Die heidnische Bretagne, die Pointe du Raz und die Stadt Ys

Als Gallien von den Römern besetzt war, nahm der keltische Geist Zuflucht in Armorica. Drei Jahrhunderte lang litt die Region unter dem Joch der römischen Legionen und Steuereintreiber. Sie hörte jedoch nie auf, dagegen zu rebellieren. Ein Teil der Bevölkerung emigrierte nach Grossbritannien, es wurde zum Asyl der Druiden und Barden. Im 4. Jahrhundert kam Conan Meriadec (gest. um 421) aus Grossbritannien nach Armorica und bekämpfte die Römer. Er wurde zum Herzog eingesetzt und unterstand als solcher der römischen Regierung, konnte aber weitgehend unabhängig über Armorica herrschen. Conan Meriadecs Herrschaftsgebiet wurde “Bretagne” genannt. Verschiedene Quellen sind sich uneins darübern, ob sich die Bretagne um 409 schon von den Römern lossagte. Die Herrschaft der Römer über ganz Gallien endete jedenfalls 486 mit der Schlacht von Soissons in der Picardie endgültig.

Die Periode der Unabhängigkeit der Bretagne, die bis zum 9. Jahrhundert reichte, wurde “la période des rois”, ‘die Zeit der Könige’ genannt. Sie war von inneren Machtkämpfen gekennzeichnet. Manchmal gelang es einem Stammesführer, die anderen Stämme zu vereinigen und Invasionen von Franken oder Normannen abzuwehren. Dieser Stammesführer nahm dann den Titel “penn-tigern” (auch “tiern”, Haupt-Stammesführer, taucht in den Namen “Vortigern” dessen Sohnes “Katigern” und dem Vornamen “Kentigern” auf), “Conan” oder “König Armoricas” an. Weitere berühmte bretonische Herrscher jener heidnischen, heroischen, barbarischen und wilden Zeit waren Gradlon, Nevenoe (auch Nominoe, † 7. März 851) und Alan II. Varvek (frz. Alain Barbetorte, deu. Alan Krummbart, 910 – 952).

Im heutigen französischen Département Morbihan befinden sich zahlreiche Zeugnisse aus prähistorischer Zeit. Das heutige Département Finistère (bret. ‘Penn-ar-Bed’) war das Zentrum der unabhängigen und heidnischen Bretagne. Einige der heidnischen Traditionen und Sagen sind erhalten geblieben. An den Küstenvorsprüngen der Finistère trifft die Einsamkeit des Meeres auf die Einsamkeit des Landes. Die Pointe du Raz (bret. Beg ar Raz, “raz” bedeutet ‘heftige Meeresströmung’) ist ein Küstenvorsprung in der Finistère, er gehört zur Gemeinde Plogoff (bret. Plougoñ). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in der Enöde hinter dem Ortsteil Lescoff nur noch eine Windmühle in der Ferne sehen oder eine Schäferin die mit ihrer Spindel an einer Stechginsterhecke sass. Auf der Pointe du Raz hört man von unten das Brausen des Meeres, stossartige Wellen erschüttern den ganzen Felsvorsprung. Wo der Fels endet liegt das Meer und nähert sich von drei Seiten. Wenn man dort steht und hinausblickt, ist es, als gäbe es nur das Meer und den Himmel. Vor der Pointe du Raz steht der “Phare de la Vieille” (‘Leuchtturm der Alten’), der 1887 eingeweiht wurde.

1950 wurde das Hôtel de L’Iroise auf der Pointe du Raz gebaut. Da der Tourismus in den folgenden Jahren seine Spuren hinterliess, es gab ausgetretene Trampelpfade und Imbissbuden an der Pointe du Raz, beschloss die Regierung den Küstenvorsprung zu renaturieren. 1996 wurde das kleine Hotel deshalb abgerissen. Die ehemalige Besitzerin Madame Le Coz starb Anfang 2008 in einem Altersheim in Cléden-Cap-Sizun.

Der Sage nach hörten die Fischer jener Gegend manchmal um Mitternacht ein Klopfen an der Tür. Wenn sie nachsahen, fanden sie leere Boote an der Küste, von denen man annahm, dass Geister darin sassen. Von einer mysteriösen Macht getrieben setzten sich die Fischer an die Ruder und die Boote sausten davon. Wenn sie die Île de Sein (bret. Enez-Sun) erreichten, hörten sie Stimmen, die ihre Namen sagten. Dann verschwanden die Stimmen und damit auch die Geister.

An der Baie de Trépassés (deu. Bucht der Verstorbenen, bret. Bae an Anaon) versammeln sich die Seelen der Ertrunkenen. An Allerseelen am 2. November laufen die Seelen der Ertrunkenen wie flüchtige, weisse Gischt über die Wellenkämme und in der ganzen Bucht erklingen Stimmen, Rufe und Geflüster.

Einer anderen Sage nach treffen sich die Seelen von Liebenden, die Selbstmord begingen, weil sie nicht heiraten durften, an Allerseelen auf dem Sandstrand der Bucht. Die Flut vereint sie und die Ebbe trennt sie wieder.

Der Enfer du Plogoff, eine Felsgalerie an der man das Stöhnen der Verstorbenen hören soll. Foto von Eschallier aus der Base Mémoire des Ministère de la Culture

Die interessanteste Sage der Gegend ist die der versunkenen Stadt Ys (bret. Kêr-Is). Sie ist ein Widerhall der heidnischen Geschichte Armoricas im 4. und 5. Jahrhundert. In dieser Sage manifestiert sich die Angst vor den heidnischen Kulten, vor der ungezügelten Sinnenlust der Frauen und vor dem Ozean. Im 5. Jahrhundert herrschte der König Gradlon über Cornouaille (bret. Kerne, lat. Cornu Galliae). Er war ein Pirat, Eroberer und wurde mehrmals zum “Conan” von Armorica ernannt, weil er das Land gegen die Germanen verteidigte. Bevor er König wurde unternahm er Raubzüge gegen die Sachsen in England und gegen die Pikten und Skoten in Schottland. Von seinem letzten Raubzug brachte er ein schwarzes Pferd und die rothaarige Frau Malgven mit.

Das Pferd hiess Morvark und liess sich nicht zähmen, es liess sich nur von der Königin Malgven und dem König Gradlon besteigen. Andere warf es ab und fixierte sie mit seinen schwarzen, fast menschlich wirkenden Augen, und schnaubte, wobei eine Flamme aus seinen Nüstern zu schiessen schien. Die rothaarige Malgven trug ein goldenes Diadem und eine dunkelblaue Brünne aus Stahl. Ihre Arme waren weiss wie Schnee und sie hatte leuchtend blaue Augen. Niemand erfuhr jemals, wie Gradlon die Frau bekommen hatte. Man sagte, sie sei eine irische oder skandinavische Zauberin, die ihren ersten Mann durch Gift getötet habe, um Gradlon zu folgen.

Gradlon auf Morvark, Statue auf der Kathedrale von Quimper. Foto von Archibald Tuttle, Lizenz: CC by/ Creative Commons Namensnennung 3.0 unported

Als Gradlon König wurde, verstarb Malgven plötzlich und hinterliess Gradlon eine kleine Tochter, die auf dem Meer geboren worden war. Die Tochter wurde Dahut genannt. König Gradlon trauerte sehr um Malgven und wurde depressiv.

Dahut wuchs auf und war ihrer Mutter sehr ähnlich. Ihre Haut war noch weisser, ihre Haare von einem dunklerem Rot und ihre Augen wechselten die Farbe wie das Meer. Sie allein konnte Gradlon aufheitern. Wenn er Dahut ansah, war ihm, als sei Malgven zurückgekehrt. Dahut fühlte sich am Meer am wohlsten und verlangte von ihrem Vater, dass er ihr eine Stadt am Meer erbauen lassen solle. Tausende von Sklaven erbauten die Stadt, die von einem riesigen Deich vor Überflutung geschützt wurde. Hinter dem Deich lag ein Becken, dass das Meerwasser bei Springfluten aufnehmen sollte. Im Deich gab es eine Schleuse, die den Zufluss in das Becken regelte. Auf einem Fels an der Küste stand der Palast von Dahut und Gradlon.

Fischer beobachteten, dass Dahut manchmal am Palast nackt im Meer schwomm und am Strand geheimnisvolle Lieder an das Meer sang in denen sie sich selbst als “Verlobte des Meeres” bezeichnete. Eines Tages warf sie einen Ring in die Fluten und daraufhin rollte eine Welle an den Strand, die sie bis zu den Hüften umschloss.

Ys wuchs und wurde die reichste Stadt von Cornouaille. Viele Boote zerschellten an der Küste, die Bewohner von Ys nahmen das Strandgut und versklavten die Überlebenden. Der einzige Gott, den die Bewohner von Ys anbeteten war der Ozean. Einmal im Monat wurde ihm zu Ehren ein Gottesdienst zelebriert. Die Zeremonie wurde am Strand vollzogen, Dahut thronte in der Menge und Barden riefen das Meer an, dann wurde die Schleuse geöffnet und Wasser floss herein. Man warf Netze in dem Becken aus und fing Fische. Dahut gab rosafarbene Muscheln als Talismane an die Menge aus.

Wenn ihr Blick auf einen Mann fiel, der ihr gefiel, dann verliebte er sich sofort in sie und sie lud ihn in ihren Palast ein. Wenn er aber in den Palast ging, wurde er nie wieder gesehen. Stattdessen sah man später bei Nacht einen Reiter auf einem schwarzen Pferd, der ein grosses Bündel von der Pointe du Raz oder genauer gesagt von der Felsgalerie “Enfer du Plogoff”, der ‘Hölle von Plogoff’, in die Baie des Trépassés warf.

Landévennec, Ruinen der Abtei Saint-Guénolé, Foto von Camille Enlart (1862-1927), Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Eines Tages ging Dahut mit einem Barden nach Landévennec (bret. Landevenneg), um das Grab des Heiligen Guénolé (bret. Gwenole, deu. Guengalaenus, nach 460 bis 532) zu besuchen. Sie ging allein in die Gruft, als sie ihre Fackel anzünden wollte, sah sie die Gestalt eines Mannes, der sie erschreckte. Er hob die Hand und befahl ihr zu gehen. Von Angst ergriffen, lief sie hinaus. Vor der Gruft wartete der Barde auf sie, sie erzählte ihm, was passiert war und sie gingen zusammen wieder hinein. Der Mann war verschwunden und der Barde prophezeite Dahut daraufhin, dass ein Mann, der so aussähe wie das Phantom, ihr eines Tages Unglück bringen würde.

Einige Zeit später bekam Dahut einen Pagen namens Sylven. Jener junge Mann sah genauso aus wie das Phantom, und Dahut verliebte sich in ihn. Ihn wollte sie nicht töten. Inzwischen wurden die Angehörigen der Verschwunden rebellisch, es gab eine Revolte. Die Menge ging mit Heugabeln bewaffnet zum Palast und forderte den Kopf von Dahut.

Dahut lag auf ihrem Bett und spielte mit den schwarzen Locken von Sylven. Dann erklärte sie Sylven, dass sie ihn liebe, sie umarmte ihn und ignorierte den Aufruhr der Leute. Sylven bat sie mit ihm zu fliehen, aber sie schickte ihn auf den höchsten Turm des Palastes, um nachzusehen, welche Farbe das Meer hat. Er sagte ihr das Meer sei dunkelgrün und der Himmel schwarz. Woraufhin sie sagte, sie hätte nichts zu befürchten. Dann schrie Sylven nun sei der Himmel bleich und das Meer fahlgelb und weiss voller Gischt und das Meer würde ansteigen. Dahut nahm das nicht ernst und machte sich über “ihren alten Ehemann” den Ozean lustig. Daraufhin wurde das Meer schwarz wie Pech und die Wellen waren so hoch wie Berge.

Die Menge drang in den Palast ein und Dahut verliess das Gebäude mit Sylven durch eine geheime Tür. Die beiden gingen auf den Deich. Dahut befahl Sylven die Schleuse zu öffnen. Denn sie war wütend und wollte die Stadt überfluten, weil die Leute sie hatten töten wollen. Sylven tat wie sie ihm befahl und wurde sofort von einer Welle erfasst und ertränkt. Als Dahut dies sah, eilte sie zu ihrem Vater und die beiden flohen auf seinem Pferd Morvark. Der Ozean schrie nach seiner Verlobten und setzte ihr nach. Der Heilige Guénolé befahl Gradlon, seine Tochter loszulassen und hinter den Fliehenden stiegen aus dem Enfer de Plogoff die Seelen der ehemaligen Liebhaber von Dahut auf. Als Dahut die Geister sah, verloren ihre eiskalten Hände den Halt und sie rutschte in die Fluten. In dem Moment als Dahut in den Wogen ertrank, beruhigte sich das Meer. Der Strand lag verlassen, die Stadt aber war zerstört.

Die Flucht des Königs Gradlon von Evariste-Vital Luminais (1822-1896). Quimper, Musée des Beaux-Arts. Lizenz: public domain/ gemeinfrei

Gradlon ging daraufhin nach Quimper (bret. Kemper) und wurde Christ. Als Gradlon starb, wurde sein Pferd Morvark verrückt vor Kummer und rannte davon. Noch heute kann man in manchen Nächten das Klappern seiner Hufe hören. Auf der Kathedrale von Quimper wurde zu Ehren von Gradlon und Morvark eine Statue errichtet. Die Bewohner der Region scheinen immer noch stolz auf ihren alten König Gradlon zu sein und das Pferd Morvark symbolisiert für sie vielleicht die alte und freie Bretagne.

Quellen und weiterführende Informationen:
Les grandes légendes de France : les légendes de l’Alsace, la grande Chartreuse, le Mont Saint-Michel et son histoire, les légendes de la Bretagne et le génie celtique von Édouard Schuré (1841-1929), erschienen 1908 bei Perrin in Paris. Seite 209-228; das Werk ist gemeinfrei.

deutsches Video über das ehemalige Hotel auf der Pointe du Raz; von Mark-Steffen Göwecke, Burkard Grygier und Peter Mößmer

Dahut auf dem Umschlag eines Comic-Heftes der Reihe “les Druides” von Jean-Luc Istin, Thierry Jigourel und Jacques Lamontagne.

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die normannische Hexenkunst

nach: DUBOSC, Georges (1854-1927) : La Sorcellerie normande (1922).
Der Autor starb vor über 70 Jahren, deshalb ist der text gemeinfrei (Public Domain).

Die Menschen in der Normandie waren sehr abergläubisch, ältere Nomannen sind es eventuell heute noch. Ich gehe davon aus, dass ich als Hexe verschrien bin, weil ich mit meinen Viechern rede und Miniputz (Katze) gern auf meinen Rücken hopst.

Die Messe des Heiligen Geistes

Auf der Straße, die sich durch die Ebene schlängelt, geht ein alter Mann langsam zum Schafstall zurück, umgeben von seiner Herde. Er geht mit kleinen Schritten, bleibt manchmal stehen um ein paar Kräuter zu pflücken, die er in seine Brotbüchse steckt. Allmählich nähert er sich dem Dorf.

Public Domain

Ausschnitt aus dem Bild: Hirte, von Claude Lorrain (1655-1660), Lizenz: Public Domain

Zwei oder drei Landleute grüßen ihn während er vorbeigeht und drehen sich zitternd um wenn er vorbeigegangen ist. Eine Klatschtante guckt ihm über eine Hecke hinterher und macht das Zeichen des Kreuzes, eine andere, die am Eingang des Dorfes auf ihrer Türschwelle steht, zeigt auf den alten Mann während sie mit ihrer Nachbarin redet. Die Türen schließen sich, die Hunde bellen. Allmählich, während er sich dem Bauernhof nähert, bilden sich Gruppen aus Kindern und sie verbreiten das Gerücht: “Der Zauberer!” Überall hört man dieses Wort, ausgesprochen mit Angst und Wut, manchmal auch mit Respekt und Furcht, selten ironisch … Und man erzählt sich die Untaten und Flüche des Zauberers.

Diese Zaubergeschichten inspirierten zwei Künstler der Normandie, den Dichter Francis Yard, den Autor von l’An de la Terre (das Jahr der Erde) und des Chanson des Cloches (Lied der Glocken), und den Maler Jean Laurier, vor allem seinen Gemäldezyklus La Messe du Saint-Esprit (Die Messe des Heiligen Geistes), mit Darstellungen ländlicher Sitten. Die Bilder haben eine geheimnisvolle Atmosphäre, originell und stark, sie lenken die Aufmerksamkeit auf das, was einst die normannische Hexerei war.

The Witch, von Salvator Rosa (1646), Public Domain

The Witch, von Salvator Rosa (1646), Public Domain

Die Zauberer des Landlebens und der Dorfbewohner waren nicht wie die großen Zauberer von denen es im siebzehnten Jahrhundert nur so wimmelte, die Terror verbreiteten, die Menschen verängstigten und deshalb so heftig verfolgt werden mussten. Heute wäre etwas wie der Prozess gegen die Sorciers de Carentan (Zauberer von Carentan 1671) oder von La Haye-du-Puits (1669), und auch der Prozess der “Petits Sorciers” (kleinen Zauberer) in Rouen, nicht mehr möglich. Die Zauberei im Dorfe ist weniger beeindruckend, aber es gibt sie noch in vielen naiven und leichtgläubigen Seelen, und manchmal findet man Menschen, die noch an die Magie glauben und an ihr Einwirken in die Belange der Menschen, als eine willkürliche und starke Macht.

Es ist schwierig einzuschätzen wie wirkungsvoll die Zauberei ist und wo ihre Grenzen liegen. Durch den Pakt mit Satan, zum Schaden seiner ewigen Seele, hat der Zauberer eine schreckliche Macht mit tausend verschiedene Möglichkeiten sie anzuwenden. Er kann die Geister der Toten rufen, um sie zu befragen, um sie zu den Lebenden zu schicken, damit sie die Lebenden quälen oder von ihnen Besitz ergreifen.

Cover des Buches Demon Lovers, Bild von Nicolai Abildgaard (Nightmare), Public Domain

Cover des Buches Demon Lovers, Bild von Nicolai Abildgaard (Nightmare), Public Domain

Er kann Menschen und Tiere durch Flüche töten, das Vieh krank machen; die Ernte verderben, Ratten-, Heuschrecken- oder Raupenplagen schicken wie im Mittelalter. Mit einem Wort, der Zauberer kann jenen Bauern, die er nicht mag, bei ihrer Arbeit im Wege stehen, ihnen Krankheit, Wahnsinn oder sogar Tod schicken. Er hat die Macht, sagt Frau Amélie Bosquet in La Normandie romanesque (die romantische Normandie), verschiedene hässliche und erschreckende Erscheinungen herbeizurufen, besonders Dämonen. Er kann sich auch unsichtbar machen, um nachts Wanderer zu erschrecken oder ihnen Streiche zu spielen, aber er tut so etwas selten selbst, sondern schickt seine Geister. Aus Hass lässt er es schneien, hageln, oder endlos regnen um die Früchte zu verderben. Zauberer, die sich am Ufer von Teichen treffen können zusammen Gewitter wirken, die schreckliche Katastrophen auslösen. Die “meneurs de nuées” (Führer der Wolken), auch “Tempestaires” (Gewittermacher) genannt gab es zur Zeit der Verfolgung der Zauberei. Sie kannten auch das Geheimnis der “corde à tourner ou à détourner le vent” (Seil mit dem man den Wind drehen oder ablenken kann). Gegen diesen Zauber, haben die Korsaren des Pays de Caux die Statue des Heiligen Antonius im Meer versenkt und gebetet (Anm.: hier könnten die Angriffe der Engländer auf Le Havre gemeint sein 17. bis 18. Jahrhundert).

Gnu freie Dokumentation

Kliff in Etretat, Pays de Caux, von Urban, Lizenz: Gnu freie Dokumentation

Um sich an den Landwirten zu rächen, machen die Zauberer, denen es nicht reicht, dass die Kühe krank sind, auch die Schafe krank oder verseuchen das Wasser in den Brunnen und Teichen. Eine noch merkwürdigere Sache ist, dass der Zauberer die Geheimnisse seines Feindes und die Urheber von Straftaten wie Diebstahl herausfinden kann, indem er ihr Bild in einem Spiegel oder Wassereimer hervorruft. In der Zeit, als die allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Wehrpflichtigen durch das Los bestimmt wurden (nach 1688 im Ancien Regime), konnte die Zauberei jene von der Wehrpflicht befreien, die eine Kröte, das Tier der Zauberei, in der Tasche hatten. Durch Tränke und “Charmes” (Zauberwerk aus Pflanzen, Federn, Runen u.ä.) wird der Zauberer Herr über die Feinheiten der Liebe. Der Zauberer unterwirft sich sämtliche Naturgesetze.

Wo kommen die Befürworter der Hexerei her, diese jeteux de sorts (“Schleuderer” von Zaubersprüche und Flüchen), die “meneurs de nuées” (Führer der Wolken), die Verzauberer, die man in der Normandie auch Caras oder Carimaras nennt? Es sind vor allem Hirten, stille und nachdenkliche Menschen, die einsam ihre Herden von Ebene zu Ebene führen und von Berg zu Berg, über die Hügel, am Waldrand, am Rande der Klippen, nur assistiert durch die Klugheit ihrer Hunde. Schäfer bedeutet “Zauberer”, sagt man in der Normandie. Sie kennen und beobachten, den Sonnenuntergang, den Einbruch der Nacht, die Helligkeit der schönen Sommernächte und den Gang der glitzernden Gestirne und den Verlauf der sich ändernden Jahreszeiten. Allein in ihren Hütten haben die Hirten aus Büchern Grundkenntnisse der Medizin gelernt und an ihren Herden erprobt. Sie kennen die Wirkung von Kräutern und Pflanzen und sammeln sie. Das reicht für die Hirten als Schlüssel zur Magie aus, zur dunklen Praxis der Zauberei und der Allianz mit allen Geistern, die Überläufer aus der himmlischen Ordnung sind. Mit seinem Roman L’Ensorcelée (die Verhexte, 1854), schreibt Jules Amédée Barbey d’Aurevilly, eine ausgezeichneten Analyse der Hirten in der Region Basse-Normandie, die nachdenklich, unstet und geheimnisvoll sind.

Jules Barbey dAurevilly (1860-1865), von Nadar (1820-1910), Public Domain

Jules Barbey d'Aurevilly (1860-1865), von Nadar (1820-1910), Public Domain

“Wenn man sie hinausjagt sagen sie nicht ein Wort und drehen den Kopf weg, aber ein Finger aufgehoben, wenn man sich umgedreht hat, ist ihre einzige Art der Drohung und bedeutet fast immer ein Unglück, sterbendes Vieh, verdorrte Pflanzen oder vergiftetes Brunnenwasser. Das erklärt warum ein still gehobener Finger eine schreckliche Bedrohung sein kann. ”

Aurevilly war Katholik.

Der Zauberer beherrscht durch seine magische Kraft auch fantastische Kreaturen, die auf dem Land leben, in einsamen Gegenden, an Kreuzwegen, Friedhofsecken und Waldrändern. Er gebietet über ihre Untaten und veranlasst sie Reisende, die zitternd ihren nächtlichen Weg gehen, in die Irre zu führen. In der Normandie gibt es ein Volk von Kobolden, phosphoreszierenden Geisterwesen, bösartig und unstet, die in den Schatten herumschwirren. Diese Irrlichter, auch Fourolles genannt, sind laut normannischem Volksglauben die Seelen verstorbener Frauen oder Mädchen, die wegen Schändung oder Missbrauch für immer büssen müssen. Es ist die Fourolle, auf Englisch die Forlorn (forlorn= verloren, Irrlicht=Will-o’-the-wisp, vielleicht hat sich die Bedeutung seit 1922 verschoben), die Faulau, deren Name identisch ist mit “falot” (helle Laterne), die tanzenden Lichter, die Menschen oder Tiere in der Dämmerung oder nachts in die Irre führen.

Creative Commons by SA

Geisterlicht, von Jeroen Kransen, Lizenz: Creative Commons by SA

In einigen Orten in der Normandie sagt man, dass das Irrlicht nicht nur eine wandernde Seele ist, sondern die Seele einer Frau, die durch die Macht des Zauberers aus ihrem Körper getrieben wurde und zehn Jahre herumirren muss, als Spielball der unbegrenzten Mächte der Natur. Das Irrlicht lässt sich von Winden treiben, folgt Gewässern, springt auf denjenigen, der am 10ten Jahrestag seiner Verwandlung vorbeigeht und bekommt seine menschliche Gestalt wieder.

Der normannische Zauberer regiert noch viele andere Wesen der Nacht und des Terrors: Die Hanss, die Wiedergänger, die Tarannes (phosphoreszierende Gnome, die bei Menschen leben) und die Laitices (lait= Milch). Letztere sind die Seelen toter Kinder ohne Taufe und nehmen laut Pluquet (Essai sur Bayeux, Essay über Bayeux) die Form kleiner weißer Tiere wie Hermeline an, die erscheinen und wieder verschwinden.

Von diesen Chimären, Kreationen des imaginären Geistes unserer Vorfahren, ist der Goblin der bekannteste und am weitesten verbreitete. Er gehorcht ebenfalls den Befehlen des Zauberers. Der Goblin ist in der Normandie und in England verbreitet. Der Goblin ist eine Art Kobold, lebhaft und launisch, eher schelmenhaft als böse, klein, grotesk und grinsend, aber rachsüchtig wenn er verspottet wird. Er ist im Grunde ein kleiner Hausteufel … der sich gut benimmt und sogar bei der Hausarbeit hilft. Er kann lieben und er liebt vor allem die Kinder und Pferde. Er striegelt die Pferde, gibt ihnen zu trinken, reitet auf ihnen und spielt und lacht in den Ställen.

Hauskobold in Gestalt eines Kindes hilft einer Frau, von Gustave Doré, Public Domain

Hauskobold in Gestalt eines Kindes hilft einer Frau, von Gustave Doré, Public Domain

von kleinen Kobolden eine Bande,
tanzten eine Sarabande,
und eine Schelmenrunde sie machten,
dabei wie Goblins sie lachten.

Der Goblin konnte auch böse sein. Ein Beweis dafür, dass er normannisch ist, ist La Tour du Gobelin, ein befestigter Turm in Rouen, der sich in der Nähe der Porte Cauchoise befindet. Dort hat man die Landstreicher und Bettler eingesperrt. Es gibt auch einen Tour de Gobelin in der Bretagne

Einst war das gesamte Plateau de Caux ein riesiger Wald, auf den Lichtungen und im Dickicht lauerten die “Damen des Waldes”, die “grünen Damen”, die “weiße Dame”, die Feen des Waldes, die anmutig sind, freundlich und einladend, aber auf die Forderung des Zauberers, sich in unversöhnliche Megären verwandeln und die Wilderer und Holzfäller unbarmherzig mit ihre Rache wütend verfolgen .

O Grave, Where Is Thy Victory, von Jan Toorop (1892), Public Domain

O Grave, Where Is Thy Victory, von Jan Toorop (1892), Public Domain

Alle Dörfer der Haute- und Basse-Normandie haben ihre Feen und in ihrem Buch La Normandie romanesque et merveilleuse (die wunderbare romantische Normandie) schreibt Amélie Bosquet über die Feen im Bessin, die merkwürdigen Abenteuer der Fée d’Argouges, der Fées du château de Pirou, die sich in Wildgänse verzaubern konnten und die gemeinen Tricks der Dame d’Aprigny, in der Nähe von Bayeux, die in einem engen Tal hauste, dort auf nächtliche Reisende wartete, sie in die Schlucht führte und in einen Graben warf, der mit dichtem Dornengestrüpp gespickt war.

Weitere Wesen die dem Zauberer gehorchen sind die Milloraines (Banshees), die gern vom Folkloristen vergessen werden, denn sie kommen wahrscheinlich aus Skandinavien, wie die Walküren.(Anm. Das ist eher unwahrscheinlich, Walküren sind zwar gross, aber der Rest der Beschreibung passt doch eher auf Banshees, die der keltischen Mythologie entstammen.) Sie sind groß, stehen herum und zeigen nicht gern ihr Gesicht. Wenn man sich ihnen nähert verschwinden sie mit einem lauten Getöse in den Bäumen. Manchmal stehen sie auf den Ästen der Eichen und hopsen auf den Rücken von Reitern und Passanten, die plötzlich ein unerträgliches Gewicht auf ihren Schultern tragen. Die Milloraines de la Hague und die Demoiselle de Tonneville sind die Schwestern der russischen Rusalka. In Une Vieille maîtresse (eine alte Geliebte) weist Barbey d’Aurevilly den Milloraines die Aufgabe der nächtlichen Lavandières (Wäscherinnen) zu, die ihren Gesang murmelnd über den polierten Steinen der Waschhäuser hocken und in den Strahlen des Mondes die Leichentücher der Toten waschen. Wenn jemand quer über die Wiese geht wo das Waschhaus lag, zwangen die Milloraines ihn die Wäsche auszuwringen und wenn er vor Angst zu schlecht wrang, dann brachen sie ihm die Arme.

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Banshee von Philippe Semeria, Lizenz: Creative Commons by

Wie beauftragten die Zauberer all diese fantastischen Wesen? Wie übertrugen sie ihren Willen auf diese dämonischen Mächte? Durch Zaubersprüche wie “Abraxas” (eigentlich ein Dämon), mit dem Grimoire (Zauberbuch), einer Sammlung von magischen Rezepten, um sich schlechte Geister untertan zu machen, Tote zu erwecken und verborgene Schätze zu finden. Wie oft wurde das Grand Grimoire oder das Clavicule de Salomon (Schlüsselbein Salomons) neu aufgelegt? Genau wie die Secrets du Grand Albert (Geheimnisse des Albertus Magnus) dem angeblichen Wissenschaftler, der durch die Hirten auf dem Land zu einem Zauberexperten wurde.

Wie beherrscht der Zauberer die Masse der niedrigen Geister der Luft oder des Wassers? Durch den magischen Kreis und das Pentagramm, ein ein kabbalistisches Zeichen, den Talisman der Macht schlechthin, das alte Zeichen der Sammlung der Pythagoreer.

Gnu freie Dokumentation

Pentagramm. Farbig eingezeichnet sind 3 Streckenpaare, die im Verhältnis des Goldenen Schnittes stehen. Die markierten Punkte und die Hilfslinie CC' werden für den Beweis benötigt, dass der Goldene Schnitt vorliegt. Von Wolfgang Beyer, Lizenz: Gnu freie Dokumentation

Das Volk auf dem Land, vor allem in der Normandie, fordert oft stärkere Massnahmen als das Gebet, um den Zauber zu beenden, die Hilfe der Messe du Saint-Esprit (Messe des Heiligen Geistes ). Vor der Revolution glaubte man, dass die Messe des Heiligen Geistes, mit einer besonderen Zeremonie rezitiert, das beste Mittel gegen Zauberei wäre. Oft weigerten sich die gewöhnlichen Priester jedoch sie zu rezitieren. Als Beispiel erwähnt Amélie Bosquet ein bewegendes Ereignis in Rouen wo ein junger Bräutigam am Fuße der Côte Sainte-Catherine den Tod fand.

In allen Religionen findet man seltsame Spekulationen, primitive Überlieferungen der Menschheit aus einer Zeit, in der Unwissenheit die Ursache geheimnisvoller Mythen war. Francis Yard und Jean Laurier wecken mit ihrem Werk neues Interesse an der Hexerei in der Normandie.

(von) GEORGES DUBOSC

Ich war erst nachts um 2 fertig mit dieser Übersetzung, da stellte ich fest, dass im Schloss kein Licht brannte. Ich ging noch einmal mit den Hunden raus und die Nacht und Einsamkeit schlug über mir zusammen. Es war schon ein bisschen gruselig. Die nächsten Lichter die ich sehen konnte waren jene in einem Dorf im Norden, das etwa anderthalb Kilometer entfernt ist. Die Apfelbäume nahmen komische leuchtende Formen im Licht meiner Taschenlampe an. Die Hunde hat das jedoch glücklicherweise alles nicht angefochten.