (vergleiche Alesia oder Quentovic. Ursprünglich war die Ausgrabungsstätte nach ihrem Standort in der Nähe des Weilers Cracouville benannt, der südwestlich vom Ortskern von Le Vieil-Évreux liegt. Besiedelt war Gisacum von Eburoviken. Es lag nur etwa 6 Kilometer von deren Hauptstadt Mediolanum (heute Évreux) entfernt und liegt heute auf einer mittleren Höhe von 133 Metern über dem Meeresspiegel auf dem östlichen Teil des Gemeindegebiets von le Vieil-Évreux und erstreckt sich bis auf die angrenzenden Gemeindegebiete der Ortschaften Miserey, Cierrey und Le Plessis-Hébert. Gisacum und Mediolanum waren verbunden. Mediolanum diente als weltliche und Gisacum als religiöse Hauptstadt.

Geschichte

Das Theater von Gisacum im Jahr 2009, Foto von Wikimedia Commons Benutzer Gérard Métron, Lizenz: CC by-SA/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic


Gisacum wurde im ersten Jahrhundert erbaut und in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts abgerissen, um eine neue Stadt zu erbauen. Gisacus war einer von drei Stadtgöttern, die in den Tempeln der Stadt verehrt wurden. Er wurde unter der römischen Herrschaft mit Apollon gleichgesetzt, muss also ähnliche Attribute gehabt haben. Apollon ist der Gott der Sonne, der Kunst und der Medizin. Es war bei den Eburoviken üblich, Dreiergruppen von Göttern an einem Ort zu verehren. In der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts war die Blütezeit der Ortschaft, dann wurde sie verlassen. Gisacum war nicht befestigt und daher schutzlos den Überfällen germanischer Stämme ausgesetzt. Auch andere gallo-römische Tempelanlagen wurden in jener Zeit aufgegeben, vergleiche Canetum oder Canetonum in Villeret.

Die Einwohner von Gisacum zogen nach Mediolanum und nutzten die verlassenen Gebäude von Gisacum als öffentlichen Steinbruch zum Bau der Stadtmauer von Évreux. Teile jener Stadtmauer werden heute im Museum von Évreux ausgestellt. Das Große Heiligtum wurde ab dem 6. Jahrhundert als Nekropole genutzt.

Bronzestatue des Jupiter, Foto von Wikimedia Commons Benutzer Vassil, Lizenz: gemeinfrei/ public domain

Im 17. Jahrhundert verfasste Louis de Boislambert, der damalige Pfarrer von Le Vieil-Évreux, eine Denkschrift über die Ruinen von Gisacum. Von 1765 bis 1770 wurden die Ruinen für den Bau der Straße von Paris nach Lisieux ausgeschlachtet. Die ersten Ausgrabungen bei Cracouville führte François Rever von 1801 bis 1804 durch. Er veröffentlichte 1827 seinen Grabungsbericht. Durch eine in den Ruinen gefundene Inschrift mit dem Namen des Gottes Gisacus (Deo Gisaco) kam Auguste Le Prévost 1828 auf die Idee, dass der Ortsname der in Le Vieil-Évreux gefundenen Ruinen dem ehemaligen Ortsnamen von Gisay-la-Coudre (im Pays d’Ouche) entsprochen haben könnte. Dieser Ortsname war Gisacum. Die Ortschaften sind auch durch die Verehrung des Heiligen Taurinus von Évreux verbunden. Was schon ein ziemlich seltsamer Zufall ist. In der Legende des Taurinus wurde eine „Villa des Lucinius in Gisacum“ erwähnt. Es gibt noch eine dritte Gemeinde im Département Eure, deren Name mit der Gottheit Gisacus verknüpft ist, Gisors. Die Ruinen in Le Vieil-Évreux hatten die Bildung lokaler Legenden gefördert. Dazu gehört die Erwähnung in der fiktiven Biografie des Taurinus, verschiedene Ortsbezeichnungen und die Sage der Druidinnen von Cracouville. Sogar der Name der Gemeinde “Le Vieil-Évreux”, ‚das alte Évreux‘, ist entstanden, weil man annahm, die Ruinen stammen aus der Zeit vor der Gründung des heutigen Évreux.

1829 führte De Stabenrath, der königliche Prokurator von Évreux, eine Ausgrabung durch und veröffentlichte seinen Bericht 1831. Von 1838 bis 1841 unternahm Theodose Bonnin wichtige Ausgrabungen. Er nannte die Ruinen in seinem Bericht 1860 erstmals offiziell Gisacum. Bonnin fand unter anderem eine Statue des Jupiters und des Apollon, die heute im Museum in Évreux ausgestellt werden. Von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg (1914–1918) führten Émile Espérandieu (1857–1939) und Henri Lamiray Ausgrabungen durch. Weitere Ausgrabungen fanden 1933 bis 1939 statt. 1936 entdeckte Marcel Baudot (1902–1992) an den Thermen das „Fanum der Quelle“, von dem man annahm, dass dort eine Quelle verehrt wurde.

1951 wurde das „Fanum von Cracouville“, das Große Heiligtum, offiziell als Monument historique (‚historisches Denkmal‘) klassifiziert.

Im Jahr 2002 wurde der 2,5 Hektar große archäologische Garten der Thermen eröffnet. Er ist vom 1. März bis 15. November für Besucher geöffnet. Und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dem archäologischen Garten zwar auf Facebook folge, aber noch nie dort war. Es ist doch ein bisschen weit mit meinem armen alten Autochen. Vielleicht schaff ichs ja im März.

Aufbau der Tempelanlage

Plan der Funde von Bonnin von 1841, Lizenz: gemeinfrei/ public domain

Die Gesamtgröße von Gisacum wird auf über 400 Hektar geschätzt. Der generelle Plan entsprach dem klassischen Aufbau Thermen – Tempel – Theater. Die Gläubigen reinigten sich zuerst in den Thermen, bevor sie den Tempel betraten.

Ein breiter Weg verlief von Nordosten nach Südwesten durch die Tempelanlage und verband die verschiedenen Gebäude. Im Südwesten waren die Thermen, nördlich davon das Fanum der Quelle. Nordöstlich davon stand das Große Heiligtum. Es hatte eine Fläche von 6,8 Hektar und war etwa 25 Meter hoch. Darin standen drei Gruppen von kleinen Tempeln aus dem 1. und 2. Jahrhundert und drei große Tempel aus dem Beginn des 3. Jahrhunderts. Nordöstlich des Großen Heiligtums stand das Theater, nördlich davon das Forum, nordwestlich davon ein weiterer Umgangstempel. Umgeben war der Tempelbezirk von Wohnhäusern.

Das halbkreisförmige Theater fasste etwa 7000 Besucher. Es war etwa 5 Meter hoch und sein Durchmesser war 106 Meter.

In einem halbkreisförmigen Gebäude mit 35 Metern Durchmesser, das bei den Thermen stand, wurden zahlreiche gallische Münzen gefunden, die zumeist aus der Zeit nach der römischen Besetzung (nach 52 v. Chr.) stammen. Es wurden keine Objekte aus der Zeit nach dem Prinzipat (Ende des 3. Jahrhunderts) gefunden. Das Gebäude wurde lange Zeit für ein Nymphäum gehalten. Die Wände bestanden aber zum Teil aus Holz, was gegen eine Nutzung als Nymphäum spricht. Das Gebäude war wohl ein Marktplatz durch den ein kleiner Kanal lief. Es wurde in der Mitte des 3. Jahrhunderts zerstört und diente danach noch eine Weile als Schlachthaus. Im 19. Jahrhundert war es ein Acker. Beim Pflügen wurden regelmäßig Knochen freigelegt, die der Parzelle den Namen Champ des os (‚Knochenfeld‘) gaben.

Ein etwa 25 Kilometer langes Aquädukt verlief ober- und unterirdisch bis Damville.

Artefakte

Statue des Silenos, Foto von Wikimedia Commons Benutzer Urban, Lizenz: gemeinfrei/ public domain

Insgesamt wurden Statuen der Götter Apollon, Herakles, Jupiter, Mercurius und Minerva gefunden. Die beiden bedeutendsten Kunstwerke, die in Gisacum gefunden wurden, sind zwei bronzene Statuen aus dem 1. Jahrhundert, die Jupiter beziehungsweise Apollon darstellen. Die Jupiterstatue ist 91 Zentimeter hoch. In den Händen hielt der bärtige nackte Gott wohl eine Waffe, eine Lanze oder einen Blitz, was immer er gehalten hat, es ist verloren. Die bronzene Statue des Apollon ist 68 Zentimeter hoch und konventioneller als die Jupiterstatue. Apollon ist ebenfalls nackt dargestellt, allerdings ohne Bart. Die Arme der Statue sind beschädigt. Auf dem Haupt trägt er eine Krone, die ihn als Stadtgott ausweist. Beide Kunstwerke wurden in lokalen Werkstätten hergestellt und geben Zeugnis von der Handwerkskunst der Eburoviken. Außer diesen Statuen wurde noch eine Statuette des Silenos sowie diverse Schmuckstücke und Münzen gefunden.

Weiterführende Informationen

Marcel Baudot: Le problème des ruines du Vieil-Evreux (Eure) in Gallia Band 1, Seiten 191–206, erschienen 1943 (französisch)

Theodose Bonnin: Antiquités gallo-romaines des Eburoviques: Publiées d’après les recherches et les feuilles dirigées. Erschienen bei J.B. Dumoulin in Paris 1860. (französisch)

Dominique Cliquet, Michel Provost (Hrsg), Academie des inscriptions et belles-lettres (Hrsg), Ministere de la culture (Hrsg): L’Eure 27 in Carte Archéologique de la Gaule erschienen bei Fondation Maison des Sciences de l’Homme in Paris 1993. Kapitel 329, Seiten:153–176, ISBN:2-87754-018-9 (französisch)

Auguste Le Prévost, Société des antiquaires de Normandie (Hrsg): Mémoire sur la châsse de St.-Taurin d’Evreux. in Mémoires de la Société des antiquaires de Normandie, Band 4, erschienen bei Mancel in Caen 1928, Seiten 304f. (französisch)

Jean Mineray: Évreux, Histoire de la ville à travers les âges. Erschienen bei Éditions Bertout in Luneray 1988, Seiten 16–19, ISBN:2-86743-062-3. (französisch)

Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. Band 1, erschienen bei Librairie Droz 1990, Seiten 197, ISBN 978-2-600-02884-4 (französisch)

François Rever: Mémoire sur les ruines du Vieil-Évreux. Erschienen bei Ancelle in Évreux 1827 (französisch)

Conseil Général de l’Eure: Dossier pédagogique Visite du site archéologique de Gisacum. Veröffentlicht 2010 als pdf. (französisch)

Conseil général de l’Eure: Gisacum, ville enfouie, Le Jardin Archéologique des thermes (französisch)

Verwurstung eines eigenen Artikels aus der deutschsprachigen Wikipedia in der Version vom 2. Januar 2013 (heute) an der ich nur selbst herumgewurschtelt hab. Trotzdem lizenziere ich den Artikel vorsichtshalber mit der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 (unported).